Schlagwort: Frauen

  • Frauen in germanischen Stämmen um 0 u. Z.

    Zwischen Alltag, Religion und extremer Gewalt

    1. Einleitung

    Die Rolle der Frau in germanischen Gesellschaften zur Zeit um Christi Geburt gehört zu den am häufigsten missverstandenen Themen der europäischen Frühgeschichte. Während ältere Forschung und populäre Darstellungen germanische Frauen oft als passive, auf Haushalt und Familie reduzierte Figuren darstellten, zeichnen neuere Untersuchungen ein wesentlich differenzierteres Bild. Antike Schriftquellen, insbesondere römischer Autoren, sowie archäologische Funde belegen, dass Frauen in germanischen Stämmen um 0 u. Z. nicht nur wirtschaftlich und religiös aktiv waren, sondern in bestimmten Situationen auch erheblichen sozialen, moralischen und sogar gewaltsamen Einfluss ausübten.
    Ziel dieser Arbeit ist es, die Lebensrealität germanischer Frauen um die Zeitenwende umfassend darzustellen. Dabei wird untersucht, welche Aufgaben sie im Alltag übernahmen, welche rechtliche und soziale Stellung sie innehatten, welche Rolle sie in Religion und Kult spielten und in welchen historischen Ausnahmesituationen sie selbst als Akteurinnen von Gewalt auftraten. Grundlage der Darstellung bilden antike Textquellen sowie archäologische Befunde, die quellenkritisch eingeordnet werden.

    2. Quellenlage und methodische Probleme

    Da germanische Gesellschaften keine eigenen schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, stützt sich die Forschung nahezu vollständig auf externe Quellen. Die wichtigsten schriftlichen Zeugnisse stammen von römischen Autoren wie Gaius Iulius Caesar, Tacitus, Plutarch und Valerius Maximus. Diese Autoren schrieben aus der Perspektive der römischen Oberschicht und nutzten die Germanen häufig als Gegenbild zur römischen Gesellschaft. Aussagen über Sitten und Rollenbilder müssen daher kritisch betrachtet werden.
    Gleichzeitig sind diese Quellen unverzichtbar, da sie teilweise detaillierte ethnographische Beobachtungen enthalten. Ihre Glaubwürdigkeit erhöht sich dort, wo mehrere Autoren unabhängig voneinander ähnliche Sachverhalte schildern oder wo ihre Aussagen durch archäologische Befunde gestützt werden. Archäologie liefert insbesondere Informationen zu Alltagsleben, Wirtschaft, Bestattungswesen und Gewaltspuren, erlaubt jedoch nur selten die direkte Zuordnung zu einzelnen Stämmen.

    3. Alltag und Wirtschaft: Die zentrale Rolle der Frauen

    3.1 Hausarbeit als wirtschaftliche Schlüsselposition

    Germanische Frauen waren primär für den Haushalt zuständig, doch darf dieser Begriff nicht mit moderner Hausarbeit gleichgesetzt werden. In einer vorindustriellen Gesellschaft war der Haushalt die zentrale wirtschaftliche Einheit. Frauen waren verantwortlich für die Nahrungsverarbeitung, Vorratshaltung und insbesondere für die Herstellung von Kleidung.
    Textilherstellung umfasste das Spinnen von Garn, das Weben von Stoffen sowie das Zuschneiden und Nähen von Kleidungsstücken. Archäologische Funde von Spinnwirteln und Webgewichten in Siedlungen und Frauengräbern belegen die zentrale Bedeutung dieser Tätigkeit. Kleidung stellte nicht nur ein Gebrauchsgut dar, sondern fungierte auch als Statussymbol und Tauschware. Die Kontrolle über die Textilproduktion verlieh Frauen daher erheblichen wirtschaftlichen Einfluss.

    3.2 Besitz, Mitgift und Eigentum

    Grabfunde zeigen, dass Frauen persönlichen Besitz hatten. Schmuck, Schlüssel und Haushaltsgegenstände werden häufig als Grabbeigaben gefunden. Schlüssel gelten dabei als Symbol der Hausherrschaft. Die Mitgift (Gift=germanisch „Gabe“, „Geschenk“ oder „das Geben“, was sich heute noch im Englischen „gift“ (Geschenk) zeigt), die eine Frau in die Ehe einbrachte, blieb in der Regel ihr Eigentum und diente als Absicherung im Falle von Trennung oder Verwitwung. Diese Praxis deutet darauf hin, dass Frauen nicht vollständig vom Mann abhängig waren, sondern über eigene materielle Ressourcen verfügten.

    3.3 Aussehen, Mode und eine germanische Erfindung

    Germanische Frauen zur Zeit um 0 unserer Zeitrechnung zeichneten sich durch ein natürliches, eher schlichtes Erscheinungsbild aus. Zeitgenössische römische Autoren beschrieben sie häufig als groß gewachsen, kräftig und hellhaarig, wobei blonde oder rötliche Haare besonders hervorgehoben wurden. Das Haar wurde meist lang getragen, offen oder zu einfachen Zöpfen geflochten. Aufwändige Schminke war unüblich, stattdessen galt ein unverfälschtes, naturverbundenes Aussehen als ideal.

    Die Kleidung germanischer Frauen war funktional und an das Klima angepasst. Typisch war ein knöchellanges Kleid aus Wolle oder Leinen, das oft ärmellos oder mit kurzen Ärmeln versehen war. Darüber trugen viele Frauen ein Übergewand oder einen Mantel, der mit einer Fibel (Gewandspange) aus Bronze, Eisen oder bei wohlhabenderen Frauen auch aus Silber befestigt wurde. Die Stoffe waren meist einfarbig, konnten aber durch gewebte Borten oder einfache Muster verziert sein.

    Schmuck spielte eine wichtige Rolle und zeigte sowohl persönlichen Geschmack als auch sozialen Status. Beliebt waren Fibeln, Armreifen, Halsketten aus Glasperlen, Bernstein oder Metall sowie einfache Ringe. Schuhe bestanden meist aus Leder und waren schlicht gearbeitet.

    Körperpflege war nach all der Plackerei wichtig. Seife war bekannt, flüssig ist sie wahrscheinlich eine germanische Erfindung. Plinius betont, dass sapo vor allem zur Haarpflege genutzt wurde (teils sogar zum Färben oder Stylen), weniger zum Waschen des Körpers. Das Haar wurde jedenfalls von Mann und Frau sehr sorgfältig behandelt.

    Bild: Warmes Wasser ist für die Warmduscher in Rom!

    Insgesamt spiegelten Aussehen und Mode germanischer Frauen um 0 u. Z. eine enge Verbindung zur Natur, handwerkliches Können und gesellschaftliche Ordnung wider, wobei Zweckmäßigkeit und symbolische Bedeutung im Vordergrund standen.

    4. Ehe, Recht, Arbeit und soziale Stellung

    Tacitus beschreibt in seiner Schrift Germania (Kap. 18–19) die Ehe bei den Germanen als vergleichsweise stabil. Anders als im römischen Recht, das dem pater familias weitreichende Macht über Frau und Kinder einräumte, war die germanische Ehe stärker an gegenseitige Verpflichtungen gebunden. Ehebruch wurde sanktioniert, jedoch galt dies für Männer wie Frauen. Heiratsverträge waren ein Geschäft nach Bauernart: Die Braut wurde mit Vieh bezahlt, wenn das nicht vorhanden, mit wertvollen Dingen, Hausrat oder Waffen – letzteres der Brautvater aber auch dem Bräutigam mitgab.

    Junge Mädchen mussten früh mit anpacken: Weben, Spinnen, Nähen – diese Tätigkeiten gab es damals schon, denn Spinnrock, Nadel und Webstuhl waren erfunden. Frauen und Männer teilten sich die Feldarbeit, aber nur Frauen fütterten und pflegten das Vieh.

    Bild: what a beauty…


    Die Frau nahm innerhalb der Familie eine anerkannte Stellung ein, ja mehr noch, Ehefrauen und Mütter wurden wahrhaftig verehrt. Sie war nicht nur für die Versorgung der Kinder zuständig, sondern auch für die Organisation des Haushalts und die Wahrung sozialer Normen. Die Ehe stellte zudem ein Bündnis zwischen Sippen dar, wodurch Frauen indirekt in politische und soziale Netzwerke eingebunden waren. Mehrfache Mütter waren hochgeachtet.

    Alte Frauen, grauhaarig, galten als weise. Ihren nicht immer guten Ratschlägen wurde seherisches Gewicht beigemessen, da sich hier Aberglaube mit Gottesfurcht vermischte.

    5. Frauen und Religion: Spirituelle Autorität

    Eine der auffälligsten Besonderheiten germanischer Gesellschaften ist die religiöse Bedeutung von Frauen. Frauenrat und weissagende Aussprüche waren oft der Anfang von Kampf und Krieg. Tacitus berichtet (Germania 8), dass Frauen als Trägerinnen besonderer Heiligkeit galten. Man schrieb ihnen die Fähigkeit zu, den Willen der Götter zu erkennen und zu deuten.
    Ein historisch belegtes Beispiel ist die Seherin Veleda (Text hier vorhanden), die dem Stamm der Brukterer angehörte. Während der Bataveraufstände im 1. Jahrhundert n. Chr. genoss sie großen Einfluss, geradezu göttliches Ansehen. Tacitus (Historiae 4,61–65) schildert, dass ihre Weissagungen politische und militärische Entscheidungen beeinflussten. Veleda lebte abgeschieden, wurde von Gesandten aufgesucht und galt als Mittlerin zwischen Menschen und Göttern. Dieses Beispiel zeigt, dass Frauen nicht nur religiöse, sondern auch politische Macht ausüben konnten.

    6. Frauen im Kriegskontext

    6.1 Begleitung der Heere und moralischer Einfluss

    Germanische Frauen nahmen nicht regelmäßig als bewaffnete Kämpferinnen am Krieg teil, waren jedoch häufig Teil des Heerlagers. Junge Frauen schleppten Kriegsgerät, wie Speere für ihre Männer, und versorgten sie liebevoll bei Verwundungen. Das stärkte logischerweise die Ehe. Tacitus berichtet eben das, dass Frauen die Kämpfer begleiteten, Verwundete versorgten und durch Zurufe Mut machten. Besonders bedeutsam war ihre Rolle als moralische Instanz: Frauen erinnerten Männer an ihre Pflicht, beschämten Feiglinge und verwiesen auf die drohende Gefangenschaft ihrer Familien. Das darf man nicht unterschätzen, denn beim Thing, der Versammlung der freien Männer des Stammes, wo auch Frauen als Zeuginnen zugelassen waren, wurde auch Gericht gehalten: Bei Feigheit im Kampf wurde der betreffende Krieger zum Unfreien – das betraf dann alle. Diese Form sozialen Drucks stellte eine indirekte, aber wirkungsvolle Form von Gewalt dar, da sie das Verhalten der Krieger maßgeblich beeinflusste.

    6.2 Extreme Gewalt: Die Kimbern

    Ein besonders eindrückliches Beispiel für aktive Gewaltanwendung durch Frauen liefert der Stamm der Kimbern. Plutarch berichtet in seiner Vita des Marius (Kap. 27), dass nach der Niederlage der Kimbern gegen die Römer 101 v.u.Z. Frauen kollektiv handelten. Sie töteten zunächst ihre Kinder, anschließend ihre Männer und schließlich sich selbst. Der Grund hierfür war die Angst vor römischer Gefangenschaft, Versklavung und sexueller Gewalt. Das betraf mindestens 120 000 Germanen, unvorstellbar.
    Plutarch schildert, dass die Frauen zuvor um Freiheit und Wahrung ihrer Keuschheit gebeten hatten. Als diese Bitte abgelehnt wurde, entschieden sie sich bewusst für den Tod. Dieser Bericht wird durch Valerius Maximus (Facta et Dicta Memorabilia 6,2, ext.3) bestätigt, der unabhängig ähnliche Vorgänge schildert. Die doppelte Überlieferung erhöht die historische Glaubwürdigkeit dieses Ereignisses. 60 000 gingen doch noch in Gefangenschaft.

    6.3 Die Teutonen

    Auch bei den Teutonen, Brudervolk der Kimbern, berichtet Valerius Maximus von vergleichbaren Handlungen. Nach der militärischen Niederlage von 101 v.u.Z., siehe oben, töteten Frauen ihre Kinder und begingen anschließend Selbstmord. Wiederum wird die Vermeidung von Gefangenschaft als Motiv genannt. Diese Berichte zeigen, dass es sich nicht um vereinzelte individuelle Taten, sondern um kollektiv akzeptierte Handlungsweisen in Extremsituationen handelte

    6.4 Weitere Stämme und indirekte Belege

    Tacitus berichtet in den Annalen (1,56) von römischen Angriffen auf die Siedlungen der Chatten. Er schildert zerstörte Höfe und tote Familienangehörige, wobei Frauen und Kinder nicht verschont blieben. Zwar beschreibt Tacitus hier keine expliziten Selbsttötungen, doch im Kontext anderer Berichte erscheint es plausibel, dass auch hier der Tod der Gefangenschaft vorgezogen wurde.

    7. Archäologische Befunde zu Gewalt und Geschlecht

    Archäologische Untersuchungen aus Norddeutschland und Dänemark zeigen weibliche Skelette mit Spuren von Gewalt, darunter Schnittverletzungen und Schädeltraumata. Diese Funde stammen aus dem Zeitraum um die Zeitenwende. Zwar lässt sich nicht in jedem Fall eindeutig klären, ob diese Verletzungen durch aktive Kampfhandlungen oder durch Massengewalt entstanden sind, sie widersprechen jedoch klar dem Bild ausschließlich passiver Frauen.
    Moorfunde und Massengräber belegen zudem, dass Frauen in kriegerische Ereignisse unmittelbar einbezogen waren und nicht grundsätzlich verschont wurden.

    8. Quellenkritische Bewertung

    Die römischen Autoren hatten zweifellos eigene Interessen und nutzten die Darstellung germanischer Sitten teilweise zur moralischen Selbstreflexion. Dennoch ist festzuhalten, dass Berichte über weibliche Handlungsmacht, religiöse Autorität und extreme Gewalt mehrfach und unabhängig überliefert sind. Archäologische Befunde stehen diesen Darstellungen nicht entgegen. Die Quellen sind daher nicht als reine Propaganda, sondern als wertvolle, wenn auch kritisch zu lesende Zeugnisse zu betrachten.

    9. Fazit

    Frauen in germanischen Stämmen um 0 u. Z. waren keineswegs auf häusliche Tätigkeiten beschränkt. Sie trugen entscheidend zur wirtschaftlichen Existenz der Gemeinschaft bei, verfügten über Besitz, übten religiöse und moralische Autorität aus und griffen in existenziellen Krisensituationen selbst zu extremer Gewalt. Die belegten Beispiele der Kimbern und Teutonen zeigen, dass Frauen kollektiv und bewusst handelten, um Gefangenschaft zu vermeiden.
    Damit waren germanische Frauen keine Randfiguren, sondern zentrale Akteurinnen innerhalb ihrer Gesellschaft. Ihr Handeln war entscheidend für den Fortbestand sozialer Ordnung – und in Extremsituationen auch für deren radikale Verteidigung.

    Eine Frau erzählt: Begegnung mit den Römern

    Der Nebel liegt schwer über dem Fluss, und das Wasser glitzert matt im ersten Licht des Morgens. Ich sitze auf dem Boden unserer Siedlung, die Finger noch klebrig von der Milch, die ich gestern von unseren Kühen gesammelt habe. Die Kinder schlafen noch, und die Männer sind beim Heuern auf den Feldern. Ich höre den Wind in den Bäumen, aber auch etwas anderes – ein Knirschen auf dem Waldweg, das mir ein ungutes Gefühl gibt.

    Plötzlich höre ich Stimmen, die nicht klingen wie unsere Männer. Fremd, hart, brüllend. Dann sehe ich sie: Römer, in glänzender Kleidung aus Metall, Pferde scheuend und Hunde bei sich, groß wie kleine Wölfe, die an ihren Ketten knurren. Die Hunde riechen nach Schmutz und Eisen, ihre Augen glitzern. Sie bellen, und jedes Mal zucke ich zusammen. Ich spüre, wie meine Hände kribbeln und mein Herz schneller schlägt.

    Ich kenne die Geschichten. Männer und Frauen, die diesen Soldaten begegnet sind, wurden genommen oder getötet. Doch die Hunde – sie scheinen besonders gefährlich. Sie schnappen nach allem, das sich bewegt. Die Römer selbst schreien, zeigen auf uns, als hätten wir keine Stimme. Ich beobachte, wie sie die Männer der Sippe ordnen, während die Hunde jeden Schritt kontrollieren.

    In mir wächst ein seltsames Gefühl zwischen Angst und Wut. Angst, weil wir schwach erscheinen, nur ein paar Frauen, Kinder und Alte. Wut, weil niemand so über uns bestimmen darf. Ich greife nach meinem Spinnwirtel, mein Werkzeug, das mir mehr bedeutet, als es scheint – und doch weiß ich, dass ich keine Waffe gegen Pferde und Soldaten habe.

    Die Hunde knurren, bellen, springen gegen die Ketten. Ich sehe, wie sie Angst in den Kindern auslösen, und ich versuche, sie zu beruhigen. Ich flüstere leise, so wie es meine Mutter getan hat: „Still, das sind nur Tiere. Beobachte sie, aber fürchte dich nicht.“ Und während ich spreche, registriere ich jeden Schritt der Römer, jedes Rattern der Rüstung, jeden Befehl. Wir sind klein, verletzlich, aber wir sind nicht hilflos. Wir kennen die Wälder, die Flüsse, die Pfade, die sie nicht sehen.

    Ich weiß: Heute werden wir überleben müssen, aber wir werden auch lernen, wie diese Fremden denken. Ihre Hunde, so wild sie wirken, folgen nur dem Befehl. Ihre Soldaten, so stark sie sind, kennen den Boden nicht so wie wir. Wir sind hier zu Hause. Ich beobachte, und ich merke, wie Wut und Mut in mir wachsen. Eines Tages wird unser Land frei sein von diesen fremden Stimmen, doch bis dahin müssen wir warten, lernen und überleben.

    Literaturverzeichnis

    Antike Quellen
    • Caesar, Gaius Iulius. De Bello Gallico. Übersetzt von Johann Heinrich Voss. Leipzig: Reclam, 2003.
    • Tacitus, Cornelius. Germania. Übersetzt von Matthias Gelzer. München: Artemis & Winkler, 1969.
    • Tacitus, Cornelius. Annales. Übersetzt von Alfred von Domaszewski. Berlin: De Gruyter, 1912.
    • Tacitus, Cornelius. Historiae. Übersetzt von Matthias Gelzer. Stuttgart: Reclam, 1972.
    • Plutarch. Vita Marius. Übersetzt von Friedrich Chr. Boetticher. Leipzig: Teubner, 1873.
    • Valerius Maximus. Facta et Dicta Memorabilia. Übersetzt von Carl Ernst Bohn. Leipzig: Teubner, 1885.
    Sekundärliteratur (moderne Forschung)

    Sekundärliteratur (moderne Forschung)

    • Düwel, Klaus. Die Germanen. Geschichte und Kultur der frühmittelalterlichen Stämme. Stuttgart: Kohlhammer, 2015.
    • Härke, Heinrich. Frauen in der Frühgeschichte Europas. München: C.H. Beck, 2002.
    • Jankuhn, Herbert. Archäologie der Germanen. Berlin: de Gruyter, 1986.
    • Müller, Johannes. Textilproduktion und weibliche Handarbeit bei den Germanen. Bonn: Rheinland-Verlag, 2001.
    • Todd, Malcolm. The Early Germans. Oxford: Blackwell, 1992.

    • Schiebler, Rolf: 4000 Jahre Geschichte, TURMER-VERLAG, 1985

  • Faszinierende Frauen in der germanischen Welt am Beispiel der Seherin Veleda

    Faszinierende Frauen in der germanischen Welt am Beispiel der Seherin Veleda

    Sie ist eine der faszinierendsten Frauenfiguren der germanischen Geschichte, weil sie zeigt, dass religiöse Autorität im 1. Jahrhundert n. Chr. auch politische Macht verleihen konnte. Es gab diese weiblichen Autoritäten schon lange vor der indogermanischen Zeit – ich rede von neolithischen Bauern, alteuropäischen Kulturen (6500–3500 v. Chr.) und resiliente Randgruppen, die sich lange hielten, wie die rätselhaften Basken, die die einzige heute noch lebende präindoeuropäische Sprachgruppe Europas sind.

    Es waren in vorgermanischer Zeit hochentwickelte, friedliche, matrifokale oder egalitäre Kulturen (laut Marija Gimbutas, der berühmten Anthropologin) wie die Vinča-Kultur, Lengyel-Kultur, oder Cucuteni–Trypillia-Kultur. Matrifokal waren Familien- oder Gesellschaftsstrukturen, bei der die Mutter im Mittelpunkt steht – der Haushalt und die soziale Organisation drehen sich um sie. Es gibt kaum Zeugnisse aus dieser Zeit. Die germanische Seherin, die ich hier behandle, hinterliess jedenfalls eine Menge Spuren.

    Es folgt eine ausführliche, faktenbasierte Darstellung ihrer Person, ergänzt durch historische Einordnung und kulturellen Kontext, abgerundet mit einer fiktiven Erzählung, eingeteilt in kurze Sequenzen:

    Frauen in germanischen Sagen spielen vordergründig oft die erste Geige, treten in der Handlung jedoch oft nur kurz auf. Nehmen wir nur Brünhilde; ob als Walküre im Original oder als Königin im Nibelungenlied ist sie anfangs schicksalsbestimmend, sobald verheiratet bzw. entjungfert nie wirklich Handlungsträger bis auf die absolut relevanten Streitszenen mit Kriemhild. Von Frauenfiguren in der germanisch-nordischen Sagenwelt, die vordergründig auftreten, aber erzählerisch oft als Symbolfiguren, Auslöser oder Projektionsflächen dienen, ähnlich wie Brünhilde, gibt es in der germanischen Sagenwelt viele Beispiele, wie eben die Walküren, die Botschafterinnen sind oder die Besten der in der Schlacht Gefallenen aussuchen, dienen letztlich als Schicksalsinstrumente, ohne individuelle Tiefe zu bekommen.

    Es gab in der tatsächlichen Geschichte, wie auch in Liedern, Legenden und Sagen, gleichwohl schon immer schicksalsbestimmende Frauen in der Männerwelt, speziell im vorchristlichen Germanien, als sie sich noch nicht auf die Völkerwanderung begaben, also kurz vor 400 n.Ch., und eine Dame dieses Kreises lebte und handelte nachweislich um 69-70 n.Ch., und zwar eine Seherin, die massiv in die Stammespolitik eingriff, namens Veleda. Veleda ist eine der faszinierendsten Frauenfiguren der frühen germanischen Geschichte, weil sie beweist, dass religiöse Autorität im 1. Jahrhundert n. Chr. auch politische Macht hergeben konnte.

    Veleda war eine germanische Seherin (prophetissa) aus dem Stamm der Brukterer, die im Gebiet des heutigen Westfalens (zwischen Lippe und Ruhr) lebten. Sie lebte zur Zeit des Bataveraufstands gegen Rom (um 69–70 n. Chr.) – also etwa 300 Jahre vor der klassischen Völkerwanderungszeit, allein ihre Rolle als spirituelle Führungsfigur ist ein früher Hinweis auf religiös-politische Macht in germanischen Gesellschaften. Sie sah laut römischen Quellen, wie alle Germaninnen für Römer, blendend aus, und keine schwarzgelockte südländische Schönheit konnte ihr das Wasser reichen. Unsere wichtigste Quelle ist der römische Historiker Tacitus, besonders in: Historiae (Buch IV, Kapitel 61 und 65; Buch V, Kapitel 22–25) und Germania (Kapitel 8).

    Tacitus beschreibt Veleda als eine Jungfrau, auch das im antiken Rom ab Alter 12 Jahre sicher schwer zu finden, aus dem Stamm der Brukterer, die von den übrigen Germanen als «göttlich» verehrt wurde. Er sagt, dass man sie nicht direkt ansprach, sondern «dass Boten durch einen Mittelsmann mit ihr kommunizierten» – das unterstreicht ihre sakrale Distanz und Autorität. Veleda war nicht bloß eine Priesterin, sondern eine Schlüsselfigur im Widerstand gegen Rom:

    • Während des Bataveraufstands (geführt von Iulius Civilis, wie Hermann der Etrusker, Führer einer röm. Hilfstruppe über 500-1000 Männer) galt Veleda als Prophetin des Sieges.
    • Sie soll den Untergang der römischen Besatzungstruppen vorhergesagt haben.
    • Römische Quellen berichten, dass sie nach dem Sieg der Bataver Gesandte empfing und sogar politische Entscheidungen beeinflusste – also de facto Macht ausübte.
    • Eine den Römern abgenommene, eroberte Stadt (Colonia Ulpia Traiana, bei Xanten) wurde ihr als Geschenk übergeben – ein Symbol für ihre politische Bedeutung.

    Veleda verkörpert die Verbindung von Religion, Politik und Geschlecht in frühgermanischer Kultur:

    • Sie war unverheiratet und keusch, was ihr eine sakrale Sonderstellung gab (ähnlich römischen Vestalinnen).
    • Ihre Prophetien gaben Orientierung in einer Zeit des Aufruhrs.
    • Sie war eine Völva-ähnliche Figur – also eine Frau, die durch göttliche Eingebung sprach und damit auch kollektive Entscheidungen beeinflusste. (Eine Völva war eine Seherin, Wahrsagerin oder Zauberin in der nordischen Mythologie und germanischen Kultur, die durch Rituale wie Seidr-Magie und die Weissagung in die Zukunft blicken konnte. Sie wurde oft als „Stabträgerin“ bezeichnet, da sie einen Stab als wichtiges Attribut trug, und genoss in der Wikingergesellschaft hohen Respekt, selbst der Göttervater Odin suchte ihren Rat.)

    Für mich hat sie viele Gemeinsamkeiten mit den Seherinnen des Orakels von Delphi, das 391 n.Ch. vom römischen Kaiser Theodosius I geschlossen wurde, das sehr wahrscheinlich im Germanien des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung den betreffenden Leuten bekannt war, denn gereist wurde auch damals schon – vor allem von Söldnern, und die erzählten auch damals gerne viel, wenn der Abend lang ist.

    Kurz und bündig: Veleda und die Frauen (die Pythia) vom Orakel von Delphi sind beide weibliche religiöse Autoritäten — Seherinnen/ Prophetinnen — und erfüllen in ihren indogermanischen Kulturen sehr ähnliche Rollen. Hier die wichtigsten Gemeinsamkeiten:

    • Prophetinnen / Seherinnen — Beide galten als Vermittlerinnen zwischen Menschen und dem Göttlichen und sprachen Weissagungen aus.
    • Religiöse/rituelle Funktion — Sie operierten in einem religiösen Rahmen: Rituale, Opfergaben und kultische Regeln umgaben ihre Tätigkeit.
    • Soziale und politische Einflussnahme — Ihre Aussagen konnten Entscheidungen beeinflussen (z. B. in Krieg, Politik oder bei wichtigen Gemeindenfragen). Veleda wurde von germanischen Gruppen hochgeachtet; die Pythia gab Staats- und Privatpersonen Rat aus ganz Griechenland.
    • Autoritätsstatus durch Geschlecht — Beide verkörpern in ihren Kulturen eine Form weiblicher religiöser Macht — oft mit Sonderstellung und besonderer Achtung.
    • Trance/ekstatische Zustände (oder veränderte Bewusstseinszustände) — Bei der Pythia ist in historischer Forschung von Trance, Ritualen und möglichen Inhalationen (Dämpfe) die Rede; bei germanischen Seherinnen wird ebenfalls über ekstatische Techniken berichtet — beides steht im Zusammenhang mit dem „Empfangen“ göttlicher Botschaften. (Nicht zu verwechseln mit Schamanismus. Die bedeutendste Schamanin im germanischen Raum: Die ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg, die nachweislich vor 9000 Jahren lebte. Die Germanen kamen indessen erst ca. 3500 Jahre später, so dass sie keine Indogermanin sein kann. Es gibt die These, da Schamanismus weltweit mit ähnlichen Praktiken verbreitet war/ist, dass dieser sich mit der Out-of-Africa-Wanderung des modernen Menschen entlang der Küsten des Indischen Ozeans und früh auch nach Eurasien und Nordamerika verbreitet habe.)
    • Symbolische Funktion — Sie waren auch kulturelle Symbole: Veleda als National-/Stammesikone im Konflikt mit Rom, die Pythia als religiöse Institution, die pan-griechische Identität mitprägte.

    Kurz zu den Unterschieden: Die Pythia war eine lang etablierte, institutionalisierte Priesterin im Heiligtum des Apollo (Delphi) mit formalisierter Zeremonie und hohem überregionalen Renommee; Veleda war eine germanische Seherin, deren Autorität stärker mit einem konkreten Stammeskontext und zeitgeschichtlichen Ereignissen (z. B. dem Bataveraufstand um 69–70 n. Chr.) verbunden war.

    Nach dem Scheitern des Bataveraufstands (70 n. Chr.) wurde Veleda von den Römern gefangen genommen. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts Sicheres bekannt. Einige Quellen deuten an, dass sie nach Rom gebracht wurde-bekannt war sie dort ganz sicher: Im Jahr 1926 wurde nämlich ein Epigramm gefunden, das Veleda verspottete. Es ist in Form eines Orakels abgefasst. Der Fundort Ardea liegt in der Nähe Roms. Wegen des Epigramms glaubte man, das Städtchen sei zeitweise Aufenthaltsort der Veleda gewesen. Andere Quellen sagen, dass sie in ihrer Heimat unter Hausarrest stand oder später frei blieb.


    Auch heute ist sie durchaus präsent: In dem von August von Kotzebue verfassten romantischen Zauberspiel in fünf Akten Die kluge Frau im Walde, oder Der stumme Ritter (1801) kommt „Welleda“ die Titelrolle zu. Im Jahr 1818 veröffentlichte Friedrich de la Motte Fouqué den Roman Welleda und Ganna. In der DDR erschien in den 1960er Jahren das bekannte Kinderbuch «Die Wächter der Veleda» von Rolf Kahl, in dem die Seherin Veleda die Nachbarstämme aufruft, einig wie zu Armins Zeiten, gegen die Römer zu kämpfen, die mit Gewalt und List, mit Hilfe von Verrätern und Spionen, versuchen, alle Germanen zu unterjochen. Veleda wurde in späteren Jahrhunderten zu einer Symbolfigur: Im Mittelalter und besonders in der Romantik galt sie als Bild der „weisen Frau des Nordens“. In der Feminismus- und Geschichtsforschung des 20./21. Jahrhunderts wird sie oft als Beispiel dafür gesehen, dass Frauen im vorchristlichen Europa spirituelle und soziale Machtpositionen innehatten, die später vom patriarchalen System verdrängt wurden. Nach der germanischen Seherin Veleda ist das anthroposophische Pharmaunternehmen Weleda benannt. In der Walhalla bei Regensburg erinnert als eine der wenigen Frauen dort (Nummer drei!) eine Gedenktafel an sie. Der Asteroid (126) Velleda wurde nach ihr benannt. Die niederländische Metalband „Heidevolk“ widmete ihr auf dem 2012 erschienenen Album „Batavi“ das Instrumentalstück „Veleda“.

    Veleda spricht – ein historisch inspirierter Monolog, Szene I

    Ich sitze über dem Fluss, in meinem hölzernen Turm. Unten fließt die Lippe, grau und schwer vom Regen. Männer kommen mit ihren Pferden, erschöpft von Krieg und Verrat. Sie sprechen nicht zu mir. Sie sprechen zu dem Mädchen, das meine Worte trägt. So ist es richtig: Zwischen mir und ihnen liegt der Wille der Götter. Ich sehe das Feuer über den römischen Lagern. Ich sehe den Adler stürzen. Civilis glaubt, er kämpft für Freiheit — aber es ist Wodan, der ihn führt, und ich bin nur sein Mund. Ich bin keine Königin, und doch beugen sie das Knie. Ich trage keine Krone, doch mein Wort bewegt Heere. Die Römer nennen mich Prophetin. Sie verstehen nicht: Ich sehe keine Zukunft, ich höre nur das, was schon webt in den Fäden der Nornen. Wenn sie sagen, dass ich Macht habe, dann lachen die Götter. Ich habe nur Ohren, und manchmal fürchte ich, sie hören zu viel. Man sagt, sie werden mich holen, mich nach Süden bringen. Aber auch das ist in den Fäden. Kein Mensch entgeht dem Gewebe. Auch kein Kaiser.

    (Stilistisch angelehnt an Tacitus’ Berichte und an altnordische Vorstellungen vom Schicksal.)

    Veleda spricht das göttliche Urteil– Szene II

    Wieder der Turm aus Holz, an den Ufern der Lippe, im Land der Brukterer. Spätherbst des Jahres 70 n. Chr. Ein grauer Morgen. Nebel zieht vom Fluss herauf. Die Männer steigen langsam den Hang hinauf. Der Boden ist feucht, das Laub knirscht unter den Sandalen der römischen Soldaten. Einer von ihnen trägt ein Banner, der andere eine kleine Truhe – ein Geschenk, vielleicht ein Bestechungsversuch. Vor ihnen schreitet Claudius Herennianus, Gesandter des Legaten von Vetera. Er ist jung, ehrgeizig, nervös.

    Oben ragt der Turm der Veleda. Kein Rauch, kein Geräusch. Nur ein schmaler Spalt, ein Schatten hinter einem Holzfenster.

    Ein Mädchen tritt ihnen entgegen – nicht Veleda selbst, sondern ihre Mittlerin, in grauen Gewändern, mit einem Zeichen aus Runen auf der Stirn. „Ihr dürft nicht sprechen“, sagt sie auf holprigem Latein. „Nur hören.“ Herennianus verneigt sich. „Ich bringe Grüße des römischen Kommandanten. Und den Wunsch nach Frieden.“ Die Frau nickt, verschwindet durch eine schwere Tür. Man hört leises Murmeln, dann Stille. Minuten vergehen. Der Wind raschelt im Schilf. Dann öffnet sich ein hölzernes Fenster im oberen Stockwerk. Ein weißes Tuch bewegt sich – und eine Stimme, klar und ruhig, hallt über den Hof.

    „Der Adler fällt nicht, wenn er fliegt“, sagt die Stimme. „Aber wenn er zu lange im Blut badet, wird er blind.“ Herennianus blickt auf. „Heißt das…?“ Er verstummt, wagt es nicht, den Satz zu beenden. „Ihr Römer seid gekommen, um das Land zu beherrschen“, fährt die Stimme fort. „Doch dieses Land gehört dem Nebel, dem Wald, dem Wasser. Ihr habt geglaubt, ihr könntet es zählen, vermessen, kaufen. Ihr habt die Geister übersehen.“ Herennianus schaut ratlos auf das Geschenk in der Truhe. Gold, Münzen, fein gearbeitet. „Wir bringen Gaben, ehrwürdige Frau. Zeichen des Respekts.“ Ein kurzes Schweigen. Dann das letzte Wort von oben: „Die Götter nehmen keine Gaben aus Angst. Nur aus Ehrfurcht.“

    Der Wind schlägt das Fenster zu. Der Nebel steigt. Und der römische Gesandte begreift, dass er keine Verhandlung geführt hat, sondern einem Urteil beigewohnt hat.

    Diese Szene lehnt sich an Tacitus’ Schilderung an, dass Veleda sich nicht direkt zeigte, sondern durch Mittelsleute sprach, und dass römische Gesandte tatsächlich zu ihr gesandt wurden. Sie wird hier als Symbol weiblicher und spiritueller Autorität dargestellt – unnahbar, doch mit politischer Wirkung.

    Szene III: Veleda in der Gefangenschaft

    Ort: Ein römisches Lager, irgendwo an der Rheinlinie. Nacht. Draußen das gleichmäßige Klirren von Rüstungen, das Knacken der Wachtfeuer. Drinnen, in einem schmalen Raum aus Stein, sitzt Veleda auf einer Bank. Ihre Hände sind nicht gefesselt.

    Ich höre sie reden, wenn sie glauben, ich schlafe. „Das ist sie“, sagen sie. „Die Priesterin der Brukterer. Die, die Civilis den Mut gab.“

    Sie sprechen meinen Namen, als wäre er ein Zauberspruch, den man flüstern muss, damit er keine Macht entfaltet. Ich lache leise. Sie verstehen nicht: Ich war nie die Quelle. Ich war nur das Echo. Der Fluss, der einst unter meinem Turm floss, redete lauter als ich. Er erzählte mir, was kommen würde — erst in Strömungen, dann in Stimmen. Ich wiederholte nur, was das Wasser wusste. Jetzt bin ich weit fort von ihm, und das Schweigen hier ist anders. Es ist trocken, leer, wie Staub. Kein Fluss trägt meine Gedanken mehr. Heute kam ein Centurio, jung, höflich. Er fragte, ob ich bereue. Ich fragte zurück: „Was?“ Er schwieg. Vielleicht wusste er es selbst nicht. Wenn sie wüssten, dass die Römer nicht gesiegt haben, nur weil sie mich gefangen hielten. Der Sieg war schon entschieden, bevor der erste Speer flog. Ich sah den Untergang beider — Römer wie Brukterer. Denn wenn ein Volk den Himmel verliert, der es trägt, ist es gleich tot, ob es Ketten trägt oder Kronen.

    In der Nacht träume ich manchmal von den alten Hügeln. Ich sehe die Frauen, die noch Kinder waren, als ich ging. Vielleicht singen sie jetzt für andere. Vielleicht haben sie vergessen, dass man einst in den Wind sprach, um Antwort zu finden. Wenn der Morgen kommt, werde ich schweigen. Denn die Götter reden nicht in den Sprachen der Sieger. Sie reden im Wind. Und der Wind gehört niemandem.

    Historischer Nachklang

    Tacitus erwähnt, dass Veleda nach der Niederschlagung des Bataveraufstands von den Römern gefangen genommen wurde, doch ihr weiteres Schicksal bleibt unbekannt.

    Diese Szene nimmt an, dass sie überlebt, aber als Symbol der verlorenen Freiheit der germanischen Stämme im römischen Machtbereich endet – körperlich besiegt, aber geistig ungebrochen.

    Veledas letzte Tage

    Szene IV – Die Stimme im Turm

    Bevor die Römer kamen, war der Wind mein Bote. Ich sprach, und die Männer hörten nicht mich, sondern das, was durch mich sprach. Man sagt, ich hätte Macht gehabt. Aber Macht ist nur die Form des Glaubens, den andere in dich legen. Als sie die Adler kommen sahen, baten sie um Worte. Ich gab ihnen Worte – nicht, um sie zu retten, sondern damit sie wüssten, dass sie Teil eines größeren Liedes waren.

    Jetzt, da die Fackeln verlöschen und das Land still geworden ist, weiß ich: Das Lied war nicht meines. Ich war nur die Stimme im Turm. Die Götter haben viele Münder. Ich war einer davon.

    Szene V – Der Marsch

    Die Römer führten sie über den Rhein, durch Dörfer, die brannten, und über Brücken, die rochen nach Eisen und Rauch. Veleda ging barfuß, weil sie den Boden spüren wollte, den sie verließ.

    Ein Legionär fragte, ob sie die Zukunft kenne. „Ich kenne nur das Gewebe“, sagte sie. „Und was ist darin für mich?“ fragte er.
    „Nur das, was du hineinschneidest.“

    Er verstand nicht. Niemand verstand. Aber in der Nacht, als der Marsch weiterging, fiel ein Stern, und der Soldat erinnerte sich an ihre Worte — und spürte plötzlich, dass Schicksal nicht fern ist, sondern hinter der eigenen Hand lauert.

    Szene VI – Das Haus aus Stein

    Rom. Oder vielleicht Trier. Die Orte der Sieger klingen gleich. Veleda wurde in ein Haus gebracht, das kühl war und nach Öl und Wein roch. Sie saß dort, sah durch Gitter aus Bronze den Himmel, der nicht der ihre war.

    Man ließ Gelehrte kommen, die sie befragen sollten. Einer von ihnen, ein alter Mann mit einer Rolle aus Pergament, fragte: „Wenn du die Zukunft sahst, warum hast du den Untergang deiner eigenen Leute nicht verhindert?“ Veleda antwortete: „Wer das Weben sieht, darf die Fäden nicht lösen. Sonst zerreißt das Ganze.“ Der Alte schrieb es auf. Später strich er es wieder durch.

    Zwischenruf – Mythische Nachwirkung

    Nach ihrem Tod – oder ihrem Verschwinden – blieb Veleda im Gedächtnis des Nordens.
    Im Mittelalter erzählte man sich, sie sei eine Priesterin gewesen, die ins Wasser stieg und nie zurückkehrte, und dass ihr Geist fortan in den Nebeln über dem Rhein wohne.
    Manche meinten, man könne sie in stürmischen Nächten noch singen hören, wenn der Wind aus Westen kommt.
    Später nannte man solche Frauen „Hexen“ oder „Weise Weiber“ – und verbrannte sie für dieselbe Gabe, die man einst „heilig“ nannte, und das letzte Mal ist auch noch nicht lange her..

    Szene VII – Der Kaiser

    Ort: Rom, oder der Traum davon. Die Halle ist groß, weiß, aus Marmor und Staub. Überall Augen aus Bronze – Adler, Götter, Menschen, die vergessen haben, dass sie Staub sind.

    Der Kaiser tritt ein, in Gold und Purpur. Man hat Veleda hergebracht, um sie zu zeigen – als Trophäe oder als Kuriosität. Sie trägt einfache Kleidung, das Haar geflochten, die Stirn ruhig.

    Er sagt: „Man nennt dich Seherin. Sie sagten, du hättest Aufstände geweissagt, Heere bewegt, Könige beraten. Sag mir, Frau des Nordens: Siehst du nun das Ende Roms?“ Veleda blickt auf. In ihrem Blick ist keine Furcht, kein Trotz. Nur Gewissheit. „Euer Ende? Nein. Ich sehe nur, dass ihr glaubt, es könne keines geben.“ Ein Flüstern geht durch die Halle. Der Kaiser lächelt dünn. „Dann bist du also blind.“ Veleda neigt den Kopf. „Blind ist, wer glaubt, dass Stein ewig ist und Flüsse schweigen.“

    Sie wird abgeführt. Aber der Kaiser sieht ihr nach, und zum ersten Mal spürt er, wie kurz ein Menschenreich ist gegen das Atmen der Erde.

    Szene VIII– Die Rückkehr in den Nebel

    Später. Niemand weiß, wann. Manche sagen, sie sei auf einem Schiff den Rhein hinaufgebracht worden. Andere, sie habe sich selbst in den Fluss gestürzt. Wieder andere, sie sei einfach verschwunden, als hätte der Wind sie geholt.

    Die Wahrheit ist stiller: Ein Morgen im Norden, graues Licht über Wasser und Schilf. Ein einzelnes Boot gleitet lautlos über den Fluss. Darin eine Frau in weißem Mantel. Sie berührt das Wasser mit der Hand, murmelt leise etwas in der alten Sprache, die niemand mehr spricht. „Alles fließt zurück. Auch Worte.“ Dann steht Nebel auf. Der Fluss verschluckt Boot und Frau zugleich. Nur ein Vogel ruft, weit oben. Dann Stille.

    Als die Sonne aufgeht, glänzt das Wasser glatt wie Metall. Und wer am Ufer steht, schwört, er habe dort etwas gehört – nicht mit den Ohren, sondern mit dem Herzen: das Echo einer Stimme, die noch immer webt zwischen Erde und Himmel.

    Nachwort – Die Wiederkehr der Stimme

    Veleda starb – oder ging – als Mensch. Doch ihr Bild überdauerte: als die „Weise Frau im Nebel“, als Archetyp der Frau, die zwischen den Welten wandelt. Die Römer nannten sie Prophetin, die Christen später Hexe, die Dichter eine Muse des alten Nordens.
    Aber in Wahrheit war sie nur eines: Die Erinnerung daran, dass Macht ohne Weisheit leer ist – und dass selbst die Sieger eines Tages dem Wind zuhören müssen.