Schlagwort: Archäologie und Funde

  • Archäologie und Funde der Friesen

    Archäologie und Funde der Friesen: Fenster in die germanische Vergangenheit

    In den Niederlanden und Deutschland an der Nordseeküste liegt das historische Siedlungsgebiet der Friesen, eines germanischen Volkes mit einer langen und bewegten Geschichte. Tief in den Marschen, auf Warften und in Mooren bergen sich Überreste einer faszinierenden Kultur. Archäologische Ausgrabungen fördern neben jungsteinzeitlichen Werkzeugen und Pflügen auch verborgenes Wissen über die Wirtschaftsweisen, sozialen Strukturen und Handelsbeziehungen dieser Seefahrer zutage. Während die antiken römischen Autoren ihre ersten Berichte lieferten, gewähren uns immer wieder spektakuläre Funde Einblicke in das Leben, die Kämpfe und den Alltag eines Volkes, das sich über die Jahrtausende an das raue Nordseeklima anpasste.

    Die archäologische Spurensuche: Frühzeitliche Funde und zweite Blüte der Friesen

    Die archäologische Forschung ergründet das Leben der Friesen von den frühesten Spuren menschlicher Besiedlung bis ins Mittelalter. Besonders in den Mooren Ostfrieslands, wie im Brockzeteler Moor oder Moor von Georgsfeld, wurden Artefakte aus der Mittelsteinzeit entdeckt. Von Bedeutung sind auch Pflugfunde, etwa der einer der ältesten bekannten Pflüge der Welt aus Georgsfeld, ursprünglich dem 4. Jahrtausend v. Chr. zugeschrieben, heute jedoch in die frühe Bronzezeit (1940–1510 v. Chr.) datiert. Solche Funde zeugen von einer langen agrarischen Tradition in einer Landschaft, die der Mensch mit einem ausgeklügelten Deich- und Bewässerungssystem bewohnte.

    Aus der römischen Kaiserzeit berichten Plinius der Ältere und Tacitus von einem germanischen Stamm namens Frisii, den Vorläufern der späteren Friesen. Tacitus nennt sie in seiner „Germania“ als „Große“ und „Kleinere Friesen“, ansässig entlang des Rheins und in sumpfigen Küstengebieten. Die archäologische Fundlage und zeitgenössische linguistische Befunde lassen jedoch auf eine komplexe Entwicklung schließen: Zwischen den antiken Frisii und den friesischen Gruppen im Mittelalter besteht wahrscheinlich nur eine begrenzte Kontinuität. Um das 5. und 6. Jahrhundert scheint das Siedlungsgebiet weitgehend von anderen germanischen Völkern wie den Angelsachsen neu bevölkert worden zu sein. Eine Kontinuität des Stammesnamens deutet auf eine bewusste Identitätsannahme der späteren Friesen gegenüber dieser historischen Bezeichnung.

    Im frühen Mittelalter, ab dem 7. Jahrhundert, stehen Friesen als ein seefahrendes, freies Volk in den Quellen. Sie errichteten neben Einzelwarften auch große Handelsdörfer (Wik), wie das zentrale Dorestad an der Flussgabelung von Rhein und Lek, das als blühende Handelsstätte Wollmäntel, Salz und Bernstein an Kunden bis ins Binnenland und nach Byzanz lieferte.

    Gesellschaftliche Strukturen und Kultur der Friesen

    Die soziale Ordnung der Friesen unterschied sich deutlich von feudalistischen Verhältnissen, wie sie in vielen Teilen Europas verbreitet waren. Archäologische Befunde, historische Quellen und Traditionsüberlieferungen zeugen von einem stark egalitären Aufbau. So wählten Landesgemeinden ihre Anführer selbst und pflegten autarke Rechtsordnungen, die in der sogenannten „Lex Frisionum“ aus der Zeit Karls des Großen schriftlich fixiert wurden.

    Die Friesische Freiheit, symbolisiert durch den Upstalsboom, eine Steinpyramide aus Findlingen bei Aurich, und die regelmäßigen Versammlungen der Vertreter der sogenannten Sieben Seelande am Feste nach Pfingsten, unterstreichen die kollektive Entscheidungsfindung und die Verteidigung gemeinsamer Rechte gegen äußere Mächte.

    Die Friesen waren bekannt für ihre Unabhängigkeit und ihren Widerstandsgeist, etwa gegen die römische Oberherrschaft oder später fränkische Versuche der Unterwerfung. Ihr Motto „Lieber tot als Sklave“ spiegelt die inneren Werte der Freiheit und Selbstbestimmung wider.

    Architektur und Siedlung

    • Warften und Wurten: Auf höheren Erdhügeln, von Menschenhand aufgebaut, errichteten die Friesen ihre Wohnstätten, um sich gegen Sturmfluten und Überschwemmungen zu schützen. Diese Siedlungsform existiert als steter Beweis menschlicher Anpassung an das Hochwasser der Nordseeküste.
    • Langhäuser: Die Germanen bauten Langhäuser mit sehr ähnlichen Grundrissen über Generationen an denselben Orten. Gleichmäßige Maße und Anordnungen zeigen einen gesellschaftlichen Kodex, der auf Gleichheit und Vermeidung von Überbietung schloss.
    • Handelsniederlassungen: Die Wik genannten Dörfer waren pulsierende Zentren von Handwerkern und Kaufleuten, bezeuge ihre enge Vernetzung mit dem mittelalterlichen Fernhandel.

    Wirtschaft und Handel: Meeresanbindung und Handelsnetzwerke

    Die Küstenlage und die Seefahrtradition ermöglichten den Friesen Handel weit über ihre Küstengebiete hinaus. Von der Fischerei und Salzgewinnung im Wattgebiet bis zum Fertigen und Export von Wollmänteln waren die Friesen in der ganzen Nordseeregion etabliert.

    • Salzgewinnung: Salzhaltiger Torf wurde verbrannt, um so kostbares „friesisches Salz“ zu extrahieren, ein begehrtes Handelsgut von Römerzeit bis ins Mittelalter.
    • Textilien: Die Verarbeitung von Ziegen- und Schafwolle zu Decken, Mänteln und feinen Stoffen fand großen Absatz, sogar bis nach Byzanz und in den arabischen Raum über Mittlerstationen. Fränkische Höfe erhielten regelmäßige Lieferungen.
    • Handelsschiffe: Archäologische Funde wie das Friesenschiff von Roggenstede zeigen flach gebaute, stabile Boote, die dem Trockenfallen bei Flutstand Rechnung trugen. Die späteren hochbordigen Koggen der Hanse gehen auf diese Schiffsbauweise zurück.
    • Handelsnetz: Von der Nordseeküste bis ins Binnenland, nach Dänemark, Schweden und sogar Byzanz handelten die Friesen Waren wie Bernstein, Pelze, Seide, Pfeffer und Gewürze.

    Aufstände und Kriege: Die Friesen zwischen Römern, Franken und Sachsen

    Römische Quellen berichten von Aufständen der Frisii, beispielsweise gegen die Ausbeutung durch den Statthalter Olennius, wie Tacitus erwähnt. Dies verdeutlicht, dass die Friesen früh Widerstandsgeist zeigten. Später kämpften sie gegen die fränkische Expansion unter Karl den Großen, der 785 das friesische Kerngebiet bis zur Weser eroberte. Trotz Unterwerfung blieb die friesische Selbstverwaltung und Freiheit außergewöhnlich stark ausgeprägt. Sie wurden aufgrund dessen erst im 11. Jahrhundert christianisiert.

    Archäologische Analysen von Grabfunden wie in Bad Füssing zeigen gewaltsame Konflikte und Umbrüche in germanischen Regionen der Spätantike. Dort wurden beispielsweise ein offenbar im Kampf getöteter Reiter mit Schwerthieben geborgen, der in eine Zeit des Übergangs zwischen römischer und bajuwarischer Herrschaft datiert. Solche Funde liefern wertvolle Einsichten in die wechselvolle Geschichte germanischer Stämme, auch wenn sie nicht direkt auf die Friesen bezogen werden.

    Funde und Fundorte von Bedeutung für die Friesische Geschichte

    • Warften und Moorfunde – Überreste von Siedlungen, Gräbern und Alltagsgegenständen ermöglichen Einblicke in die Anpassungen an die Umwelt der Nordseeküste.
    • Goldhort von Gessel (Niedersachsen, 2011) – Eine bedeutende Sammlung bronzezeitlicher (14. Jh.v.u.Z) Goldobjekte, die Einblicke in rituelle und soziale Verhältnisse vor Jahrtausenden bietet.
    • Handelsplatz Dorestad (Niederlande) – Einer der wichtigsten friesischen Handelsorte, mit archäologischen Funden aus dem Hochmittelalter, die den Umfang des Fernhandels dokumentieren.
    • Friesenschiff von Roggenstede (Ostfriesland) – Ausgrabung eines flach gebauten Segelbootes für die Nordsee, ursächlich für die spätere Entwicklung der Hansekogge.

    Bild: Goldhort von Gessel

    Herausforderungen der Quellenlage und Deutung des Friesischen Erbes

    Die Quellenlage zur friesischen Geschichte ist teils fragmentarisch: Schriftliche Quellen aus römischer Zeit sind spärlich und meist von außen verfasst. Die Kontinuität zwischen antiken Frisii und den mittelalterlichen Friesen ist nicht unumstritten; archäologische und linguistische Studien legen nahe, dass es eher eine Namensübernahme mit Parteienwechsel gab als eine ethnische Durchgängigkeit. Die größte Zahl der schriftlichen Zeugnisse stammt aus dem Mittelalter, insbesondere durch Franken und Kirchenchronisten, während indigenous friesische Aufzeichnungen nur sehr begrenzt überliefert sind.

    Archäologie, Linguistik und historische Forschung ergänzen sich gegenseitig, erlauben aber nicht immer eindeutige Schlüsse. Die Vielfalt der Funde – von bronzezeitlichen Goldhorten über römische Kampfspuren bis zu mittelalterlichen Handelsplätzen – legt ein komplexes Bild nahe. Dieses zeigt die Friesen als ein anpassungsfähiges, offen vernetztes Volk mit einer eigenständigen Kultur, die durch Umweltbedingungen und wechselnde politische Mächte geprägt wurde.

    Fiktive Geschichte vom Kampf der Friesen gegen den Christen Karl Martell, der die Herrschaft der Franken 734 begründete

    Ich heiße Hajo, Sohn des Wybren, und ich bin ein Friese vom Meer. Wenn ich die Augen schließe, rieche ich noch immer Salz und Tang, höre das Schreien der Möwen über den Prielen und das Knarren der Boote im Wind. So begann mein Leben, lange bevor der Name Karl Martell wie ein Fluch über unsere Marschen kam.

    Wir Friesen waren freie Männer. Das sagten wir zumindest. Frei wie das Wasser, das kommt und geht, frei wie der Wind, der unsere Segel füllt oder zerreißt. Wir lebten vom Handel, vom Fischfang, von dem, was wir dem Meer abtrotzen konnten. Unsere Götter kannten wir beim Namen, und sie kannten uns, glaubten wir. Wodan, Donar, die alten Mächte – sie wohnten im Sturm und im Feuer.

    Als die Franken kamen, kamen sie nicht zuerst mit Schwertern, sondern mit Worten. Mit Priestern, die von einem einzigen Gott sprachen, und mit fränkischen Gesandten, die Tribute forderten. Manche unserer Häuptlinge beugten sich. Andere, wie unser Anführer Poppo, nicht. Ich war jung damals, stark in den Armen, schnell mit dem Sax in der Hand, und ich folgte ihm ohne Zögern.

    Karl Martell war kein König, sagten sie, aber er herrschte wie einer. Ein Hammer, nannten ihn die Franken, und das passte. Wo er zuschlug, blieb nichts heil. Er wollte uns unterwerfen, unsere Küste sichern, unseren Glauben brechen. Für ihn waren wir ein Randvolk, ein Hindernis. Für uns war er der Mann, der uns die Freiheit nehmen wollte.

    Die Schlacht, an die ich mich am deutlichsten erinnere, fand nahe der Boorne statt. Nebel lag über dem Land, feucht und kalt, als hätten die Götter selbst den Atem angehalten. Wir standen knöcheltief im Gras, Schilde an Schild, und warteten. Ich hörte mein eigenes Herz schlagen, lauter als das Klirren der Waffen. Neben mir murmelte jemand ein Gebet zu Donar.

    Dann kamen sie. Die Franken in ihren geordneten Reihen, schwere Schilde, lange Speere. Keine wilden Krieger wie wir, sondern eine Wand aus Eisen und Disziplin. Und hinter ihnen, so schien es mir, der Wille eines einzigen Mannes.

    Als es begann, gab es keinen Raum mehr für Angst. Nur noch Bewegung, Schreie, Blut. Mein Sax traf Fleisch, mein Schild fing einen Hieb ab, der mir sonst den Arm gespalten hätte. Ich sah Männer fallen, Friesen und Franken gleichermaßen. Der Boden wurde glitschig, und der Nebel färbte sich rot.

    Irgendwann brach unsere Linie. Die Franken drängten nach, unerbittlich. Ich sah Poppo, wie er kämpfte, umringt von Feinden, bis er fiel. In diesem Moment wusste ich, dass wir verloren hatten. Nicht nur die Schlacht, sondern etwas Größeres.

    Ich entkam, verletzt, gedemütigt. Viele taten das nicht. Nach dem Sieg kamen die Priester zurück, begleitet von fränkischen Kriegern. Taufen wurden erzwungen, Heiligtümer zerstört. Unsere Götter verschwanden nicht sofort, aber sie wurden leiser. Man erzählte sich, Karl Martell habe gesagt, ein unterworfenes Friesland sei besser als ein verbranntes. Großzügigkeit nannte man das.

    Heute bin ich alt. Meine Hände zittern, wenn ich ein Messer halte, und das Meer klingt anders als früher. Meine Enkel tragen christliche Namen und machen das Kreuzzeichen, bevor sie essen. Manchmal fragen sie mich nach den alten Zeiten, nach den Schlachten, nach Karl Martell. Dann erzähle ich ihnen nicht von Hass, sondern von dem Gefühl, frei zu sein, auch wenn es nur für einen Moment war.

    Karl Martell hat uns besiegt, ja. Aber er hat nicht alles genommen. Solange jemand sich erinnert, solange das Meer unsere Geschichten trägt, leben wir weiter. Ich bin ein Friese. Und das kann mir kein Hammer der Welt nehmen.

    Quellen

    • https://de.wikipedia.org/wiki/Friesen
    • https://www.nordfriiskfutuur.eu/nordfrieslandlexikon/friesen/
    • https://www.wikingar.de/Friesen-Geschichte-Kultur-und-Bedeutung-des-germanischen-Stammes
    • https://www.museum-aurich.de/museum/der-upstalsboom-die-friesische-freiheit.html
    • https://www.sueddeutsche.de/bayern/bad-fuessing-siedlungen-inn-bajuwaren-geschichte-archaeologie-li.3337079
    • https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/graeberfeld-beleuchtet-anfaenge-der-bajuwaren/
    • https://www.thueringer-allgemeine.de/lokales/nordhausen/article410517062/spuren-alter-welten-archaeologen-entdecken-im-kreis-nordhausen-die-geschichte.html
    • https://www.compact-online.de/germanen-die-5-spektakulaersten-funde/
  • Archäologie und Funde der Goten

    Ausgrabung im Schatten der Zeit: Ein Blick auf die archäologischen Spuren der Goten

    Das prächtige Mausoleum des Theoderich des Großen in Ravenna und in Spanien die Schatzfunde von Guarrazar sind eindrückliche Zeugnisse gotischer Kultur.

    Bild oben: Grabmal des Theoderich (freie Lizenz)

    Bild unten: Krone von Rekkeswinth, König der Westgoten. Er regierte vom 20. Januar 649 (als Mitregent seines Vaters) bzw. 30. September 653 (als Alleinherrscher) bis zu seinem Tod.

    Die Goten: Von der sagenhaften Herkunft bis zur archäologischen Spur

    Mythos und Realität der Herkunft

    Die Herkunft der Goten ist Thema jahrhundertelanger Forschung und Diskussion. Antike Quellen wie Tacitus und Strabon erwähnen im Raum der Weichselmündung ein Volk namens Gotonen oder Gutonen, das als Vorläufer der späteren Goten gelten kann. Der spätantike Historiker Jordanes berichtet in seiner „Getica“ von einer Herkunft der Goten aus Skandinavien, insbesondere von der Insel Scandza (heutiges Südskandinavien), nicht zwingend Gotland, und erzählt die Wanderung unter König Berig mit drei Schiffen an die Ostseeküste. Diese Vorstellung ist jedoch als Herkunftsmythos anzusehen, dem nur bedingt archäologische Befunde entsprechen.

    Ausführliche archäologische Untersuchungen haben in den letzten Jahrzehnten verstärkt die Wielbark-Kultur an der südlichen Ostseeküste und im Gebiet zwischen Elbe und Weichsel mit den frühen Gotengruppen in Verbindung gebracht. Es wird heute als wahrscheinlich erachtet, dass die Goten ihre Identität über Jahrhunderte durch Zusammenfügungen verschiedener Gruppen an der Grenze zum Römischen Reich im Donauraum ausbildeten, womit sich die Ethnogenese der Goten im 3. Jahrhundert vollzog. Die Existenz signifikanter Bevölkerungsbewegungen aus Skandinavien ist archäologisch nicht eindeutig belegbar, wenngleich die genetischen Untersuchungen auf eine Vermischung nordeuropäischer Einwanderer mit lokalen Gruppen schließen lassen.

    Archäologische Fundstätten und Materialkultur

    Die archäologischen Zeugnisse der Goten führen von den Wielbark-Fundstätten im heutigen Polen über die Chernyachov-Kultur (auch Sântana de Mureș-Cernjachov-Kultur) in der heutigen Ukraine und Moldau bis in südliche Gegenden Europas. Typische Fundobjekte wie Fibeln – insbesondere jene mit Adlerkopf- oder Bernsteinverzierung – zeigen eine Kontinuität und breiten Einfluss gotischer Materialkultur, die sich im Laufe der Völkerwanderungszeit von den Ostseeregionen bis nach Italien, Spanien und Südfrankreich erstreckte.

    Bild: Scandza, Skandinavien um 550 n. Chr. nach Jordanes, einem wenig zuverlässigen römisch-gotischen Gelehrten und Geschichtsschreiber des 6. Jahrhunderts

    In Italien zeugen Bauten wie das Mausoleum des Theoderich von einer Verschmelzung germanischer und römischer Bautraditionen. Das Königreich der Ostgoten, errichtet unter Theoderich dem Großen im 5. Jahrhundert, zeigte eine kunstvolle Weiterentwicklung der spätantiken Architektur und Verwaltung, während in Spanien unter den Westgoten zahlreiche Reichtümer wie der Schatz von Guarrazar sowie Kirchenbauten aus dem 6. und 7. Jahrhundert erhalten sind.

    Die Spaltung der Goten und ihre politischen Reiche

    Westgoten und Ostgoten: Gruppenbildung und politische Entwicklung

    Um das 3. Jahrhundert kam es zur rätselhaften Spaltung der Goten in zwei Hauptgruppen: die Westgoten (Terwingen, Visigothi) und die Ostgoten (Greutungen, Ostrogothi). Nach Jordanes habe sich die Spaltung des Volkes in West- und Ostgoten sich ereignet, als während der Überquerung eines großen Flusses die Brücke eingestürzt sei. Die Westgoten siedelten sich vorwiegend nördlich der Donau und später im Römischen Reich an, gründeten ein Reich in Gallien und später eines auf der Iberischen Halbinsel, das bis zur maurischen Eroberung 711 Bestand hatte. Die Ostgoten hingegen dominierten zunächst das Gebiet um das Schwarze Meer und die heutige Ukraine, wurden aber im 4. Jahrhundert von den Hunnen unterworfen.

    Bild: Wanderung der Goten und Vandalen

    Nach dem Niedergang des Hunnenreiches konnte Theoderich der Große im Laufe des 5. Jahrhunderts ein mächtiges Ostgotenreich errichten, das sich vor allem in Italien etablierte. Seine Herrschaft war von dem Bemühen gekennzeichnet, römische und gotische Traditionen miteinander zu verbinden und eine stabile Ordnung in einem von der Spätantike geprägten Europa anzustreben. Der Untergang des Ostgotenreiches erfolgte 552 unter dem Druck des oströmischen Kaisers Justinian I., nach langwierigen Kriegen und Schlachten.

    Römische Quellen und kriegerische Auseinandersetzungen

    In römischen Quellen sind die Goten mehrfach als Kriegergesellschaft in Erscheinung getreten. Die Schlacht von Adrianopel 378, in der die Westgoten einen verheerenden Sieg gegen Kaiser Valens’ Truppen errangen, gilt als Wendepunkt in der spätantiken Geschichte. Ebenso berichtete Tacitus in der Germania über ihre Siedlungsweise, Lebensweise und Religion. Neben kriegerischen Aktionen arbeiteten viele Goten zeitweise als Föderaten, also römische Verbündete, und wurden in diese zurückgedrängten Gebiete integriert.

    Kulturelle Aspekte und Alltag der Goten

    Lebensweise und soziale Ordnung

    Die Goten teilten viele Merkmale mit anderen germanischen Stämmen wie den Franken, Sachsen und Vandalen. Sie lebten ländlich, betrieben Ackerbau und Viehzucht, wobei der Ackerbau oft nicht auf maximale Überschüsse ausgerichtet war, sondern sich durch Nachhaltigkeit und gemischte Ernährung auszeichnete. In archäologischen Untersuchungen dienten die bei Siedlungen und Bestattungen gefundenen Langhäuser als Beleg einer familiär und sozial organisierten Struktur.

    Ihre Gesellschaft war hierarchisch organisiert, mit einem Königtum, das sich – insbesondere bei den Ostgoten – stärker ausgeprägt zeigte. Im Unterschied zu manch anderem germanischem Volk legten die Goten oftmals keine Waffen in die Gräber, was auf Besonderheiten ihrer Begräbnispraktiken und zu einer eigenen kulturellen Transformation und  zu Christianisierung und Romanisierung hinweist.

    Religion und Schriftlichkeit

    Besonderes Gewicht kommt der Christianisierung der Goten zu, die durch den Bischof Wulfila im 4. Jahrhundert vorangetrieben wurde.

    Bild: Wulfila erklärt Goten das Evangelium

    Wulfila schuf das gotische Alphabet und übersetzte die Bibel ins Gotische – ein wichtiges Zeugnis der gotischen, der ältesten germanischen Sprache, und Kultur, von dem der Codex Argenteus das bedeutendste erhaltene Manuskript ist. Die Goten gehörten überwiegend der arianischen Glaubensrichtung an, was im frühen Mittelalter zu einer eigenständigen religiösen Prägung führte.

    Bild: Blatt aus der Wulfilabibel

    Schriftliche Zeugnisse in gotischer Sprache sind rar, doch neben biblischen Texten gibt es auch andere Fragmente und sogar Graffiti, etwa von der Krim, die auf eine bis ins 9. bis 10. Jahrhundert währende Verwendung der Sprache hindeuten. Die Schriftlichkeit der Germanen wird heute als weiter verbreitet angesehen, als einst gedacht, jedoch sind die meisten erhaltenen Texte über schriftliches Kulturgut hinaus von anderen Quellen abhängig, da Holztafeln und andere Materialien kaum konserviert wurden.

    Bild: Gotische Alphabet

    Kulturelle Zeugnisse und Einfluss

    Die gotische Kultur hinterließ bedeutende Kulturelemente in Europa. Die gotische Kunst repräsentiert eine Mischung germanischer und romanischer Einflüsse, sichtbar in Schmuckstücken, Fibeln und Baukunst. Besonders prächtig sind die Funde aus dem Schatz von Pietroasa und Guarrazar.

    Die Sprache der Goten beeinflusste vielerlei europäische Sprachen – Lehnwörter, Toponyme und Hydronyme finden sich in verschiedenen Regionen. Gotische Einflüsse auf Dialekte und Bezeichnungen, wie etwa in bairischen Mundarten, illustrieren den langen kulturellen Nachhall.

    Kulturelle Kontinuitäten und späte Nachwirkungen

    Obgleich die politischen Reiche der Goten im 6. bis 8. Jahrhundert untergingen, blieb ihr Erbe in Legenden, Namensgebungen und kirchlichen Traditionen lange sichtbar. In Spanien gilt das westgotische Königreich als Vorläufer des modernen Staates, während in Schweden und anderen Ländern weiter eine „gotische Spur“ kulturell präsent blieb. Sogar Karnevalstraditionen im Rheinland knüpfen in Teilen symbolisch an gotische Rituale an, bei denen man mit Masken böse Geister vertreiben will.

    Das gotische Erbe ist somit nicht nur archäologisch und sprachgeschichtlich greifbar, sondern reicht in das immaterielle kulturelle Gedächtnis Europas hinein und verdeutlicht die Rolle der Goten als Vermittler zwischen Antike und Mittelalter.

    Fazit

    Die Goten sind als ostgermanisches Volk ein Schlüsselvolk der Spätantike, sowohl in der politischen Umgestaltung Europas als auch in der kulturellen Vermittlung zwischen germanischer und römischer Welt. Archäologische Funde aus Skandinavien, Mittel- und Osteuropa bis hin zur Iberischen Halbinsel, schriftliche Zeugnisse der gotischen Sprache und bedeutende Bauwerke wie das Mausoleum Theoderichs belegen ihre vielseitige Präsenz. Dabei stellt die Forschung weiterhin die genaue Herkunft und Ethnogenese der Goten vor Herausforderungen, da Mythen und archäologische Befunde sich nicht immer decken. Auch die späte Nutzung gotischer Sprache und die kulturellen Überreste bleiben Gegenstand lebhafter wissenschaftlicher Debatten.

    Quellen

    • https://www.thueringer-allgemeine.de/lokales/nordhausen/article410517062/spuren-alter-welten-archaeologen-entdecken-im-kreis-nordhausen-die-geschichte.html
    • https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/die-germanen–wie-unsere-vorfahren-wirklich-lebten-36047010.html
    • https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/graeberfeld-beleuchtet-anfaenge-der-bajuwaren/
    • https://de.wikipedia.org/wiki/Goten
    • https://www.wikingar.de/Die-Goten-Ihre-Geschichte-Kultur-und-ihr-Einfluss-auf-Europa
    • https://abzv.de/wissen-ideen/geschichte/die-goten-germanischer-stamm-oder-eigenstaendige-kultur/
    • https://germanologie.wikioasis.org/wiki/Goten
    • https://jecken-goten.de/geschichte-der-goten/
    • https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110242263.51/html?lang=de
    • https://kath-akademie-bayern.de/mediathek-eintrag/die-goten-paten-europas-archaeologische-sprachliche-und-kulturelle-spuren-der-goten/
  • Archäologie und Funde der Heruler, Außenseiter und Rätsel der germanischen Geschichte

    Archäologie und Funde der Heruler

    Das leise Rauschen vereinzelter Wälder und die Stille feuchter Moorlandschaften verbergen tief unter ihrem Torf wertvolle Spuren vergessener Zeiten. Archäologen, mit Spaten und Pinzette ausgerüstet, haben sich über Jahrzehnte hinweg bemüht, aus diesem verborgenen Erdreich Zeugnisse des germanischen Stammes der Heruler zu bergen. Besonders im Grenzgebiet zwischen Donau und Marchland, zwischen Nordostösterreich und dem südlichen Slowakien zeichnen sich anhand archäologischer und schriftlicher Überreste die bewegte Geschichte dieses Stammes ab, der entscheidend zur Gestaltung der mitteleuropäischen Frühgeschichte beitrug.

    Die Heruler und ihre archäologische Spur

    Die Heruler gehören zu den rätselhaftesten und zugleich randständigsten Gruppen der germanischen Geschichte. Im Gegensatz zu bekannteren Völkern wie den Goten, Franken oder Langobarden hinterließen sie keine eigenen schriftlichen Zeugnisse und erscheinen ausschließlich in den Berichten fremder Autoren, vor allem römischer und byzantinischer Historiker. Dadurch bleibt ihr Bild fragmentarisch, widersprüchlich und von außen geprägt. Die Heruler erscheinen in den Quellen erstmals im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt. Erstmals treten die Heruler im 3. Jahrhundert n. Chr. in den Quellen auf. Sie werden als kriegerisches Volk beschrieben, das gemeinsam mit Goten und anderen Gruppen Raubzüge über das Schwarze Meer bis nach Griechenland unternahm. Besonders auffällig ist ihre extreme Mobilität: Die Heruler scheinen kein dauerhaftes, stabiles Siedlungsgebiet besessen zu haben, sondern bewegten sich über große Teile Europas hinweg. Diese Rastlosigkeit unterscheidet sie von vielen anderen germanischen Stämmen und macht ihre historische Einordnung schwierig.

    Insbesondere die Entdeckungen von Mooropfern, Schlachtfeld-Waffen und Wohnstätten geben Einblicke in die Organisation und das Alltagsleben germanischer Stämme im Übergangszeitraum von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Das bedeutendste Beispiel, nicht nur für die Heruler, sondern auch für andere germanische Gruppen wie die Sachsen oder Langobarden, bilden die archäologischen Fundstellen an der Donau und in den angrenzenden Regionen.

    Bild:Angriffe der Goten und Heruler im Schwarzen Meer und der Ägäis im 3. Jahrhundert

    Herkunft und Siedlungsraum

    Die Herkunft der Heruler ist in der Forschung mit Vorbehalt zu betrachten. Frühere Theorien gingen von einem skandinavischen Urheimatgebiet aus, beruhend auf einer Lesart des gotischen Geschichtsschreibers Jordanes, der im 6. Jahrhundert eine Vertreibung der Heruler durch Dänen aus skandinavischen Stammsitzen erzählt. Diese Erzählung gilt heute als wenig glaubhaft oder literarischer Topos. Wahrscheinlicher ist, dass die Ethnogenese der Heruler auf dem Kontinent, an der Nordküste des Schwarzen Meeres, stattfand, wo die Römer sie erstmals wahrnahmen.

    Im Städte- und Landschaftsbild Prähistorie bis Frühmittelalter hinterließen sie, anders als etwa die Langobarden, weniger Spuren einer breiten Wohnbevölkerung, sondern mehr solche einer politisch-militärischen Oberschicht. Im 5. Jahrhundert errichteten die Heruler kurzzeitig ein eigenes Reich im Donauraum, das jedoch bald von den Langobarden zerstört wurde. Ein Teil des Volkes ging in anderen Gruppen auf, während ein anderer – so berichtet der byzantinische Historiker Prokopios – angeblich in den hohen Norden zurückwanderte, möglicherweise nach Skandinavien. Diese Erzählung ist einzigartig in der germanischen Geschichte und wird in der Forschung kontrovers diskutiert, da archäologische Belege fehlen oder schwer eindeutig zuzuordnen sind.

    Archäologische Quellen und Funde

    • Gräber und Bestattungen: In Leopoldau wurden Gräber mit Schwertern donauländischer Prägung und Tonwaren mit skandinavischen Eigenschaften entdeckt, was auf enge Verbindungen oder Migrationen der Heruler schließen lässt. Grabfunde zeigen eine Vielfalt an Bestattungsarten, von Urnen bis zu Sargbestattungen, wobei die Zahl der Grabbeigaben variiert. Dies verdeutlicht die heterogene soziale Struktur des Stammes.
    • Opferplätze und Moorfunde: In Nordeuropa sind Opferplätze wie das Illerup Ådal nahe Århus in Dänemark bekannt, wo nachgewiesen ist, dass ganze Heere ihr Kriegsgerät in tiefen Mooren versenkten, hierzu zählen auch zerhackte Waffen und persönliche Gegenstände. Zwar handelt es sich hier nicht explizit um Heruler-Fundorte, doch die vergleichbare archäologische Praxis unter germanischen Stämmen gibt Aufschluss über rituelle Handlungen im kriegerischen Kontext, die auch den Herulern ähnlich gewesen sein dürften.
    • Schlachtfelder und Waffenfunde: Archäologische Grabungen nahe Harzhorn (Thüringen) zeugen von erbitterten Kämpfen zwischen Germanen und Römern im 3. Jahrhundert, welche Rückschlüsse auf die militärische Organisation der germanischen Stämme erlauben. Funde wie die von Illerup Ådal weisen eine straffe Truppenorganisation auf, die in Teilen römischen Mustern ähnelte, mit Kommandostufen sichtbar an der Qualität und Ausstattung der Waffen und Schilde.
    • Siedlungsarchitektur: Die Germanen, zu denen die Heruler zu rechnen sind, lebten in ausgeprägten Einzelhöfen oder in kleinen Weilern, ohne städtische Zentren. Die Wohnstallhäuser – dreischiffige Langhäuser aus Holz mit eingegliedertem Stall – waren weit verbreitet und über mehrere Generationen nach festen Mustern gebaut. Diese Gebäude boten Wohnraum für Mensch und Tier unter einem Dach, wobei die Stalllänge Indikator für den sozialen Status war.

    Historische Quellen und ihre Bedeutung

    Die schriftlichen Zeugnisse über die Heruler stammen vor allem von römischen und spätantiken Autoren wie Jordanes, Prokop, Dexippos und Tacitus. Dexippos erwähnt die Heruler im Kontext von Raubzügen um 267/68 in Griechenland, wobei sie strategisch wichtige Orte wie den Thermopylen-Pass angriffen und sogar Athen bedrohten. Deren Niederlage durch Kaiser Gallienus wurde als Wendepunkt festgehalten.

    Prokop berichtet im 6. Jahrhundert von der Spaltung der Heruler nach deren Übertritt in oströmische Dienste und einer angeblichen Rückkehr einiger Gruppen nach „Thule“, dem sagenumwobenen Rand der Welt. Diese Angaben sind heutzutage schwer zu verifizieren und gelten als literarische Konstrukte oder Hinweise auf mündliche Überlieferungen, die mit historischer Realität nur bedingt zu vereinbaren sind.

    Die Heruler spielten auch eine Rolle in der politischen Umbruchszeit zwischen West- und Oströmischem Reich. Um 476 unterstützen sie Odoaker bei dessen Thronbesteigung in Italien. Ihre Herrschaft an der unteren Donau wurde durch die Langobarden, die auch die Gepiden vernichtend schlugen, um 508 endgültig zerschlagen. Die Überlebenden zerstreuten sich in verschiedene Gefolgschaften, einige schlossen sich weiter den Langobarden an, andere fanden Zuflucht bei den Gepiden und Ostgoten oder im oströmischen Reich, wo sie als Föderatenstaat geduldet wurden.

    Bild: Odoaker,Anführer der Heruler und Minister von Attila (435-493), Zeichnung aus „I misteri del vaticano“ von Franco Mistrali

    Einordnung der Heruler in die frühmittelalterliche Germanenwelt

    Archäologisch und historisch zeigen die Heruler ein Bild germanischer Mobilität und Anpassungsfähigkeit. Sie waren Seefahrer und Landstreiter, die sich mehrfach verlagerten und neue Lebensräume erschlossen. Im Gegensatz zu verbreiteten Klischees über „wilde Barbaren“ belegen Funde einen differenzierten Umgang mit Krieg, Handel und Herrschaft. Die Heruler organisierten Kampfgruppen in einer Struktur, die auch römische Einflüsse widerspiegelt, was für römisch-germanische Interaktionen spricht.

    Ihre soziale Struktur erscheint hierarchisch und dennoch beweglich. Der archäologische Befund von Gräbern, Siedlungen und Waffen verweist auf eine politisch-militärische Elite, die im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter um die Herrschaft in Donauraum und Vorland kämpfte und mit anderen germanischen Völkern, wie den Langobarden, vernetzt war. Besonders auffällig sind die Berichte über die sozialen und kulturellen Praktiken der Heruler. Prokopios beschreibt sie als kriegerisch, aber auch als ungewöhnlich radikal in ihren Sitten. Erwähnt werden etwa rituelle Selbsttötung alter oder kranker Menschen sowie eine starke Betonung von Kriegerethos und Ehre. Ob diese Darstellungen tatsächliche Praktiken widerspiegeln oder das Ergebnis kultureller Verzerrung sind, ist unklar. Wahrscheinlich verstärkten römisch-byzantinische Autoren bewusst das Bild des „barbarischen Außenseiters“, um die eigene kulturelle Überlegenheit zu betonen.

    Bedeutung der Heruler für die regionale Geschichte

    Neuere Forschungen, etwa im Gebiet Nordostösterreich sowie dem Marchgebiet und der angrenzenden Slowakei, unterstreichen die Rolle der Heruler als prägender germanischer Faktor in Mitteleuropa. Sie nahmen nicht nur am Völkerwanderungsprozess teil, sondern errichteten auch politische Gefüge, die einige Jahrzehnte überdauerten.

    Neben dinglichen Hinterlassenschaften dürften geographische Bezeichnungen wie die „Herilungoburg“ an der Erlaf und Ortsnamen mit der Silbe „Ros“ im Oberösterreichischen und Niederösterreichischen Mühlviertel Erinnerungen an die Heruler bewahrt haben. Die Ähnlichkeit der Namensgebung der Rus, der frühen normannischen Herrscher im heutigen Russland, legt nahe, dass sich der ethnische Begriff in Variationen weit über das ursprüngliche Siedlungsgebiet hinaus verbreitete.

    Religiös blieben die Heruler lange heidnisch, bevor Teile von ihnen zum Arianismus übertraten. Auch dadurch standen sie im spätantiken Europa am Rand der Mehrheitsgesellschaft, die zunehmend katholisch geprägt war. Politisch gelang es ihnen nie, eine dauerhafte Machtbasis aufzubauen, was ihren schnellen Niedergang begünstigte.

    In der modernen Forschung gelten die Heruler als Beispiel dafür, wie bruchstückhaft unser Wissen über viele germanische Gruppen ist. Sie stehen stellvertretend für Völker, die nicht in die großen Erzählungen von Reichsgründung, Christianisierung und kultureller Kontinuität passen. Gerade deshalb sind sie ein wichtiger Gegenstand historischer Forschung: Als Außenseiter machen die Heruler sichtbar, dass die germanische Geschichte kein geschlossener, einheitlicher Prozess war, sondern von Vielfalt, Bewegung und Vergänglichkeit geprägt wurde.

    Fazit und Ausblick

    Die Quellenlage zu den Herulern ist trotz reicher Funde fragmentarisch und in einigen Aspekten widersprüchlich. Während antike Berichte häufig mythologisch gefärbt sind, liefern archäologische Befunde zunehmend fundierte Einblicke in die Lebensweise, Kriegsführung und Migration germanischer Stämme. Der Beitrag der Heruler zur Geschichte des Frühmittelalters und der europäischen Völkerwanderungszeit kann heute als bedeutend eingeschätzt werden. Noch immer sind viele Fragen offen, etwa bezüglich ihrer genauen ethnischen Herkunft, ihrer kulturellen Eigenheiten oder der Integration in spätrömische Strukturen. Die gegenwärtige Forschung profitiert von interdisziplinären Zugängen, die Archäologie, Anthropologie und historische Quellenanalyse verbinden, um ein immer schärferes Bild dieser bewegten und einflussreichen Volksgruppe zu zeichnen.

    Bild: Europa, 5.Jh.u.Z. Heruler sind dort im östl. Ostdeutschland verortet

    Quellen

  • Archäologie und Funde der Istævonen

    Archäologie und Funde der Istævonen

    Im schattigen Tal des Illerup Ådals, unweit der heutigen Stadt Århus in Dänemark, liegt ein scheinbar friedlicher Moorboden. Sanfte Wasserflächen spiegeln den Himmel wider, und das Gras wächst üppig zwischen den sumpfigen Flächen. Doch tief unter der Torfschicht ruhen Zeugnisse von Gewalt, Macht und Kulten vor mehr als 1500 Jahren. Hier fanden Archäologen eines der bedeutendsten Zeugnisse germanischer Geschichte: Mehrere Schlachtorte, deren Fundstücke Auskunft über das Leben, den Krieg und die Rituale der Germanen geben. Unter diesen Kriegern wird vermutet, dass die Istævonen, ein großer germanischer Stamm westlich der Elbe, eine wichtige Rolle spielten. Der folgende Bericht fasst Erkenntnisse aus archäologischen Grabungen und historischen Studien zusammen und ordnet sie in den Kontext der Geschichte und Kultur der Istævonen ein.

    Sprache, Ethnizität und Identität der Istævonen

    Der Begriff „Istævonen“ ist eine Fremdzuschreibung der römischen Geschichtsschreiber, wie auch die Bezeichnung „Germanen“. Schriftliche Quellen aus germanischer Hand fehlen weitestgehend; Runenschriften sind fragmentarisch und häufig nur kurz. Dies erschwert genaue Aussagen zur ethnischen Selbstdefinition und politischen Organisation der Istævonen. Istävonen ist die Bezeichnung für einen der drei Hauptstämme der frühen Germanen, die laut dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus im Gebiet des heutigen nordwestlichen Deutschlands und am Rhein lebten. Sie werden nach dem mythischen Stammvater Mannus und seinem Sohn Istävo benannt. Zu den Istävonen gehörten später die Völker, die sich zum Bund der Franken vereinigten. 

    Die moderne Forschung erkennt, dass das Bild der Istævonen (wie auch der Germanen allgemein) weniger eine starre ethnische Einheit sein dürfte, sondern vielmehr eine dynamische Kulturzone mit wirtschaftlichen, sozialen und militärischen Gemeinsamkeiten. Der Austausch, Handel und kulturelle Transfer mit benachbarten Gruppen, auch den Römern und Kelten, waren ausgeprägt. Lage, Bauweise der Häuser, Grabrituale und Kleidungsstile zeugen von einem weitgespannten Netz kultureller Einflüsse.

    Die Istævonen und ihr Siedlungsraum

     Archäologische Funde der Region zwischen Norddeutschland und Dänemark geben Indizien für ihre Lebenskultur, doch die Quellenlage bleibt fragmentarisch und lässt vielfältige Interpretationen zu.

    So fanden sich im Gebiet des heutigen Kreises Nordhausen Hinweise auf germanische Siedlungsspuren, die zum Teil bis in die frühe Eisenzeit zurückreichen. Ebenfalls aus dem nördlichen Raum, etwa in Schleswig-Holstein bei Heide, stammt ein archäologischer Komplex mit Siedlungs- und Kulturschichten von der Steinzeit bis in die römische Kaiserzeit (bis ca. 4. Jahrhundert n. Chr.). Diese Funde illustrieren die Kontinuität und Komplexität menschlicher Besiedlung der norddeutschen Tiefebene, welche sicher auch den Istævonen als kultureller Raum diente. 

     Fundkomplexe der Istævonen: Siedlungen, Waffen und Opferplätze

    Die Ikone für die Archäologie der Germanen – und damit indirekt auch der Istævonen – sind die Funde aus solchen Moorgebieten wie dem Illerup Ådal. Hier hat man etwa 15.000 Waffenfragmente sowie persönliche Gegenstände geborgen, die auf mehrere Schlachtgeschehen zwischen den Jahren 200 bis 500 n. Chr. hinweisen. Die analysierten Artefakte zeigen eine außerordentliche Vielfalt und Deutungstiefe:

    • Waffen und Kriegerorganisationsstruktur: Die Funde umfassen Speere, Lanzen, Schilde und Schwerter, die teilweise aus römischer Produktion stammen, aber auch lokales Handwerk widerspiegeln. Eine erkennbare Rangordnung innerhalb der Krieger zeigt sich u. a. an der Verteilung von Schildbuckeln aus Gold, Silber, Bronze und Eisen. Die Spitzenriege hatte prunkvolle Schilde aus Gold- und Silberbändern, darunter auch sechs dieser kostbaren Exemplare.
    • Herkunftshinweise: Kämme aus Elch- und Rentiergeweih sowie Feuersteine aus Quarzit belegen den nordskandinavischen Ursprung der Angreifer. Ohne schriftliche Überlieferung ergibt sich damit aus den Funden ein Bild von mobilisierten Heeren, die sich aus weit verstreuten Regionen zusammensetzten, jedoch organisiert und diszipliniert agierten.
    • Kultischer Kontext der Waffenopfer: Die Praxis, Waffen nach Schlachten zeremoniell zu zerstören und als „Opfer“ in Moorseen zu versenken, fand auch bei den Istævonen statt. Die Beschädigung der Waffen durch Zerhacken sollte verhindern, dass sie weiterverwendet werden konnten – eine symbolische Handlung mit religiösem Hintergrund, möglicherweise zur Reintegration besiegter Feinde ins göttliche Reich oder zur Verhinderung künftiger Gewalt durch diese Waffen.

    Mehrere Speerspitzen aus Illerup Ådal

    Zusätzlich lassen zahlreiche Wohnstallhäuser und Siedlungsspuren in der Region auf den festen, organisierten Lebensraum schließen, aus dem diese Krieger stammten. Beispielhaft wird das Gut der Feddersen Wierde hervorgehoben, wo sich eine germanische Siedlung mit einer bis ins 5. Jahrhundert währenden Nutzung rekonstruieren lässt. Dort zeigen sich wandelnde Hausgrößen, Siedlungsdichte und soziale Schichtung: Hausabschnitte für Menschen und Vieh, Wohnbereiche mit kunstvoller Feuerstelle und Vorratslager zeugen von einer organisierten, landwirtschaftlich geprägten Gemeinschaft, die sich im Laufe der Zeit zunehmend hierarchisierte.

    Leben und Gesellschaft: Archäologische Befunde zu Istævonen-Alltag

    Innerhalb der Archäologie der germanischen Stämme sind Siedlungsstrukturen und Funde materieller Kultur zentrale Quellen für das Verständnis des Alltagslebens:

    • Wohnstallhäuser als Lebenszentrum: Die Wohnstallhäuser weisen durchgängig einen Bauplan mit Mittel- und Seitenschiffen auf, in welchem der vordere Teil als Wohn- und Lebensraum diente, der hintere als Stall. Die Häuser waren oft in West-Ost-Richtung ausgerichtet, um Wind abzuhalten und Innenräume zu wärmen.
    • Landwirtschaft und Ernährung: Getreide wie Gerste bildete die wirtschaftliche Grundlage, ergänzt durch das Sammeln und Verzehren von Wildpflanzen wie geschälten und gerösteten Eicheln. Nutztiere umfassten Ziegen, Schafe und Rinder, wobei letztere wegen Milchproduktion und Größe besonders geschätzt wurden. Die Landwirtschaft war auf Nachhaltigkeit ausgelegt, mit wechselnder Flächenbewirtschaftung.
    • Handwerk und Kunstfertigkeit: Neben der Metallverarbeitung existierten Stätten der Textilherstellung (Gruppen von Webgewichten belegen das), ebenso Verzierungen und Kleidung, die keineswegs schlicht waren. Germanische Frauen trugen oft fein bearbeitete, bunte Wollkleider und kunstvolle Frisuren, was etwa Ausgrabungen im dänischen Jütland bestätigen.

    Die archäologischen Befunde zeigen, dass die Istævonen einem weitgespannten kulturellen Netzwerk entstammten, das regen Austausch mit römischen und keltischen Nachbarn pflegte. Römische Waren fanden ihren Weg in die Siedlungen – etwa Silbergefäße oder Töpferwaren wie Terra Sigillata. Ebenso legte der Kontakt mit dem Reich der Sassaniden in Persien Zeugnisse von Mobilität und Handel nahe, wie Funde sassanidischer Reliefkunst aus den späten Kaiserzeiten illustrieren, wenn auch diese Funde außerhalb des stereotypen Germanenbildes liegen.

    Schlachten, Kriege und die soziale Organisation bei den Istævonen

    Die Kriegerkultur der Istævonen stellte eine Facette ihrer komplexen Gesellschaft dar. Archäologische Befunde deuten darauf hin, dass Germanenheere, so auch bei den Istævonen, teilweise römisch inspiriert organisiert waren. Die stratifikatorische Verteilung der Waffen und Ausrüstungsgegenstände spricht für eine klare Hierarchie mit Heerführern, Offizieren und Fußsoldaten. Dabei war die Gesellschaft insgesamt jedoch keineswegs streng monarchisch: Historiker weisen auf eine flexible soziale Struktur hin, in der hierarchische Führungen auch wieder aufgehoben werden konnten, je nach politischer Lage.

    Die berühmten Opferplätze wie Illerup Ådal erlauben Einblicke in kriegerische Ereignisse, die nicht in schriftlichen Quellen überliefert sind. Die gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen Germanen, aber auch zwischen Germanen und Römern, sind mit Funden von verletzten Skeletten und Kampfspuren auf modernen Ausgrabungen am Harzhorn (Thüringen) belegt. Dort wurde ein großes Gefecht zwischen Römern und Germanen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts nach Christus nachgewiesen. Ebenso ermöglichen Grabfunde, so etwa aus dem Gebiet des heutigen Bad Füssing bei Passau, Einblicke in kriegerische Konflikte kurz vor dem Ende der römischen Herrschaft in Mitteleuropa.

    Ein besonders eindrucksvolles Beispiel aus der Grabung in Bad Füssing ist der Fund des Reiters mit schweren Kopfwunden und weiteren Verletzungen, die auf einen gewaltsamen Tod hindeuten. Solche Funde bieten ein greifbares Bild vom leidvollen Alltag und den Umbrüchen der Zeit unmittelbar vor und in der Völkerwanderungszeit.

    Bestattungssitten und Kultpraktiken

    Die germanische Bestattungstradition ist – entgegen antiker Vorurteile – vielfältig. Archäologische Befunde zeigen sowohl Brand- als auch Körperbestattungen mit eine Fülle an Grabbeigaben, die sozial differenziert sind. Einige Gräber, wie etwa das so genannte Fürstengrab von Gommern, sind mit international bedeutenden Funden ausgestattet, welche Kontakte und Handelsbeziehungen bis in das Römische Reich belegen.

    Rituale, bei denen Waffen und persönliche Gegenstände über Flüsse, Seen oder in Mooren versenkt wurden, hatten einen hohen symbolischen Stellenwert. Die Zerlegung und Zerstörung der Waffen vor der Opferung erscheint als Teil eines Kultaktes, der sowohl den Dank an die Götter als auch die Verhinderung von Unheil durch diese Waffen bezweckte. Die Funde von Illerup Ådal und ähnlichen Fundstellen stellen die eindrucksvollsten Zeugen dieser kulturellen Praxis dar.

    Schlusswort: Wissenschaftliche Herausforderungen und Ausblick

    Die Archäologie der Istævonen bietet faszinierende Einblicke in das Leben einer bedeutenden Gruppe germanischer Stämme, die über Jahrhunderte im heutigen Nord- und Mitteleuropa maßgeblich das kulturelle und politische Geschehen mitprägten. Die Vielzahl und Vielfalt der Funde aus Siedlungen, Schlachtfeldern und Opferstätten zeigen, dass es sich um eine komplexe, sozial differenzierte und vernetzte Gesellschaft handelte.

    Dennoch bleiben Lücken in der Quellenlage bestehen: Schriftliche Überlieferung durch die Istævonen selbst gibt es nicht, und auch die römischen und späteren mittelalterlichen Berichte sind oft von politischen oder kulturellen Vorurteilen geprägt. Die archäologischen Stätten werden zudem aufgrund moderner Bautätigkeiten häufig nur in Teilen ausgegraben, bevor sie unwiederbringlich verschwinden. So etwa bei Siedlungsplätzen in Schleswig-Holstein, wo Neubaugebiete einer vollständigen Erforschung entgegenstehen.

    Die Aufgabe künftiger Forschung wird es sein, mithilfe interdisziplinärer Ansätze – Archäologie, Anthropologie, Genetik, Sprachwissenschaft – ein noch umfassenderes Bild dieser germanischen Welt zu zeichnen und dabei auch die Vielgestaltigkeit der Gruppen und deren Kultur sichtbar zu machen. Nur so kann das über Jahrhunderte tradiert klischeehafte Bild der „Barbaren“ überwunden und durch eine komplexe Sachlichkeit ersetzt werden, die den Istævonen als historischen Akteuren gerecht wird.

    Quellen

  • Archäologie und Funde der Juthungen

    Archäologie und Funde der Juthungen

    Im Frühling des Jahres 2025, als Archäologen in einem entlegenen Moorgebiet nahe der oberen Donau begannen, die Fundamente eines frühgeschichtlichen Lagers freizulegen, bot sich ein faszinierender Blick auf die Spuren eines germanischen Stammes, der unter dem Namen Juthungen in den antiken Quellen erwähnt wird. Zwischen den Überresten von zerhackten Waffen und verstreuten, in Stoffbündel gewickelten Kriegsausrüstungen, die einst in einem Moor versenkt wurden, zeichnete sich langsam das Bild einer bewegten Epoche ab, in der die Juthungen als Teil der alemannischen Völkerwelt eine Rolle spielten.

    Die Juthungen – Ein germanischer Stamm im Schatten der Alemannen

    Die Juthungen, gelegentlich auch Iuthungen genannt, waren ein germanischer Volksstamm der Spätantike, der nördlich von Donau und Altmühl siedelte. Ihre Entstehung und Herkunft sind nur bruchstückhaft überliefert, doch bieten insbesondere archäologische Inschriften und römische Historiker wertvolle Hinweise. So vermerkt der Augsburger Siegesaltar aus dem Jahr 260 eine Inschrift, die von den „barbaros gentis Semnonum sive Iouthungorum“ spricht – also von Barbaren aus dem Stamm der Semnonen oder den Juthungen.[9] Dies lässt vermuten, dass die Juthungen aus der suebischen Teilgruppe der Semnonen hervorgegangen sind. Sie werden von historischen Quellen sowohl als selbstständige Gruppe als auch als Teil der Alemannen bezeichnet.[1][9]

    Der Name „Juthungen“ selbst erscheint sprachlich als Erweiterung des germanischen Wortes für „Abkömmlinge“ oder „Nachkommen“. Verschiedene germanistische Untersuchungen führen ihn auf altisländische, gotische und althochdeutsche Formen zurück, wobei nicht vollständig geklärt ist, ob sich der Name von einer Personenbezeichnung oder einem Kollektiv ableitet.[1]

    Historisch werden die Juthungen erstmals um das Jahr 230 nach Christus in der Nähe der Quaden an der Donau erwähnt – also östlich des Gebiets, das man heute als Mitteleuropa betrachtet.[1] Sie beteiligten während der römischen Reichskrise des 3. Jahrhunderts an Einfällen in das Römische Reich, mussten aber Rückschläge hinnehmen, etwa durch den römischen Kaiser Aurelian, der sie aus den Gebieten am Alpenrand zurücktrieb.[1][9]

    Archäologische Befunde – Von Waffenopfern bis zu Siedlungsstrukturen

    Die archäologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende Funde im Kontext germanischer Stämme hervorgebracht, die auch das Bild der Juthungen zu beleuchten vermögen. Obwohl es bislang keine explizit als „juthungisch“ ausgewiesenen Fundstellen gibt, so sind doch die Lebensumstände und kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit durch Funde anderer alemannischer Stämme sowie germanischer Gruppen gut erforscht und erlauben Rückschlüsse auch auf die Juthungen.

    Ein Beispiel hierfür ist das Moorgebiet Illerup Ådal in Dänemark, wo eine Art archaischer Heeresfriedhof entdeckt wurde. Zahlreiche Waffen, Rüstungsteile und persönliche Gegenstände, die rituell zerhackt und versenkt wurden, legen Zeugnis davon ab, wie kriegerische Auseinandersetzungen und damit verbundene religiöse Handlungen im 3. bis 5. Jahrhundert abgehalten wurden.[5] So wurden nach Grabungen hier über 15.000 zerstörte Waffenfragmente geborgen, die durch ihren Fundort und ihre Beschaffenheit wichtige Erkenntnisse über die Mobilität und Organisationsstruktur germanischer Heere liefern. Die straffe Gliederung der Truppe, vom einfachen Fußvolk bis zu Offizieren, die an den Materialien der Schilde erkennbar wird, zeugt von einer militärischen Organisation, die sich engen Kontakten zur römischen Kriegskultur verdankt.[5]

    Auch in anderen Bereichen der Forschung zeichnen sich klare Merkmale germanischer Gesellschaften ab: Archäologische Befunde wie etwa die Wohnstallhäuser von Feddersen Wierde geben Einblick in Siedlungsstrukturen,[5] deren Bauweise sich von Skandinavien bis ins Mittelgebirge Mitteleuropas erstreckte und den Lebensalltag mehrerer Generationen prägte. Die Häuser waren in der Regel langgestreckt mit drei Einheiten: Wohnraum, Arbeitsbereich und Stall. Die Bewohner lebten eng zusammen mit ihren Tieren, was auch archäologische Funde von Stallflächen und Hausgrundrissen nachweisen.[5]

    Zusätzlich zeigen Funde auf germanischen Friedhöfen, dass die Bestattungstraditionen vielgestaltiger waren, als sie antike Autoren glauben machten. Verbrannt wurde teilweise, aber es fand sich ebenso die Beisetzung in Särgen oder Urnen sowie mit und ohne Beigaben. Wichtige Personen erhielten manchmal aufwendig verzierte Gräber wie das des sogenannten Fürsten von Gommern mit römischem Silber und weiteren Kostbarkeiten – was Einblicke in soziale Hierarchien und Austauschbeziehungen zwischen Germanen und Römern liefert.[5]

    Die Juthungen im Kontext der Spätantike – Krieg und Wandel an der Donau

    Die Geschichte der Juthungen in den schriftlichen Quellen ist eingebettet in jene Phase, in der Rom seine nordöstlichen Grenzen zu verteidigen suchte. Erste Erwähnungen finden sich 259/260 n.Chr. in Zusammenhang mit einem Einfall in das Römische Reich, der bis in das Gebiet des heutigen Italiens reichte und vom Römischen Statthalter Marcus Simplicinius Genialis niedergeschlagen wurde.[9]

    In den folgenden Jahrzehnten treten die Juthungen häufig zusammen mit den Alemannen auf, etwa bei Einfällen in die Provinz Raetia zwischen 356 und 358 oder im Jahr 383, als eine Allianz aus Alanen und Hunnen die Juthungen zurückdrängte.[9] Im frühen 5. Jahrhundert kämpfte der Feldherr Flavius Aëtius gegen sie, wobei die Juthungen zuletzt aus den Quellen verschwinden und möglicherweise mit anderen alemannischen Gruppen verschmolzen oder in die Sueben integriert wurden.[1][9]

    Ein eindrucksvolles Zeugnis für diese Zugehörigkeit der Juthungen zu den Sueben ist ein Altar, der den Streitkräften der „(mat)ribus Suebis Euthungabus“ geweiht wurde – eine Inschrift, die als ein wichtiges Dokument für die frühere Namensform und die Stammeszugehörigkeit dient.[1]

    Umbruch und Migration – Die Bajuwaren als Nachfolger im Süden

    Spätestens im 5. und 6. Jahrhundert nach Christi Geburt vollzog sich im südlichen Alemanni- und Donaugebiet ein tiefgreifender Wandel. Archäologische Funde aus dem Bayerischen Bad Füssing legen dar, wie neue Gruppen, aus denen später die Bajuwaren hervorgingen, die Region südlich der Donau prägten.[6][7]

    Das dort entdeckte Gräberfeld enthält nicht nur Bestattungen der sogenannten „bajuwarischen Prinzessin“ aus dem 6. bis 7. Jahrhundert mit prächtigen Grabbeigaben, sondern auch deutlich ältere Grabstätten, die sich auf die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts datieren lassen.[6] Diese zeigen, dass die Umbruchszeit vom Ende der römischen Dominanz bis zum Frühmittelalter von Wanderungsbewegungen und Vermischungen romanisierter Kelten mit hereingewanderten Alamannen und Langobarden geprägt war.[6][7]

    Besonders eindrucksvoll ist der Fund eines Mannes, der vermutlich im Kampf gestorben ist. Die Verletzungen am Körper lassen auf einen gewaltsamen Tod schließen, wobei ein Reitersporn auf seine Zugehörigkeit zu einer reiterlich mobilen Kriegerelite hinweist.[6] Solche Funde demonstrieren den rauen und bewegten Charakter der Zeit, die von Konflikten, Migrationen und gesellschaftlichen Umstrukturierungen gekennzeichnet war.[6]

    Zwischen Römern und Germanen – Austausch, Konflikt und Verflechtung

    Die jahrhundertelange Nachbarschaft zwischen Römern und Germanen, wozu auch die Juthungen gehörten, war von wechselvollem Verlauf. Mal waren beide Seiten Handelspartner und Verbündete, dann wieder standen sie im Krieg.[8] Archäologische Forschungsarbeiten belegen, dass die Kulturen sich trotz klarer Unterschiede gegenseitig beeinflussten.

    Funde aus römischen Kastellen mit lateinischer Inschrift und weltlichen Dokumenten von germanischen Soldaten etwa zeigen, dass die kulturelle und militärische Vernetzung deutlich größer war, als es reine historisch-literarische Quellen vermuten lassen.[4][8] So sind römische Götterstatuen wie Merkur oder Mars auch in germanischen Siedlungen belegt. Zudem lassen sich in germanischer Kleidung, Haartracht und Hausbau Einflüsse aus römischer und keltischer Kultur nachweisen.[4]

    Die römischen Quellen – etwa Tacitus, Ammianus Marcellinus oder Sidonius Apollinaris – schildern die Germanen oft auf pauschalisierende und stereotypische Weise, die jedoch nicht dem heutigen archäologischen und wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechen. Vielmehr zeichnet sich eine Gesellschaft ab, die mobil, dynamisch und sozial differenziert war, mit ausgeprägter Flexibilität in Herrschafts- und Kriegshandhabung.[3][4][5]

    Schlussbetrachtung – Die Juthungen als Teil eines vielgestaltigen germanischen Gefüges

    Die Juthungen sind als germanischer Stamm der Spätantike ein Beispiel für die komplexen und oft schwer fassbaren ethnischen Gruppierungen jener Zeit. Als Teil der Alemannen standen sie in einem engen Verhältnis zu benachbarten Völkern, insbesondere den Sueben.

    Während schriftliche Quellen einige Eckdaten nennen, bleibt Vieles im Dunkeln. Archäologische Forschungen ermöglichen jedoch ein lebendigeres Bild ihrer Lebenswelt: die sozialen Strukturen, die kriegerischen Auseinandersetzungen und die Kulturkontakte mit dem Römischen Reich. Die Funde aus Wehrhöfen, Siedlungen, Mooren und Gräbern zeigen eine Gesellschaft, die weit entfernt ist von veralteten Vorstellungen von primitiven „Barbaren“. Vielmehr offenbaren sie eine bewegliche, vernetzte Volksgruppe, die mit anderen Kulturen auf vielfältige Weise in Beziehung stand.

    Die Juthungen verschwinden im Verlauf des 5. Jahrhunderts als eigenständiges Volk aus den Quellen, doch ihr Erbe setzt sich in den nachfolgenden germanischen Stämmen und Kulturen fort, die den Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter mitgestalteten.

    Quellen

    • https://mittelalter.fandom.com/de/wiki/Juthungen
    • https://www.thueringer-allgemeine.de/lokales/nordhausen/article410517062/spuren-alter-welten-archaeologen-entdecken-im-kreis-nordhausen-die-geschichte.html
    • https://welt.de/regionales/nrw/article256189652/Germanen-Wie-die-Archaeologie-das-Bild-unserer-Vorfahren-von-alten-Nazi-Klischees-befreit.html
    • https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/die-germanen–wie-unsere-vorfahren-wirklich-lebten-36047010.html
    • https://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/archaeologen-funde-zeigen-leben-sterben-und-kriege-der-germanen-a-890965.html
    • https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/graeberfeld-beleuchtet-anfaenge-der-bajuwaren/
    • https://www.sueddeutsche.de/bayern/bad-fuessing-siedlungen-inn-bajuwaren-geschichte-archaeologie-li.3337079
    • https://www.wissenschaft.de/ausstellungen/rom-und-die-germanenkeine-gute-nachbarschaft/
    • https://de.wikipedia.org/wiki/Juthungen
    • https://www.archaeologie-online.de/aktuell/
  • Archäologie und Funde der Hermunduren

    Im Sog der Geschichte: Archäologische Entdeckungen zu den Hermunduren

    Stell man sich vor, eine Gruppe von Archäologen durchwühlt sorgfältig einen Boden im Thüringer Becken, nahe dem Ufer der Elbe. Zwischen Urnen, Fibeln und eisernen Waffen tauchen sie ein in das Leben eines germanischen Stammes, der einst dort lebte: den Hermunduren. Diese Funde öffnen ein Fenster zu einem Volk, das im Schatten der großen Germanenstämme stand, doch dessen Spuren sich als bedeutsam erweisen. Der Blick richtet sich auf ein Volk, das zwischen Mythos und Geschichte wandelte, dessen tatsächliche Wege und Herkunft jedoch nur schrittweise durch das Lösen archäologischer Puzzle erforscht werden können.

    Die Hermunduren im Spiegel antiker Quellen und archäologischer Befunde

    Die Hermunduren oder Ermunduren gehören zusammen mit Sweben und Semnonen zum elbgermanischen Stämmebund der Erminonen. Der Name ihres mythischen Ahnherrn Ermin oder Irmin bedeutet „der Gewaltige“. So heißen die Ermunduren übersetzt „die gewaltigen Duren“ oder „Groß-Duren“. Tacitus und andere römische Autoren rechnen sie den Sueben zu. Tacitus selbst verzeichnet sie neben nahen Nachbarn wie den Markomannen, Quaden und Naristern als „treu ergebene Freunde der Römer“, eine bemerkenswerte Äusserung angesichts des oft verfeindeten Verhältnisses zwischen Germanen und Imperium.

    Die antiken Nachrichten skizzieren einige Ereignisse, die die Hermunduren bewegten: Vermutlich um 3 v. Chr. wurden Gruppen von ihnen durch den römischen Legaten Lucius Domitius Ahenobarbus in das vom Markomannenkrieg verlassene Gebiet am Main umgesiedelt. Im Jahr 5 n. Chr. standen Hermunduren im Rahmen des sogenannten immensum bellum einer römischen Armee unter Tiberius an der oberen Elbe gegenüber, doch es kam nicht zu Kämpfen. Gewaltiger waren die Konflikte um 51 n. Chr., als der hermundurische Fürst Vibilius zusammen mit seinen Verbündeten den Usurpator Katualda an der Donau stürzte.

    In der legendären Salzschlacht von 58 n. Chr., vermutlich um die Salzquellen bei Werra oder Saale, man weiss es nicht genau, gelang laut Tacitus den Hermunduren ein entscheidender Sieg über die Chatten.

    Ich zitiere aus seinem Geschichtswerk Annales im 57. Kapitel seines dreizehnten Buches:

    „In demselben Sommer ward zwischen den Hermunduren und den Chatten eine große Schlacht geschlagen, da beide Völker einen Fluss, der einträglich war, indem er Salz erzeugte, und an der gemeinsamen Grenze belegen, mit Gewalt an sich zu bringen suchten.

    Mehr noch als ihre Sucht, alles mit den Waffen zu entscheiden, wirkte der angestammte Glaube: jene Stätte sei dem Himmel vorzüglich nahe, und das Gebet der Sterblichen werde von den Göttern nirgends so aus der Nähe vernommen.

    Deshalb lasse die Huld der Gottheiten in jenem Flusse, in jenen Wäldern das Salz entstehen: nicht bilde es sich wie bei andern Stämmen, indem ausgetretenes Meerwasser verdunste, sondern, da das Wasser über einen Haufen brennender Baumstämme gegossen werde, erwachte es aus den entgegengesetzten Elementen, Feuer und Wasser.

    Doch der Krieg von den Hermunduren mit Glück geführt, ward der Chatten Verderben, weil sie im Falle des Sieges die feindliche Schlachtreihe dem Mars und Mercurius geweiht hatten: ein Gelübde, nach welchem man Rosse, Männer, alles was bei den Besiegten sich findet, der Vernichtung anheimgeht. Nun wandte ihr feindseliges Drohen sich gegen sie selbst.

    Doch die uns verbündete Gemeinde der Vidonen ward von einem nicht geahnten Unglücke schwer betroffen. Denn Flammen, die aus der Erde hervorbrachen, ergriffen hier und da Landhäuser, Äcker, Dörfer, und drangen selbst in die Mauern der neu gegründeten Colonie.

    Auch gelöscht werden konnten sie nicht, mochten Regengüsse herabstürzen, mochte man Flusswasser oder sonst eine Flüssigkeit anwenden; bis in Ermangelung eines Mittels und aus Erbitterung über das Unheil einige Landleute aus der Ferne Steine drauf schleuderten, dann, wenn das Feuer sank, näher sich heranwagten, mit Knitteln und sonst auf alle Weise auf die Flammen einhieben, und sie wie wilde Thiere fortscheuchten.

    Zuletzt warfen sie Kleidungsstücke, die sie sich vom Leibe rissen, darauf: je gemeiner, je mehr sie durch den Gebrauch befleckt waren, desto besser sollten sie das Feuer ersticken.“

    – Tacitus, Annales 13,57

    Bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. sind sie weiter in den Wirren der Markomannenkriege verstrickt, wo sie auf Seiten der aufständischen Markomannen und Quaden gegen den römischen Kaiser Marcus Aurelius kämpften.

    Bild: Kampf der Hermunduren und Katten um die Salzquellen bei Kissingen 58 nach Christo (Detail), gemalt von Georg Hiltensperger jun., 19. Jhd., Staatliches Museum für Völkerkunde München

    Archäologische Zeugnisse aus dem Thüringer Raum

    Die Archäologie stützt die schriftlichen Zeugnisse und fügt dem Bild neue Dimensionen hinzu. Im Raum Thüringen, der das Herzland der Hermunduren sein könnte, wurden zahlreiche Funde elbgermanischer Provenienz zutage gefördert: Fibeln, eiserne Waffen, Terrinen, Schalenurnen und Keramik mit charakteristischen Rädchenverzierungen. Diese Artefakte wurden zumeist als Zeugnisse der hermundurischen Kultur interpretiert.

    Besonders beachtenswert ist das Brandgräberfeld bei Großromstedt, das in den frühen 1900er Jahren ausgegraben wurde. Es datiert in die späte vorrömische Eisenzeit und frühe römische Kaiserzeit (2. Hälfte 1. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.) und ist namensgebend für die sogenannte Großromstedter Kultur, lange mit den Hermunduren in Zusammenhang gebracht.

    Bedeutsam bleibt indes, dass ab ungefähr dem 4. Jahrhundert n. Chr. für rund 300 Jahre keine zuverlässigen Nachrichten zum Siedlungsgebiet der Hermunduren überliefert sind. Es wird angenommen, dass sie abwanderten oder verdrängt wurden: Um diese Zeit wanderten andere Stämme wie die Angeln und Warnen von Norden her in das Gebiet ein, was schließlich zur Herausbildung des Stammesverbandes der Thüringer führte.

    Neuere Forschungen relativieren jedoch die traditionelle Vorstellung, dass die Hermunduren direkt als Vorfahren der Thüringer gelten könnten. Die Quellenlage und archäologische Zeugnisse lassen vermuten, dass die Hermunduren eher am östlichen, rechten Elbufer sowie im Donauraum beheimatet waren, während das spätere Thüringer Kerngebiet links der Elbe lag. Somit kann für Teile Mitteldeutschlands keine gesicherte Kontinuität zwischen Hermunduren und Thüringern belegt werden.

    Hermunduren und ihr Kontext im germanischen Kulturraum

    Die Hermunduren waren Teil einer vielfältigen und dynamischen Welt germanischer Stämme, die entlang von Flüssen wie Elbe und Donau siedelten. Sie gehörten zur größeren Stammesgruppe der Sueben, wie der römische Historiker Tacitus sie aufführt. Sekundärquellen und archäologische Funde geben Einblick in ein Leben, das nicht allein von Kriegen geprägt war, sondern auch vom Anliegen, in der römischen Welt Fuß zu fassen.

    So ist es beispielhaft, dass sich Gruppen der Hermunduren teilweise in das Machtgefüge des römischen Imperiums integrierten, wie sich aus ihren militärischen Allianzen und Kämpfen für Rom sowie späteren Bündnissen zeigt. Die hermundurischen Führer wie Vibilius nahmen Einfluss auf regionale Machtverhältnisse und waren Teil von politischen Prozessen, die weit über ihre Stammesgrenzen hinausreichten.

    Siedlungen, Funde und Fortleben germanischer Identität

    Im Verlauf der römischen Kaiserzeit etwa ab dem 1. Jahrhundert nach Christus nehmen archäologische Zeugnisse zu, welche die Kulturlandschaft der Hermunduren mit Elementen wie besiedelten Grundstücken, Brandgräbern und besonderen Keramikstilen prägen. Die Funde stützen die Annahme einer schrittweisen Ausdehnung und Vermischung mit anderen Gruppen, darunter auch keltischen Siedlern, vor allem in Regionen südwestlich ihrer ursprünglichen Siedlungsgebiete.

    Allerdings bleibt der archäologische Nachweis für den Raum des heutigen Thüringen selbst zurückhaltend. Während Fundstücke elbgermanischer Provenienz häufig hermundurisch gedeutet wurden, ist eine direkte Zuordnung schwierig. Im Gegensatz zu solchen Spuren westlich und südlich der Elbe fehlen für manche Gebiete klare Befunde, die eine hermundurische Präsenz bestätigen würden.

    Diese Unklarheiten sind Teil des größeren Problems, germanische Stammesnamen und -zugehörigkeiten präzise archäologisch zu fassen. Die antiken Autoren liefern zwar Namen und Berichte, oft aber sind diese ungenau, bruchstückhaft oder stilisiert. Dies gilt für die Hermunduren ebenso wie für andere Stämme.

    Archäologische Kontextualisierung im Vergleich und Ausblick

    Die Hermunduren sind nur ein Glied in der Kette germanischer Kulturgruppen. Vergleicht man ihre archäologischen Hinterlassenschaften mit anderen Gruppen wie den Sueben, Alamannen oder Markomannen, erkennt man eine gemeinsame Dynamik: Integration in das römische Reich, Wanderschaft, Kriege, und schließlich die Verschmelzung mit späteren Stammesbildungen.

    Funde aus dem Kreis Nordhausen in Thüringen bezeugen germanische Siedlungsspuren, deren stilistische und materielle Merkmale elbgermanisch interpretiert werden. Jedoch ist für viele dieser frühgeschichtlichen Stätten die Benennung eines konkreten Stammes problematisch. Die archäologische Schicht der Hermunduren überlagert sich hier mit anderer germanischer oder keltischer Präsenz.

    Die Geschichte der Hermunduren mündet somit in der schwierigen Epoche der Völkerwanderung, als germanische Stämme in ständiger Bewegung waren und neue Stammesbildungen entstanden. Die Thüringer, die später jene Regionen besiedelten, nahmen womöglich nur teilweise Abstammung oder Kulturtraditionen der Hermunduren auf. Damit bleibt das Verhältnis dieser beiden Völkergruppen archäologisch und historisch umstritten.

    Symbolik und Kultur: Der Alltag der Germanen jenseits der Hermunduren

    Auch wenn die direkte Zuordnung mancher archäologischer Fundstellen zu den Hermunduren nur mit Vorbehalt geschieht, bieten neuere Forschungen einen weiteren Blick in die Kultur germanischer Stämme. Die Germanen lebten keineswegs in primitiven Verhältnissen: Ihre Häuser waren in charakteristischer Weise gebaut, beispielsweise als Wohnstallhäuser mit klar definierten Wohn-, Wirtschafts- und Stallteilen. Farbenfrohe Trachten und aufwendige Frisuren waren nicht untypisch, und Totenrituale wie die Brandbestattung wurden mit großer Sorgfalt vollzogen.

    Das soziale Gefüge war flexibel, oftmals durch kleine Herrschaften geleitet, die in der Lage waren, größere Gefolgschaften zu mobilisieren, wie etwa die etwa 1000 Krieger, die im frühen 3. Jahrhundert eine Kriegsfahrt nach Jütland unternahmen. Trotz martialischer Erscheinung waren die Germanen auch Handelspartner des römischen Imperiums und übernahmen römische kulturelle Elemente, etwa in Kleidung, Grabmalkultur und Militärorganisation.

    Fazit: Die Hermunduren zwischen Archäologie und Geschichte

    Die Hermunduren sind für den heutigen Betrachter eine historische Herausforderung: Zwar erwähnen römische Quellen sie mehrfach im Zusammenhang mit politischen und kriegerischen Ereignissen, doch ihre materielle Kultur und ihr genaues Siedlungsgebiet bleiben zum Teil im Nebel der Zeit verborgen. Archäologische Funde wie jene bei Großromstedt dokumentieren eine eigene Kultur und Lebensweise, gleichwohl lässt sich der Stammesname nur bedingt auf konkrete Fundstellen anwenden.

    Die Forschung arbeitet kontrovers und schafft es Schritt für Schritt, die hermundurische Geschichte in den größeren Kontext der elbgermanischen Stammeswelt und der römischen Kaiserzeit einzubetten. Die lückenhafte Quellenlage erfordert Fingerspitzengefühl; die Hermunduren stellen ein wichtiges, jedoch nichtexklusives Bindeglied zwischen frühgermanischer Stammesorganisation und den entstehenden Völkerformationen der Spätantike dar.

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  • Archäologie und Funde der Haruden

    Die Haruden – Ein germanischer Stamm zwischen antiken Schriftquellen und archäologischer Forschung
    1. Einleitung

    Die Geschichte der germanischen Stämme ist bis heute nur fragmentarisch überliefert. Da sie selbst keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, sind Historiker und Archäologen auf die Berichte antiker Autoren sowie auf archäologische Funde angewiesen. Einer dieser nur selten erwähnten Stämme sind die Haruden, auch Haruder genannt. Trotz ihrer spärlichen Nennung in den Quellen lassen sich anhand literarischer Überlieferung und archäologischer Vergleichsfunde Rückschlüsse auf ihre Herkunft, ihre Lebensweise und ihre Einbindung in die germanische Welt ziehen. Ziel dieser Arbeit ist es, den Stamm der Haruden vorzustellen und ihn in den historischen und kulturellen Kontext der germanischen Frühgeschichte einzuordnen.

    2. Die Haruden in den antiken Schriftquellen
    2.1 Erste Erwähnungen bei Caesar

    Die früheste bekannte Erwähnung der Haruden findet sich im Werk „De bello Gallico“ des römischen Feldherrn Gaius Iulius Caesar. Er nennt die Haruden als Teil einer Koalition germanischer Stämme unter der Führung des Suebenkönigs Ariovist.

    Bild: Ariovist, Johann Nepomuk Geiger (1805–1880)

    Diese Stammesgruppe drang im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts v. Chr. in das Gebiet Galliens ein, um dort neues Siedlungsland zu gewinnen. Caesar berichtet, dass diese germanischen Gruppen im Jahr 51 v. Chr. von römischen Truppen besiegt wurden. Genauere Angaben zur ursprünglichen Siedlungsregion der Haruden macht er jedoch nicht, was ihre frühe geografische Einordnung erschwert.

    2.2 Lokalisierung bei Ptolemäus und spätere Nennungen

    Einen wichtigen Hinweis auf die spätere Verortung des Stammes liefert der antike Geograph Claudius Ptolemäus. In seiner „Geographike Hyphegesis“ erwähnt er die sogenannten Charuder im nördlichen Teil Jütlands. Die Namensähnlichkeit lässt darauf schließen, dass es sich um denselben Stamm oder zumindest um eine eng verwandte Gruppe handelt. Die Region Hardsyssel im heutigen Dänemark könnte ihren Namen von diesem Stamm erhalten haben.

    Im 6. Jahrhundert erwähnt der Historiker Jordanes die Arothi, die möglicherweise mit den Haruden in Verbindung stehen. Ob es sich dabei um direkte Nachfahren oder lediglich um eine Namensvariante handelt, ist in der Forschung umstritten. Ebenso wird diskutiert, ob sich der Stammesname in späteren geografischen Bezeichnungen wie dem norwegischen Hordaland erhalten hat.

    3. Archäologische Befunde und ihre Aussagekraft
    3.1 Siedlungswesen und Hausbau

    Da kein eindeutig den Haruden zuzuordnender Fundplatz bekannt ist, erfolgt ihre archäologische Einordnung über Vergleichsfunde aus dem nordgermanischen Raum. Germanische Siedlungen bestanden überwiegend aus langgestreckten Wohnstallhäusern, in denen Menschen und Tiere gemeinsam lebten. Diese Bauform ist vor allem in Jütland gut belegt und weist auf eine agrarisch geprägte Lebensweise hin. Die standardisierten Grundrisse lassen auf feste soziale Strukturen und überlieferte Baukonzepte schließen.

    3.2 Bestattungssitten

    Auch das Bestattungswesen bietet wichtige Einblicke in die Gesellschaftsstruktur der Germanen. Es existierten verschiedene Bestattungsformen, darunter Brand- und Körperbestattungen. Grabbeigaben wie Waffen, Schmuck oder Alltagsgegenstände geben Hinweise auf sozialen Status, Geschlechterrollen und kulturelle Kontakte. Veränderungen in den Bestattungsritualen lassen sich zudem als Ausdruck kulturellen Wandels deuten, insbesondere im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter.

    3.3 Krieg, Schlachtfelder und Mooropfer

    Von besonderer Bedeutung sind archäologische Schlachtfeldfunde, etwa am Harzhorn oder bei Northeim. Dort gefundene Waffen und Ausrüstungsgegenstände erlauben detaillierte Rückschlüsse auf militärische Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen. Ergänzt wird dieses Bild durch Mooropferplätze wie Illerup Ådal in Dänemark, wo große Mengen zerstörter Waffen rituell niedergelegt wurden. Diese Funde zeigen, dass Krieg nicht nur eine politische, sondern auch eine religiöse Dimension besaß.

    4. Gesellschaft, Kultur und Lebensweise

    Die germanischen Stämme waren keine fest organisierten Staaten, sondern lose Verbände mit temporären Anführern. Macht basierte auf persönlichem Ansehen, militärischem Erfolg und der Unterstützung durch Gefolgschaften. Kleidung und Schmuck zeugen von handwerklichem Können und einem ausgeprägten ästhetischen Empfinden. Religiöse Vorstellungen waren vielfältig und schlossen sowohl einheimische Gottheiten als auch Einflüsse aus der römischen Welt ein. Wirtschaftlich dominierten Viehzucht und kleinräumiger Ackerbau, ergänzt durch Jagd und Sammelwirtschaft. Archäologische und genetische Befunde belegen zudem eine hohe Mobilität und Durchmischung der Bevölkerung.

    5. Probleme und Grenzen der Forschung

    Die Erforschung der Haruden ist durch die geringe Quellenlage stark eingeschränkt. Antike Berichte sind oft fragmentarisch und aus römischer Perspektive verfasst, während archäologische Funde nur selten eindeutig einem bestimmten Stamm zugeordnet werden können. Dennoch ermöglicht die Kombination verschiedener Forschungsansätze eine Annäherung an die Lebenswirklichkeit dieser frühen Gemeinschaften.

    6. Fazit

    Die Haruden sind ein Beispiel für die vielen germanischen Stämme, deren Geschichte nur in Umrissen rekonstruierbar ist. Trotz der lückenhaften Überlieferung lassen sich durch die Auswertung antiker Texte und archäologischer Vergleichsfunde grundlegende Aussagen über ihre Herkunft, ihre Lebensweise und ihre Einbindung in die germanische Welt treffen. Die Haruden erscheinen dabei nicht als isolierte Randgruppe, sondern als Teil einer dynamischen, kulturell vielfältigen und mobilen Gesellschaft, die wesentlich zur frühgeschichtlichen Entwicklung Europas beitrug.

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  • Archäologie und Funde der Gepiden

    Vom Fund bis zur Deutung: Archäologie der Gepiden

    Mitten im Herzen Europas, im heutigen Gebiet zwischen Donau, Theiß und Siebenbürgen, offenbaren sich immer neue Spuren jener vergessenen Völker, deren Geschichte längst in den Nebeln der Völkerwanderungszeit versunken ist. Unter diesen ragen die Gepiden hervor, ein ostgermanischer Stamm, der über Jahrhunderte ein eigenständiges Reich errichtete, sich sogar  mit Attila verbündete und gegen seinen Sohn kämpfte, um dann im Kampf gegen die Langobarden unterzugehen. Die Spurensuche der Archäologen führt von reichen Schatzfunden über Gräberfelder bis zu Siedlungsspuren und gibt Einblick in das Leben, die Kultur und die politische Bedeutung dieses Volkes. Dieses Kapitel der germanischen Geschichte soll im Folgenden auf streng faktenbasierter Grundlage dargestellt werden.

    Die Gepiden: Volk und Ursprung

    Die Gepiden (auch Gepidi, Gebidi; lateinisch Gipedae oder Gepidae) gelten als ein ostgermanischer Stamm, dessen Verwandtschaft mit den Goten in den antiken Quellen mehrfach angeführt wird, speziell in der „Getica“ des Jordanes. Demnach sind die Gepiden möglicherweise Nachkommen oder zumindest nahe Verwandte der Goten, möglicherweise aus demselben skandinavischen Ursprungsgebiet stammend. Jordanes berichtet, dass die Goten aus Skandinavien (Gotiskandja) auszogen und die Gepiden zunächst an der Ostseeküste siedelten, etwa im Bereich der Mündung der Weichsel, wo die Goten diese Region als „Gepidojos“ – die Inseln der Gepiden – bezeichneten. Die Annahmen über eine skandinavische Herkunft der Gepiden gelten jedoch mit Vorsicht, da diese oft auf topische Erzählungen beruhen und archäologische Funde eine eindeutige frühe Identifizierung der Gepiden nicht erlauben.

    Bild: Gepidenreich, gezeichnet von Tecumseh*1301

    Erste gesicherte geschichtliche Zeugnisse der Gepiden treten um das 3. Jahrhundert n. Chr. auf, als sie unter ihrem König Fastida von der Weichselregion südwärts vordrangen, den Burgunde(r)n eine schwere Niederlage beibrachten, sie fast aufrieben, aber eben nur fast, und sich im nördlichen Siebenbürgen niederließen. Einige Gruppen schlossen sich mit den Goten am Schwarzen Meer zusammen. In antiken Quellen fehlen jedoch Berichte zu Konflikten mit den Römern im 4. Jahrhundert; die Gepiden scheinen vornehmlich mit ihren unmittelbaren Nachbarn beschäftigt gewesen zu sein.

    Das Königreich der Gepiden (455–567)

    Zeitgenössische Quellen wie auch die Gotengeschichte des Jordanes betonen übereinstimmend die herausragende Bedeutung des angeblich „unzählbaren“ gepidischen Heeres im Feldzug Attilas gegen Gallien im Jahr 451. Dieses Heer stand unter der Führung ihres wohl berühmtesten Königs Ardarich, dem als einzigem unter den Vasallenkönigen die besondere Ehre zuteilwurde, an den Beratungen Attilas während dessen Herrschaftszeit (445–453) teilzunehmen. Die bevorzugte Stellung der Gepiden beruhte darauf, dass sie das einzige größere ostgermanische Volk waren, das nicht vor den Hunnen aus dem Karpatenbecken ausgewichen war.

    Attila war bei seinen Kriegszügen gegen die Städte beider römischer Reiche in hohem Maße auf die Gepiden angewiesen, die vor allem den Großteil des Fußvolkes stellten; zugleich war auch die Bevölkerung der hunnischen Lagerstadt auf verschiedene Dienstleistungen der Gepiden angewiesen. Ardarich, den die Hunnen zum König der Gepiden eingesetzt hatten, verfügte über eine nahezu ebenso starke Stellung innerhalb seines eigenen Volkes wie Attila über die Völker und Eliten des hunnischen Reiches. Diese Macht war ihm – ebenso wie einigen anderen Vasallenkönigen – von den Hunnen verliehen worden, doch verstand es der kluge Ardarich, sie zum Nutzen seines Volkes einzusetzen.

    Bild: Herrschaftsgebiet der Hunnen unter Attila (434-453)

    Aus dem Karpatenbecken sind aus der Zeit der Hunnenherrschaft nirgendwo so zahlreiche goldene Grabbeigaben bekannt wie aus dem Gebiet der Gepiden. Selbst nach dem Tod Theodosius’ II. und dem Abreißen des Goldzuflusses aus Ostrom versorgten die hunnischen Herren die Gepiden weiterhin mit eigens geprägten Solidi dieses Kaisers. Zum Zeitpunkt von Attilas Tod im Jahr 453 verfügten die Gepiden daher über die bestausgerüstete und wohlhabendste germanische Militäraristokratie. Dieses Volk, das als „die mit dem Schwert wütenden Gepiden“ bezeichnet wurde, und das sprichwörtliche „Schwert Ardarichs“ führten schließlich den Bund der Donauvölker in der Schlacht am Fluss Nedao zum Sieg über Attilas Sohn und Nachfolger Ellak im Jahr 455.

    Nach ihrem Sieg „nahmen die Gepiden den Hunnen mit Gewalt ihre Siedlungsgebiete ab und besetzten als Sieger die Grenzen ganz Dakiens. Als selbstbewusste Macht forderten sie vom (ost-)römischen Reich lediglich einen freundschaftlichen Vertrag, Frieden sowie jährliche Tributzahlungen.“ Diese zeitgenössische, auf Priskos zurückgehende Nachricht belegt, dass die Gepiden nach ihrem Triumph das links der Donau gelegene Quartiergebiet der Hunnen ihrem eigenen Herrschaftsraum einverleibten und ihr Reich dadurch erheblich ausdehnten.

    Die Ausdehnung des gepidischen Reiches in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts wird von Cassiodor, einem hochinteressanten spätantiken römischen Staatsmanns, Gelehrten und Schriftstellers, auf Grundlage einer byzantinischen Quelle klar umrissen. Danach siedelten die Gepiden westlich von Scythia Minor (der Dobrudscha). Im Süden bildete die Donau die Grenze ihres Landes, im Osten der Fluss Aluta (Alt), im Nordosten und Norden der Alpenbogen, also die Karpaten, und im Westen die Theiß.

    Unmittelbar nach dem Jahr 550 berichtet der Zeitgenosse Jordanes, das damalige Gebiet der Gepiden liege Mösien gegenüber, jenseits der Donau, in jenem Landstrich, der von den Alten zunächst Dacia und später Gothia genannt worden sei. Dieses Gebiet werde nun Gepidia genannt und sei nach Süden hin durch die Donau begrenzt.

    Zwischen den beiden zuletzt genannten Beschreibungen der Ausdehnung des Gepidenreiches liegt der bedeutendste Eroberungskrieg dieses Volkes. Cassiodor konnte ihn noch nicht berücksichtigen, und als Jordanes sein Werk abschloss, befanden sich die eroberten Gebiete bereits nicht mehr in gepidischem Besitz. Das Oströmische Reich erkannte den Anspruch der Gepiden auf diese Territorien ohnehin nie an, weshalb der auf oströmischem Boden lebende Jordanes sie nur beiläufig erwähnt.

    Den Feldzug von 539 eröffneten die Gepiden im Rahmen eines Bündnisses mit dem fränkischen König Theudebert gegen Byzanz. In einer verlustreichen Schlacht besiegten sie den oströmischen Heerführer Calluc und dessen Truppen. Infolge dieses Erfolges gliederten die Gepiden bis Ende 551 einen Streifen der Provinzen Moesia Prima und Dacia Ripensis entlang der Donau in ihr Herrschaftsgebiet ein, der sich von Singidunum (Belgrad) bis in den Raum gegenüber der Altmündung erstreckte.

    Die von den Gepiden kontrollierte – genauer gesagt: von ihnen geöffnete – Grenze an der unteren Donau gewann dadurch erhebliche historische Bedeutung. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren ermöglichten sie slawischen Gruppen, die das Oströmische Reich angriffen, sowie im Jahr 550 auch den Kutriguren den Übergang über die Donau. Infolge der aus oströmischer Sicht als „Sklaverei“ empfundenen gepidischen Herrschaft und der slawisch-kutrigurischen Einfälle floh die romanisierte Bevölkerung, die im Jahr 271 aus dem trajanischen Dazien umgesiedelt worden war, aus den Städten der unteren Donauzone ins Innere der Balkanhalbinsel. Mit ihnen gelangten ihr lateinischer Dialekt, die Erinnerung an ihre Herkunft aus der Zeit Trajans und an ihr einstiges „dacus“-Sein nach Süden.

    Zwar gelang es Justinian I., gestützt auf den Sieg seiner langobardischen Verbündeten im Jahr 551, die Gepiden aus römischem Gebiet zu vertreiben und die Grenze an der unteren Donau wieder zu schließen; doch scheiterte er daran, die Städte neu zu beleben oder ihre ehemaligen Bewohner zurückzuführen. Beiderseits der unteren Donau entstanden nach 552 anstelle von Kastellen, Gegenfestungen und Städten lediglich Burgen, in denen über drei Jahrzehnte hinweg zahlenmäßig schwache Garnisonen – zur Hälfte oder vollständig aus Männern barbarischer Herkunft bestehend – den Grenzschutz übernahmen. Diese letzte Sicherungslinie wurde schließlich durch die awarischen Feldzüge der 580er und 590er Jahre bis zur Dobrudscha endgültig zerstört.

    Die archäologischen Hinterlassenschaften der Gepiden aus dem Frühmittelalter, insbesondere aus dem 5. und 6. Jahrhundert, sind heute vergleichsweise gut erschlossen. Der erste eindeutig gepidische Grabfund wurde bereits 1856 in Siebenbürgen entdeckt: Es handelte sich um kostbaren Schmuck aus dem Grab einer wohlhabenden adligen Frau (Fund von Kleinschelken). Dass dieser und vergleichbare Schmuck im Karpatenbecken dem sogenannten „merowingischen Stil“ zuzuordnen sind, erkannte J. Hampel im Jahr 1880 anhand der prunkvollen Gürtelschnalle aus dem Grab von Großwardein. Auf der Grundlage seiner umfassenden Kenntnis der historischen Quellen und der sich rasch vermehrenden archäologischen Funde gelangte er gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu dem Schluss, dass Gräber und Gräberfelder mit solchen Beigaben östlich der Theiß dem Volk der Gepiden zuzuschreiben sind.

    Mit der Veröffentlichung des ersten mustergültig ausgegrabenen gepidischen Gräberfeldes von Mezőbánd/Bandorf (1906/07) konnte I. Kovács 1913 zudem methodisch überzeugend nachweisen, dass es sich dabei um ein Gräberfeld der Gepiden aus der Zeit der Völkerwanderung handelt. Zwar blieb auch die gepidische Archäologie nicht von den methodischen und ideologischen Verwerfungen verschont, die nach dem Ersten Weltkrieg die archäologische Forschung prägten, doch wurden die Untersuchungen im Gebiet des ehemaligen, heute auf drei Staaten verteilten Gepidenreiches kontinuierlich fortgeführt – in Siebenbürgen zwischen 1951 und 1956 sogar im Rahmen eines sogenannten „slawisch-antischen Programms“. Seit den 1960er Jahren gelten viele zuvor offene Fragen als geklärt.

    Inzwischen besteht unter ungarischen, serbischen und rumänischen Fachleuten kein Zweifel mehr daran, dass die Siedlungen und Gräberfelder dieser Zeit den Gepiden zuzuschreiben sind. Deutlich schwieriger gestaltet sich hingegen die Abstimmung dieser Forschungsergebnisse mit der westeuropäischen merowingerzeitlichen Forschung. Dort gibt es bis heute zahlreiche Historiker und Archäologen, die den Gepiden kaum Beachtung schenken oder allenfalls die einfachen Gräber des gemeinen Volkes als gepidisch anerkennen. Belastend wirken dabei bis heute die feindseligen zeitgenössischen Berichte gotischer und langobardischer Autoren.

    So wurden den Gepiden ihre reichen Schätze, Königs- und Fürstengräber ebenso abgesprochen und den Goten zugeschrieben wie ihre militärischen Erfolge. Diese Sichtweise beeinflusste zeitweise auch die regionale Forschung, etwa in der unbelegten Annahme, die Königsgräber von Apahida oder der Schatz von Szamosfalva seien Hinterlassenschaften einer ostgotischen Herrschaftsschicht, die Siebenbürgen bis 474 oder 490 besetzt gehalten habe. Demgegenüber lässt sich der außergewöhnliche Reichtum der gepidischen Könige und Großen überzeugend aus ihrem historisch bedeutsamen Sieg über die Hunnen sowie – abgesehen von den erwähnten zwölf Jahren – aus ihrem festen Bündnis mit dem Oströmischen Reich erklären.

    Aus der Verbreitung der Solidi der Kaiser Theodosius II., Marcian und Valentinian III. – also jener Goldmünzen, die die Gepiden im mittleren Drittel des 5. Jahrhunderts bevorzugt als Grabbeigaben verwendeten – lässt sich eindeutig auf die Ausdehnung ihres Siedlungsgebietes während der hunnischen Herrschaft schließen. Demnach erstreckte sich das Land der Gepiden östlich der Linie Bodrog–Theiß, nördlich der Linie Kreisch–Schneller Kreisch sowie im Osten nördlich des Quellgebietes des Großen Samosch. Die reichen, münzdatierten Einzelgräber aus dem Partium und aus Nordsiebenbürgen, etwa bei Érmihályfalva, bilden bis heute eine wichtige chronologische Grundlage der internationalen Forschung zur sogenannten „merowingischen Zivilisation“.

    In dieser Zeit entwickelte sich auch das charakteristische, „neureiche“ Trachtenzubehör der adligen gepidischen Frauen: große silberne Scheibenfibeln an beiden Schultern des Gewandes, reich verzierte Gürtelschnallen und Armreifen, ergänzt durch goldene Ohrringe und Perlen. Besonders häufig sind solche Bestattungen vornehmer Frauen in Nordostungarn, doch finden sie sich ebenso im angrenzenden Partium, etwa in Érdengeleg und Gencs. In Großwardein entstand in dieser Epoche sogar ein ausgedehnter adliger Friedhof.

    Da Waffen, Männer- und Frauentracht sowie weitere Elemente der materiellen Kultur der Gepiden aus der Hunnenzeit inzwischen durch bedeutende Gräberfelder in Ungarn und im Partium – etwa Ártánd I und II oder Érmihályfalva – gut bekannt sind, lässt sich auch die Besiedlung Siebenbürgens nach dem Ende der hunnischen Herrschaft vergleichsweise zuverlässig nachzeichnen. Die ersten gepidischen Siedler brachten ihre eigenen Schmuckformen wie Ohrringe und Fibeln mit. Ihren Toten legten sie als Obolus teilweise noch immer die in großen Mengen ins Hunnenreich gelangten Spätprägungen des Theodosius II. oder des Valentinian III. (425–455) ins Grab, die jedoch bald durch Solidi Leos I. (457–474) und Zenos (474–491) ersetzt wurden.

    Die Verbreitung dieser Goldmünzen deckt sich gut mit den frühen gepidischen Grabfunden, die sich bis in die Täler Südsiebenbürgens erstrecken, etwa nach Schäßburg, Hofmarkt, Kronstadt, Stolzenburg und Holzmengen. Der Großteil der Funde stammt aus Familiengrablegen neu errichteter adliger Herren- und Meierhöfe; größere Dorfsiedlungen waren zu dieser Zeit noch nicht entstanden. Die meisten Zeugnisse dieser Phase wurden in Klausenburg und seiner näheren Umgebung entdeckt, wo daher ein bedeutendes Zentrum der Gepiden vermutet wird.

    Archäologische Fundorte und Funde

    Die archäologische Überlieferung der Gepiden ist untrennbar mit dem Gebiet des heutigen Ungarns, Serbiens und Rumäniens, insbesondere Siebenbürgens und des Ungarischen Tieflandes östlich der Theiß, verbunden. Dort liegen diverse Fundorte und Gräberfelder vor, die die Präsenz der Gepiden belegen.

    • Szilágysomlyó-Schatz: Ein bedeutender Hortfund (zuerst wurden Stücke 1797 und dann nochmal 1889 entdeckt im damaligen Ungarn, heutigem Rumänien, die bis heute untersucht werden) der ebenso wie andere Fundplätze wichtige Zeugnisse über die materielle Kultur der Gepiden liefert.

    Bilder: Fibeln, Kleidernadeln aus dem Szilágysomlyó-Schatz

    • Gräberfelder von Apahida (ungarisch, übersetzt: „Die Brücke der Mönche“ ist eine Gemeinde im Kreis Cluj, in der Region Siebenbürgen in Rumänien): Drei, zwischen 1889 bis 1973 gefundene, reich ausgestattete frühmittelalterliche Gräberfelder, deren Grabbeigaben wie Waffen, Fibeln und Schmuck auf die germanische Gepidengesellschaft deuten.

    Bild: Sattelfibeln, gefunden 1968 in Apahida

    • Reihengräberfelder: In Orten wie Szentes-Nagyhegy und Hódmezővásárhely-Kishomok wurden ausgedehnte Friedhöfe mit zahlreichen Grabbeigaben ausgegraben, die die früheren Siedlungen und Bestattungskulturen belegen.
    • Kölked (Südungarn): Fundstelle eines germanischen Dorfes aus awarischer Zeit, mutmaßlich mit gepidischem Ursprung. Das Gräberfeld von Kölked umfasst zahlreiche Bestattungen aus dem späten 6. bis frühen 7. Jahrhundert n. Chr. und zählt zu den bedeutendsten frühmittelalterlichen Fundplätzen in Südosteuropa.

    Bild: Fundstücke, gefunden im Grab eines Mannes in Kölked, 6.-7.Jh.

    Diese Funde erlauben einen Einblick in die Bestattungsrituale, den sozialen Status von Toten und die kulturellen Einflüsse jener Zeit. Die Ausgrabungen zeigen eine enge Verbindung zu anderen germanischen Kulturen, wobei besonders die Fibeln als interessanteste Kunstfertigkeit auffallen. Fibeln sind eine metallene, dem Prinzip der Sicherheitsnadel entsprechende Gewandnadel

    Kulturelle und gesellschaftliche Einordnung

    Die Gepiden sollen zunächst heidnisch gewesen sein, wie Berichte bis ungefähr zum Jahr 440 noch anführen, ehe sie zum arianischen Christentum konvertierten. Der erste historisch belegte Bischof aus ihren Reihen ist Thrasarich im 6. Jahrhundert. Die Gesellschaft dürfte monarchisch organisiert gewesen sein, was aus den Aufzeichnungen der Herrscher und Könige hervorgeht.

    Die Siedlungsweise wird als kleinteilig beschrieben: man bewohnte Einzelgehöfte, kleine Weilern und verlassene Burgen insbesondere im transsilvanischen Bergland. Die Stadt Szentes könnte als Machtzentrum gedient haben. Die Besiedlung war klar ländlich geprägt, und archäologische Spuren von Landwirtschaft sowie Keramik legen eine florierende agrarische Gemeinschaft nahe.

    Die Rolle der Ausgrabungen bei der Rekonstruktion der gepidischen Geschichte

    Die archäologischen Funde tragen entscheidend zum Verständnis der Gepiden bei, deren Geschichte in den schriftlichen Quellen oft fragmentarisch oder wenig detailliert überliefert ist. Sensationen wie der Schatzfund von Szilágysomlyó oder die reichen Gräber von Apahida stärken die Forschungsbasis. Bei der Auswertung solcher Funde stehen besonders die Grabbeigaben wie Waffen, kunstvolle Fibeln, Schmuckgegenstände und Werkzeuge im Fokus, welche auf gesellschaftliche Hierarchien, kulturelle Einflüsse und wirtschaftliche Verhältnisse hinweisen.

    Das Nebeneinander von eingegliederten germanischen Elementen und möglicherweise übernommenen sarmatischen Einflüssen aus der Region lässt auf ein Vielfalt und Interaktion zwischen verschiedenen Völkern schließen. Ebenso geben Kiesscherben, Knochenfunde und die Siedlungsarchäologie Hinweise auf landwirtschaftliche Praktiken, die im Verlaufe der Völkerwanderungszeit vielfach neuen Anpassungen unterworfen waren.

    Ungeklärte Fragen und Quellenlücken

    Die genaue Herkunft der Gepiden und ihr Verhältnis zu den Goten bleibt in mancher Hinsicht ungeklärt. Gerade die Frühzeit vor dem 3. Jahrhundert ist archäologisch wie schriftlich schlecht erschlossen. Ebenso unklar ist die detaillierte soziale Struktur und Organisation des gefestigten Reichs der Gepiden, vor allem wie sich diese im Angesicht der Hunnen- und später Langobardenherrschaft wandelte. Die Verbindung von archäologischen Funden zu einer klar gepidischen Ethnie ist oft schwer fassbar, zumal sie ihre Kultur mit benachbarten Völkern teilten oder von diesen beeinflusst wurden.

    Auch zu den genauen Hinterlassenschaften der Gepiden nach ihrem Fall im 6. Jahrhundert gibt es keine eindeutigen Belege. Die späteren Eroberungen durch die Awaren und die byzantinischen Feldzüge führten zu einer Verwüstung ihrer ehemaligen Siedlungsgebiete, woraufhin die Spuren der Gepiden in der Geschichte langsam entschwinden.

    Schlussbetrachtung

    Die Gepiden zählen ohne Zweifel zu den faszinierenden, wenngleich bislang nur unvollständig erforschten Völkern der germanischen Welt zur Zeit der Völkerwanderung. Archäologische Funde geben in den Siedlungsgebieten Mitteldonaus und Siebenbürgens eindrucksvolle Zeugnisse ihrer Lebensweise und Kultur. Die Geschichte des gepidischen Reichs, von der ersten Erwähnung ihres Volkes im 3. Jahrhundert über ihren Höhepunkt nach dem Sturz der Hunnenherrschaft bis zum fürchterlichen Ende durch die Langobarden und Awaren im 6. Jahrhundert, erschließt sich durch die Verbindung von schriftlichen Quellen und archäologischen Belegen.

    Es bleibt jedoch Raum für weitere Untersuchungen, gerade im Bereich der frühen Gepidenzeit und ihrer genauen Herkunft. Die differenzierte Erforschung der materiellen Kultur und die genaue Zuordnung der Fundstellen könnten weitere Erkenntnisse über ihr Verhältnis zu den Goten und den umliegenden Völkerschaften liefern.

    Quellen

    • https://de.wikipedia.org/wiki/Gepiden
    • https://www.evolution-mensch.de/Anthropologie/Gepidenreich
    • http://www.gepiden.info/seite-3.html
    • https://www.manfred-hiebl.de/mittelalter-genealogie/_voelkerwanderung/g/gepiden.html
    • http://yggdrasil-kreis.org/gepiden
    • https://archive.org/details/historischtopogr00dicu
    • https://www.thueringer-allgemeine.de/lokales/nordhausen/article410517062/spuren-alter-welten-archaeologen-entdecken-im-kreis-nordhausen-die-geschichte.html
    • https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/graeberfeld-beleuchtet-anfaenge-der-bajuwaren/
    • https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/bautzen/goerlitz-weisswasser-zittau/bronze-zeit-schatz-klein-neundorf-100.html

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  • Archäologie und Funde der Sachsen

    Ein frischer Wind durchdringt die matten Morgenstunden im Landkreis Nordhausen. Archäologen schaufeln konzentriert Erde beiseite, dabei offenbart sich unter der Oberfläche eine erstaunliche Vielfalt an Befunden – von den Spuren frühzeitlicher Siedlungen bis zu rückwärtigen Kulturzeugnissen der Germanen. Gerade im nördlichen Thüringen und angrenzenden Regionen Sachsen-Anhalts und Sachsens zeichnen sich durch reichhaltige Ausgrabungen immer klarer Konturen eines lebendigen und vielgestaltigen Bildes der Völkerlandschaft ab, die vor Jahrhunderten hier siedelten. Insbesondere die Archäologie der Sachsen liefert zusehends facettenreiche Einblicke, die das bisherige Verständnis von germanischer Geschichte neu gestalten.

    Germanische Spuren im nördlichen Mitteldeutschland

    In den Landkreisen um Nordhausen sowie in Sachsen-Anhalt, besonders im Burgenland- und Salzlandkreis, entdeckten Ausgrabungen eindrucksvolle frühgeschichtliche Relikte. An der künftigen Stromtrasse Südostlink etwa gelangten Tausende Jahre alte Gräber, Opferstätten und sogar steinzeitliche Industrieanlagen ans Licht, was auf eine Kontinuität menschlicher Nutzung und Ritualpraxis über Jahrtausende schließen lässt. So fanden sich dort Grabhügel, sog. Toten-Hütten sowie Öfen aus dem Spätneolithikum, die mit den Technologien einer kleinen Industrie vergleichbar sind. Diese Befunde weisen auf komplexe Gesellschaften mit spezialisierter Produktion hin, lange vor der eigentlichen sächsischen Stammesbildung.

    Insbesondere mitteldeutsche Funde zeigen, dass germanische Gruppen nicht homogen waren, sondern eine Vielzahl kultureller Einflüsse und Wirtschaftspraktiken mitbrachten und integrierten. Die Forschungen belegen, dass es keine strikt abgrenzbare „germanische Religion“ gab, sondern einen synkretistischen Kultus, der römisch-keltische Gottheiten mit einbezog. So sind in germanischen Fundorten immer wieder römische Götterstatuetten zu finden, etwa von Merkur, Mars und Jupiter. Diese Funde legen nahe, dass germanische Gruppen sowohl eigenständige als auch adaptierte Glaubensformen lebten.

    Spurensuche in Sachsen: Siedlungen und Brunnen

    Ein bemerkenswerter Fundort befindet sich in der Altmark nahe Belkau, wo eine Großsiedlung des frühen Mittelalters ausgegraben wurde. Über 1.200 Jahre alte Holzbrunnen aus Eichenholz blieben durch den hohen Grundwasserspiegel außergewöhnlich gut erhalten. Die dendrochronologische Datierung ergab Baujahre zwischen 770 und 888 n. Chr., also der Karolinger-Zeit, die auf eine durchgehende Nutzung und Siedlungsdichte hindeuten. Die Siedlung auf rund 25 Hektar umfasste circa 500 Einwohner und zeigt, dass hier eine wohlhabende bäuerliche Gesellschaft lebte, deren Wirtschaft auf Landwirtschaft, Bronze- und Eisenverarbeitung sowie Handel beruhte.

    Die Funde weisen auch auf längerfristige und weitgehende kulturelle Kontakte hin, etwa Gewandspangen des 6. und frühen 7. Jahrhunderts, die ihre enge Verwandtschaft in Südskandinavien besitzen. Diese Parallelen werfen Fragen nach Wanderungen und Einflüssen skandinavischer Gruppen auf und dokumentieren eine lebendige Netzwerkbildung zwischen den Stämmen, die viel weiter reichte als bloße Nachbarschaft.

    Hortfunde und Monumente als Zeugnisse sozialer Ordnung

    In Sachsen konnten indes spektakuläre Hortfunde aus der Bronzezeit geborgen werden, die eine neue Dimension des Verständnisses für vergangene Gesellschaftsstrukturen eröffnen. Bei Klein Neundorf, nahe Görlitz in der Oberlausitz, entdeckten Archäologen einen Fund von über 16 Kilogramm materieller Kultur – darunter Schmuck, Geräte und Waffen im Gesamtumfang von über 300 Objekten. Diese etwa 3.000 Jahre alten Gegenstände gehören zu einem der größten Bronzezeitfunde Sachsens und markieren einen bedeutenden Schatz der Lausitzer Kultur.

    Besonders interessant ist die Deutung des Fundes als Hort, der rituellen Charakter gehabt haben könnte – Opfergaben an Götter etwa oder symbolische Schatzanhäufungen offenbar in Zeiten von Umbrüchen oder gesellschaftlichen Krisen. Die Vielfalt und Qualität der Objekte lassen auf eine hierarchisch geordnete Gesellschaft schließen, deren Eliten sich durch Kunstfertigkeiten und Fernhandel hervortaten. Die Zusammensetzung der Bronzen aus Kupfer und Zinn, Rohstoffe, die in der Region nicht verfügbar waren, unterstreicht die weiten Handelsverbindungen dieser Gemeinschaften.

    Germanische Gesellschaften im Wandel – Ein neues Bild

    Die gewonnene Erkenntnis über die Lebensweise der sogenannten Germanen, denen die Sachsen zugerechnet werden, verzichtet zunehmend auf veraltete und klischeehafte Vorstellungen. Die populären Bilder von keltisch-germanischen Wilden in erdfarbenen Lumpen entsprechen längst nicht mehr dem Stand der Wissenschaft. Stattdessen zeigen archäologische Befunde, dass die Menschen ein ausgeklügeltes und vielschichtiges Leben führten, das weit über die Büsche und Wälder hinausging.

    Karl Banghard und andere Fachwissenschaftler sprechen von einer eher gesitteten, kulturvollen Welt mit farbenfroher Kleidung, modischen Frisuren – oftmals mit Fremdhaar und kunstvollen Zöpfen – und einer Wohnkultur, die Sitzmöbel und Teppichschmuck einschloss. Dies widerspricht dem Bild einfältiger Horden und belegt eine ingenieurtechnisch durchdachte Bauweise, in der Siedlungen über mehrere Generationen nach festen Mustern errichtet wurden, etwa in Form von Reihenhaussiedlungen mit durchdachter parzellierter Flurordnung.

    Auch die gesellschaftliche Ordnung war offenbar flexibler als gedacht: Hier wechselten sich Phasen mit autoritären Herrschaftsformen mit eher egalitären Strukturen ab. Der Verweis auf Tacitus’ und Caesars Berichte zeigt: Germanische Gemeinschaften verfügten über gemeinschaftlichen Grundbesitz und rotierende landwirtschaftliche Nutzungsformen, die Reichtumsbündelung verhinderten und so soziale Harmonie förderten. Der Ackerbau war weniger intensiv als bei den Römern, dafür setzte man auf eine nachhaltige Mischung mit Sammeln und Wildpflanzenverwertung.

    Militärisches und kulturelles Netzwerk

    Obwohl die germanische Welt als militärisch geprägt gilt, zeichnet sich ein vielschichtiges Bild mit Bewegung, Anpassung und kulturellem Austausch ab. Der sogenannte „Germanenbegriff“ entstammt einer römischen Kategorisierung, die unterschiedliche Stämme zwischen Rhein und Weichsel samt ihren Sitten, Sprachen und Ökonomien zusammenfasste. Diese Stämme sahen sich nicht als einheitliches Volk, sondern unterschieden sich deutlich, etwa Cherusker, Sueben oder Alemannen.

    Archäologische Funde in Ubier-Siedlungen oder im Römischen Reich belegen, dass germanische Krieger häufig als Söldner dienten und sich so in römische Gesellschaften einfügten. Es gibt Hinweise auf römischen Modetransfer, etwa bei roten Wollkleidern germanischer Frauen, und auch auf das Aufgreifen römischer Gottheiten. Sogar Zugang zur Schrift war bei den Germanen verbreitet, wenn auch oft in weniger dauerhaftem Material wie Holz statt Pergament, was die schriftliche Überlieferung schwächt.

    Archäologische Schattenzonen und offene Fragen

    Manche Fragen bleiben weiterhin schwer zu beantworten, da archäologische und schriftliche Quellenfragmentarisch sind. Die Kultstätten der germanischen Stämme zum Beispiel sind archäologisch nur schwer zu fassen, denn ihre Bauweise unterschied sich von römischen Steinmonumenten und war meist vergänglich. Ebenso stellt die Frage nach tiefergehenden gesellschaftlichen Strukturen und Sprachgrenzen eine Herausforderung dar, da sich viele Dialekte über Tagesmärsche hinweg änderten und schriftliche Selbstzeugnisse fehlen.

    Auch ist der Begriff „Sachsen“ als Bezeichnung einer spezifischen ethnischen Gruppe für die Frühzeit nicht immer klar zu fassen. Die archäologischen Forschungsobjekte liegen oft in mehrdeutigen Stammesgebieten und verbinden unterschiedliche Siedlungs- und Kulturtypen. Es ist zu beachten, dass viele der Quellen sich auf übergreifende „germanische“ Gruppen beziehen, wobei Konkreta zur Stammesgeschichte der Sachsen erst für das Frühmittelalter deutlicher werden.

    Schlachtfelder und gewaltsame Umbrüche

    Ein Blick nach Bayern bestätigt, dass die Völkerwanderungszeit von signifikanten Konflikten geprägt war. So legten Ausgrabungen bei Bad Füssing ein Friedhofsfeld frei, das eine „bajuwarische Prinzessin“ aus dem 6. bis 7. Jahrhundert birgt, aber auch wesentlich ältere Gräber mit Spuren gewaltsamer Auseinandersetzungen aufweist. Ein auffallender Fund ist ein mutmaßlicher Krieger mit schweren Schwerthieben am Oberschenkel und Kopf, der an einer gewaltsamen Auseinandersetzung starb. Dieses Zeugnis illustriert die Umbruchzeit zwischen Spätantike und Frühmittelalter – eine Zeit, deren Erinnerung auch an sächsischer Geschichte anknüpft.

    Fazit: Ein vielgestaltiges Bild der Sachsen und der germanischen Welt

    Die beeindruckenden archäologischen Funde der letzten Jahre zeichnen ein neues, lebendiges Bild der Sachsen und ihrer germanischen Nachbarvölker. Weit entfernt von Schlagwörtern und überholten Klischees zeigen sie Gesellschaften, die wirtschaftlich divers, kulturell vernetzt und sozial differenziert waren. Die Funde aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen offenbaren, dass die Menschen in diesem Raum schon früh überregional verbunden waren, vielfältige Glaubensvorstellungen lebten und eine nachhaltige Wirtschaftsweise pflegten.

    Die reichhaltigen Horte aus der Bronzezeit, die gut erhaltenen mittelalterlichen Brunnen, die vielfältigen Siedlungs- und Gräberfelder und nicht zuletzt die immer wiederkehrenden Spuren römisch-germanischer Kontakte bilden zusammen ein facettenreiches Mosaik, das nicht nur die Geschichte der Sachsen, sondern das gesamte Bild der germanischen Frühzeit erheblich bereichert und differenziert.

    Quellen