Schlagwort: Germanen

  • Archäologie und Funde der Sachsen

    Ein frischer Wind durchdringt die matten Morgenstunden im Landkreis Nordhausen. Archäologen schaufeln konzentriert Erde beiseite, dabei offenbart sich unter der Oberfläche eine erstaunliche Vielfalt an Befunden – von den Spuren frühzeitlicher Siedlungen bis zu rückwärtigen Kulturzeugnissen der Germanen. Gerade im nördlichen Thüringen und angrenzenden Regionen Sachsen-Anhalts und Sachsens zeichnen sich durch reichhaltige Ausgrabungen immer klarer Konturen eines lebendigen und vielgestaltigen Bildes der Völkerlandschaft ab, die vor Jahrhunderten hier siedelten. Insbesondere die Archäologie der Sachsen liefert zusehends facettenreiche Einblicke, die das bisherige Verständnis von germanischer Geschichte neu gestalten.

    Germanische Spuren im nördlichen Mitteldeutschland

    In den Landkreisen um Nordhausen sowie in Sachsen-Anhalt, besonders im Burgenland- und Salzlandkreis, entdeckten Ausgrabungen eindrucksvolle frühgeschichtliche Relikte. An der künftigen Stromtrasse Südostlink etwa gelangten Tausende Jahre alte Gräber, Opferstätten und sogar steinzeitliche Industrieanlagen ans Licht, was auf eine Kontinuität menschlicher Nutzung und Ritualpraxis über Jahrtausende schließen lässt. So fanden sich dort Grabhügel, sog. Toten-Hütten sowie Öfen aus dem Spätneolithikum, die mit den Technologien einer kleinen Industrie vergleichbar sind. Diese Befunde weisen auf komplexe Gesellschaften mit spezialisierter Produktion hin, lange vor der eigentlichen sächsischen Stammesbildung.

    Insbesondere mitteldeutsche Funde zeigen, dass germanische Gruppen nicht homogen waren, sondern eine Vielzahl kultureller Einflüsse und Wirtschaftspraktiken mitbrachten und integrierten. Die Forschungen belegen, dass es keine strikt abgrenzbare „germanische Religion“ gab, sondern einen synkretistischen Kultus, der römisch-keltische Gottheiten mit einbezog. So sind in germanischen Fundorten immer wieder römische Götterstatuetten zu finden, etwa von Merkur, Mars und Jupiter. Diese Funde legen nahe, dass germanische Gruppen sowohl eigenständige als auch adaptierte Glaubensformen lebten.

    Spurensuche in Sachsen: Siedlungen und Brunnen

    Ein bemerkenswerter Fundort befindet sich in der Altmark nahe Belkau, wo eine Großsiedlung des frühen Mittelalters ausgegraben wurde. Über 1.200 Jahre alte Holzbrunnen aus Eichenholz blieben durch den hohen Grundwasserspiegel außergewöhnlich gut erhalten. Die dendrochronologische Datierung ergab Baujahre zwischen 770 und 888 n. Chr., also der Karolinger-Zeit, die auf eine durchgehende Nutzung und Siedlungsdichte hindeuten. Die Siedlung auf rund 25 Hektar umfasste circa 500 Einwohner und zeigt, dass hier eine wohlhabende bäuerliche Gesellschaft lebte, deren Wirtschaft auf Landwirtschaft, Bronze- und Eisenverarbeitung sowie Handel beruhte.

    Die Funde weisen auch auf längerfristige und weitgehende kulturelle Kontakte hin, etwa Gewandspangen des 6. und frühen 7. Jahrhunderts, die ihre enge Verwandtschaft in Südskandinavien besitzen. Diese Parallelen werfen Fragen nach Wanderungen und Einflüssen skandinavischer Gruppen auf und dokumentieren eine lebendige Netzwerkbildung zwischen den Stämmen, die viel weiter reichte als bloße Nachbarschaft.

    Hortfunde und Monumente als Zeugnisse sozialer Ordnung

    In Sachsen konnten indes spektakuläre Hortfunde aus der Bronzezeit geborgen werden, die eine neue Dimension des Verständnisses für vergangene Gesellschaftsstrukturen eröffnen. Bei Klein Neundorf, nahe Görlitz in der Oberlausitz, entdeckten Archäologen einen Fund von über 16 Kilogramm materieller Kultur – darunter Schmuck, Geräte und Waffen im Gesamtumfang von über 300 Objekten. Diese etwa 3.000 Jahre alten Gegenstände gehören zu einem der größten Bronzezeitfunde Sachsens und markieren einen bedeutenden Schatz der Lausitzer Kultur.

    Besonders interessant ist die Deutung des Fundes als Hort, der rituellen Charakter gehabt haben könnte – Opfergaben an Götter etwa oder symbolische Schatzanhäufungen offenbar in Zeiten von Umbrüchen oder gesellschaftlichen Krisen. Die Vielfalt und Qualität der Objekte lassen auf eine hierarchisch geordnete Gesellschaft schließen, deren Eliten sich durch Kunstfertigkeiten und Fernhandel hervortaten. Die Zusammensetzung der Bronzen aus Kupfer und Zinn, Rohstoffe, die in der Region nicht verfügbar waren, unterstreicht die weiten Handelsverbindungen dieser Gemeinschaften.

    Germanische Gesellschaften im Wandel – Ein neues Bild

    Die gewonnene Erkenntnis über die Lebensweise der sogenannten Germanen, denen die Sachsen zugerechnet werden, verzichtet zunehmend auf veraltete und klischeehafte Vorstellungen. Die populären Bilder von keltisch-germanischen Wilden in erdfarbenen Lumpen entsprechen längst nicht mehr dem Stand der Wissenschaft. Stattdessen zeigen archäologische Befunde, dass die Menschen ein ausgeklügeltes und vielschichtiges Leben führten, das weit über die Büsche und Wälder hinausging.

    Karl Banghard und andere Fachwissenschaftler sprechen von einer eher gesitteten, kulturvollen Welt mit farbenfroher Kleidung, modischen Frisuren – oftmals mit Fremdhaar und kunstvollen Zöpfen – und einer Wohnkultur, die Sitzmöbel und Teppichschmuck einschloss. Dies widerspricht dem Bild einfältiger Horden und belegt eine ingenieurtechnisch durchdachte Bauweise, in der Siedlungen über mehrere Generationen nach festen Mustern errichtet wurden, etwa in Form von Reihenhaussiedlungen mit durchdachter parzellierter Flurordnung.

    Auch die gesellschaftliche Ordnung war offenbar flexibler als gedacht: Hier wechselten sich Phasen mit autoritären Herrschaftsformen mit eher egalitären Strukturen ab. Der Verweis auf Tacitus’ und Caesars Berichte zeigt: Germanische Gemeinschaften verfügten über gemeinschaftlichen Grundbesitz und rotierende landwirtschaftliche Nutzungsformen, die Reichtumsbündelung verhinderten und so soziale Harmonie förderten. Der Ackerbau war weniger intensiv als bei den Römern, dafür setzte man auf eine nachhaltige Mischung mit Sammeln und Wildpflanzenverwertung.

    Militärisches und kulturelles Netzwerk

    Obwohl die germanische Welt als militärisch geprägt gilt, zeichnet sich ein vielschichtiges Bild mit Bewegung, Anpassung und kulturellem Austausch ab. Der sogenannte „Germanenbegriff“ entstammt einer römischen Kategorisierung, die unterschiedliche Stämme zwischen Rhein und Weichsel samt ihren Sitten, Sprachen und Ökonomien zusammenfasste. Diese Stämme sahen sich nicht als einheitliches Volk, sondern unterschieden sich deutlich, etwa Cherusker, Sueben oder Alemannen.

    Archäologische Funde in Ubier-Siedlungen oder im Römischen Reich belegen, dass germanische Krieger häufig als Söldner dienten und sich so in römische Gesellschaften einfügten. Es gibt Hinweise auf römischen Modetransfer, etwa bei roten Wollkleidern germanischer Frauen, und auch auf das Aufgreifen römischer Gottheiten. Sogar Zugang zur Schrift war bei den Germanen verbreitet, wenn auch oft in weniger dauerhaftem Material wie Holz statt Pergament, was die schriftliche Überlieferung schwächt.

    Archäologische Schattenzonen und offene Fragen

    Manche Fragen bleiben weiterhin schwer zu beantworten, da archäologische und schriftliche Quellenfragmentarisch sind. Die Kultstätten der germanischen Stämme zum Beispiel sind archäologisch nur schwer zu fassen, denn ihre Bauweise unterschied sich von römischen Steinmonumenten und war meist vergänglich. Ebenso stellt die Frage nach tiefergehenden gesellschaftlichen Strukturen und Sprachgrenzen eine Herausforderung dar, da sich viele Dialekte über Tagesmärsche hinweg änderten und schriftliche Selbstzeugnisse fehlen.

    Auch ist der Begriff „Sachsen“ als Bezeichnung einer spezifischen ethnischen Gruppe für die Frühzeit nicht immer klar zu fassen. Die archäologischen Forschungsobjekte liegen oft in mehrdeutigen Stammesgebieten und verbinden unterschiedliche Siedlungs- und Kulturtypen. Es ist zu beachten, dass viele der Quellen sich auf übergreifende „germanische“ Gruppen beziehen, wobei Konkreta zur Stammesgeschichte der Sachsen erst für das Frühmittelalter deutlicher werden.

    Schlachtfelder und gewaltsame Umbrüche

    Ein Blick nach Bayern bestätigt, dass die Völkerwanderungszeit von signifikanten Konflikten geprägt war. So legten Ausgrabungen bei Bad Füssing ein Friedhofsfeld frei, das eine „bajuwarische Prinzessin“ aus dem 6. bis 7. Jahrhundert birgt, aber auch wesentlich ältere Gräber mit Spuren gewaltsamer Auseinandersetzungen aufweist. Ein auffallender Fund ist ein mutmaßlicher Krieger mit schweren Schwerthieben am Oberschenkel und Kopf, der an einer gewaltsamen Auseinandersetzung starb. Dieses Zeugnis illustriert die Umbruchzeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter – eine Zeit, deren Erinnerung auch an sächsischer Geschichte anknüpft.

    Fazit: Ein vielgestaltiges Bild der Sachsen und der germanischen Welt

    Die beeindruckenden archäologischen Funde der letzten Jahre zeichnen ein neues, lebendiges Bild der Sachsen und ihrer germanischen Nachbarvölker. Weit entfernt von Schlagwörtern und überholten Klischees zeigen sie Gesellschaften, die wirtschaftlich divers, kulturell vernetzt und sozial differenziert waren. Die Funde aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen offenbaren, dass die Menschen in diesem Raum schon früh überregional verbunden waren, vielfältige Glaubensvorstellungen lebten und eine nachhaltige Wirtschaftsweise pflegten.

    Die reichhaltigen Horte aus der Bronzezeit, die gut erhaltenen mittelalterlichen Brunnen, die vielfältigen Siedlungs- und Gräberfelder und nicht zuletzt die immer wiederkehrenden Spuren römisch-germanischer Kontakte bilden zusammen ein facettenreiches Mosaik, das nicht nur die Geschichte der Sachsen, sondern das gesamte Bild der germanischen Frühzeit erheblich bereichert und differenziert.

    Quellen

  • Die Skiren – ein fast vergessenes Volk der Völkerwanderungszeit

    Wer waren die Skiren?

    Die Skiren zählen zu den am wenigsten bekannten Gruppen der germanischen Geschichte und stehen exemplarisch für jene Völker, die zwar zeitweise politisch bedeutsam waren, aber keine dauerhafte historische Spur hinterließen. Wie viele andere germanische Gruppen sind sie ausschließlich aus antiken Fremdquellen bekannt, vor allem aus römischen und spätantiken Texten. Eigene schriftliche Zeugnisse der Skiren existieren nicht, was ihre Geschichte fragmentarisch, widersprüchlich und schwer rekonstruierbar macht.

    Bereits ihre ethnische Einordnung ist in der Forschung umstritten. Antike Autoren zählen die Skiren meist zu den Germanen, doch ihre geografische Lage im osteuropäischen Grenzraum führte zu intensiven Kontakten mit sarmatischen, gotischen und später hunnischen Gruppen. Moderne Historiker gehen daher weniger von einer „reinen“ ethnischen Identität aus, sondern von einer politisch und kulturell offenen Gemeinschaft, deren Zusammensetzung sich im Laufe der Zeit veränderte. Der Name „Skiren“ dürfte eher eine politische oder militärische Bezeichnung gewesen sein als ein fest umrissener Volksbegriff.

    Erstmals werden die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. bei Tacitus erwähnt, der sie östlich der Elbe in Nachbarschaft anderer germanischer Stämme verortet. Archäologische Funde lassen vermuten, dass sie früh in überregionale Handels- und Austauschsysteme eingebunden waren. Im Zuge der Völkerwanderung verlagerte sich ihr Siedlungs- und Machtbereich zunehmend in den pannonisch-donauländischen Raum. Diese Region war ein geopolitischer Brennpunkt zwischen dem Römischen Reich, germanischen Föderaten und später dem Hunnenreich.

    Im 4. und 5. Jahrhundert gerieten die Skiren unter die Vorherrschaft der Hunnen. Anders als manche andere unterworfene Gruppen scheinen sie dabei eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt zu haben. Skirische Krieger und Adlige traten sowohl in hunnische als auch in römische Dienste, was ihre strategische Bedeutung unterstreicht. Diese Doppelrolle als Verbündete und Söldner machte sie jedoch politisch abhängig und verwundbar.

    Bild: Odoaker, Münze, Ravenna 477

    Die bekannteste Persönlichkeit skirischer Herkunft ist Odoaker, Sohn des skirischen Heerführers Edeko. Odoakers Aufstieg verdeutlicht die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten germanischer Eliten innerhalb der spätantiken Militärstrukturen. Als er 476 n. Chr. den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus absetzte, handelte er nicht als Vertreter der Skiren, sondern als Führer eines multiethnischen Heeres. Dennoch zeigt seine Karriere, dass skirische Netzwerke erheblichen Einfluss auf die politischen Umbrüche der Zeit hatten.

    Nach dem Tod Attilas und dem Zerfall des Hunnenreiches versuchten die Skiren, ein eigenes politisches Gebilde im Donauraum zu etablieren. Dieser Versuch scheiterte jedoch rasch. In Konflikten mit den Ostgoten wurden sie militärisch geschlagen, ihr König getötet und ihre politische Struktur zerstört. Anders als bei den Franken oder Langobarden kam es nicht zur Gründung eines dauerhaften Reiches. Die Skiren verschwinden danach als eigenständige Einheit aus den Quellen.

    Religiös folgten die Skiren zunächst heidnischen Traditionen, später übernahmen zumindest Teile von ihnen den arianischen Glauben. Auch dies trug zu ihrer Randstellung bei, da sich im spätantiken Europa zunehmend das katholische Christentum durchsetzte. Ohne feste territoriale Basis, ohne stabile dynastische Führung und ohne religiöse Integration hatten die Skiren kaum Chancen, langfristig als politischer Akteur zu bestehen.

    Bild: Ostgermanische Familie im 5. Jh.

    In der modernen Forschung gelten die Skiren als typisches Beispiel für die Auflösung ethnischer Identitäten in der Spätantike. Ihr Verschwinden bedeutet nicht zwangsläufig einen physischen Untergang, sondern vielmehr die Integration in andere Gruppen und Gesellschaften. Als Außenseiter der germanischen Geschichte machen die Skiren deutlich, dass historische Bedeutung nicht zwangsläufig mit Dauerhaftigkeit verbunden ist und dass viele Völker nur kurzzeitig sichtbar werden, bevor sie im Strom der Geschichte aufgehen.

    Antike Quellenperspektiven: Tacitus, Jordanes und Prokopios

    Unser Wissen über die Skiren beruht fast ausschließlich auf vereinzelten Erwähnungen bei antiken Autoren, deren Perspektiven stark von römischen und spätantiken Deutungsmustern geprägt sind. Bereits Tacitus nennt die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner Germania. Dort erscheinen sie im östlichen Vorfeld der römisch bekannten germanischen Welt, gemeinsam mit Stämmen wie den Bastarnen und Peukinen. Tacitus ordnet sie den Germanen zu, betont jedoch ihre Randlage und grenzt sie von den „klassischen“ Germanen West- und Norddeutschlands ab. Schon hier zeigt sich, dass die Skiren aus römischer Sicht eher als Grenz- und Übergangsgruppe wahrgenommen wurden.

    Für die Spätantike ist vor allem Jordanes von Bedeutung, dessen Getica im 6. Jahrhundert entstand. Jordanes erwähnt die Skiren im Zusammenhang mit den Machtverschiebungen nach dem Zerfall des Hunnenreiches. Er schildert sie als eigenständige Gruppe im Donauraum, die zeitweise versuchte, politisch unabhängig zu agieren, dabei jedoch rasch in Konflikt mit den Ostgoten geriet. In Jordanes’ Darstellung werden die Skiren nicht heroisiert, sondern erscheinen als relativ schwacher Akteur zwischen mächtigeren Völkern. Dies unterstreicht ihre Rolle als politischer Außenseiter innerhalb der spätantiken Welt.

    Besonders wertvoll sind die Berichte des byzantinischen Historikers Prokopios, der im 6. Jahrhundert schrieb. Prokopios erwähnt die Skiren vor allem im Kontext der hunnischen und nachhunnischen Machtverhältnisse sowie im Umfeld Odoakers. Seine Schilderungen machen deutlich, dass die Skiren weniger als geschlossenes „Volk“ auftraten, sondern eher als militärische und aristokratische Netzwerke, die sich flexibel in größere Machtstrukturen einfügten. Gleichzeitig betont Prokopios ihre letztliche Bedeutungslosigkeit nach den militärischen Niederlagen gegen die Ostgoten – ein Schweigen, das selbst bereits eine Aussage über ihr Verschwinden aus der politischen Geschichte darstellt.

    Zusammengenommen zeigen Tacitus, Jordanes und Prokopios, wie sich das Bild der Skiren über Jahrhunderte hinweg verändert: von einer Randgruppe am östlichen Horizont der Germania über einen kurzzeitigen Akteur der Völkerwanderungszeit bis hin zu einer beinahe vergessenen Größe der spätantiken Welt. Die Skiren sind damit ein Beispiel dafür, wie sehr historische Wahrnehmung von Perspektive, politischer Relevanz und Überlieferung abhängt.

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    Quellen

  • Alltag der Lugier

    Allgemeines zu den Lugiern

    Die Lugier waren ein germanischer Volksstamm, der in der Antike im Gebiet Mittel- und Osteuropas lebte, im 1. Jh. u.Z. im heute schlesischen Raum. Der antike griechische Geschichtsschreiber und Geograph Strabon bezeichnet die Lugier in seinem Werk „Geographika“ als ein großes Volk, das mehrere Stämme umfasste. Er erwähnt auch, dass wirtschaftlich bedeutend der Bernsteinhandel war, „der auch Begehrlichkeiten weckte.“

    Tacitus nennt in seinem ethnographischen Werk „Germania“ fünf Teilvölker der „Lugischen Gruppe“: Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und die Nahanarvaler, auf deren Gebiet die lugische Kultgemeinschaft einen heiligen Hain unterhielt. Als nördliche Nachbarn erwähnt Tacitus noch die Gotonen. Claudius Ptolemäus nennt in seinen geographischen Anleitungen nur drei Untergruppen der Lugier: die Iomannoi (deutsch: Omanen), die Idounoi und die Bouroi (deutsch Buren). Cassius Dio erwähnt die Lugier nur an einer Stelle.  Seit dem 3. Jahrhundert verschwindet der Begriff aus den antiken Quellen, stattdessen werden bereits früher und etwa am gleichen Ort die vandil(i)i bzw. vandali genannt und das sind tatsächlich die berühmten Vandalen, die gesichert nicht aus Skandinavien, sondern aus der Gegend der Lugier Richtung Spanien und Afrika wanderten. Man weiss bis heute nicht, ob die Lugier zu den Vandalen gehörten oder umgekehrt.

    Konkrete und umfassende Quellen über den Alltag der Lugier sind aufgrund der frühen historischen Periode und der spärlichen schriftlichen Belege begrenzt. Dennoch lassen sich aus archäologischen Funden und Vergleichen mit anderen germanischen Stämmen einige grundlegende Aspekte ihres Alltags rekonstruieren.

    Bild: Gebiet der fünf Lugierstämme vor der Völkerwanderung

    Wohnen und Dorfstruktur

    Die Lugier lebten vermutlich in kleinen Dörfern mit hölzernen Langhäusern, die als Wohn- und Arbeitsstätten dienten. Diese Häuser boten Raum für die gesamte Familie sowie für Haustiere. Die Bauweise war rudimentär, basierend auf lokal verfügbaren Materialien wie Holz und Lehm. Die Dörfer lagen meist in der Nähe von fruchtbarem Ackerland und Wasserquellen.

    Familie und Soziales

    Die Familie bildete die zentrale soziale Einheit. In der Regel lebten Großfamilien zusammen, die gemeinsam arbeiteten und wirtschafteten. Es gab eine hierarchische Struktur innerhalb der Gemeinschaft, wobei Stammesführer oder Älteste über soziale und rechtliche Angelegenheiten entschieden. Es gibt keine genauen Aufzeichnungen über die Rolle der Frau oder der Kinder, doch lässt das allgemeine Wissen über germanische Gesellschaften auf eine starke Einbindung aller Familienmitglieder in den Alltag schließen.

    Ernährung

    Die Ernährung der Lugier basierte auf Ackerbau, Viehzucht und Jagd. Vorherrschende Nahrungspflanzen waren Getreidearten wie Gerste und Roggen, ergänzt durch Gemüse. Fleisch stammte von Rindern, Schweinen und Schafen sowie Wildtieren. Fischfang konnte in Flussnähe ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Die Ernährung war saisonal abhängig und durch die Jahreszeiten bestimmt.

    Kleidung

    Zur Kleidung der Lugier gibt es keine direkten Quellen, jedoch lässt sich ein Bild aus Funden anderer germanischer Stämme gewinnen. Die Bekleidung bestand vermutlich aus Wolle und Leinen, verarbeitet zu einfachen Tuniken, Umhängen und Hosen. Kleidung wurde teilweise handgefertigt und konnte mit einfachen Mustern oder Verzierungen versehen sein. Schuhe und Gürtel gehörten zur üblichen Ausstattung.

    Jahreslauf und Feste

    Der Jahreslauf war stark durch die Landwirtschaft geprägt, wobei Aussaat und Ernte die wichtigsten Zeitspunkte markierten. Es ist anzunehmen, dass die Lugier – wie viele germanische Völker – verschiedene Rituale und Feste abhielten, die mit Naturzyklen und religiösen Vorstellungen verbunden waren. Konkrete Informationen zu Lugier-spezifischen Festen fehlen jedoch in den Quellen.

    Zusammenfassung

    • Die Lugier lebten in einfachen Holzhäusern innerhalb kleinräumiger Dorfstrukturen.
    • Die Familie war die wesentliche soziale Einheit mit wahrscheinlich patriarchalischer Hierarchie.
    • Ernährung beruhte auf Ackerbau, Viehzucht, Jagd und Fischfang, abhängig von der Jahreszeit.
    • Kleidung bestand vorwiegend aus Wolle und Leinen, handgefertigt und funktional.
    • Der Jahreslauf orientierte sich an landwirtschaftlichen Zyklen; über genaue Feste und religiöse Bräuche gibt es wenig gesicherte Informationen.

    Da die Quellenlage zu den Lugiern im Alltag sehr dünn ist, basieren diese Informationen vor allem auf allgemeinen Erkenntnissen zur germanischen Kultur und Archäologie der betreffenden Zeit.

    Quellen