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  • Katzen in der germanischen Mythologie – Herkunft, Archäologie und Deutung

    Einleitung

    Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass die Hauskatze (Felis catus) erst relativ spät nach Mitteleuropa und damit auch in die germanischen Siedlungsgebiete gelangte – häufig wird das 3. oder 4. Jahrhundert n. Chr. genannt. Gleichzeitig begegnet man in der nordisch-germanischen Mythologie auffälligen Motiven, in denen Katzen eine Rolle spielen, am bekanntesten Freyjas (die nordische Wanen-Freya, auch Freia oder Freyja, nicht zu verwechseln mit der südgermanische Asen-Frîja, Friia, Frea) von Katzen gezogener Wagen. Daraus ergibt sich eine scheinbare Spannung: Wie können Tiere, die angeblich erst spät verbreitet waren, eine mythologische Bedeutung besitzen, die oft als „uralt“ verstanden wird?

    Freyja fährt mit ihrem von Katzen gezogenen Karren (Gemälde von Nils Blommér, 1852)

    Die Antwort liegt in einem Zusammenspiel aus archäologischen Befunden, Handels- und Kulturkontakten, der Entwicklung von Mythen über lange Zeiträume sowie der späteren schriftlichen Fixierung nordischer Mythen im Mittelalter. Dieser Aufsatz untersucht diese Aspekte systematisch und zeigt, warum Katzen trotz ihrer späten Verbreitung sehr wohl einen Platz in der germanischen Mythologie haben konnten.

    1. Die Geschichte der Katze in Europa
    1.1 Domestikation im Vorderen Orien
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    Die Domestikation der Katze begann nicht in Europa, sondern im Vorderen Orient. Archäologische Funde aus Zypern und dem Gebiet des Fruchtbaren Halbmonds zeigen, dass Wildkatzen bereits vor etwa 9.000–10.000 Jahren in enger Beziehung zu menschlichen Siedlungen lebten. Diese Entwicklung hing mit der Sesshaftwerdung des Menschen zusammen: Vorratshaltung zog Nagetiere an, Nagetiere wiederum Katzen.

    Im Gegensatz zu Hund oder Rind wurde die Katze nicht aktiv gezüchtet, sondern „domestizierte sich selbst“ durch Nutzen für den Menschen und Toleranz gegenüber dessen Nähe.

    1.2 Ägypten und der mediterrane Raum

    Im alten Ägypten nahm die Katze eine religiös herausragende Stellung ein. Sie war mit Göttinnen wie Bastet verbunden und genoss besonderen Schutz. Von Ägypten aus verbreiteten sich Hauskatzen entlang von Handelsrouten im gesamten Mittelmeerraum. Phönizische, griechische und später römische Händler und Seefahrer trugen maßgeblich dazu bei.

    1.3 Katzen im Römischen Reich

    Im Römischen Reich waren Katzen spätestens ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. bekannt, wenn auch nicht so verbreitet wie später. Sie galten als nützliche Tiere zur Schädlingsbekämpfung und als Symbol von Unabhängigkeit und Freiheit. Römische Legionen, Händler und Verwaltungsstrukturen bildeten den wichtigsten Vektor für ihre Verbreitung nach Norden.

    1.4 Wildkatzen in Germanien

    In der Zeit vor Christus war das Gebiet Germaniens von ausgedehnten Wäldern, Sümpfen und kaum vom Menschen beeinflussten Landschaften geprägt. Diese Lebensräume boten zahlreichen Tierarten ideale Bedingungen, darunter auch verschiedene Wildkatzen. Besonders verbreitet war die Europäische Wildkatze (Felis silvestris). Sie lebte in dichten Laub- und Mischwäldern und jagte vor allem Kleinsäuger und Vögel. Aufgrund ihrer weiten Verbreitung ist davon auszugehen, dass sie den germanischen Stämmen gut bekannt war.

    Neben der Wildkatze kam auch der Eurasische Luchs (Lynx lynx) in Germanien vor. Als größere und scheuere Katzenart bevorzugte er zusammenhängende Waldgebiete mit ausreichendem Wildbestand. Der Luchs war ein typischer Bewohner der Mittelgebirge und Alpenregionen, konnte aber auch in nördlicheren Gebieten vorkommen. Archäologische Funde belegen seine Anwesenheit in Mitteleuropa bereits lange vor der römischen Zeit. Spätere römische Quellen erwähnen obige „wilde Katzen“ und „lupus cervarius“ (Luchs).

    Andere Großkatzen wie Löwen existierten zu dieser Zeit nicht mehr in Germanien. Der sogenannte Höhlenlöwe war zwar einst in Europa verbreitet, starb jedoch bereits am Ende der letzten Eiszeit aus und spielte für die germanischen Kulturen keine Rolle. Insgesamt zeigen Knochenfunde und Umweltrekonstruktionen, dass Wildkatzen und Luchse ein fester Bestandteil der Tierwelt Germaniens vor Christus waren und die ursprüngliche Wildnis dieser Region widerspiegelten.

    1.5 Gezähmte oder domestizierte Katzen in Germanien

    Für germanische Gebiete lassen sich domestizierte Katzenfunde archäologisch ab etwa dem 3.–4. Jahrhundert n. Chr. sicher nachweisen. Das bedeutet jedoch nicht, dass solche Katzen vorher völlig unbekannt waren. Vielmehr waren sie seltene, prestigeträchtige oder exotische Tiere, die vor allem in römisch beeinflussten Siedlungen, Grenzregionen und Handelszentren vorkamen.

    2. Die Germanen und ihr Mythensystem
    2.1 Kein statisches, uraltes System

    Ein zentraler Denkfehler besteht darin, die germanische Mythologie als ein einheitliches, seit der Bronzezeit unverändertes System zu betrachten. Tatsächlich war sie dynamisch, regional unterschiedlich und offen für neue Einflüsse. Mythen entwickelten sich, passten sich an und integrierten neue Symbole.

    2.2 Mündliche Überlieferung

    Germanische Mythen wurden über Jahrhunderte mündlich überliefert. Solche Überlieferungen sind besonders flexibel: Motive können ergänzt, umgedeutet oder ersetzt werden, ohne dass der Kern der Erzählung verloren geht.

    2.3 Schriftliche Fixierung im Mittelalter

    Die heute bekannten Quellen zur nordischen Mythologie – etwa die Lieder-Edda und die Prosa-Edda – wurden erst im 13. Jahrhundert in Island niedergeschrieben, also rund 800–1000 Jahre nach der angeblich „späten“ Einführung der Katze. In dieser Zeit waren Katzen längst alltäglich.

    3. Freyja und ihre Katzen
    3.1 Freyja als Göttin

    Freya in der nordischen Mythologie

    Freya, auch Freia oder Freyja genannt, trägt einen Namen, der aus dem Altnordischen stammt und „Herrin“ bedeutet. Sie ist eine Göttin aus dem Geschlecht der Wanen und wird mit Liebe und Ehe in Verbindung gebracht. Innerhalb der nordischen Götterwelt nimmt sie eine herausragende Stellung ein und wird oft als zweitwichtigste Göttin nach Frigg angesehen. In späteren, vor allem neuzeitlichen Deutungen wurden beide Göttinnen teilweise miteinander gleichgesetzt oder verwechselt. In ihrem Wesen weist Freya Parallelen zu den Liebesgöttinnen Venus aus der römischen und Aphrodite aus der griechischen Mythologie auf.

    In der altisländischen Skalden­dichtung begegnet Freya unter verschiedenen Umschreibungen und Beinamen, die als sogenannte Kenningar gelten. Zu diesen zählen unter anderem Mardöll, Menglada, Hörn, Gefn, Sýr und Vanadís. Aufgrund des Namens Gefn wird sie gelegentlich – wenn auch ohne gesicherte Grundlage – mit der Göttin Gefjon in Verbindung gebracht. Die südgermanische Form Frîja, die im Althochdeutschen als Friia und bei den Langobarden als Frea erscheint, bezieht sich hingegen nicht auf Freya, sondern auf die Asengöttin Frigg.

    Freya gehört zum Göttergeschlecht der Wanen. Sie ist die Tochter des Meeresgottes Njörd und wird in den Quellen als Schwester des Gottes Frey genannt. Als Mutter gilt Skadi, die Tochter des Riesen Thiazi. In der eddischen Überlieferung ist Freya mit dem Gott Óðr verheiratet. Aus dieser Verbindung gingen die Töchter Hnoss und Gersimi hervor, deren Namen beide „Kostbarkeit“ bedeuten. In der Gylfaginning wird Freya als die bekannteste und angesehenste unter den Göttinnen bezeichnet.

    Ihr Zuständigkeitsbereich umfasst Fruchtbarkeit, Frühling, Glück und Liebe. Darüber hinaus gilt sie als Meisterin und Lehrerin des Zaubers, insbesondere der magischen Praxis des seiðr. Zu ihren bekanntesten Besitztümern zählen das von Zwergen gefertigte Halsband Brisingamen, ein von Waldkatzen gezogener Wagen sowie ein Falkengewand, das es ermöglicht, sich fliegend fortzubewegen. In der Hyndluljóð wird berichtet, dass sie zudem auf dem Eber Hildisvini reitet.

    Mehrere Texte der Edda erwähnen Freya. In der Gylfaginning heißt es, dass sie goldene Tränen vergießt, als Óðr sie verlässt.

    Nach der Grímnismál lebt sie auf dem Hof Fólkvangr, in dessen Saal Sessrumnir sie wohnt. In der Ynglinga saga wird ihr zugeschrieben, den Asen die Zauberkunst gelehrt zu haben. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben besteht jedoch darin, als Anführerin der Walküren auf den Schlachtfeldern zu wirken: Sie erhält die Hälfte der gefallenen Krieger, während die andere Hälfte Odin zufällt.

    Der Name des Wochentags Freitag geht sprachgeschichtlich nicht auf Freya zurück, sondern auf Frija, die südgermanische Namensform der Göttin Frigg. In der nordischen Mythologie werden Frigg und Freyja klar voneinander unterschieden. Nur in wenigen Ausnahmefällen wurde der Freitag im Altnordischen mit Freyja in Verbindung gebracht, etwa unter der Bezeichnung Freyjudagr in den Breta sögur.

    Freya nimmt in mehreren eddischen Dichtungen eine zentrale Stellung ein, insbesondere in den Liedern Hyndluljóð, Lokasenna und Þrymskviða. In der Grímnismál erscheint sie in der Rolle einer Todesgöttin, während sie in der Völuspá indirekt anklingt, etwa in der Bezeichnung „Óðs Braut“ („Óðs Geliebte“). Darüber hinaus werden die Gestalten Gullveig und Heid, die in den vorangehenden Strophen der Völuspá den Krieg zwischen Asen und Wanen auslösen, häufig als Erscheinungsformen oder Verkörperungen Freyas gedeutet. Nach Snorris Darstellung in der Gylfaginning steht Freya bei jedem Kampf die Hälfte der Gefallenen zu, während die übrigen Krieger Odin zufallen.

    Da aus einigen germanischen Räumen – etwa aus dem heutigen deutschen oder englischen Sprachgebiet – keine eigenständigen Überlieferungen zu Freya existieren und der Freitag dort weiterhin mit Frija beziehungsweise Frigg in Verbindung gebracht wurde, geht die Forschung vielfach davon aus, dass Freya erst in der Wikingerzeit als eigenständige Göttin hervortrat. Demnach wären ihr insbesondere die Bereiche Liebe und Liebeszauber zugewiesen worden, die zuvor Teil des Wirkungsbereichs Friggs gewesen sein könnten. Entsprechende Erzählungen finden sich in der Edda und in Snorris Gylfaginning.

    So wird berichtet, dass Freyas berühmter Halsschmuck, das Brisingamen, von den Zwergen Alfrigg, Dvalin, Berling und Grervier gefertigt wurde. Als Gegenleistung soll die Göttin jeweils eine Nacht mit jedem der vier Zwerge verbracht haben. Diese Begebenheit erregte Odins Missfallen, woraufhin er Freya zur Strafe zwang, unter den Menschen einen Krieg auszulösen. In einer weiteren Episode, der Lokasenna, beschimpft Loki bei einem von Ägir veranstalteten Trinkgelage sämtliche Anwesenden und wirft Freya vor, mit allen Asen und Alben im Saal Liebesverhältnisse unterhalten zu haben. Dabei wird angedeutet, dass Loki selbst unerfüllte Gefühle für Freya hegte.

    Zu beachten ist jedoch, dass die literarischen Darstellungen Freyas, insbesondere jene aus der isländischen Gelehrtenkultur des 13. und 14. Jahrhunderts, nicht als unmittelbare Zeugnisse der vorchristlichen Religion gelten können. Vielmehr spiegeln sie die Deutungen und Umgestaltungen späterer Zeit wider. In der neuzeitlichen isländischen Rezeption der alten Mythen verdrängte Freya die Göttin Frigg nahezu vollständig. In einer illuminierten Papierhandschrift aus dem 17. Jahrhundert erscheint sie schließlich nur noch in der Rolle einer fürsorglichen und treuen Haus- und Familienmutter.

    3.2 Der Katzenwagen

    Freyjas Wagen wird von zwei Katzen gezogen, deren Namen in den Quellen nicht einheitlich überliefert sind. Dieses Motiv ist vergleichsweise spät belegt und taucht nicht in allen Überlieferungssträngen auf. Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass es sich um eine spätere Ausgestaltung handelt – eben aus der Wikingerzeit (ab 9.Jh. u.Z.)

    3.3 Symbolische Deutung der Katze

    Die Katze passt symbolisch hervorragend zu Freyja.

    Unabhängigkeit: Katzen lassen sich nicht vollständig beherrschen.

    Sexualität und Fruchtbarkeit: Katzen sind für ihre Fruchtbarkeit bekannt.

    Magie und Grenzhaftigkeit: Katzen bewegen sich zwischen Haus und Wildnis, Tag und Nacht.

    Diese Eigenschaften machen sie zu idealen Attributtieren einer Göttin wie Freyja – unabhängig davon, wann sie ursprünglich eingeführt wurden.

    4. Kulturelle Überlagerungen und Synkretismus
    4.1 Römische und keltische Einflüsse

    Germanische Religion stand nie isoliert. Der Kontakt mit Römern und Kelten führte zu gegenseitigen Beeinflussungen. Römische Göttinnen wie Diana oder Venus sowie orientalische Kulte könnten indirekt zur Aufwertung der Katze beigetragen haben.

    4.2 Nordische Ausprägung

    In Skandinavien verbreiteten sich Katzen besonders stark in der Wikingerzeit. Wikinger brachten Katzen auf ihren Schiffen mit, sowohl zur Schädlingsbekämpfung als auch als wertvolle Tiere. Archäologische Funde zeigen Katzenbestattungen und Katzenfelle als Statussymbole. In mehreren wikingerzeitlichen Gräbern wurden Katzenknochen gefunden, teils als Fellbeigaben. Dies deutet auf eine symbolische oder soziale Bedeutung hin.

    5.2 Volksglaube und Magie

    Im späteren Volksglauben des germanisch-nordischen Raums gelten Katzen als magisch begabt, seelenkundig oder mit dem Jenseits verbunden. Solche Vorstellungen lassen sich gut mit Freyjas Rolle als Seiðr-Meisterin verbinden.

    Die Frage, warum Katzen in der germanischen Mythologie vorkommen, obwohl sie erst spät verbreitet waren, lässt sich klar beantworten:

    Katzen waren spätestens seit der Spätantike bekannt, wenn auch selten.

    Mythologien sind wandelbar und integrieren neue Symbole.

    Die schriftliche Fixierung erfolgte lange nach der Etablierung der Katze.

    Die symbolische Passung der Katze zu Freyja ist überzeugend.

    Es ist daher nicht notwendig, von einer „uralt germanischen Katze“ auszugehen, um ihre mythologische Rolle zu erklären.

    Schluss

    Katzen sind kein Widerspruch zur germanischen Mythologie, sondern ein Beispiel für deren Lebendigkeit. Sie zeigen, dass Mythen keine starren Relikte der Vorzeit sind, sondern kulturelle Erzählungen, die sich mit der Lebenswelt der Menschen verändern. Freyjas Katzen sind weniger ein Zeugnis steinzeitlicher Religion als vielmehr Ausdruck einer spätantiken und frühmittelalterlichen Welt, in der neue Tiere, Ideen und Symbole ihren Platz fanden – und dort eine tiefere, zeitlose Bedeutung erhielten.