FRAU HOLLE ALS WOLKEN- UND FRAUENMYTHOS – Eine populärkulturelle und mythologische Analyse (nach Mannhardt und Forschungstradition)
Einleitung
Das Märchen Frau Holle der Brüder Grimm zählt zu den bekanntesten Volksmärchen im deutschsprachigen Raum. Auf den ersten Blick ist es eine einfache Erzählung über zwei Mädchen — die fleißige Goldmarie und die faule Pechmarie — deren Verhalten am Ende mit Gold bzw. Pech belohnt bzw. bestraft wird. Doch hinter dieser scheinbar klaren Moral steht eine tief verwurzelte Mythologie, die bis in vorchristliche Zeiten zurückreicht und in der weibliche, naturverbundene Gottheiten und Wetterphänomene zentral sind. Der Volkskundler Wilhelm Mannhardt zählt hier zu den bedeutendsten Pionieren der 19. Jahrhunderts, die versuchten, diese mythologische Schicht zu entschlüsseln.
Mannhardt, ein Exzentriker par excellance, interpretiert Frau Holle nicht nur als Märchenfigur, sondern als archaische Wolkengöttin, in deren Wesen sowohl Wetter- als auch Frauen- und Mutteraspekte verschmolzen sind. Diese Interpretation öffnet ein Fenster in das Denken früherer Kulturen, in denen Natur, Wetter und weibliche Jenseitsfiguren eng miteinander verknüpft waren.
Frau Holle – mehr als ein Märchen
Die klassische Erzählung von den Gebrüdern Grimm (KHM 24) erzählt von einer Stieftochter, die erst eine Spindel in einen Brunnen fallen lässt und gleich darauf von der bösen Stiefmutter hinterdrein gestossen wird – von dort und in das Reich der geheimnisvollen Frau Holle gelangt. Da dient sie fleißig, wird am Ende mit Gold belohnt und kehrt in die Welt zurück, wo sie als gerechte und wohltätige Kraft wirkt. Die Handlung suggeriert eine grundlegende Moral: Fleiß wird belohnt, Faulheit bestraft. Doch bereits die frühen Volkskundler erkannten, dass hier weitaus mehr verborgen liegt als nur pädagogischer Zeigefinger. Das Goldtor ist die goldenen Sonne, vom Pechtor kommt der „Unrat bösen Hagelwetters.“
Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass Frau Holle nicht allein ein Produkt der Grimmschen Märchensammlung ist, sondern auf älteren Volkserzählungen beruht, in denen sie als Wetter- und Naturwesen auftritt. In alten Überlieferungen ist sie mit dem Winter, dem Schnee und den Witterungskräften verbunden, und in Bauernlegenden heißt es sogar, sie lasse es schneien, wenn sie ihre Betten ausschüttelt – ein Motiv, das sich bis heute in volkstümlichen Redensarten erhalten hat.
Wilhelm Mannhardt und die Wolkengöttin
Wilhelm Mannhardt (1825–1882) gehört zu den bedeutendsten deutschen Volkskundlern des 19. Jahrhunderts. Er untersuchte Volksglauben, Sagen und Bräuche unter einem historisch-vergleichenden Aspekt, wobei sein besonderes Interesse der frühesten Schicht der Mythologie galt. In seiner Interpretation von Frau Holle sieht er keine bloße Märchenfigur, sondern eine mythische Wolkengöttin, deren Tätigkeiten und Eigenschaften das Wetter und den Jahreslauf personifizieren. Mannhardt identifiziert mehrere Elemente, die diese Deutung stützen:
a) Wetter und Wolken als symbolischer Raum
Mannhardt geht davon aus, dass Frau Holle ursprünglich mit der Wolke und den Wetterphänomenen verknüpft war. Schon die Vorstellung, dass sie durch das Ausschütteln ihrer Betten Schnee hervorbringt, weist auf eine Verbindung zwischen ihrem Handeln und den atmosphärischen Vorgängen hin. Für ihn ist die Wolke der eigentliche „Wohnsitz“ dieser Gottheit: Ein Ort, an dem Regen, Schnee und Wind ihren Ursprung nehmen und von wo aus sie das Wetter regelt.
b) Frau Holle als Herrin des Wetters
Frau Holle kontrolliert in vielen Volkserzählungen das Wetter. Wenn sie in Bewegung gerät, sei es durch das Schütteln von Bettdecken oder durch das Rufen, so erzeugt sie Stürme oder Schneefall. Diese Deutungen lassen sich zurückführen auf vorchristliche Wettergötter, bei denen die weiblichen Aspekte stark hervortreten.
c) Der Berg, der Brunnen, das Wasser
Mannhardt und andere Forscher verweisen darauf, dass Frau Holle in vielen alten Sagen mit Orten wie Bergen, Brunnen und Gewässern verbunden ist – symbolträchtige Orte, die in zahlreichen Mythologien als Übergänge zwischen Welten gelten. Besonders der Brunnen fungiert hier als Schwelle zwischen Alltagswelt und mythologisch-magischem Bereich. Beim Eintritt in diesen Ort beginnt die eigentliche Prüfung der Heldin – ein typisches Motiv in Initiations- und Mythenzyklen.
Bild unten: Mannhardt, Seite 276: „Man hat sie (Frau Holle) im Harz gesehen, wie sie einen goldenen Eimer ohne Boden einen steilen Berg hinauftrug, aus dem unablässig das Wasser herabströmte, ein altes Bild des Regens, das auch in der griechischen Mythologie im bodenlosen Wasserkruge der Danaiden sich wiederholt.“
Frauenfiguren im Mythos und Volksglauben
Frau Holle ist nicht die einzige weibliche Sagengestalt, die mit Wetter und Natur verbunden ist. Im gesamten kontinentalgermanischen Raum finden sich ähnliche Figuren: Perchta in Süddeutschland und den Alpen, die Moras in Skandinavien oder die Roggenmuhme in ländlichen Erzählungen. Alle weisen Gemeinsamkeiten auf: Sie treten als weibliche Naturwesen auf, sind häufig mit Fruchtbarkeit, Wetter und Feldfrüchten verknüpft – und oft auch ambivalent in ihrem Wesen.
Während Frau Holle in der Grimmschen Fassung eher wohlwollend wirkt, zeigen andere Überlieferungen Gestalten, die strenger, furchterregender oder zweideutiger erscheinen. Die Roggenmuhme etwa wirkt sowohl fruchtbar als auch gefährlich und wird als riesige Frau mit überdimensionierten Brüsten beschrieben – Ausdruck einer archaischen Vorstellung von Ernährung und Wachstum.
Symbolik von Frauenfiguren im Märchenkontext
Die Forschung zur Rolle weiblicher Figuren in Märchen geht weit über die reine Märchenerzählung hinaus und untersucht die psychologischen, sozialen und historischen Bedeutungen dieser Gestalten. In Frau Holle zeigt sich ein besonders komplexes Zusammenspiel von weiblicher Autorität, sozialer Funktion und mythischem Ursprung. Die Figuren von Goldmarie und Pechmarie stehen dabei für wertorientierte Archetypen: Tugend gegenüber Untugend, Fleiß gegenüber Faulheit. Zugleich reflektieren sie soziale Erwartungen an Frauen in vormodernen Gesellschaften – eine Moral, die von der dominanten Gesellschaftsschicht vermittelt wurde.
Darüber hinaus ist Frau Holle selbst eine übergeordnete Frauenfigur, die außerhalb dieses dualistischen Gegensatzes steht: Sie ist weder gut noch böse im moralischen Sinne, sondern wirkt als Naturmacht und kosmische Ordnungskraft. In frühen Mythen war sie vermutlich eher eine Art Mutter- oder Erdmuttergöttin, deren Einfluss sich über das Wetter und den Jahreslauf erstreckte.
Mythische Ursprünge und Bräuche
Forscher sehen in Frau Holle eine Fortsetzung älterer vorchristlicher Gottheiten wie Holda, Hulda, Perchta oder sogar Freya – Namen und Konzepte, die in germanischen Kulturen verbreitet waren. Sie galten als Wetter-, Fruchtbarkeits- und Schicksalsgottheiten, die über Leben und Tod, Ernte und Jahreszeit bestimmten.
Ich zitiere: “ In Oestreich, Baiern, Schwaben, im Elsass und der Schweiz, so wie in einzelnen Gegenden von Thüringen, Franken und Tirol tritt eine andere Göttin auf, welche der Holda wesentlich gleichbedeutend ist, deren Sagen aber eine etwas verschiedene Färbung angenommen haben. Sie heiszt Bertha ahd. Perahta d. h. die glänzende lichte Göttin. Gleich Holda ging ihre Gestalt von der Wolkenfrau aus. Einst glaubte man, sie trage Kuhgestalt. Deshalb erscheint sie in Baiern noch immer in eine Kuhhaut gekleidet. Gleich Holda zieht sie auch an der Spitze des wilden Heeres. Im Waadtland zeigt sie sich zu Weihnacht als Jägerin, einen Zauberstab in der Hand, umgeben von einer Menge von Geistern und Seelen aller Art. In Kärnten soll sie lebende Menschen mit sich in die Luft fort führen und in weite Länder tragen. Erst Morgens bringt sie den entseelten Leichnam zurück, zwischen dessen Zehen und Fingern man fremde Blumen rindet, die kein Mensch zu benennen weisz. Gleich Holda erscheint sie um Weihnachten als eine Frau mit zotti gen Haren, um die Spinnerinnen zu beaufsichtigen, namentlich am letzten Tage des Jahres, wo ihr zu Ehren Fische und Klösze ge gessen werden und alles abgesponnen sein muss.“
Auch Bräuche wie die Rauhnächte — die zwölf Nächte um Weihnachten und Neujahr — waren ursprünglich Zeiten, in denen man den Grenzen zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister besondere Bedeutung beimaß. In diesen Nächten zog die Wilde Jagd durch den Himmel: eine Schar von Seelen, Geistern und Wetterwesen, angeführt von Gestalten wie Frau Holle oder Perchta.
Fazit
Die Figur der Frau Holle ist weit mehr als nur ein Märchencharakter. In der kulturhistorischen und mythologischen Perspektive, wie sie insbesondere Wilhelm Mannhardt entfaltet hat, repräsentiert sie:
eine Wolkengöttin und Wettermacht, deren Handeln natürliche Phänomene wie Schnee und Sturm personifiziert;
eine archaische Frauen- und Mutterfigur, deren Einfluss über das Alltägliche hinausreicht und die in alten Kulturen mit Fruchtbarkeit, Wetter und Schicksal verknüpft war;
eine mythische Verbindung zwischen Alltag, Natur und Überwelt, sichtbar in den symbolischen Elementen des Brunnens, des Berges oder des Himmlischen;
sowie ein Spiegelbild historischer Rollenbilder, die weibliche Qualitäten sozial und moralisch bewertet haben.
So eröffnet die Deutung von Mannhardt und der folkloristischen Forschung einen tiefen Einblick in die Tiefenschichten unserer Kulturgeschichte — und zeigt, wie eng Volksmärchen, Naturvorstellungen und Frauengestalten im kollektiven Gedächtnis verwoben sind.
Selbst wenn man sich nur ein wenig, nur sporadisch wie ich, mit der eigenen, der germanischen Sagenwelt und Mythologie beschäftigt, fällt ins Auge, wie häufig brennende Festsäle, Hallen oder Häuser ein wiederkehrendes Motiv und wie oft sie von zentraler Bedeutung sind. Von der ältesten überlieferten, Beowulf (7. Jh.), über Amleth von Saxo Grammaticus, bis hin zur «jüngsten» bekannten Sage, der isländischen Gísli Súrsson aus der Mitte des 13. Jh., spielt Feuer in geschlossenen Räumen eine grosse, oft entscheidende Rolle, die ich mir in diesem Essay etwas näher und strukturiert ansehen will.
Die Rolle des Feuers bei den Germanen vorchristlicher Zeit
Offenes Feuer war dazumal im alltäglichen Leben, sowohl in praktischer Hinsicht als auch rituell, spirituell und religiös, enorm wichtig. Zuerst kommt natürlich, die Maslowsche Bedürfnispramide lässt grüssen, die praktische Bedeutung in Form von Wärme, Schutz, Kochen und Konservieren, Waffen etc. schmieden und als Lichtquelle. Man lebte bis zum 7. Jh. noch grösstenteils im Wald, wo es Wölfe, Bären feindliche Stämme und vielerlei andere Gefahren gab, dazu war es oft und lange kalt, was Heizen und Abschrecken, sobald dunkel, überlebenswichtig machte. Ohne Feuer auch kein Räuchern, also kein Essen, null Bierherstellung und das erwähnte wichtige Schmiedefeuer, das schon in sich selbst als mystisch galt, denn die Germanen sahen Waffenschmieden nicht nur als blosse Handwerkskunst, sondern dort magische Kräfte walten, da ja selbst Wodan/Odin den Schmied bat – nicht befahl, das Schwert Gram zu schmieden, um Sohn Balder, getötet von Loki, zu rächen. Feuer war die einzige Lichtquelle nach Sonnenuntergang und ein Symbol für Sicherheit, Gemeinschaft und Leben. Das war die erste Stufe der Maslowschen Bedürfnishierarchie, wir kommen zur Bedeutung des Feuers für Religion und Riten: Beim Ritus des Opferns wurden Tiere, Essen und andere wertvolle Gaben, wie Schmuck oder später Geld, ins Feuer gelegt. Feuer war der Vermittlungsort zwischen Menschenwelt und Asgard, dem Wohnsitz der Götter. Das Osterfeuer ist ein Rest germanischen Brauchtums, so wie das Mittsommerfeuer. Die Germanen pflegten grösstenteils ihre Toten auf riesigen Feuerstössen zu verbrennen, denn Feuer reinigt die Seele und soll den Übergang zum kalten, dunklen Helheim, wenn Walhalla nicht erreichbar, erleichtern.
Der Herd war der Mittelpunkt eines jeden Hauses, je grösser das Feuer, umso besser. Das Feuer war Symbol für Leben im Haus und es durfte nie ausgehen-wenn ja, kann Unglück über das Haus kommen. Selbst heute gibt es noch Häuser, in denen von der Küche aus, dem wichtigsten Ort, das ganze Haus geheizt wird. Am Feuer versammelt sich die Sippe, hier wird erzählt, gegessen, die Waffe geputzt und die Gemeinschaft gepflegt. Der heimische Herd wird unbedingt verteidigt! Wir kommen zur spirituellen und rituellen Bedeutung. Der Herd wurde als eine Art Altar betrachtet, denn Feuer galt an sich als heilig, und der Herd war sein Schrein-dort wurde Hausgeistern und Ahnen gedacht. Der Rauch, der vom Herd aufstieg, wurde als Brücke zur Götterwelt angesehen und die heissen Herdsteine waren die Kontaktpunkte zu den Göttern der Unterwelt. Ich zähle die wichtigsten Rituale, die am Herd stattfanden, auf: Die Ahnenverehrung fand durch rituelles Tanzen statt, also hier wieder der Herd als Ort des Treffens zwischen Lebenden und Toten. Am Herd fanden die Opferrituale in verschiedenen Kontexten statt: Tieropfer, die von der Gemeinschaft zubereitet und gegessen wurden, aber auch andere Speisen, Getränke und persönliche Gegenstände, die verbrannt wurden. Die Pflege des Feuers war eine heilige Aufgabe, und anwesende Frauen hatten zwar oft die Hauptverantwortung, aber die Familie als Ganzes war dafür verantwortlich. Es gab auch rituelle „Notfeuer“, die gemeinsam von der Gemeinschaft entzündet wurden, um Krankheiten zu bekämpfen, bei denen alle Teilnehmer beteiligt waren, und damit die existenzielle Bedeutung erklärt. Zu guter Letzt gab es Rituale, um sich in der dunklen Zeit, also um die Wintersonnenwende, spiritual abzusichern. Die Germanen verehrten die Sonne, den Feuerball, als eine Göttin und führten Rituale durch, um ihre Rückkehr zu begrüssen. Das Entzünden von großen Feuern und das Schmücken von Tannenbäumen sind Beispiele für die Bräuche, die aus dieser Tradition hervorgingen. Nachdem wir nun die Bedeutung des Feuers für die Germanen herausgearbeitet haben, wenden wir uns den Sagen, Mythen und Geschichten zu, in denen Feuer ein zentrales Motiv darstellt.
Wichtige germanischen Sagen und Epen, in denen ein Saalbrand vorkommt
Es gibt sehr bekannte, aber hierzulande auch fast unbekannte Geschichten, in denen ein Saalbrand vorkommt. Es ist hochinteressant, zu sehen, wie eng diese Geschichten miteinander verwoben sind, und wenn man berücksichtigt, dass es bis zum Mittelalter kaum jemand gab, der schreiben konnte, bzw. gab es gar keine Schrift, sondern erst mit der Christianisierung ab 700n.Ch., ist es wirklich bemerkenswert, dass diese Geschichten mündlich bis ins Mittelalter in verschiedenen germanischen Völkern lebten, man sie sich am Feuer erzählte und weitertrug. Ich werde die bekannten und weniger bekannten Werke chronologisch nach ihrem Erscheinungszeitpunkt behandeln – also danach, wann sie aufgezeichnet wurden, nicht nach der Zeit, in der ihre Handlung spielt. Warum gerade so? Weil es äußerst spannend ist zu sehen, dass die Sagen des nordgermanischen Raums aus dem 12. und 13. Jahrhundert vor allem die alte, vorchristliche Zeit heraufbeschwören – obwohl die Region längst christianisiert war dort und das germanische Erbe noch lebendig blieb. Zum Vergleich: Im Süden hatten die Franken, die ihre Taufe ernst nahmen, sich fast vollständig der Kirche untergeordnet, während die Alamannen lediglich oberflächlich konvertierten.
Beowulf (altenglisch, 8.-10. Jh.)
Früh im von unbekannten Autoren geschriebenen Epos wird erwähnt, dass Hallen «oft in Flammen aufgehen», und zwar durch Fehden, also der Saalbrand als Zeichen des Untergangs der Gemeinschaft. Zwei der drei in Beowulf vorkommende Hallen werden verbrannt, die wichtige Heorot, die Halle des Dänenkönigs, die durchgängig im Heldengedicht eine zentrale Rolle spielt, wird ausdrücklich nicht direkt durch Feuer zerstört, aber symbolisch, denn Grendel zerstört vor allem den Eingang beim Kampf mit Beowulf. Der Drache im letzten, dem dritten Abschnitt des Liedes, zerstört durch Feuer alles, was er sieht, und wird auch ausdrücklich Feuer- oder Lohdrache genannt.
Bild: Detailaufnahme des Beowulf‑Codex
Im Text steht über Heorot: Die Erfahrensten der Dänen glaubten, dass nur Feuer Heorot zerstören könnte. Original Z 792: «… daß ihn je durch Machtkampf der Männer einer, erbost und blutvoll, zerbrechen könnte oder schlau zerschleißen, verschluckt‘ ihn Qualm nicht, lackernde Lohe.»
Bild: Erste Seite des Beowulf‑Manuskripts (Cotton MS Vitellius A XV)
Nach dem Kampf Beowulf mit Grendel ist die Halle Heorot stark zerstört, aber eben nicht verbrannt und wird für eine Siegesfeier mit Festmahl wieder hergerichtet. Während der Siegesfeier wird nach altem germanischem Brauch vom Hofsänger ein Heldenlied vorgetragen. Ab Zeile 1063-1159a. Bei diesem Heldenlied handelt es sich um das «Finnsburg»-Lied, das im Beowulftext vom Dichter nicht originalgetreu, sondern nur stark verkürzt wiedergegeben wird, da offensichtlich als bekannt vorausgesetzt, also wie das Nibelungenlied mündlich überliefert und logischerweise älter als die Beowulfsage sein muss. Ganz kurz zur Geschichte in der Beowulf-Geschichte: Finnsburg ist der Hauptsitz der Friesen und Fürstensitz von Finn, dem Feind der Dänen, die die Friesen nach längerem Kampf besiegen. Im verkürzten Vortrag des Hofsängers kommt nicht vor, was uns im «Finnsburg»-Fragment erhalten blieb: «« … die Giebel brennen niemals.» Der kampfjunge König erklärte darauf: « Nicht dämmert es vom Osten her, auch ein Drache fliegt hier nicht, Noch brennen hier die Giebel dieser grossen Halle, Vielmehr schafft der Feind Waffen heran usw usf…»» Im Beowulf kommt es aber zu einem «korrekten» Saalbrand, erst fast ganz zu Schluss, als dem nunmehr König der Gauten Beowulf berichtet wird, dass durch den Drachen «sein eigener Wohnsitz selbst. Das herrlichste Haus, verheert worden sei durch Flammenwogen, der Gabensaal der Gauten» Zeile 2325 ff. Beowulf stirbt schliesslich nach dem Kampf durch des Drachen Feuerhitze und sein ihn verbrennendes Gift, also endlich auch durch Feuer.
Bild: John Howe, Beowulf und der Drache
Die Amleth-Sage nach Saxo Grammaticus und der Hallenbrand
Zweifellos ist diese Sage die bekannteste neben dem Nibelungenlied, aus dem „Gesta Danorum“ (Buch 3–4), geschrieben in Latein um 1200 n. Chr. von Saxo Grammaticus. Die besteht aus sechzehn Bänden-die ersten Neun behandeln die vorchristliche Zeit, in der Amleth spielt. Wir wissen nicht, was daran wahr ist, Saxo jedenfalls behandelte dort hauptsächlich Sagenhaftes aus den altnordischen Heldensagen und Heldengesänge: Wiederholt kommen Gottheiten vor, besonders Odin. Amleth gilt als nordische Vorlage für Shakespeares „Hamlet“, der jedoch den entscheidenden Racheakt im Original, nämlich den Hallenbrand, weglässt. Ich fange von vorne an: Amleth (altnordisch Amlóði) ist der Sohn des dänischen Königs Horvendillus. Dieser wird von seinem Bruder Feng ermordet, der daraufhin die Witwe Gerutha (Amleths Mutter) heiratet. Um zu überleben, stellt sich Amleth wahnsinnig, ein in der nordgermanischen Mythologie verbreitetes Motiv: „der tolle Amleth“. Bei Shakespeare dagegen stellt sich Hamlet wahnsinnig, weil er anders mit dem grauenhaften Verdacht und dem Auftrag, seinen Vater zu rächen, nicht glaubt leben zu können. Nach Jahren des Spotts rächt er schließlich den Mord an seinem Vater.
Der Hallenbrand
Der entscheidende Racheakt in Saxos Fassung ist ein Saalbrand: Amleth wird von Feng zu einem Festmahl in der Halle eingeladen. Feng glaubt, Amleth sei harmlos geworden, und will ihn betrunken machen, um ihn zu töten. Amleth hat jedoch vorher eine List vorbereitet: Er bringt Wein zu seinen Gegnern, deren Schwerter bzw. die Schwertscheiden er mit Wachs versiegeln ließ, damit sie die Schwerter nicht ziehen können. Dann verschließt er die Halle von innen. Seine Mutter und seine Leute sind in Sicherheit. Er setzt die gesamte Halle in Brand, während seine Feinde und sein Onkel Feng drinnen sind. Danach tötet er Feng selbst – in manchen Versionen mit einem aufgespießten Schwert oder Speer, das er an einer Stelle des Feuers findet. Der Hallenbrand dient hier als Racheakt und als Symbol für das Ende der verkehrten Ordnung: Der rechtmäßige Sohn löscht die Schande aus, indem er den betrügerischen Onkel samt Hofstaat verbrennt. Der Wachstrick zeigt Amleths Klugheit und Vorsicht: Er siegt nicht durch rohe Gewalt, sondern durch Verstand und Täuschung – typisch für altnordische Heldenlisten. Der Hallenbrand symbolisiert Reinigung und Vergeltung: Das Unrecht (der Brudermord des Onkels) wird durch Feuer getilgt. Der verschlossene Saal steht für die Unentrinnbarkeit des Schicksals – ein klassisch germanisches Motiv.
Originalquelle (sinngemäß nach Saxo Grammaticus, Gesta Danorum III, 12): „Gladios eorum cera oblinivit, ne ex vagina educerentur; aulae fores claudens, ignem immisit.“) „Er versiegelte die Schwerter seiner Feinde mit Wachs, dass sie sie, wenn sie sie zögen, nicht lösen könnten, und ließ die Halle von außen verschließen. Dann zündete er sie an und verbrannte alle, die drinnen saßen, samt dem König Feng.“
Bild: Amleth brennt die Hütte ab!
Das Nibelungenlied
Was als Geschichte auf Island handelt, fand vorher in Norwegen statt, und was in Norwegen erzählt wird, kommt aus dem südgermanischen Raum. Man darf diesbezüglich nichts durcheinanderbringen. Das Nibelungenlied behandelt den Untergang der Burgunder, und die Kämpfe der Burgunder fanden in vorchristlicher Zeit, nämlich um 435 u.Z. statt, während die „Völsunga saga“ zwar zu den Vorzeitsagas zählt, sie aber inhaltlich mit Material aus der Thidreks saga und der Snorra-Edda ergänzt wird, und Dietrich von Bern, Thidrek, lebte etwas später. All diese Sagen beinhalten das Thema Burgund. Nun fängt ja die erste Strophe mit: „uns wird in alten mären wunder viel geseit …“ und die letzte Zeile dort endet mit: „ mugest du nun wunder hören sagen..“ Das bedeutet ja nichts anderes, als dass dieses herrliche Werk rein mündlich bis zum 13. Jh. überliefert wurde, bis dann im Süddeutschen die Handschriften A-F (nur die ersten drei sind vollständig) in Klöstern etc. entstanden. Es existieren noch weitere 32 unvollständige davon. Wann die Geschichte von Sigurd und Gudrun etc. vom Norden her auf den Kontinent traf, ist schwer zu sagen. Es muss um die Zeit der Völkerwanderung geschehen sein, die nicht nur in Mittel-, sondern auch im hohen Norden stattfand. Der Norden wurde später christianisiert und die germanische Welt der Mythologie war dort länger präsent, deshalb erscheinen sie älter.
Im Nibelungenlied kommt es erst fast ganz zum Schluss zu einem Saalbrand, als Kriemhild im 36. Abenteuer den Saal verbrennen ließ:
»Laßt keinen aus dem Hause · der Degen allzumal: So lass‘ ich an vier Enden · anzünden hier den Saal. So wird noch wohl gerochen · all mein Herzeleid.« König Etzels Recken · sah man bald dazu bereit.
Die noch draußen standen · die trieb man in den Saal Mit Schlägen und mit Schüssen · da gab es lauten Schall. Doch wollten sich nicht scheiden · die Fürsten und ihr Heer: Durch ihre Treue ließen · sie voneinander nicht mehr.
Den Saal in Brand zu stecken · gebot da Etzels Weib. Da quälte man den Helden · mit Feuersglut den Leib. Das Haus, vom Wind ergriffen · geriet in hohen Brand. Nie wurde solcher Schrecken · noch einem Volksheer bekannt.
Dass der Saal auf Befehl Kriemhilds angesteckt wird, ist grenzenloser Bruch des Gastrechts. Die Symbolik geht tiefer: Feuer steht hier für Reinigung, Vernichtung (600 Recken überleben allerdings und kämpfen weiter, sonst wäre die Geschichte gleich zu Ende) und göttliches Gericht. Das Feuersymbol spiegelt auch die innere Glut der Rache in Kriemhild wider. Der Saalbrand an sich aber markiert den Höhepunkt des Burgundenuntergangs, die letzte Stufe vor der totalen Auslöschung – der Recken und des burgundischen Königshauses, denn alle, auch Kriemhild, müssen am Ende sterben. Der Untergang ist unvermeidlich, denn die Recken verkörpern ein mittelalterliche Heldenideal, das von Ehre, Treue und Tapferkeit bestimmt ist. Niemand kann jetzt einfach sagen: «Tja, ich bin dann mal weg!» Und auch wenn der Untergang sicher bevorsteht, wird nicht nachgegeben oder vergeben – von beide Seiten nicht. Etzel aber ist merkwürdig stumm bei all dem, Kriemhild führt. Ausdrücklich wird erwähnt: «Etzel war kein Mann des Schwertes», was meiner Meinung nach ein Trick der Autoren war, die germanische Rohheit und ihr Selbstbewusstsein nur noch zu erhöhen, denn die ganze Zeit nehmen die Recken die Hunnen nicht für voll (Buhurt am Anfang des Besuchs bei Etzel und einige andere Situationen, ja selbst Etzels Sohn wird praktisch nebenbei geköpft. Im mittelalterlichen Kontext bezeichnete der Buhurt eine Form des ritterlichen Kampfspiels oder Turniers, bei dem Gruppen von Rittern gegeneinander ritten – kein echter Kampf auf Leben und Tod, sondern ein gesellschaftliches Spiel zur Übung und Demonstration von Ritterlichkeit, Stärke und Geschick. Im Nibelungenlied wird der Buhurt mehrfach erwähnt – besonders in den frühen Aventiuren, vor dem Einsetzen der Tragödie. Früher Teil: Ausdruck von Ehre, Ordnung, Lebensfreude, Gemeinschaft. Später Teil (nach Siegfrieds Tod): Solche friedlichen, spielerischen Kämpfe verschwinden. Der reale, blutige Kampf ersetzt das höfische Spiel.) Man kann das bedingungslose Kämpfen und Folgen mit dem Mut und Schicksalsergebenheit der germanischen unchristlichen Heiden begründen, und es wird ja viel Wahres erzählt im Nibelungenlied vom ursprünglichen Hintergrund: Der römische Heermeister Aëtius rief die Hunnen, um einen Aufstand der Burgunder niederzuschlagen. Die Burgunder wurden nahezu vollständig vernichtet. Der Untergang der Burgunden im Nibelungenlied hat darin sein historisches Vorbild; das Massaker am Hunnenhof erscheint als mythisch überhöhter Nachhall der Zerstörung des Burgunderreichs im Jahr 436, wobei der Saalbrand den dramatischen Höhepunkt der Schilderung ihrer Vernichtung bildet. Fazit: Der Saalbrand symbolisiert hier den Untergang der gesamten Burgunden – eine der eindrucksvollsten Szenen der germanischen Heldendichtung.
Helgi Hundingsbani (d. h. Hundings-Töter)
Die „neuere Edda“ von ca. 1270 behandelt ältere Geschichten als die unwesentlich ältere Edda von 1220, die eben beide ursprünglich nur mündlich übertragen wurden. Die Edda, bestehend aus zwei Werken, der Lieder-Edda (Ältere Edda) und der Snorra-Edda (Jüngere Edda), wurde in Island niedergeschrieben. Die Lieder-Edda ist eine Sammlung anonymer Gedichte, die auf ältere mündliche Überlieferungen zurückgehen, während die Snorra-Edda ca. 1220 von Snorri Sturluson verfasst wurde und als Lehrbuch für Dichter diente. Sie erklärt die nordische Mythologie und Dichtkunst anhand von Götter- und Heldenliedern. Helgi Hundingsbane ist ein Held aus den nordischen Sagen. Helgi taucht in der Volsunga-Saga und in zwei Liedern der Lieder- Edda (der älteren um 1270, genannt Lieder- oder Poetische Edda) namens Helgakviða Hundingsbana I und Helgakviða Hundingsbana II auf. Die Poetische Edda berichtet, dass Helgi und seine Geliebte Sigrún die Wiedergeburt von Helgi Hjörvarðsson und Sváva aus der Helgakviða Hjörvarðssonar waren. Sie wurden erneut als Helgi Haddingjaskati und Kára wiedergeboren, deren Geschichte als Teil der Hrómundar-Saga Gripssonar überliefert ist.
Helgakviða Hundingsbana I
Diese Dichtung erzählt, wie der Held Helgi den König Hunding tötet, Sigrlinn heiratet und später als Krieger gefeiert wird. In der Helgakviða Hundingsbana I (und teils auch in II) setzt Helgi Feuer an die Halle seiner Feinde. Das ist eine zentrale und symbolisch aufgeladene Szene, in der Feuer als Instrument der Rache, Vernichtung und Macht erscheint. Wir wollen uns das genauer anschauen: Helgi brennt die Halle nieder – Feuer als Rachewaffe: Diese Szene findet sich in der Helgakviða Hundingsbana I, etwa in den Versen 24–30 (nach der Zählung von Neckel/Kuhn). Dort wird erzählt, wie Helgi, nachdem er Hunding erschlagen hat, auch Hunding’s Söhne verfolgt – und ihre Halle in Brand steckt: Text (sinngemäß, nach Übersetzung von Felix Genzmer, 1923):
„Da brach Helgi in der Nacht auf, und Feuer loderte in der Halle. Die Flammen fraßen die Balken, Rauch stieg zum Dach empor.
Die Krieger erwachten – der Saal stand in Glut. Sie liefen hinaus, doch Helgis Schwert empfing sie alle.“
Die Bedeutung dieser Szene ist ganz offensichtlich, wie bei Kriemhild u.a. ein klassisches Motiv in der germanischen Heldendichtung: Die Feindeshalle verbrennen – ein extremes Symbol für Vernichtung der gesamten Sippe und Rache bis zur Auslöschung. Feuer wird hier metaphorisch für Kampf, Tod und Zerstörung verwendet. Zum Beispiel: Vers 29–30 (sinngemäß, Übersetzung nach Neckel/Kuhn): „Da brannte das Schwert über den Häuptern der Männer, Feuer loderte aus den Klingen.“ Das ist kein wörtliches Feuer, sondern ein Kenning (Bildsprache): „Feuer der Schwerter“ = Kampf, Blut, Zerstörung. Das „Feuer“ meint also das Blitzen der Klingen, wie es in der altgermanischen Dichtung oft heißt: eldr sverða = „Feuer der Schwerter“. Solche Feuerbilder gehören zur typischen Kriegsdichtung der Edda: das Licht, das aus den Klingen sprüht, wird mit Feuer verglichen. Wir haben hier also ganz klar den Hallenbrand (Feuer als Waffe) wo Helgi Hundings Söhne und deren Gefolgschaft vernichtet – die ultimative Rache. (Ein Kenning (altnordische Aussprache: [cʰɛnːɪŋg], ist eine bildhafte Umschreibung für ein Substantiv in der altgermanischen, altnordischen und altenglischen Poesie. Es handelt sich dabei um eine zusammengesetzte Phrase, die eine Person, einen Ort oder ein Ding beschreibt, ohne dessen Namen zu nennen. Beispiele sind „Walstraße“ für das Meer oder „Gottes Leuchtfeuer“ für die Sonne.)
In der Helgakviða Hundingsbana II
In der zweiten Helgidichtung gibt es zwar keinen Hallenbrand, aber das Motiv des brennenden Scheiterhaufens kehrt wieder, als Helgi selbst stirbt —das Feuer, das er einst entfesselte, „verzehrt“ schließlich ihn. Ein schöner zyklischer Gegensatz: Das Feuer der Zerstörung wird zum Feuer der Transformation. Vers 50 (nach der Neckel/Kuhn-Zählung):
„Sie trugen Helgi zu dem Hügel, ein Feuer brannte hell, Flammen loderten, Rauch stieg gen Himmel.“ In diesen zwei Sagen finden sich Motive von Feuer, Zerstörung und Hallenbrand, im Zusammenhang mit Racheakten und Schicksalserfüllung.
Bild: HUNDINGSBANE’S RETURN TO VALHAL von Ernest Wallcousins
Die Erzählung von Brynhildr und Sigurd (Völsunga saga)
Diese Sage ist, wie oben erwähnt, älter als das Nibelungenlied, wird aber erst im 13.Jh. niedergeschrieben, also später als unser süddeutsches Nibelungenlied, gilt aber als altnordische Vorlage für Teile des Nibelungenliedes, das wir mit der südlichen Geografie Worms, Sachsen, Xanten, Baiern und Ungarn kennen. Brynhild ist hier eine beinharte Walküre, die von Odin bestraft und von Sigurd geweckt wird und sich später mit ihm verlobt. Es gibt jede Mengen Überschneidungen, die uns jetzt nicht interessieren, da ich hier nur die bedeutendsten Szenen erwähnen will, in denen Feuer eine Rolle spielt: Die Kampfjungfrau lebt, von Odin gerichtet in einem Flammenwall auf einer Insel. Sigurd ist schon Drachentöter, also Beherrscher eines flammenspeienden Ungeheuers. Brynhild bringt sich um und wünscht/veranlasst die gemeinsame Verbrennung, die in der Halle/dem Saal, stattfindet. Der Saalbrand steht hier für rituelle Reinigung und den Übergang in die andere Welt, ganz anders als bei den Nibelungen, die aus Rache sterben, aber Feuer ist bei den Germanen immer in der Hütte!
Bild: Brynhild und Odin mit Speer
Das erste Kapitel der «Heimskringla»: Die Ynglinga saga
Heimskringla ist einer Chronik der norwegischen Könige. Die Saga wurde um 1230 in der altisländischen Sprache verfasst. Granmar, König im schwedischen Gebiet Södermanland und sein Schwiegersohn Hjörvard sind Figuren aus der altnordischen Sagenwelt, genauer aus der Ynglinga saga, dem ersten Teil der Heimskringla des Snorri Sturluson (13. Jahrhundert). Diese Saga schildert die sagenhaften Ursprünge der schwedischen und norwegischen Königsdynastien. Die Ynglinga saga handelt von dem Geschlecht der Ynglinge, die in dem altenglischen Epos Beowulf unter dem Namen „Scylfings“ erwähnt werden. Hjörvard wird als tapferer und loyaler Krieger beschrieben. Gemeinsam mit Granmar kämpfte er gegen König Ingjald Illráði, der versuchte, alle kleineren Reiche Schwedens zu unterwerfen. Ingjald lud Granmar, Hjörvard und andere Kleinkönige zu einem Festmahl in seine Königshalle in Uppsala ein. Während des Festes ließ Ingjald die Halle in Brand setzen, als die Gäste betrunken waren. Granmar, Hjörvard und viele andere Könige verbrannten darin – ein klassisches Beispiel des „Saalbrandmotivs“ in der germanischen Sage. Der Brand stellt hier, wie so oft, eine Reinigung und Rache zugleich dar. Dieses Ereignis machte Ingjald berüchtigt. Sein Beiname „Illráði“ („der Böse Ratgeber“) stammt von dieser Tat. Der Saalbrand gilt hier als Symbol für den Untergang der alten Kleinkönige und den Beginn einer neuen Herrschaftsordnung. Der Hallenbrand bei Granmar und Hjörvard gehört zu den ältesten belegten Erzählungen dieses Motivs in der germanischen Literatur. Er steht für Verrat, Machtstreben und den Untergang der alten Ordnung – Themen, die später auch im Nibelungenlied oder der Völsunga saga wiederkehren.
Die Gísla saga Súrssonar (isländische Familiensaga)
Saga von Gísli, Súrs Sohn, kurz Gísla saga ist eine Geschichte aus dem Beginn des 12.Jh, die schriftlich im 15. Jh. fixiert wird. Sie spielt anfangs in Norwegen, wo es auch zu einem absichtlich gelegten Hausbrand kommt, der mit Molke gelöscht wird. Die Sage gilt unter den Isländersagen als die vollkommenste ihrer Art. In ihr sind die zentralen Themen Ächtung, Ehrverletzungen, Verbannung, Rache, Mord, ein ähnliches Szenario wie bei den Nibelungen mit Dreiecksgeschichten, schicksalhaften Verbindungen und Endkampf (hier auf einer Klippe). Es hat keinen Saalbrand, da niemand einen Saal hat, es ist eine Bauernfamilie. Aber: Es brennt mehrmals oder es wird zumindest mit Brand gedroht. Feuer erscheint dort in zwei klaren Funktionen: als Drohung, Verfolgungswerkzeug und als Symbol des Schicksals und der Vergeltung.
Vésteinn ist Gíslis Schwager und Freund. Nach Vésteinns Ermordung werden in der Halle Fackeln entzündet, um den Täter zu entlarven. Die Fackeln werfen Licht auf die Gesichter, was eine symbolische Reinigung andeutet. Kein Brand, aber eine stark „feurige“ Atmosphäre – Feuer als Wahrheitslicht und Richtersymbol. Feuer ist hier = symbolisches Gericht, nicht Zerstörung. Gíslis Versteck und die Verfolgung: Während Gísli sich jahrelang versteckt, wird er immer wieder von Häschern aufgespürt. In einer Szene (Kapitel 28) wird ihm angedroht, sein Versteck anzuzünden, falls er sich nicht ergibt. Auðr (seine Frau) hält sie davon ab – sie appelliert an ihre Ehre. Feuer hier = Drohung gegen den Geächteten. Der Tod Gíslis: In der Schlussszene (Kapitel 30) wird kein Feuer entzündet, aber die Atmosphäre ist „feurig“ im übertragenen Sinn: Seine Gegner greifen bei Tagesanbruch an. Gísli verteidigt sich „wie ein in Flammen stehender Mann“. Das Wort „eldr“ (Feuer) wird in poetischer Rede mehrfach verwendet – für Kampfesmut und Untergangsglanz. Feuer hier = Metapher für heroisches Leuchten im Tod.
Das Motiv des Saalbrandes in der moderneren Literatur
Das Feuermotiv in den Hobbiterzählungen von Tolkien
Feuer spielt bei Tolkien (besonders in «Der Hobbit») eine zentrale symbolische, erzählerische und mythologische Rolle — und das ist kein Zufall: Tolkien kannte die Edda-Texte sehr gut (er war Professor für Altnordisch) und hat das Feuermotiv aus ihnen ganz bewusst weiterentwickelt. Der Brand von Esgaroth (Seestadt) ist die zentrale Feuerkatastrophe in The Hobbit. Bitte seht euch mehr dazu auf meiner Homepage an; ich habe eine kleine Arbeit dazu geschrieben.
Schlussbetrachtungen zur Rolle des Feuers in der germanischen Mythologie
Das Feuermotiv nimmt in der germanischen Mythologie eine zentrale, zugleich ambivalente Stellung ein. Es ist weder eindeutig positiv noch ausschließlich zerstörerisch, sondern fungiert als Grenz- und Übergangselement, das zwischen Ordnung und Chaos, Leben und Tod, Gemeinschaft und Vernichtung vermittelt. Diese Doppelbedeutung verleiht dem Feuer eine herausragende mythologische Tiefe und erklärt seine häufige Präsenz in Mythen, Heldensagen und späteren literarischen Bearbeitungen. In der mündlichen germanischen Heldendichtung (z. B. spätere Völsunga saga, Nibelungenlied) symbolisiert Feuer Rache, Untergang, Reinigung oder Schicksal.
Auf der einen Seite steht das kulturelle und ordnungsstiftende Feuer. Das Herd- und Hallenfeuer symbolisiert Gemeinschaft, Gastfreundschaft und soziale Bindung. In einer Gesellschaft, deren politisches und kulturelles Leben sich um den Saal des Fürsten oder den Hof der Sippe gruppierte, war das Feuer Mittelpunkt des sozialen Raums. Sein Erlöschen bedeutete nicht nur physische Kälte, sondern den Zusammenbruch der Gemeinschaft selbst. Das Feuer garantiert damit Kontinuität, Recht und Erinnerung und ist eng mit der Weitergabe von Geschichten und Traditionen verbunden.
Demgegenüber erscheint das Feuer als Instrument der Vergeltung und des Untergangs. Der Hallenbrand, wie er in zahlreichen Sagen begegnet, markiert den radikalsten Bruch sozialer Ordnung. Wo Feuer die Halle verzehrt, wird nicht nur ein Gebäude zerstört, sondern die Grundlage von Ehre, Schutz und Herrschaft ausgelöscht. In diesem Sinne fungiert das Feuer als Vollstrecker des Schicksals und als Medium ritueller Reinigung, das alte, schuldhafte Ordnungen tilgt, um Raum für Neues zu schaffen. Auf einer kosmologischen Ebene wird Feuer zur Urmacht des Weltendes. Die Gestalten des Muspellsheims und der Feuerriese Surtr verkörpern eine elementare, unaufhaltsame Kraft, die im Ragnarök die bestehende Weltordnung vernichtet. Dieses apokalyptische Feuer steht nicht für sinnlose Zerstörung, sondern für den notwendigen Übergang zu einer erneuerten Welt. Damit unterscheidet sich das germanische Feuerverständnis deutlich von rein moralisch codierten Feuerbildern: Das Feuer ist nicht nur Strafe, sondern auch Voraussetzung von Erneuerung.
Auffällig ist, dass das Feuermotiv in der schriftlichen Überlieferung zunehmend transformiert und abgeschwächt erscheint. In den frühmittelalterlichen christlichen Texten tritt es vor allem als göttliches Straf- oder Höllenfeuer auf, während der heroische Hallenbrand zunächst zurücktritt. Erst in den hochmittelalterlichen Sagen und in der altnordischen Überlieferung kehrt das Feuer wieder als Ausdruck archaischer Gewalt, ritueller Vernichtung und heroischen Untergangs zurück. Diese Entwicklung zeigt, wie stark das Feuermotiv von kulturellen und religiösen Deutungssystemen abhängt. Insgesamt lässt sich festhalten, dass Feuer in der germanischen Mythologie als Schlüsselmetapher menschlicher Existenz fungiert. Es ist Quelle von Wärme und Gemeinschaft, aber auch von Zerstörung und Tod; es bewahrt die Ordnung und vernichtet sie zugleich. Gerade diese Ambivalenz macht Feuer zu einer zentralen symbolischen Kraft in Mythen, Sagen und Ritualen. Es spiegelt die Dualität des menschlichen Daseins wider: Leben und Tod, Schöpfung und Vernichtung, Schutz und Bedrohung. In der germanischen Vorstellung ist Feuer nicht nur physisches Element, sondern auch Träger metaphysischer Bedeutung – es verbindet Götter und Menschen, Gegenwart und Vergangenheit, Ordnung und Chaos. So wird das Feuer zu einem Medium, durch das die Existenz ergründet, geprüft und gestaltet wird; es ist zugleich Werkzeug der Kultur wie auch Mahnung an die Vergänglichkeit alles Irdischen.
In den christlich überarbeiteten frühmittelalterlichen Epen (Heliand, Genesis) steht Feuer für Gottes Macht, Licht, Strafe oder Hölle. Weltliche Gewalt und Fehdehandlungen wurden entschärft oder vermeidet.
Damit endet diese kleine Arbeit; ich hoffe, dass sie gefallen hat.
Es kann viele unterschiedlich positive und rationale Gründe geben, warum sich jemand in Deutschland mit germanischer Mythologie und Geschichte beschäftigt. Hier sind meine – klar voneinander getrennt und ohne ideologische Vereinnahmung:
1. Kulturelle und historische Bildung
Wo ich herkomme und soziologisch geprägt wurde, war im Gegensatz zum allgemeinen Vorurteil, was Literatur betrifft, nicht besonders viel verboten- und betreffend germanischer Geschichte übertrieb man es jedenfalls nicht quantitativ im Lehrplan der POS/EOS der DDR – man intensivierte Wissen in dem Bereich auch nicht und es war alles in Allem kein großes Thema. Ich weiss, dass seit Generationen in Deutschland keine Identitätsstiftung über germanische Mythen stattfanden. Meiner Meinung nach hängt das mit der Überhöhung bzw. Instrumentalisierung der germanischen Mythologie als identitätsstiftend innerhalb der deutschen Geschichte von, ich sag mal, 1871 bis 1945, zusammen. Mir fällt der in jeder Beziehung unerträgliche SS-Führer H. Himmler ein, auf dessen Betreiben eine pseudoreligiöse Struktur, durchmischt mit Germanenverehrung und Ahnenkult, entwickelt wurde, oder Rosenbergs Blut- und Bodenideologie.
Eben darum machte man in der DDR genau das Gegenteil. Man schwieg. Bezeichnenderweise gab es aber doch diesbezüglich geduldete Literatur, geschrieben von einem heute noch sogar in Schweizer Schulen gelesenen durchaus DDR-kritischen Literaten, nämlich den von mir hochverehrten Franz Fühmann, der das Nibelungenlied und andere mythologische Stoffe umdichtete, das heißt von schwer verständlichem Text auf die moderne Sprache des 20. Jahrhunderts brachte. Er ist aber auch fast der Einzige mit Profil, der mir einfällt- Mythologie ja (Christa Wolf: Kassandra), aber deutsche/germanische Mythologie wurde nur selten und meist eher im literarischen Untergrund behandelt. Es war ein Nischendasein — mit sehr limitiertem Publikum und Verbreitung.
Die germanische Mythologie ist aber ein Teil des europäischen kulturellen Erbes. Sie muss sich überhaupt nicht hinter griechischer und schon gar nicht römischer Mythologie verstecken. Sie zu kennen hilft: Unsere Wurzeln zu verstehen, historische Entwicklungen besser zu verstehen, Literatur, Kunstwerke und Musik einzuordnen, die Herkunft vieler Bräuche oder Namen zu erkennen.
Viele moderne Geschichten – von Tolkien bis zu heutigen Fantasy-Hollywood-Welten – greifen germanische Motive auf. Da sie trotzdem ein Schattendasein führen, ich behaupte nahezu unbekannt sind, sollen diese Seiten dem ein wenig entgegenwirken. Wenn es mir gelingt, auch nur einen Leser für unsere Mythologie und frühe Geschichte zu interessieren, und ich lege das bewusst zusammen, betrachte ich dieses kleine Projekt als geglückt.
2. Interesse an Mythologie ganz allgemein
Mythen aus Griechenland, Rom, Ägypten oder Japan faszinieren viele Menschen – germanische Mythen stehen da nicht ansatzweise zurück. Sie bieten u.a.:
-archetypische Figuren (Helden, Trickster, Schöpfergestalten), die unterschiedlich charakterisiert werden. Damit meine ich, dass bei denselben Figuren (Hagen, Dietrich, Gunter usw.) in den verschiedenen Sagen mit verschiedenem geografischem Ursprung die inneren Dramaturgien unterschiedlich sind. Das hängt mit der zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlicher Wirkung stattfindender Christianisierung zusammen, auf die ich in anderen Texten eingehen werde.
Bild unten: Odin mit Speer auf dem achtbeinigen Sleipnir
philosophische Motive (Schicksal, Ehre, Opferbereitschaft-auch hier: je nachdem, wo und wann entstanden, spielt entweder der alte germanische Charakter eine Rolle oder der durch christliche Domestizierung verformte). Das Interesse kann rein erzählerisch oder vergleichend sein. Vergleichend: Es ist schon interessant, wie unterschiedlich die gleichen Geschichten aus dem Süden Germaniens im skandinavischen Norden erzählt werden.
3. Linguistisches Interesse
Viele germanische Mythen wurden in altisländischen oder altgermanischen Quellen überliefert. Dies kann für Menschen spannend sein, die Sprachen lieben, Etymologien verstehen wollen oder historische Sprachentwicklungen verfolgen. Beispiel: Vier der Sieben Wochentagsnamen im Deutschen und Englischen stammen direkt von denen germanischer Götter.
4. Interesse an Archäologie und europäischer Frühgeschichte
Die germanische Geschichte ist wichtig, um die Entwicklung Europas nach der Antike zu verstehen, Migrationen, Handelswege und Alltagskultur zu erforschen und frühe soziale Strukturen und Rechtssysteme kennenzulernen. Das ist ein seriöses wissenschaftliches Feld.
5. Identitätsbildung im offenen, nicht exklusiven Sinn
Manche Menschen möchten ihre Wurzeln oder die regionale Vergangenheit besser verstehen, manche mit, manche ohne daraus politische oder ethnische Schlussfolgerungen zu ziehen. Mich hat es immer schon fasziniert, wieso das Nibelungenlied das deutsche Nationalepos-jedenfalls bis vor kurzem-war. Nur weil es von den Nationalsozialisten für ihre Ideologie vereinnahmt wurde, ist es das nicht mehr.
Das kann bedeuten, die Neugier auf die Geschichte der eigenen Region zu wecken und den Wunsch, kulturelle Entwicklungen zu verstehen. Die eigenen alte Geschichte und seine Legenden können bei der persönliche Orientierung wegweisend sein.
6. Kunst, Musik und Kreativität
Germanische Mythologie inspiriert Metal-, Folk- oder Klassikmusik, Rockbands wie Led Zeppelin, bildende Kunst, Rollenspiele, Filme, Games, Lyrik und Literatur. Die Motive sind ästhetisch stark und vielfältig.
Bild unten: Im Lied heisst es; ..the hammer of the gods … Valhalla, I am coming…
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7. Spirituelles oder naturverbundenes Interesse
Einige Menschen beschäftigen sich aus spirituellem oder naturbezogenem Interesse mit den Mythen. Das muss nicht dogmatisch sein – es kann schlicht bedeuten, sich Inspiration aus alten Naturbildern zu holen, symbolisches Denken zu fördern und ein persönliches Ritualverständnis zu erklären. Kurz gesagt: Die germanische Mythologie und Geschichte zu studieren kann rein kulturell, wissenschaftlich, sprachlich, kreativ oder spirituell motiviert sein – ohne irgendeine politische Absicht. Es ist ein legitimer Bestandteil historischer und kultureller Bildung.
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