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  • Archäologie und Funde der Heruler, Außenseiter und Rätsel der germanischen Geschichte

    Archäologie und Funde der Heruler

    Das leise Rauschen vereinzelter Wälder und die Stille feuchter Moorlandschaften verbergen tief unter ihrem Torf wertvolle Spuren vergessener Zeiten. Archäologen, mit Spaten und Pinzette ausgerüstet, haben sich über Jahrzehnte hinweg bemüht, aus diesem verborgenen Erdreich Zeugnisse des germanischen Stammes der Heruler zu bergen. Besonders im Grenzgebiet zwischen Donau und Marchland, zwischen Nordostösterreich und dem südlichen Slowakien zeichnen sich anhand archäologischer und schriftlicher Überreste die bewegte Geschichte dieses Stammes ab, der entscheidend zur Gestaltung der mitteleuropäischen Frühgeschichte beitrug.

    Die Heruler und ihre archäologische Spur

    Die Heruler gehören zu den rätselhaftesten und zugleich randständigsten Gruppen der germanischen Geschichte. Im Gegensatz zu bekannteren Völkern wie den Goten, Franken oder Langobarden hinterließen sie keine eigenen schriftlichen Zeugnisse und erscheinen ausschließlich in den Berichten fremder Autoren, vor allem römischer und byzantinischer Historiker. Dadurch bleibt ihr Bild fragmentarisch, widersprüchlich und von außen geprägt. Die Heruler erscheinen in den Quellen erstmals im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt. Erstmals treten die Heruler im 3. Jahrhundert n. Chr. in den Quellen auf. Sie werden als kriegerisches Volk beschrieben, das gemeinsam mit Goten und anderen Gruppen Raubzüge über das Schwarze Meer bis nach Griechenland unternahm. Besonders auffällig ist ihre extreme Mobilität: Die Heruler scheinen kein dauerhaftes, stabiles Siedlungsgebiet besessen zu haben, sondern bewegten sich über große Teile Europas hinweg. Diese Rastlosigkeit unterscheidet sie von vielen anderen germanischen Stämmen und macht ihre historische Einordnung schwierig.

    Insbesondere die Entdeckungen von Mooropfern, Schlachtfeld-Waffen und Wohnstätten geben Einblicke in die Organisation und das Alltagsleben germanischer Stämme im Übergangszeitraum von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Das bedeutendste Beispiel, nicht nur für die Heruler, sondern auch für andere germanische Gruppen wie die Sachsen oder Langobarden, bilden die archäologischen Fundstellen an der Donau und in den angrenzenden Regionen.

    Bild:Angriffe der Goten und Heruler im Schwarzen Meer und der Ägäis im 3. Jahrhundert

    Herkunft und Siedlungsraum

    Die Herkunft der Heruler ist in der Forschung mit Vorbehalt zu betrachten. Frühere Theorien gingen von einem skandinavischen Urheimatgebiet aus, beruhend auf einer Lesart des gotischen Geschichtsschreibers Jordanes, der im 6. Jahrhundert eine Vertreibung der Heruler durch Dänen aus skandinavischen Stammsitzen erzählt. Diese Erzählung gilt heute als wenig glaubhaft oder literarischer Topos. Wahrscheinlicher ist, dass die Ethnogenese der Heruler auf dem Kontinent, an der Nordküste des Schwarzen Meeres, stattfand, wo die Römer sie erstmals wahrnahmen.

    Im Städte- und Landschaftsbild Prähistorie bis Frühmittelalter hinterließen sie, anders als etwa die Langobarden, weniger Spuren einer breiten Wohnbevölkerung, sondern mehr solche einer politisch-militärischen Oberschicht. Im 5. Jahrhundert errichteten die Heruler kurzzeitig ein eigenes Reich im Donauraum, das jedoch bald von den Langobarden zerstört wurde. Ein Teil des Volkes ging in anderen Gruppen auf, während ein anderer – so berichtet der byzantinische Historiker Prokopios – angeblich in den hohen Norden zurückwanderte, möglicherweise nach Skandinavien. Diese Erzählung ist einzigartig in der germanischen Geschichte und wird in der Forschung kontrovers diskutiert, da archäologische Belege fehlen oder schwer eindeutig zuzuordnen sind.

    Archäologische Quellen und Funde

    • Gräber und Bestattungen: In Leopoldau wurden Gräber mit Schwertern donauländischer Prägung und Tonwaren mit skandinavischen Eigenschaften entdeckt, was auf enge Verbindungen oder Migrationen der Heruler schließen lässt. Grabfunde zeigen eine Vielfalt an Bestattungsarten, von Urnen bis zu Sargbestattungen, wobei die Zahl der Grabbeigaben variiert. Dies verdeutlicht die heterogene soziale Struktur des Stammes.
    • Opferplätze und Moorfunde: In Nordeuropa sind Opferplätze wie das Illerup Ådal nahe Århus in Dänemark bekannt, wo nachgewiesen ist, dass ganze Heere ihr Kriegsgerät in tiefen Mooren versenkten, hierzu zählen auch zerhackte Waffen und persönliche Gegenstände. Zwar handelt es sich hier nicht explizit um Heruler-Fundorte, doch die vergleichbare archäologische Praxis unter germanischen Stämmen gibt Aufschluss über rituelle Handlungen im kriegerischen Kontext, die auch den Herulern ähnlich gewesen sein dürften.
    • Schlachtfelder und Waffenfunde: Archäologische Grabungen nahe Harzhorn (Thüringen) zeugen von erbitterten Kämpfen zwischen Germanen und Römern im 3. Jahrhundert, welche Rückschlüsse auf die militärische Organisation der germanischen Stämme erlauben. Funde wie die von Illerup Ådal weisen eine straffe Truppenorganisation auf, die in Teilen römischen Mustern ähnelte, mit Kommandostufen sichtbar an der Qualität und Ausstattung der Waffen und Schilde.
    • Siedlungsarchitektur: Die Germanen, zu denen die Heruler zu rechnen sind, lebten in ausgeprägten Einzelhöfen oder in kleinen Weilern, ohne städtische Zentren. Die Wohnstallhäuser – dreischiffige Langhäuser aus Holz mit eingegliedertem Stall – waren weit verbreitet und über mehrere Generationen nach festen Mustern gebaut. Diese Gebäude boten Wohnraum für Mensch und Tier unter einem Dach, wobei die Stalllänge Indikator für den sozialen Status war.

    Historische Quellen und ihre Bedeutung

    Die schriftlichen Zeugnisse über die Heruler stammen vor allem von römischen und spätantiken Autoren wie Jordanes, Prokop, Dexippos und Tacitus. Dexippos erwähnt die Heruler im Kontext von Raubzügen um 267/68 in Griechenland, wobei sie strategisch wichtige Orte wie den Thermopylen-Pass angriffen und sogar Athen bedrohten. Deren Niederlage durch Kaiser Gallienus wurde als Wendepunkt festgehalten.

    Prokop berichtet im 6. Jahrhundert von der Spaltung der Heruler nach deren Übertritt in oströmische Dienste und einer angeblichen Rückkehr einiger Gruppen nach „Thule“, dem sagenumwobenen Rand der Welt. Diese Angaben sind heutzutage schwer zu verifizieren und gelten als literarische Konstrukte oder Hinweise auf mündliche Überlieferungen, die mit historischer Realität nur bedingt zu vereinbaren sind.

    Die Heruler spielten auch eine Rolle in der politischen Umbruchszeit zwischen West- und Oströmischem Reich. Um 476 unterstützen sie Odoaker bei dessen Thronbesteigung in Italien. Ihre Herrschaft an der unteren Donau wurde durch die Langobarden, die auch die Gepiden vernichtend schlugen, um 508 endgültig zerschlagen. Die Überlebenden zerstreuten sich in verschiedene Gefolgschaften, einige schlossen sich weiter den Langobarden an, andere fanden Zuflucht bei den Gepiden und Ostgoten oder im oströmischen Reich, wo sie als Föderatenstaat geduldet wurden.

    Bild: Odoaker,Anführer der Heruler und Minister von Attila (435-493), Zeichnung aus „I misteri del vaticano“ von Franco Mistrali

    Einordnung der Heruler in die frühmittelalterliche Germanenwelt

    Archäologisch und historisch zeigen die Heruler ein Bild germanischer Mobilität und Anpassungsfähigkeit. Sie waren Seefahrer und Landstreiter, die sich mehrfach verlagerten und neue Lebensräume erschlossen. Im Gegensatz zu verbreiteten Klischees über „wilde Barbaren“ belegen Funde einen differenzierten Umgang mit Krieg, Handel und Herrschaft. Die Heruler organisierten Kampfgruppen in einer Struktur, die auch römische Einflüsse widerspiegelt, was für römisch-germanische Interaktionen spricht.

    Ihre soziale Struktur erscheint hierarchisch und dennoch beweglich. Der archäologische Befund von Gräbern, Siedlungen und Waffen verweist auf eine politisch-militärische Elite, die im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter um die Herrschaft in Donauraum und Vorland kämpfte und mit anderen germanischen Völkern, wie den Langobarden, vernetzt war. Besonders auffällig sind die Berichte über die sozialen und kulturellen Praktiken der Heruler. Prokopios beschreibt sie als kriegerisch, aber auch als ungewöhnlich radikal in ihren Sitten. Erwähnt werden etwa rituelle Selbsttötung alter oder kranker Menschen sowie eine starke Betonung von Kriegerethos und Ehre. Ob diese Darstellungen tatsächliche Praktiken widerspiegeln oder das Ergebnis kultureller Verzerrung sind, ist unklar. Wahrscheinlich verstärkten römisch-byzantinische Autoren bewusst das Bild des „barbarischen Außenseiters“, um die eigene kulturelle Überlegenheit zu betonen.

    Bedeutung der Heruler für die regionale Geschichte

    Neuere Forschungen, etwa im Gebiet Nordostösterreich sowie dem Marchgebiet und der angrenzenden Slowakei, unterstreichen die Rolle der Heruler als prägender germanischer Faktor in Mitteleuropa. Sie nahmen nicht nur am Völkerwanderungsprozess teil, sondern errichteten auch politische Gefüge, die einige Jahrzehnte überdauerten.

    Neben dinglichen Hinterlassenschaften dürften geographische Bezeichnungen wie die „Herilungoburg“ an der Erlaf und Ortsnamen mit der Silbe „Ros“ im Oberösterreichischen und Niederösterreichischen Mühlviertel Erinnerungen an die Heruler bewahrt haben. Die Ähnlichkeit der Namensgebung der Rus, der frühen normannischen Herrscher im heutigen Russland, legt nahe, dass sich der ethnische Begriff in Variationen weit über das ursprüngliche Siedlungsgebiet hinaus verbreitete.

    Religiös blieben die Heruler lange heidnisch, bevor Teile von ihnen zum Arianismus übertraten. Auch dadurch standen sie im spätantiken Europa am Rand der Mehrheitsgesellschaft, die zunehmend katholisch geprägt war. Politisch gelang es ihnen nie, eine dauerhafte Machtbasis aufzubauen, was ihren schnellen Niedergang begünstigte.

    In der modernen Forschung gelten die Heruler als Beispiel dafür, wie bruchstückhaft unser Wissen über viele germanische Gruppen ist. Sie stehen stellvertretend für Völker, die nicht in die großen Erzählungen von Reichsgründung, Christianisierung und kultureller Kontinuität passen. Gerade deshalb sind sie ein wichtiger Gegenstand historischer Forschung: Als Außenseiter machen die Heruler sichtbar, dass die germanische Geschichte kein geschlossener, einheitlicher Prozess war, sondern von Vielfalt, Bewegung und Vergänglichkeit geprägt wurde.

    Fazit und Ausblick

    Die Quellenlage zu den Herulern ist trotz reicher Funde fragmentarisch und in einigen Aspekten widersprüchlich. Während antike Berichte häufig mythologisch gefärbt sind, liefern archäologische Befunde zunehmend fundierte Einblicke in die Lebensweise, Kriegsführung und Migration germanischer Stämme. Der Beitrag der Heruler zur Geschichte des Frühmittelalters und der europäischen Völkerwanderungszeit kann heute als bedeutend eingeschätzt werden. Noch immer sind viele Fragen offen, etwa bezüglich ihrer genauen ethnischen Herkunft, ihrer kulturellen Eigenheiten oder der Integration in spätrömische Strukturen. Die gegenwärtige Forschung profitiert von interdisziplinären Zugängen, die Archäologie, Anthropologie und historische Quellenanalyse verbinden, um ein immer schärferes Bild dieser bewegten und einflussreichen Volksgruppe zu zeichnen.

    Bild: Europa, 5.Jh.u.Z. Heruler sind dort im östl. Ostdeutschland verortet

    Quellen