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  • Die Skiren – ein fast vergessenes Volk der Völkerwanderungszeit

    Wer waren die Skiren?

    Die Skiren zählen zu den am wenigsten bekannten Gruppen der germanischen Geschichte und stehen exemplarisch für jene Völker, die zwar zeitweise politisch bedeutsam waren, aber keine dauerhafte historische Spur hinterließen. Wie viele andere germanische Gruppen sind sie ausschließlich aus antiken Fremdquellen bekannt, vor allem aus römischen und spätantiken Texten. Eigene schriftliche Zeugnisse der Skiren existieren nicht, was ihre Geschichte fragmentarisch, widersprüchlich und schwer rekonstruierbar macht.

    Bereits ihre ethnische Einordnung ist in der Forschung umstritten. Antike Autoren zählen die Skiren meist zu den Germanen, doch ihre geografische Lage im osteuropäischen Grenzraum führte zu intensiven Kontakten mit sarmatischen, gotischen und später hunnischen Gruppen. Moderne Historiker gehen daher weniger von einer „reinen“ ethnischen Identität aus, sondern von einer politisch und kulturell offenen Gemeinschaft, deren Zusammensetzung sich im Laufe der Zeit veränderte. Der Name „Skiren“ dürfte eher eine politische oder militärische Bezeichnung gewesen sein als ein fest umrissener Volksbegriff.

    Erstmals werden die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. bei Tacitus erwähnt, der sie östlich der Elbe in Nachbarschaft anderer germanischer Stämme verortet. Archäologische Funde lassen vermuten, dass sie früh in überregionale Handels- und Austauschsysteme eingebunden waren. Im Zuge der Völkerwanderung verlagerte sich ihr Siedlungs- und Machtbereich zunehmend in den pannonisch-donauländischen Raum. Diese Region war ein geopolitischer Brennpunkt zwischen dem Römischen Reich, germanischen Föderaten und später dem Hunnenreich.

    Im 4. und 5. Jahrhundert gerieten die Skiren unter die Vorherrschaft der Hunnen. Anders als manche andere unterworfene Gruppen scheinen sie dabei eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt zu haben. Skirische Krieger und Adlige traten sowohl in hunnische als auch in römische Dienste, was ihre strategische Bedeutung unterstreicht. Diese Doppelrolle als Verbündete und Söldner machte sie jedoch politisch abhängig und verwundbar.

    Bild: Odoaker, Münze, Ravenna 477

    Die bekannteste Persönlichkeit skirischer Herkunft ist Odoaker, Sohn des skirischen Heerführers Edeko. Odoakers Aufstieg verdeutlicht die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten germanischer Eliten innerhalb der spätantiken Militärstrukturen. Als er 476 n. Chr. den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus absetzte, handelte er nicht als Vertreter der Skiren, sondern als Führer eines multiethnischen Heeres. Dennoch zeigt seine Karriere, dass skirische Netzwerke erheblichen Einfluss auf die politischen Umbrüche der Zeit hatten.

    Nach dem Tod Attilas und dem Zerfall des Hunnenreiches versuchten die Skiren, ein eigenes politisches Gebilde im Donauraum zu etablieren. Dieser Versuch scheiterte jedoch rasch. In Konflikten mit den Ostgoten wurden sie militärisch geschlagen, ihr König getötet und ihre politische Struktur zerstört. Anders als bei den Franken oder Langobarden kam es nicht zur Gründung eines dauerhaften Reiches. Die Skiren verschwinden danach als eigenständige Einheit aus den Quellen.

    Religiös folgten die Skiren zunächst heidnischen Traditionen, später übernahmen zumindest Teile von ihnen den arianischen Glauben. Auch dies trug zu ihrer Randstellung bei, da sich im spätantiken Europa zunehmend das katholische Christentum durchsetzte. Ohne feste territoriale Basis, ohne stabile dynastische Führung und ohne religiöse Integration hatten die Skiren kaum Chancen, langfristig als politischer Akteur zu bestehen.

    Bild: Ostgermanische Familie im 5. Jh.

    In der modernen Forschung gelten die Skiren als typisches Beispiel für die Auflösung ethnischer Identitäten in der Spätantike. Ihr Verschwinden bedeutet nicht zwangsläufig einen physischen Untergang, sondern vielmehr die Integration in andere Gruppen und Gesellschaften. Als Außenseiter der germanischen Geschichte machen die Skiren deutlich, dass historische Bedeutung nicht zwangsläufig mit Dauerhaftigkeit verbunden ist und dass viele Völker nur kurzzeitig sichtbar werden, bevor sie im Strom der Geschichte aufgehen.

    Antike Quellenperspektiven: Tacitus, Jordanes und Prokopios

    Unser Wissen über die Skiren beruht fast ausschließlich auf vereinzelten Erwähnungen bei antiken Autoren, deren Perspektiven stark von römischen und spätantiken Deutungsmustern geprägt sind. Bereits Tacitus nennt die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner Germania. Dort erscheinen sie im östlichen Vorfeld der römisch bekannten germanischen Welt, gemeinsam mit Stämmen wie den Bastarnen und Peukinen. Tacitus ordnet sie den Germanen zu, betont jedoch ihre Randlage und grenzt sie von den „klassischen“ Germanen West- und Norddeutschlands ab. Schon hier zeigt sich, dass die Skiren aus römischer Sicht eher als Grenz- und Übergangsgruppe wahrgenommen wurden.

    Für die Spätantike ist vor allem Jordanes von Bedeutung, dessen Getica im 6. Jahrhundert entstand. Jordanes erwähnt die Skiren im Zusammenhang mit den Machtverschiebungen nach dem Zerfall des Hunnenreiches. Er schildert sie als eigenständige Gruppe im Donauraum, die zeitweise versuchte, politisch unabhängig zu agieren, dabei jedoch rasch in Konflikt mit den Ostgoten geriet. In Jordanes’ Darstellung werden die Skiren nicht heroisiert, sondern erscheinen als relativ schwacher Akteur zwischen mächtigeren Völkern. Dies unterstreicht ihre Rolle als politischer Außenseiter innerhalb der spätantiken Welt.

    Besonders wertvoll sind die Berichte des byzantinischen Historikers Prokopios, der im 6. Jahrhundert schrieb. Prokopios erwähnt die Skiren vor allem im Kontext der hunnischen und nachhunnischen Machtverhältnisse sowie im Umfeld Odoakers. Seine Schilderungen machen deutlich, dass die Skiren weniger als geschlossenes „Volk“ auftraten, sondern eher als militärische und aristokratische Netzwerke, die sich flexibel in größere Machtstrukturen einfügten. Gleichzeitig betont Prokopios ihre letztliche Bedeutungslosigkeit nach den militärischen Niederlagen gegen die Ostgoten – ein Schweigen, das selbst bereits eine Aussage über ihr Verschwinden aus der politischen Geschichte darstellt.

    Zusammengenommen zeigen Tacitus, Jordanes und Prokopios, wie sich das Bild der Skiren über Jahrhunderte hinweg verändert: von einer Randgruppe am östlichen Horizont der Germania über einen kurzzeitigen Akteur der Völkerwanderungszeit bis hin zu einer beinahe vergessenen Größe der spätantiken Welt. Die Skiren sind damit ein Beispiel dafür, wie sehr historische Wahrnehmung von Perspektive, politischer Relevanz und Überlieferung abhängt.

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    Quellen

  • Alltag der Lugier

    Allgemeines zu den Lugiern

    Die Lugier waren ein germanischer Volksstamm, der in der Antike im Gebiet Mittel- und Osteuropas lebte, im 1. Jh. u.Z. im heute schlesischen Raum. Der antike griechische Geschichtsschreiber und Geograph Strabon bezeichnet die Lugier in seinem Werk „Geographika“ als ein großes Volk, das mehrere Stämme umfasste. Er erwähnt auch, dass wirtschaftlich bedeutend der Bernsteinhandel war, „der auch Begehrlichkeiten weckte.“

    Tacitus nennt in seinem ethnographischen Werk „Germania“ fünf Teilvölker der „Lugischen Gruppe“: Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und die Nahanarvaler, auf deren Gebiet die lugische Kultgemeinschaft einen heiligen Hain unterhielt. Als nördliche Nachbarn erwähnt Tacitus noch die Gotonen. Claudius Ptolemäus nennt in seinen geographischen Anleitungen nur drei Untergruppen der Lugier: die Iomannoi (deutsch: Omanen), die Idounoi und die Bouroi (deutsch Buren). Cassius Dio erwähnt die Lugier nur an einer Stelle.  Seit dem 3. Jahrhundert verschwindet der Begriff aus den antiken Quellen, stattdessen werden bereits früher und etwa am gleichen Ort die vandil(i)i bzw. vandali genannt und das sind tatsächlich die berühmten Vandalen, die gesichert nicht aus Skandinavien, sondern aus der Gegend der Lugier Richtung Spanien und Afrika wanderten. Man weiss bis heute nicht, ob die Lugier zu den Vandalen gehörten oder umgekehrt.

    Konkrete und umfassende Quellen über den Alltag der Lugier sind aufgrund der frühen historischen Periode und der spärlichen schriftlichen Belege begrenzt. Dennoch lassen sich aus archäologischen Funden und Vergleichen mit anderen germanischen Stämmen einige grundlegende Aspekte ihres Alltags rekonstruieren.

    Bild: Gebiet der fünf Lugierstämme vor der Völkerwanderung

    Wohnen und Dorfstruktur

    Die Lugier lebten vermutlich in kleinen Dörfern mit hölzernen Langhäusern, die als Wohn- und Arbeitsstätten dienten. Diese Häuser boten Raum für die gesamte Familie sowie für Haustiere. Die Bauweise war rudimentär, basierend auf lokal verfügbaren Materialien wie Holz und Lehm. Die Dörfer lagen meist in der Nähe von fruchtbarem Ackerland und Wasserquellen.

    Familie und Soziales

    Die Familie bildete die zentrale soziale Einheit. In der Regel lebten Großfamilien zusammen, die gemeinsam arbeiteten und wirtschafteten. Es gab eine hierarchische Struktur innerhalb der Gemeinschaft, wobei Stammesführer oder Älteste über soziale und rechtliche Angelegenheiten entschieden. Es gibt keine genauen Aufzeichnungen über die Rolle der Frau oder der Kinder, doch lässt das allgemeine Wissen über germanische Gesellschaften auf eine starke Einbindung aller Familienmitglieder in den Alltag schließen.

    Ernährung

    Die Ernährung der Lugier basierte auf Ackerbau, Viehzucht und Jagd. Vorherrschende Nahrungspflanzen waren Getreidearten wie Gerste und Roggen, ergänzt durch Gemüse. Fleisch stammte von Rindern, Schweinen und Schafen sowie Wildtieren. Fischfang konnte in Flussnähe ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Die Ernährung war saisonal abhängig und durch die Jahreszeiten bestimmt.

    Kleidung

    Zur Kleidung der Lugier gibt es keine direkten Quellen, jedoch lässt sich ein Bild aus Funden anderer germanischer Stämme gewinnen. Die Bekleidung bestand vermutlich aus Wolle und Leinen, verarbeitet zu einfachen Tuniken, Umhängen und Hosen. Kleidung wurde teilweise handgefertigt und konnte mit einfachen Mustern oder Verzierungen versehen sein. Schuhe und Gürtel gehörten zur üblichen Ausstattung.

    Jahreslauf und Feste

    Der Jahreslauf war stark durch die Landwirtschaft geprägt, wobei Aussaat und Ernte die wichtigsten Zeitspunkte markierten. Es ist anzunehmen, dass die Lugier – wie viele germanische Völker – verschiedene Rituale und Feste abhielten, die mit Naturzyklen und religiösen Vorstellungen verbunden waren. Konkrete Informationen zu Lugier-spezifischen Festen fehlen jedoch in den Quellen.

    Zusammenfassung

    • Die Lugier lebten in einfachen Holzhäusern innerhalb kleinräumiger Dorfstrukturen.
    • Die Familie war die wesentliche soziale Einheit mit wahrscheinlich patriarchalischer Hierarchie.
    • Ernährung beruhte auf Ackerbau, Viehzucht, Jagd und Fischfang, abhängig von der Jahreszeit.
    • Kleidung bestand vorwiegend aus Wolle und Leinen, handgefertigt und funktional.
    • Der Jahreslauf orientierte sich an landwirtschaftlichen Zyklen; über genaue Feste und religiöse Bräuche gibt es wenig gesicherte Informationen.

    Da die Quellenlage zu den Lugiern im Alltag sehr dünn ist, basieren diese Informationen vor allem auf allgemeinen Erkenntnissen zur germanischen Kultur und Archäologie der betreffenden Zeit.

    Quellen