Kategorie: Germanische Geschichte

  • Archäologie und Funde der Friesen

    Archäologie und Funde der Friesen: Fenster in die germanische Vergangenheit

    In den Niederlanden und Deutschland an der Nordseeküste liegt das historische Siedlungsgebiet der Friesen, eines germanischen Volkes mit einer langen und bewegten Geschichte. Tief in den Marschen, auf Warften und in Mooren bergen sich Überreste einer faszinierenden Kultur. Archäologische Ausgrabungen fördern neben jungsteinzeitlichen Werkzeugen und Pflügen auch verborgenes Wissen über die Wirtschaftsweisen, sozialen Strukturen und Handelsbeziehungen dieser Seefahrer zutage. Während die antiken römischen Autoren ihre ersten Berichte lieferten, gewähren uns immer wieder spektakuläre Funde Einblicke in das Leben, die Kämpfe und den Alltag eines Volkes, das sich über die Jahrtausende an das raue Nordseeklima anpasste.

    Die archäologische Spurensuche: Frühzeitliche Funde und zweite Blüte der Friesen

    Die archäologische Forschung ergründet das Leben der Friesen von den frühesten Spuren menschlicher Besiedlung bis ins Mittelalter. Besonders in den Mooren Ostfrieslands, wie im Brockzeteler Moor oder Moor von Georgsfeld, wurden Artefakte aus der Mittelsteinzeit entdeckt. Von Bedeutung sind auch Pflugfunde, etwa der einer der ältesten bekannten Pflüge der Welt aus Georgsfeld, ursprünglich dem 4. Jahrtausend v. Chr. zugeschrieben, heute jedoch in die frühe Bronzezeit (1940–1510 v. Chr.) datiert. Solche Funde zeugen von einer langen agrarischen Tradition in einer Landschaft, die der Mensch mit einem ausgeklügelten Deich- und Bewässerungssystem bewohnte.

    Aus der römischen Kaiserzeit berichten Plinius der Ältere und Tacitus von einem germanischen Stamm namens Frisii, den Vorläufern der späteren Friesen. Tacitus nennt sie in seiner „Germania“ als „Große“ und „Kleinere Friesen“, ansässig entlang des Rheins und in sumpfigen Küstengebieten. Die archäologische Fundlage und zeitgenössische linguistische Befunde lassen jedoch auf eine komplexe Entwicklung schließen: Zwischen den antiken Frisii und den friesischen Gruppen im Mittelalter besteht wahrscheinlich nur eine begrenzte Kontinuität. Um das 5. und 6. Jahrhundert scheint das Siedlungsgebiet weitgehend von anderen germanischen Völkern wie den Angelsachsen neu bevölkert worden zu sein. Eine Kontinuität des Stammesnamens deutet auf eine bewusste Identitätsannahme der späteren Friesen gegenüber dieser historischen Bezeichnung.

    Im frühen Mittelalter, ab dem 7. Jahrhundert, stehen Friesen als ein seefahrendes, freies Volk in den Quellen. Sie errichteten neben Einzelwarften auch große Handelsdörfer (Wik), wie das zentrale Dorestad an der Flussgabelung von Rhein und Lek, das als blühende Handelsstätte Wollmäntel, Salz und Bernstein an Kunden bis ins Binnenland und nach Byzanz lieferte.

    Gesellschaftliche Strukturen und Kultur der Friesen

    Die soziale Ordnung der Friesen unterschied sich deutlich von feudalistischen Verhältnissen, wie sie in vielen Teilen Europas verbreitet waren. Archäologische Befunde, historische Quellen und Traditionsüberlieferungen zeugen von einem stark egalitären Aufbau. So wählten Landesgemeinden ihre Anführer selbst und pflegten autarke Rechtsordnungen, die in der sogenannten „Lex Frisionum“ aus der Zeit Karls des Großen schriftlich fixiert wurden.

    Die Friesische Freiheit, symbolisiert durch den Upstalsboom, eine Steinpyramide aus Findlingen bei Aurich, und die regelmäßigen Versammlungen der Vertreter der sogenannten Sieben Seelande am Feste nach Pfingsten, unterstreichen die kollektive Entscheidungsfindung und die Verteidigung gemeinsamer Rechte gegen äußere Mächte.

    Die Friesen waren bekannt für ihre Unabhängigkeit und ihren Widerstandsgeist, etwa gegen die römische Oberherrschaft oder später fränkische Versuche der Unterwerfung. Ihr Motto „Lieber tot als Sklave“ spiegelt die inneren Werte der Freiheit und Selbstbestimmung wider.

    Architektur und Siedlung

    • Warften und Wurten: Auf höheren Erdhügeln, von Menschenhand aufgebaut, errichteten die Friesen ihre Wohnstätten, um sich gegen Sturmfluten und Überschwemmungen zu schützen. Diese Siedlungsform existiert als steter Beweis menschlicher Anpassung an das Hochwasser der Nordseeküste.
    • Langhäuser: Die Germanen bauten Langhäuser mit sehr ähnlichen Grundrissen über Generationen an denselben Orten. Gleichmäßige Maße und Anordnungen zeigen einen gesellschaftlichen Kodex, der auf Gleichheit und Vermeidung von Überbietung schloss.
    • Handelsniederlassungen: Die Wik genannten Dörfer waren pulsierende Zentren von Handwerkern und Kaufleuten, bezeuge ihre enge Vernetzung mit dem mittelalterlichen Fernhandel.

    Wirtschaft und Handel: Meeresanbindung und Handelsnetzwerke

    Die Küstenlage und die Seefahrtradition ermöglichten den Friesen Handel weit über ihre Küstengebiete hinaus. Von der Fischerei und Salzgewinnung im Wattgebiet bis zum Fertigen und Export von Wollmänteln waren die Friesen in der ganzen Nordseeregion etabliert.

    • Salzgewinnung: Salzhaltiger Torf wurde verbrannt, um so kostbares „friesisches Salz“ zu extrahieren, ein begehrtes Handelsgut von Römerzeit bis ins Mittelalter.
    • Textilien: Die Verarbeitung von Ziegen- und Schafwolle zu Decken, Mänteln und feinen Stoffen fand großen Absatz, sogar bis nach Byzanz und in den arabischen Raum über Mittlerstationen. Fränkische Höfe erhielten regelmäßige Lieferungen.
    • Handelsschiffe: Archäologische Funde wie das Friesenschiff von Roggenstede zeigen flach gebaute, stabile Boote, die dem Trockenfallen bei Flutstand Rechnung trugen. Die späteren hochbordigen Koggen der Hanse gehen auf diese Schiffsbauweise zurück.
    • Handelsnetz: Von der Nordseeküste bis ins Binnenland, nach Dänemark, Schweden und sogar Byzanz handelten die Friesen Waren wie Bernstein, Pelze, Seide, Pfeffer und Gewürze.

    Aufstände und Kriege: Die Friesen zwischen Römern, Franken und Sachsen

    Römische Quellen berichten von Aufständen der Frisii, beispielsweise gegen die Ausbeutung durch den Statthalter Olennius, wie Tacitus erwähnt. Dies verdeutlicht, dass die Friesen früh Widerstandsgeist zeigten. Später kämpften sie gegen die fränkische Expansion unter Karl den Großen, der 785 das friesische Kerngebiet bis zur Weser eroberte. Trotz Unterwerfung blieb die friesische Selbstverwaltung und Freiheit außergewöhnlich stark ausgeprägt. Sie wurden aufgrund dessen erst im 11. Jahrhundert christianisiert.

    Archäologische Analysen von Grabfunden wie in Bad Füssing zeigen gewaltsame Konflikte und Umbrüche in germanischen Regionen der Spätantike. Dort wurden beispielsweise ein offenbar im Kampf getöteter Reiter mit Schwerthieben geborgen, der in eine Zeit des Übergangs zwischen römischer und bajuwarischer Herrschaft datiert. Solche Funde liefern wertvolle Einsichten in die wechselvolle Geschichte germanischer Stämme, auch wenn sie nicht direkt auf die Friesen bezogen werden.

    Funde und Fundorte von Bedeutung für die Friesische Geschichte

    • Warften und Moorfunde – Überreste von Siedlungen, Gräbern und Alltagsgegenständen ermöglichen Einblicke in die Anpassungen an die Umwelt der Nordseeküste.
    • Goldhort von Gessel (Niedersachsen, 2011) – Eine bedeutende Sammlung bronzezeitlicher (14. Jh.v.u.Z) Goldobjekte, die Einblicke in rituelle und soziale Verhältnisse vor Jahrtausenden bietet.
    • Handelsplatz Dorestad (Niederlande) – Einer der wichtigsten friesischen Handelsorte, mit archäologischen Funden aus dem Hochmittelalter, die den Umfang des Fernhandels dokumentieren.
    • Friesenschiff von Roggenstede (Ostfriesland) – Ausgrabung eines flach gebauten Segelbootes für die Nordsee, ursächlich für die spätere Entwicklung der Hansekogge.

    Bild: Goldhort von Gessel

    Herausforderungen der Quellenlage und Deutung des Friesischen Erbes

    Die Quellenlage zur friesischen Geschichte ist teils fragmentarisch: Schriftliche Quellen aus römischer Zeit sind spärlich und meist von außen verfasst. Die Kontinuität zwischen antiken Frisii und den mittelalterlichen Friesen ist nicht unumstritten; archäologische und linguistische Studien legen nahe, dass es eher eine Namensübernahme mit Parteienwechsel gab als eine ethnische Durchgängigkeit. Die größte Zahl der schriftlichen Zeugnisse stammt aus dem Mittelalter, insbesondere durch Franken und Kirchenchronisten, während indigenous friesische Aufzeichnungen nur sehr begrenzt überliefert sind.

    Archäologie, Linguistik und historische Forschung ergänzen sich gegenseitig, erlauben aber nicht immer eindeutige Schlüsse. Die Vielfalt der Funde – von bronzezeitlichen Goldhorten über römische Kampfspuren bis zu mittelalterlichen Handelsplätzen – legt ein komplexes Bild nahe. Dieses zeigt die Friesen als ein anpassungsfähiges, offen vernetztes Volk mit einer eigenständigen Kultur, die durch Umweltbedingungen und wechselnde politische Mächte geprägt wurde.

    Fiktive Geschichte vom Kampf der Friesen gegen den Christen Karl Martell, der die Herrschaft der Franken 734 begründete

    Ich heiße Hajo, Sohn des Wybren, und ich bin ein Friese vom Meer. Wenn ich die Augen schließe, rieche ich noch immer Salz und Tang, höre das Schreien der Möwen über den Prielen und das Knarren der Boote im Wind. So begann mein Leben, lange bevor der Name Karl Martell wie ein Fluch über unsere Marschen kam.

    Wir Friesen waren freie Männer. Das sagten wir zumindest. Frei wie das Wasser, das kommt und geht, frei wie der Wind, der unsere Segel füllt oder zerreißt. Wir lebten vom Handel, vom Fischfang, von dem, was wir dem Meer abtrotzen konnten. Unsere Götter kannten wir beim Namen, und sie kannten uns, glaubten wir. Wodan, Donar, die alten Mächte – sie wohnten im Sturm und im Feuer.

    Als die Franken kamen, kamen sie nicht zuerst mit Schwertern, sondern mit Worten. Mit Priestern, die von einem einzigen Gott sprachen, und mit fränkischen Gesandten, die Tribute forderten. Manche unserer Häuptlinge beugten sich. Andere, wie unser Anführer Poppo, nicht. Ich war jung damals, stark in den Armen, schnell mit dem Sax in der Hand, und ich folgte ihm ohne Zögern.

    Karl Martell war kein König, sagten sie, aber er herrschte wie einer. Ein Hammer, nannten ihn die Franken, und das passte. Wo er zuschlug, blieb nichts heil. Er wollte uns unterwerfen, unsere Küste sichern, unseren Glauben brechen. Für ihn waren wir ein Randvolk, ein Hindernis. Für uns war er der Mann, der uns die Freiheit nehmen wollte.

    Die Schlacht, an die ich mich am deutlichsten erinnere, fand nahe der Boorne statt. Nebel lag über dem Land, feucht und kalt, als hätten die Götter selbst den Atem angehalten. Wir standen knöcheltief im Gras, Schilde an Schild, und warteten. Ich hörte mein eigenes Herz schlagen, lauter als das Klirren der Waffen. Neben mir murmelte jemand ein Gebet zu Donar.

    Dann kamen sie. Die Franken in ihren geordneten Reihen, schwere Schilde, lange Speere. Keine wilden Krieger wie wir, sondern eine Wand aus Eisen und Disziplin. Und hinter ihnen, so schien es mir, der Wille eines einzigen Mannes.

    Als es begann, gab es keinen Raum mehr für Angst. Nur noch Bewegung, Schreie, Blut. Mein Sax traf Fleisch, mein Schild fing einen Hieb ab, der mir sonst den Arm gespalten hätte. Ich sah Männer fallen, Friesen und Franken gleichermaßen. Der Boden wurde glitschig, und der Nebel färbte sich rot.

    Irgendwann brach unsere Linie. Die Franken drängten nach, unerbittlich. Ich sah Poppo, wie er kämpfte, umringt von Feinden, bis er fiel. In diesem Moment wusste ich, dass wir verloren hatten. Nicht nur die Schlacht, sondern etwas Größeres.

    Ich entkam, verletzt, gedemütigt. Viele taten das nicht. Nach dem Sieg kamen die Priester zurück, begleitet von fränkischen Kriegern. Taufen wurden erzwungen, Heiligtümer zerstört. Unsere Götter verschwanden nicht sofort, aber sie wurden leiser. Man erzählte sich, Karl Martell habe gesagt, ein unterworfenes Friesland sei besser als ein verbranntes. Großzügigkeit nannte man das.

    Heute bin ich alt. Meine Hände zittern, wenn ich ein Messer halte, und das Meer klingt anders als früher. Meine Enkel tragen christliche Namen und machen das Kreuzzeichen, bevor sie essen. Manchmal fragen sie mich nach den alten Zeiten, nach den Schlachten, nach Karl Martell. Dann erzähle ich ihnen nicht von Hass, sondern von dem Gefühl, frei zu sein, auch wenn es nur für einen Moment war.

    Karl Martell hat uns besiegt, ja. Aber er hat nicht alles genommen. Solange jemand sich erinnert, solange das Meer unsere Geschichten trägt, leben wir weiter. Ich bin ein Friese. Und das kann mir kein Hammer der Welt nehmen.

    Quellen

    • https://de.wikipedia.org/wiki/Friesen
    • https://www.nordfriiskfutuur.eu/nordfrieslandlexikon/friesen/
    • https://www.wikingar.de/Friesen-Geschichte-Kultur-und-Bedeutung-des-germanischen-Stammes
    • https://www.museum-aurich.de/museum/der-upstalsboom-die-friesische-freiheit.html
    • https://www.sueddeutsche.de/bayern/bad-fuessing-siedlungen-inn-bajuwaren-geschichte-archaeologie-li.3337079
    • https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/graeberfeld-beleuchtet-anfaenge-der-bajuwaren/
    • https://www.thueringer-allgemeine.de/lokales/nordhausen/article410517062/spuren-alter-welten-archaeologen-entdecken-im-kreis-nordhausen-die-geschichte.html
    • https://www.compact-online.de/germanen-die-5-spektakulaersten-funde/
  • Frauen in germanischen Stämmen um 0 u. Z.

    Zwischen Alltag, Religion und extremer Gewalt

    1. Einleitung

    Die Rolle der Frau in germanischen Gesellschaften zur Zeit um Christi Geburt gehört zu den am häufigsten missverstandenen Themen der europäischen Frühgeschichte. Während ältere Forschung und populäre Darstellungen germanische Frauen oft als passive, auf Haushalt und Familie reduzierte Figuren darstellten, zeichnen neuere Untersuchungen ein wesentlich differenzierteres Bild. Antike Schriftquellen, insbesondere römischer Autoren, sowie archäologische Funde belegen, dass Frauen in germanischen Stämmen um 0 u. Z. nicht nur wirtschaftlich und religiös aktiv waren, sondern in bestimmten Situationen auch erheblichen sozialen, moralischen und sogar gewaltsamen Einfluss ausübten.
    Ziel dieser Arbeit ist es, die Lebensrealität germanischer Frauen um die Zeitenwende umfassend darzustellen. Dabei wird untersucht, welche Aufgaben sie im Alltag übernahmen, welche rechtliche und soziale Stellung sie innehatten, welche Rolle sie in Religion und Kult spielten und in welchen historischen Ausnahmesituationen sie selbst als Akteurinnen von Gewalt auftraten. Grundlage der Darstellung bilden antike Textquellen sowie archäologische Befunde, die quellenkritisch eingeordnet werden.

    2. Quellenlage und methodische Probleme

    Da germanische Gesellschaften keine eigenen schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, stützt sich die Forschung nahezu vollständig auf externe Quellen. Die wichtigsten schriftlichen Zeugnisse stammen von römischen Autoren wie Gaius Iulius Caesar, Tacitus, Plutarch und Valerius Maximus. Diese Autoren schrieben aus der Perspektive der römischen Oberschicht und nutzten die Germanen häufig als Gegenbild zur römischen Gesellschaft. Aussagen über Sitten und Rollenbilder müssen daher kritisch betrachtet werden.
    Gleichzeitig sind diese Quellen unverzichtbar, da sie teilweise detaillierte ethnographische Beobachtungen enthalten. Ihre Glaubwürdigkeit erhöht sich dort, wo mehrere Autoren unabhängig voneinander ähnliche Sachverhalte schildern oder wo ihre Aussagen durch archäologische Befunde gestützt werden. Archäologie liefert insbesondere Informationen zu Alltagsleben, Wirtschaft, Bestattungswesen und Gewaltspuren, erlaubt jedoch nur selten die direkte Zuordnung zu einzelnen Stämmen.

    3. Alltag und Wirtschaft: Die zentrale Rolle der Frauen

    3.1 Hausarbeit als wirtschaftliche Schlüsselposition

    Germanische Frauen waren primär für den Haushalt zuständig, doch darf dieser Begriff nicht mit moderner Hausarbeit gleichgesetzt werden. In einer vorindustriellen Gesellschaft war der Haushalt die zentrale wirtschaftliche Einheit. Frauen waren verantwortlich für die Nahrungsverarbeitung, Vorratshaltung und insbesondere für die Herstellung von Kleidung.
    Textilherstellung umfasste das Spinnen von Garn, das Weben von Stoffen sowie das Zuschneiden und Nähen von Kleidungsstücken. Archäologische Funde von Spinnwirteln und Webgewichten in Siedlungen und Frauengräbern belegen die zentrale Bedeutung dieser Tätigkeit. Kleidung stellte nicht nur ein Gebrauchsgut dar, sondern fungierte auch als Statussymbol und Tauschware. Die Kontrolle über die Textilproduktion verlieh Frauen daher erheblichen wirtschaftlichen Einfluss.

    3.2 Besitz, Mitgift und Eigentum

    Grabfunde zeigen, dass Frauen persönlichen Besitz hatten. Schmuck, Schlüssel und Haushaltsgegenstände werden häufig als Grabbeigaben gefunden. Schlüssel gelten dabei als Symbol der Hausherrschaft. Die Mitgift (Gift=germanisch „Gabe“, „Geschenk“ oder „das Geben“, was sich heute noch im Englischen „gift“ (Geschenk) zeigt), die eine Frau in die Ehe einbrachte, blieb in der Regel ihr Eigentum und diente als Absicherung im Falle von Trennung oder Verwitwung. Diese Praxis deutet darauf hin, dass Frauen nicht vollständig vom Mann abhängig waren, sondern über eigene materielle Ressourcen verfügten.

    3.3 Aussehen, Mode und eine germanische Erfindung

    Germanische Frauen zur Zeit um 0 unserer Zeitrechnung zeichneten sich durch ein natürliches, eher schlichtes Erscheinungsbild aus. Zeitgenössische römische Autoren beschrieben sie häufig als groß gewachsen, kräftig und hellhaarig, wobei blonde oder rötliche Haare besonders hervorgehoben wurden. Das Haar wurde meist lang getragen, offen oder zu einfachen Zöpfen geflochten. Aufwändige Schminke war unüblich; stattdessen galt ein unverfälschtes, naturverbundenes Aussehen als ideal.

    Die Kleidung germanischer Frauen war funktional und an das Klima angepasst. Typisch war ein knöchellanges Kleid aus Wolle oder Leinen, das oft ärmellos oder mit kurzen Ärmeln versehen war. Darüber trugen viele Frauen ein Übergewand oder einen Mantel, der mit einer Fibel (Gewandspange) aus Bronze, Eisen oder bei wohlhabenderen Frauen auch aus Silber befestigt wurde. Die Stoffe waren meist einfarbig, konnten aber durch gewebte Borten oder einfache Muster verziert sein.

    Schmuck spielte eine wichtige Rolle und zeigte sowohl persönlichen Geschmack als auch sozialen Status. Beliebt waren Fibeln, Armreifen, Halsketten aus Glasperlen, Bernstein oder Metall sowie einfache Ringe. Schuhe bestanden meist aus Leder und waren schlicht gearbeitet.

    Körperpflege war nach all der Plackerei wichtig. Seife war bekannt, flüssig ist sie wahrscheinlich eine germanische Erfindung. Plinius betont, dass sapo vor allem zur Haarpflege genutzt wurde (teils sogar zum Färben oder Stylen), weniger zum Waschen des Körpers. Das Haar wurde jedenfalls von Mann und Frau sehr sorgfältig behandelt – Kämme waren aus Knochen.

    Bild: Warmes Wasser ist für die Warmduscher in Rom!

    Insgesamt spiegelten Aussehen und Mode germanischer Frauen um 0 u. Z. eine enge Verbindung zur Natur, handwerkliches Können und gesellschaftliche Ordnung wider, wobei Zweckmäßigkeit und symbolische Bedeutung im Vordergrund standen.

    4. Ehe, Recht, Arbeit und soziale Stellung

    Tacitus beschreibt in seiner Schrift Germania (Kap. 18–19) die Ehe bei den Germanen als vergleichsweise stabil. Anders als im römischen Recht, das dem pater familias weitreichende Macht über Frau und Kinder einräumte, war die germanische Ehe stärker an gegenseitige Verpflichtungen gebunden. Ehebruch wurde sanktioniert, jedoch galt dies für Männer wie Frauen. Heiratsverträge waren ein Geschäft nach Bauernart: Die Braut wurde mit Vieh bezahlt, wenn das nicht vorhanden, mit wertvollen Dingen, Hausrat oder Waffen – letzteres der Brautvater aber auch dem Bräutigam mitgab.

    Junge Mädchen mussten früh mit anpacken: Weben, Spinnen, Nähen – diese Tätigkeiten gab es damals schon, denn Spinnrock, Nadel und Webstuhl waren erfunden. Frauen und Männer teilten sich die Feldarbeit, aber nur Frauen fütterten und pflegten das Vieh.

    Bild: what a beauty…


    Die Frau nahm innerhalb der Familie eine anerkannte Stellung ein, ja mehr noch, Ehefrauen und Mütter wurden wahrhaftig verehrt. Sie war nicht nur für die Versorgung der Kinder zuständig, sondern auch für die Organisation des Haushalts und die Wahrung sozialer Normen. Die Ehe stellte zudem ein Bündnis zwischen Sippen dar, wodurch Frauen indirekt in politische und soziale Netzwerke eingebunden waren. Mehrfache Mütter waren hochgeachtet.

    Alte Frauen, grauhaarig, galten als weise. Ihren nicht immer guten Ratschlägen wurde seherisches Gewicht beigemessen, da sich hier Aberglaube mit Gottesfurcht vermischte.

    5. Frauen und Religion: Spirituelle Autorität

    Eine der auffälligsten Besonderheiten germanischer Gesellschaften ist die religiöse Bedeutung von Frauen. Frauenrat und weissagende Aussprüche waren oft der Anfang von Kampf und Krieg. Tacitus berichtet (Germania 8), dass Frauen als Trägerinnen besonderer Heiligkeit galten. Man schrieb ihnen die Fähigkeit zu, den Willen der Götter zu erkennen und zu deuten.
    Ein historisch belegtes Beispiel ist die Seherin Veleda (Text hier vorhanden), die dem Stamm der Brukterer angehörte. Während der Bataveraufstände im 1. Jahrhundert n. Chr. genoss sie großen Einfluss, geradezu göttliches Ansehen. Tacitus (Historiae 4,61–65) schildert, dass ihre Weissagungen politische und militärische Entscheidungen beeinflussten. Veleda lebte abgeschieden, wurde von Gesandten aufgesucht und galt als Mittlerin zwischen Menschen und Göttern. Dieses Beispiel zeigt, dass Frauen nicht nur religiöse, sondern auch politische Macht ausüben konnten.

    6. Frauen im Kriegskontext

    6.1 Begleitung der Heere und moralischer Einfluss

    Germanische Frauen nahmen nicht regelmäßig als bewaffnete Kämpferinnen am Krieg teil, waren jedoch häufig Teil des Heerlagers. Junge Frauen schleppten Kriegsgerät, wie Speere für ihre Männer und versorgten sie liebevoll bei Verwundungen. Das stärkte logischerweise die Ehe. Tacitus berichtet eben das, dass Frauen die Kämpfer begleiteten, Verwundete versorgten und durch Zurufe Mut machten. Besonders bedeutsam war ihre Rolle als moralische Instanz: Frauen erinnerten Männer an ihre Pflicht, beschämten Feiglinge und verwiesen auf die drohende Gefangenschaft ihrer Familien. Das darf man nicht unterschätzen: Beim Thing, der Versammlung der freien Männer des Stammes, wo auch Frauen als Zeuginnen zugelassen waren, wurde ja auch Gericht gehalten: Bei Feigheit im Kampf wurde der betreffende Krieger zum Unfreien – das betraf dann alle. Diese Form sozialen Drucks stellte eine indirekte, aber wirkungsvolle Form von Gewalt dar, da sie das Verhalten der Krieger maßgeblich beeinflusste.

    6.2 Extreme Gewalt: Die Kimbern

    Ein besonders eindrückliches Beispiel für aktive Gewaltanwendung durch Frauen liefert der Stamm der Kimbern. Plutarch berichtet in seiner Vita des Marius (Kap. 27), dass nach der Niederlage der Kimbern gegen die Römer 101 v.u.Z. Frauen kollektiv handelten. Sie töteten zunächst ihre Kinder, anschließend ihre Männer und schließlich sich selbst. Der Grund hierfür war die Angst vor römischer Gefangenschaft, Versklavung und sexueller Gewalt. Das betraf mindestens 120 000 Germanen, unvorstellbar.
    Plutarch schildert, dass die Frauen zuvor um Freiheit und Wahrung ihrer Keuschheit gebeten hatten. Als diese Bitte abgelehnt wurde, entschieden sie sich bewusst für den Tod. Dieser Bericht wird durch Valerius Maximus (Facta et Dicta Memorabilia 6,2, ext.3) bestätigt, der unabhängig ähnliche Vorgänge schildert. Die doppelte Überlieferung erhöht die historische Glaubwürdigkeit dieses Ereignisses. 60 000 gingen doch noch in Gefangenschaft.

    6.3 Die Teutonen

    Auch bei den Teutonen, Brudervolk der Kimbern, berichtet Valerius Maximus von vergleichbaren Handlungen. Nach der militärischen Niederlage von 101 v.u.Z., siehe oben, töteten Frauen ihre Kinder und begingen anschließend Selbstmord. Wiederum wird die Vermeidung von Gefangenschaft als Motiv genannt. Diese Berichte zeigen, dass es sich nicht um vereinzelte individuelle Taten, sondern um kollektiv akzeptierte Handlungsweisen in Extremsituationen handelte

    6.4 Weitere Stämme und indirekte Belege

    Tacitus berichtet in den Annalen (1,56) von römischen Angriffen auf die Siedlungen der Chatten. Er schildert zerstörte Höfe und tote Familienangehörige, wobei Frauen und Kinder nicht verschont blieben. Zwar beschreibt Tacitus hier keine expliziten Selbsttötungen, doch im Kontext anderer Berichte erscheint es plausibel, dass auch hier der Tod der Gefangenschaft vorgezogen wurde.

    7. Archäologische Befunde zu Gewalt und Geschlecht

    Archäologische Untersuchungen aus Norddeutschland und Dänemark zeigen weibliche Skelette mit Spuren von Gewalt, darunter Schnittverletzungen und Schädeltraumata. Diese Funde stammen aus dem Zeitraum um die Zeitenwende. Zwar lässt sich nicht in jedem Fall eindeutig klären, ob diese Verletzungen durch aktive Kampfhandlungen oder durch Massengewalt entstanden sind, sie widersprechen jedoch klar dem Bild ausschließlich passiver Frauen.
    Moorfunde und Massengräber belegen zudem, dass Frauen in kriegerische Ereignisse unmittelbar einbezogen waren und nicht grundsätzlich verschont wurden.

    8. Quellenkritische Bewertung

    Die römischen Autoren hatten zweifellos eigene Interessen und nutzten die Darstellung germanischer Sitten teilweise zur moralischen Selbstreflexion. Dennoch ist festzuhalten, dass Berichte über weibliche Handlungsmacht, religiöse Autorität und extreme Gewalt mehrfach und unabhängig überliefert sind. Archäologische Befunde stehen diesen Darstellungen nicht entgegen. Die Quellen sind daher nicht als reine Propaganda, sondern als wertvolle, wenn auch kritisch zu lesende Zeugnisse zu betrachten.

    9. Fazit

    Frauen in germanischen Stämmen um 0 u. Z. waren keineswegs auf häusliche Tätigkeiten beschränkt. Sie trugen entscheidend zur wirtschaftlichen Existenz der Gemeinschaft bei, verfügten über Besitz, übten religiöse und moralische Autorität aus und griffen in existenziellen Krisensituationen selbst zu extremer Gewalt. Die belegten Beispiele der Kimbern und Teutonen zeigen, dass Frauen kollektiv und bewusst handelten, um Gefangenschaft zu vermeiden.
    Damit waren germanische Frauen keine Randfiguren, sondern zentrale Akteurinnen innerhalb ihrer Gesellschaft. Ihr Handeln war entscheidend für den Fortbestand sozialer Ordnung – und in Extremsituationen auch für deren radikale Verteidigung.

    Eine Frau erzählt: Begegnung mit den Römern

    Der Nebel liegt schwer über dem Fluss, und das Wasser glitzert matt im ersten Licht des Morgens. Ich sitze auf dem Boden unserer Siedlung, die Finger noch klebrig von der Milch, die ich gestern von unseren Kühen gesammelt habe. Die Kinder schlafen noch, und die Männer sind beim Heuern auf den Feldern. Ich höre den Wind in den Bäumen, aber auch etwas anderes – ein Knirschen auf dem Waldweg, das mir ein ungutes Gefühl gibt.

    Plötzlich höre ich Stimmen, die nicht klingen wie unsere Männer. Fremd, hart, brüllend. Dann sehe ich sie: Römer, in glänzender Kleidung aus Metall, Pferde scheuend und Hunde bei sich, groß wie kleine Wölfe, die an ihren Ketten knurren. Die Hunde riechen nach Schmutz und Eisen, ihre Augen glitzern. Sie bellen, und jedes Mal zucke ich zusammen. Ich spüre, wie meine Hände kribbeln und mein Herz schneller schlägt.

    Ich kenne die Geschichten. Männer und Frauen, die diesen Soldaten begegnet sind, wurden genommen oder getötet. Doch die Hunde – sie scheinen besonders gefährlich. Sie schnappen nach allem, das sich bewegt. Die Römer selbst schreien, zeigen auf uns, als hätten wir keine Stimme. Ich beobachte, wie sie die Männer der Sippe ordnen, während die Hunde jeden Schritt kontrollieren.

    In mir wächst ein seltsames Gefühl zwischen Angst und Wut. Angst, weil wir schwach erscheinen, nur ein paar Frauen, Kinder und Alte. Wut, weil niemand so über uns bestimmen darf. Ich greife nach meinem Spinnwirtel, mein Werkzeug, das mir mehr bedeutet, als es scheint – und doch weiß ich, dass ich keine Waffe gegen Pferde und Soldaten habe.

    Die Hunde knurren, bellen, springen gegen die Ketten. Ich sehe, wie sie Angst in den Kindern auslösen, und ich versuche, sie zu beruhigen. Ich flüstere leise, so wie es meine Mutter getan hat: „Still, das sind nur Tiere. Beobachte sie, aber fürchte dich nicht.“ Und während ich spreche, registriere ich jeden Schritt der Römer, jedes Rattern der Rüstung, jeden Befehl. Wir sind klein, verletzlich, aber wir sind nicht hilflos. Wir kennen die Wälder, die Flüsse, die Pfade, die sie nicht sehen.

    Ich weiß: Heute werden wir überleben müssen, aber wir werden auch lernen, wie diese Fremden denken. Ihre Hunde, so wild sie wirken, folgen nur dem Befehl. Ihre Soldaten, so stark sie sind, kennen den Boden nicht so wie wir. Wir sind hier zu Hause. Ich beobachte, und ich merke, wie Wut und Mut in mir wachsen. Eines Tages wird unser Land frei sein von diesen fremden Stimmen, doch bis dahin müssen wir warten, lernen und überleben.

    Literaturverzeichnis

    Antike Quellen
    • Caesar, Gaius Iulius. De Bello Gallico. Übersetzt von Johann Heinrich Voss. Leipzig: Reclam, 2003.
    • Tacitus, Cornelius. Germania. Übersetzt von Matthias Gelzer. München: Artemis & Winkler, 1969.
    • Tacitus, Cornelius. Annales. Übersetzt von Alfred von Domaszewski. Berlin: De Gruyter, 1912.
    • Tacitus, Cornelius. Historiae. Übersetzt von Matthias Gelzer. Stuttgart: Reclam, 1972.
    • Plutarch. Vita Marius. Übersetzt von Friedrich Chr. Boetticher. Leipzig: Teubner, 1873.
    • Valerius Maximus. Facta et Dicta Memorabilia. Übersetzt von Carl Ernst Bohn. Leipzig: Teubner, 1885.
    Sekundärliteratur (moderne Forschung)

    Sekundärliteratur (moderne Forschung)

    • Düwel, Klaus. Die Germanen. Geschichte und Kultur der frühmittelalterlichen Stämme. Stuttgart: Kohlhammer, 2015.
    • Härke, Heinrich. Frauen in der Frühgeschichte Europas. München: C.H. Beck, 2002.
    • Jankuhn, Herbert. Archäologie der Germanen. Berlin: de Gruyter, 1986.
    • Müller, Johannes. Textilproduktion und weibliche Handarbeit bei den Germanen. Bonn: Rheinland-Verlag, 2001.
    • Todd, Malcolm. The Early Germans. Oxford: Blackwell, 1992.

    • Schiebler, Rolf: 4000 Jahre Geschichte, TURMER-VERLAG, 1985

  • Meine Motivation, sich als Deutscher mit germanischer Mythologie und Geschichte zu befassen

    Meine Motivation, sich als Deutscher mit germanischer Mythologie und Geschichte zu befassen

    Es kann viele unterschiedlich positive und rationale Gründe geben, warum sich jemand in Deutschland mit germanischer Mythologie und Geschichte beschäftigt. Hier sind meine – klar voneinander getrennt und ohne ideologische Vereinnahmung:

    1. Kulturelle und historische Bildung

    Wo ich herkomme und soziologisch geprägt wurde, war im Gegensatz zum allgemeinen Vorurteil, was Literatur betrifft, nicht besonders viel verboten- und betreffend germanischer Geschichte übertrieb man es jedenfalls nicht quantitativ im Lehrplan der POS/EOS der DDR – man intensivierte Wissen in dem Bereich auch nicht und es war alles in Allem kein großes Thema. Ich weiss, dass seit Generationen in Deutschland keine Identitätsstiftung über germanische Mythen stattfanden. Meiner Meinung nach hängt das mit der Überhöhung bzw. Instrumentalisierung der germanischen Mythologie als identitätsstiftend innerhalb der deutschen Geschichte von, ich sag mal, 1871 bis 1945, zusammen. Mir fällt der in jeder Beziehung unerträgliche SS-Führer H. Himmler ein, auf dessen Betreiben eine pseudoreligiöse Struktur, durchmischt mit Germanenverehrung und Ahnenkult, entwickelt wurde, oder Rosenbergs Blut- und Bodenideologie.

    Eben darum machte man in der DDR genau das Gegenteil. Man schwieg. Bezeichnenderweise gab es aber doch diesbezüglich geduldete Literatur, geschrieben von einem heute noch sogar in Schweizer Schulen gelesenen durchaus DDR-kritischen Literaten, nämlich den von mir hochverehrten Franz Fühmann, der das Nibelungenlied und andere mythologische Stoffe umdichtete, das heißt von schwer verständlichem Text auf die moderne Sprache des 20. Jahrhunderts brachte. Er ist aber auch fast der Einzige mit Profil, der mir einfällt- Mythologie ja (Christa Wolf: Kassandra), aber deutsche/germanische Mythologie wurde nur selten und meist eher im literarischen Untergrund behandelt. Es war ein Nischendasein — mit sehr limitiertem Publikum und Verbreitung.

    Die germanische Mythologie ist aber ein Teil des europäischen kulturellen Erbes. Sie muss sich überhaupt nicht hinter griechischer und schon gar nicht römischer Mythologie verstecken. Sie zu kennen hilft: Unsere Wurzeln zu verstehen, historische Entwicklungen besser zu verstehen, Literatur, Kunstwerke und Musik einzuordnen, die Herkunft vieler Bräuche oder Namen zu erkennen.

    Viele moderne Geschichten – von Tolkien bis zu heutigen Fantasy-Hollywood-Welten – greifen germanische Motive auf. Da sie trotzdem ein Schattendasein führen, ich behaupte nahezu unbekannt sind, sollen diese Seiten dem ein wenig entgegenwirken. Wenn es mir gelingt, auch nur einen Leser für unsere Mythologie und frühe Geschichte zu interessieren, und ich lege das bewusst zusammen, betrachte ich dieses kleine Projekt als geglückt.

    2. Interesse an Mythologie ganz allgemein

    Mythen aus Griechenland, Rom, Ägypten oder Japan faszinieren viele Menschen – germanische Mythen stehen da nicht ansatzweise zurück. Sie bieten u.a.:

    -archetypische Figuren (Helden, Trickster, Schöpfergestalten), die unterschiedlich charakterisiert werden. Damit meine ich, dass bei denselben Figuren (Hagen, Dietrich, Gunter usw.) in den verschiedenen Sagen mit verschiedenem geografischem Ursprung die inneren Dramaturgien unterschiedlich sind. Das hängt mit der zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlicher Wirkung stattfindender Christianisierung zusammen, auf die ich in anderen Texten eingehen werde.

    Bild unten: Odin mit Speer auf dem achtbeinigen Sleipnir

    • dramatische Erzählungen (Ragnarök, Weltentstehungsmythen)
    • philosophische Motive (Schicksal, Ehre, Opferbereitschaft-auch hier: je nachdem, wo und wann entstanden, spielt entweder der alte germanische Charakter eine Rolle oder der durch christliche Domestizierung verformte). Das Interesse kann rein erzählerisch oder vergleichend sein. Vergleichend: Es ist schon interessant, wie unterschiedlich die gleichen Geschichten aus dem Süden Germaniens im skandinavischen Norden erzählt werden.

    3. Linguistisches Interesse

    Viele germanische Mythen wurden in altisländischen oder altgermanischen Quellen überliefert. Dies kann für Menschen spannend sein, die Sprachen lieben, Etymologien verstehen wollen oder historische Sprachentwicklungen verfolgen. Beispiel: Vier der Sieben Wochentagsnamen im Deutschen und Englischen stammen direkt von denen germanischer Götter.

    4. Interesse an Archäologie und europäischer Frühgeschichte

    Die germanische Geschichte ist wichtig, um die Entwicklung Europas nach der Antike zu verstehen, Migrationen, Handelswege und Alltagskultur zu erforschen und frühe soziale Strukturen und Rechtssysteme kennenzulernen. Das ist ein seriöses wissenschaftliches Feld.

    5. Identitätsbildung im offenen, nicht exklusiven Sinn

    Manche Menschen möchten ihre Wurzeln oder die regionale Vergangenheit besser verstehen, manche mit, manche ohne daraus politische oder ethnische Schlussfolgerungen zu ziehen. Mich hat es immer schon fasziniert, wieso das Nibelungenlied das deutsche Nationalepos-jedenfalls bis vor kurzem-war. Nur weil es von den Nationalsozialisten für ihre Ideologie vereinnahmt wurde, ist es das nicht mehr.

    Das kann bedeuten, die Neugier auf die Geschichte der eigenen Region zu wecken und den Wunsch, kulturelle Entwicklungen zu verstehen. Die eigenen alte Geschichte und seine Legenden können  bei der persönliche Orientierung wegweisend sein.

    6. Kunst, Musik und Kreativität

    Germanische Mythologie inspiriert Metal-, Folk- oder Klassikmusik, Rockbands wie Led Zeppelin, bildende Kunst, Rollenspiele, Filme, Games, Lyrik und Literatur. Die Motive sind ästhetisch stark und vielfältig.

    Bild unten: Im Lied heisst es; ..the hammer of the gods … Valhalla, I am coming…

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    7. Spirituelles oder naturverbundenes Interesse

    Einige Menschen beschäftigen sich aus spirituellem oder naturbezogenem Interesse mit den Mythen. Das muss nicht dogmatisch sein – es kann schlicht bedeuten, sich Inspiration aus alten Naturbildern zu holen, symbolisches Denken zu fördern und ein persönliches Ritualverständnis zu erklären. Kurz gesagt: Die germanische Mythologie und Geschichte zu studieren kann rein kulturell, wissenschaftlich, sprachlich, kreativ oder spirituell motiviert sein – ohne irgendeine politische Absicht. Es ist ein legitimer Bestandteil historischer und kultureller Bildung.

  • Archäologie und Funde der Gepiden

    Vom Fund bis zur Deutung: Archäologie der Gepiden

    Mitten im Herzen Europas, im heutigen Gebiet zwischen Donau, Theiß und Siebenbürgen, offenbaren sich immer neue Spuren jener vergessenen Völker, deren Geschichte längst in den Nebeln der Völkerwanderungszeit versunken ist. Unter diesen ragen die Gepiden hervor, ein ostgermanischer Stamm, der über Jahrhunderte ein eigenständiges Reich errichtete, sich sogar  mit Attila verbündete und gegen seinen Sohn kämpfte, um dann im Kampf gegen die Langobarden unterzugehen. Die Spurensuche der Archäologen führt von reichen Schatzfunden über Gräberfelder bis zu Siedlungsspuren und gibt Einblick in das Leben, die Kultur und die politische Bedeutung dieses Volkes. Dieses Kapitel der germanischen Geschichte soll im Folgenden auf streng faktenbasierter Grundlage dargestellt werden.

    Die Gepiden: Volk und Ursprung

    Die Gepiden (auch Gepidi, Gebidi; lateinisch Gipedae oder Gepidae) gelten als ein ostgermanischer Stamm, dessen Verwandtschaft mit den Goten in den antiken Quellen mehrfach angeführt wird, speziell in der „Getica“ des Jordanes. Demnach sind die Gepiden möglicherweise Nachkommen oder zumindest nahe Verwandte der Goten, möglicherweise aus demselben skandinavischen Ursprungsgebiet stammend. Jordanes berichtet, dass die Goten aus Skandinavien (Gotiskandja) auszogen und die Gepiden zunächst an der Ostseeküste siedelten, etwa im Bereich der Mündung der Weichsel, wo die Goten diese Region als „Gepidojos“ – die Inseln der Gepiden – bezeichneten. Die Annahmen über eine skandinavische Herkunft der Gepiden gelten jedoch mit Vorsicht, da diese oft auf topische Erzählungen beruhen und archäologische Funde eine eindeutige frühe Identifizierung der Gepiden nicht erlauben.

    Bild: Gepidenreich, gezeichnet von Tecumseh*1301

    Erste gesicherte geschichtliche Zeugnisse der Gepiden treten um das 3. Jahrhundert n. Chr. auf, als sie unter ihrem König Fastida von der Weichselregion südwärts vordrangen, den Burgunde(r)n eine schwere Niederlage beibrachten, sie fast aufrieben, aber eben nur fast, und sich im nördlichen Siebenbürgen niederließen. Einige Gruppen schlossen sich mit den Goten am Schwarzen Meer zusammen. In antiken Quellen fehlen jedoch Berichte zu Konflikten mit den Römern im 4. Jahrhundert; die Gepiden scheinen vornehmlich mit ihren unmittelbaren Nachbarn beschäftigt gewesen zu sein.

    Das Königreich der Gepiden (455–567)

    Zeitgenössische Quellen wie auch die Gotengeschichte des Jordanes betonen übereinstimmend die herausragende Bedeutung des angeblich „unzählbaren“ gepidischen Heeres im Feldzug Attilas gegen Gallien im Jahr 451. Dieses Heer stand unter der Führung ihres wohl berühmtesten Königs Ardarich, dem als einzigem unter den Vasallenkönigen die besondere Ehre zuteilwurde, an den Beratungen Attilas während dessen Herrschaftszeit (445–453) teilzunehmen. Die bevorzugte Stellung der Gepiden beruhte darauf, dass sie das einzige größere ostgermanische Volk waren, das nicht vor den Hunnen aus dem Karpatenbecken ausgewichen war.

    Attila war bei seinen Kriegszügen gegen die Städte beider römischer Reiche in hohem Maße auf die Gepiden angewiesen, die vor allem den Großteil des Fußvolkes stellten; zugleich war auch die Bevölkerung der hunnischen Lagerstadt auf verschiedene Dienstleistungen der Gepiden angewiesen. Ardarich, den die Hunnen zum König der Gepiden eingesetzt hatten, verfügte über eine nahezu ebenso starke Stellung innerhalb seines eigenen Volkes wie Attila über die Völker und Eliten des hunnischen Reiches. Diese Macht war ihm – ebenso wie einigen anderen Vasallenkönigen – von den Hunnen verliehen worden, doch verstand es der kluge Ardarich, sie zum Nutzen seines Volkes einzusetzen.

    Bild: Herrschaftsgebiet der Hunnen unter Attila (434-453)

    Aus dem Karpatenbecken sind aus der Zeit der Hunnenherrschaft nirgendwo so zahlreiche goldene Grabbeigaben bekannt wie aus dem Gebiet der Gepiden. Selbst nach dem Tod Theodosius’ II. und dem Abreißen des Goldzuflusses aus Ostrom versorgten die hunnischen Herren die Gepiden weiterhin mit eigens geprägten Solidi dieses Kaisers. Zum Zeitpunkt von Attilas Tod im Jahr 453 verfügten die Gepiden daher über die bestausgerüstete und wohlhabendste germanische Militäraristokratie. Dieses Volk, das als „die mit dem Schwert wütenden Gepiden“ bezeichnet wurde, und das sprichwörtliche „Schwert Ardarichs“ führten schließlich den Bund der Donauvölker in der Schlacht am Fluss Nedao zum Sieg über Attilas Sohn und Nachfolger Ellak im Jahr 455.

    Nach ihrem Sieg „nahmen die Gepiden den Hunnen mit Gewalt ihre Siedlungsgebiete ab und besetzten als Sieger die Grenzen ganz Dakiens. Als selbstbewusste Macht forderten sie vom (ost-)römischen Reich lediglich einen freundschaftlichen Vertrag, Frieden sowie jährliche Tributzahlungen.“ Diese zeitgenössische, auf Priskos zurückgehende Nachricht belegt, dass die Gepiden nach ihrem Triumph das links der Donau gelegene Quartiergebiet der Hunnen ihrem eigenen Herrschaftsraum einverleibten und ihr Reich dadurch erheblich ausdehnten.

    Die Ausdehnung des gepidischen Reiches in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts wird von Cassiodor, einem hochinteressanten spätantiken römischen Staatsmanns, Gelehrten und Schriftstellers, auf Grundlage einer byzantinischen Quelle klar umrissen. Danach siedelten die Gepiden westlich von Scythia Minor (der Dobrudscha). Im Süden bildete die Donau die Grenze ihres Landes, im Osten der Fluss Aluta (Alt), im Nordosten und Norden der Alpenbogen, also die Karpaten, und im Westen die Theiß.

    Unmittelbar nach dem Jahr 550 berichtet der Zeitgenosse Jordanes, das damalige Gebiet der Gepiden liege Mösien gegenüber, jenseits der Donau, in jenem Landstrich, der von den Alten zunächst Dacia und später Gothia genannt worden sei. Dieses Gebiet werde nun Gepidia genannt und sei nach Süden hin durch die Donau begrenzt.

    Zwischen den beiden zuletzt genannten Beschreibungen der Ausdehnung des Gepidenreiches liegt der bedeutendste Eroberungskrieg dieses Volkes. Cassiodor konnte ihn noch nicht berücksichtigen, und als Jordanes sein Werk abschloss, befanden sich die eroberten Gebiete bereits nicht mehr in gepidischem Besitz. Das Oströmische Reich erkannte den Anspruch der Gepiden auf diese Territorien ohnehin nie an, weshalb der auf oströmischem Boden lebende Jordanes sie nur beiläufig erwähnt.

    Den Feldzug von 539 eröffneten die Gepiden im Rahmen eines Bündnisses mit dem fränkischen König Theudebert gegen Byzanz. In einer verlustreichen Schlacht besiegten sie den oströmischen Heerführer Calluc und dessen Truppen. Infolge dieses Erfolges gliederten die Gepiden bis Ende 551 einen Streifen der Provinzen Moesia Prima und Dacia Ripensis entlang der Donau in ihr Herrschaftsgebiet ein, der sich von Singidunum (Belgrad) bis in den Raum gegenüber der Altmündung erstreckte.

    Die von den Gepiden kontrollierte – genauer gesagt: von ihnen geöffnete – Grenze an der unteren Donau gewann dadurch erhebliche historische Bedeutung. Über einen Zeitraum von zwölf Jahren ermöglichten sie slawischen Gruppen, die das Oströmische Reich angriffen, sowie im Jahr 550 auch den Kutriguren den Übergang über die Donau. Infolge der aus oströmischer Sicht als „Sklaverei“ empfundenen gepidischen Herrschaft und der slawisch-kutrigurischen Einfälle floh die romanisierte Bevölkerung, die im Jahr 271 aus dem trajanischen Dazien umgesiedelt worden war, aus den Städten der unteren Donauzone ins Innere der Balkanhalbinsel. Mit ihnen gelangten ihr lateinischer Dialekt, die Erinnerung an ihre Herkunft aus der Zeit Trajans und an ihr einstiges „dacus“-Sein nach Süden.

    Zwar gelang es Justinian I., gestützt auf den Sieg seiner langobardischen Verbündeten im Jahr 551, die Gepiden aus römischem Gebiet zu vertreiben und die Grenze an der unteren Donau wieder zu schließen; doch scheiterte er daran, die Städte neu zu beleben oder ihre ehemaligen Bewohner zurückzuführen. Beiderseits der unteren Donau entstanden nach 552 anstelle von Kastellen, Gegenfestungen und Städten lediglich Burgen, in denen über drei Jahrzehnte hinweg zahlenmäßig schwache Garnisonen – zur Hälfte oder vollständig aus Männern barbarischer Herkunft bestehend – den Grenzschutz übernahmen. Diese letzte Sicherungslinie wurde schließlich durch die awarischen Feldzüge der 580er und 590er Jahre bis zur Dobrudscha endgültig zerstört.

    Die archäologischen Hinterlassenschaften der Gepiden aus dem Frühmittelalter, insbesondere aus dem 5. und 6. Jahrhundert, sind heute vergleichsweise gut erschlossen. Der erste eindeutig gepidische Grabfund wurde bereits 1856 in Siebenbürgen entdeckt: Es handelte sich um kostbaren Schmuck aus dem Grab einer wohlhabenden adligen Frau (Fund von Kleinschelken). Dass dieser und vergleichbare Schmuck im Karpatenbecken dem sogenannten „merowingischen Stil“ zuzuordnen sind, erkannte J. Hampel im Jahr 1880 anhand der prunkvollen Gürtelschnalle aus dem Grab von Großwardein. Auf der Grundlage seiner umfassenden Kenntnis der historischen Quellen und der sich rasch vermehrenden archäologischen Funde gelangte er gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu dem Schluss, dass Gräber und Gräberfelder mit solchen Beigaben östlich der Theiß dem Volk der Gepiden zuzuschreiben sind.

    Mit der Veröffentlichung des ersten mustergültig ausgegrabenen gepidischen Gräberfeldes von Mezőbánd/Bandorf (1906/07) konnte I. Kovács 1913 zudem methodisch überzeugend nachweisen, dass es sich dabei um ein Gräberfeld der Gepiden aus der Zeit der Völkerwanderung handelt. Zwar blieb auch die gepidische Archäologie nicht von den methodischen und ideologischen Verwerfungen verschont, die nach dem Ersten Weltkrieg die archäologische Forschung prägten, doch wurden die Untersuchungen im Gebiet des ehemaligen, heute auf drei Staaten verteilten Gepidenreiches kontinuierlich fortgeführt – in Siebenbürgen zwischen 1951 und 1956 sogar im Rahmen eines sogenannten „slawisch-antischen Programms“. Seit den 1960er Jahren gelten viele zuvor offene Fragen als geklärt.

    Inzwischen besteht unter ungarischen, serbischen und rumänischen Fachleuten kein Zweifel mehr daran, dass die Siedlungen und Gräberfelder dieser Zeit den Gepiden zuzuschreiben sind. Deutlich schwieriger gestaltet sich hingegen die Abstimmung dieser Forschungsergebnisse mit der westeuropäischen merowingerzeitlichen Forschung. Dort gibt es bis heute zahlreiche Historiker und Archäologen, die den Gepiden kaum Beachtung schenken oder allenfalls die einfachen Gräber des gemeinen Volkes als gepidisch anerkennen. Belastend wirken dabei bis heute die feindseligen zeitgenössischen Berichte gotischer und langobardischer Autoren.

    So wurden den Gepiden ihre reichen Schätze, Königs- und Fürstengräber ebenso abgesprochen und den Goten zugeschrieben wie ihre militärischen Erfolge. Diese Sichtweise beeinflusste zeitweise auch die regionale Forschung, etwa in der unbelegten Annahme, die Königsgräber von Apahida oder der Schatz von Szamosfalva seien Hinterlassenschaften einer ostgotischen Herrschaftsschicht, die Siebenbürgen bis 474 oder 490 besetzt gehalten habe. Demgegenüber lässt sich der außergewöhnliche Reichtum der gepidischen Könige und Großen überzeugend aus ihrem historisch bedeutsamen Sieg über die Hunnen sowie – abgesehen von den erwähnten zwölf Jahren – aus ihrem festen Bündnis mit dem Oströmischen Reich erklären.

    Aus der Verbreitung der Solidi der Kaiser Theodosius II., Marcian und Valentinian III. – also jener Goldmünzen, die die Gepiden im mittleren Drittel des 5. Jahrhunderts bevorzugt als Grabbeigaben verwendeten – lässt sich eindeutig auf die Ausdehnung ihres Siedlungsgebietes während der hunnischen Herrschaft schließen. Demnach erstreckte sich das Land der Gepiden östlich der Linie Bodrog–Theiß, nördlich der Linie Kreisch–Schneller Kreisch sowie im Osten nördlich des Quellgebietes des Großen Samosch. Die reichen, münzdatierten Einzelgräber aus dem Partium und aus Nordsiebenbürgen, etwa bei Érmihályfalva, bilden bis heute eine wichtige chronologische Grundlage der internationalen Forschung zur sogenannten „merowingischen Zivilisation“.

    In dieser Zeit entwickelte sich auch das charakteristische, „neureiche“ Trachtenzubehör der adligen gepidischen Frauen: große silberne Scheibenfibeln an beiden Schultern des Gewandes, reich verzierte Gürtelschnallen und Armreifen, ergänzt durch goldene Ohrringe und Perlen. Besonders häufig sind solche Bestattungen vornehmer Frauen in Nordostungarn, doch finden sie sich ebenso im angrenzenden Partium, etwa in Érdengeleg und Gencs. In Großwardein entstand in dieser Epoche sogar ein ausgedehnter adliger Friedhof.

    Da Waffen, Männer- und Frauentracht sowie weitere Elemente der materiellen Kultur der Gepiden aus der Hunnenzeit inzwischen durch bedeutende Gräberfelder in Ungarn und im Partium – etwa Ártánd I und II oder Érmihályfalva – gut bekannt sind, lässt sich auch die Besiedlung Siebenbürgens nach dem Ende der hunnischen Herrschaft vergleichsweise zuverlässig nachzeichnen. Die ersten gepidischen Siedler brachten ihre eigenen Schmuckformen wie Ohrringe und Fibeln mit. Ihren Toten legten sie als Obolus teilweise noch immer die in großen Mengen ins Hunnenreich gelangten Spätprägungen des Theodosius II. oder des Valentinian III. (425–455) ins Grab, die jedoch bald durch Solidi Leos I. (457–474) und Zenos (474–491) ersetzt wurden.

    Die Verbreitung dieser Goldmünzen deckt sich gut mit den frühen gepidischen Grabfunden, die sich bis in die Täler Südsiebenbürgens erstrecken, etwa nach Schäßburg, Hofmarkt, Kronstadt, Stolzenburg und Holzmengen. Der Großteil der Funde stammt aus Familiengrablegen neu errichteter adliger Herren- und Meierhöfe; größere Dorfsiedlungen waren zu dieser Zeit noch nicht entstanden. Die meisten Zeugnisse dieser Phase wurden in Klausenburg und seiner näheren Umgebung entdeckt, wo daher ein bedeutendes Zentrum der Gepiden vermutet wird.

    Archäologische Fundorte und Funde

    Die archäologische Überlieferung der Gepiden ist untrennbar mit dem Gebiet des heutigen Ungarns, Serbiens und Rumäniens, insbesondere Siebenbürgens und des Ungarischen Tieflandes östlich der Theiß, verbunden. Dort liegen diverse Fundorte und Gräberfelder vor, die die Präsenz der Gepiden belegen.

    • Szilágysomlyó-Schatz: Ein bedeutender Hortfund (zuerst wurden Stücke 1797 und dann nochmal 1889 entdeckt im damaligen Ungarn, heutigem Rumänien, die bis heute untersucht werden) der ebenso wie andere Fundplätze wichtige Zeugnisse über die materielle Kultur der Gepiden liefert.

    Bilder: Fibeln, Kleidernadeln aus dem Szilágysomlyó-Schatz

    • Gräberfelder von Apahida (ungarisch, übersetzt: „Die Brücke der Mönche“ ist eine Gemeinde im Kreis Cluj, in der Region Siebenbürgen in Rumänien): Drei, zwischen 1889 bis 1973 gefundene, reich ausgestattete frühmittelalterliche Gräberfelder, deren Grabbeigaben wie Waffen, Fibeln und Schmuck auf die germanische Gepidengesellschaft deuten.

    Bild: Sattelfibeln, gefunden 1968 in Apahida

    • Reihengräberfelder: In Orten wie Szentes-Nagyhegy und Hódmezővásárhely-Kishomok wurden ausgedehnte Friedhöfe mit zahlreichen Grabbeigaben ausgegraben, die die früheren Siedlungen und Bestattungskulturen belegen.
    • Kölked (Südungarn): Fundstelle eines germanischen Dorfes aus awarischer Zeit, mutmaßlich mit gepidischem Ursprung. Das Gräberfeld von Kölked umfasst zahlreiche Bestattungen aus dem späten 6. bis frühen 7. Jahrhundert n. Chr. und zählt zu den bedeutendsten frühmittelalterlichen Fundplätzen in Südosteuropa.

    Bild: Fundstücke, gefunden im Grab eines Mannes in Kölked, 6.-7.Jh.

    Diese Funde erlauben einen Einblick in die Bestattungsrituale, den sozialen Status von Toten und die kulturellen Einflüsse jener Zeit. Die Ausgrabungen zeigen eine enge Verbindung zu anderen germanischen Kulturen, wobei besonders die Fibeln als interessanteste Kunstfertigkeit auffallen. Fibeln sind eine metallene, dem Prinzip der Sicherheitsnadel entsprechende Gewandnadel

    Kulturelle und gesellschaftliche Einordnung

    Die Gepiden sollen zunächst heidnisch gewesen sein, wie Berichte bis ungefähr zum Jahr 440 noch anführen, ehe sie zum arianischen Christentum konvertierten. Der erste historisch belegte Bischof aus ihren Reihen ist Thrasarich im 6. Jahrhundert. Die Gesellschaft dürfte monarchisch organisiert gewesen sein, was aus den Aufzeichnungen der Herrscher und Könige hervorgeht.

    Die Siedlungsweise wird als kleinteilig beschrieben: man bewohnte Einzelgehöfte, kleine Weilern und verlassene Burgen insbesondere im transsilvanischen Bergland. Die Stadt Szentes könnte als Machtzentrum gedient haben. Die Besiedlung war klar ländlich geprägt, und archäologische Spuren von Landwirtschaft sowie Keramik legen eine florierende agrarische Gemeinschaft nahe.

    Die Rolle der Ausgrabungen bei der Rekonstruktion der gepidischen Geschichte

    Die archäologischen Funde tragen entscheidend zum Verständnis der Gepiden bei, deren Geschichte in den schriftlichen Quellen oft fragmentarisch oder wenig detailliert überliefert ist. Sensationen wie der Schatzfund von Szilágysomlyó oder die reichen Gräber von Apahida stärken die Forschungsbasis. Bei der Auswertung solcher Funde stehen besonders die Grabbeigaben wie Waffen, kunstvolle Fibeln, Schmuckgegenstände und Werkzeuge im Fokus, welche auf gesellschaftliche Hierarchien, kulturelle Einflüsse und wirtschaftliche Verhältnisse hinweisen.

    Das Nebeneinander von eingegliederten germanischen Elementen und möglicherweise übernommenen sarmatischen Einflüssen aus der Region lässt auf ein Vielfalt und Interaktion zwischen verschiedenen Völkern schließen. Ebenso geben Kiesscherben, Knochenfunde und die Siedlungsarchäologie Hinweise auf landwirtschaftliche Praktiken, die im Verlaufe der Völkerwanderungszeit vielfach neuen Anpassungen unterworfen waren.

    Ungeklärte Fragen und Quellenlücken

    Die genaue Herkunft der Gepiden und ihr Verhältnis zu den Goten bleibt in mancher Hinsicht ungeklärt. Gerade die Frühzeit vor dem 3. Jahrhundert ist archäologisch wie schriftlich schlecht erschlossen. Ebenso unklar ist die detaillierte soziale Struktur und Organisation des gefestigten Reichs der Gepiden, vor allem wie sich diese im Angesicht der Hunnen- und später Langobardenherrschaft wandelte. Die Verbindung von archäologischen Funden zu einer klar gepidischen Ethnie ist oft schwer fassbar, zumal sie ihre Kultur mit benachbarten Völkern teilten oder von diesen beeinflusst wurden.

    Auch zu den genauen Hinterlassenschaften der Gepiden nach ihrem Fall im 6. Jahrhundert gibt es keine eindeutigen Belege. Die späteren Eroberungen durch die Awaren und die byzantinischen Feldzüge führten zu einer Verwüstung ihrer ehemaligen Siedlungsgebiete, woraufhin die Spuren der Gepiden in der Geschichte langsam entschwinden.

    Schlussbetrachtung

    Die Gepiden zählen ohne Zweifel zu den faszinierenden, wenngleich bislang nur unvollständig erforschten Völkern der germanischen Welt zur Zeit der Völkerwanderung. Archäologische Funde geben in den Siedlungsgebieten Mitteldonaus und Siebenbürgens eindrucksvolle Zeugnisse ihrer Lebensweise und Kultur. Die Geschichte des gepidischen Reichs, von der ersten Erwähnung ihres Volkes im 3. Jahrhundert über ihren Höhepunkt nach dem Sturz der Hunnenherrschaft bis zum fürchterlichen Ende durch die Langobarden und Awaren im 6. Jahrhundert, erschließt sich durch die Verbindung von schriftlichen Quellen und archäologischen Belegen.

    Es bleibt jedoch Raum für weitere Untersuchungen, gerade im Bereich der frühen Gepidenzeit und ihrer genauen Herkunft. Die differenzierte Erforschung der materiellen Kultur und die genaue Zuordnung der Fundstellen könnten weitere Erkenntnisse über ihr Verhältnis zu den Goten und den umliegenden Völkerschaften liefern.

    Quellen

    • https://de.wikipedia.org/wiki/Gepiden
    • https://www.evolution-mensch.de/Anthropologie/Gepidenreich
    • http://www.gepiden.info/seite-3.html
    • https://www.manfred-hiebl.de/mittelalter-genealogie/_voelkerwanderung/g/gepiden.html
    • http://yggdrasil-kreis.org/gepiden
    • https://archive.org/details/historischtopogr00dicu
    • https://www.thueringer-allgemeine.de/lokales/nordhausen/article410517062/spuren-alter-welten-archaeologen-entdecken-im-kreis-nordhausen-die-geschichte.html
    • https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/graeberfeld-beleuchtet-anfaenge-der-bajuwaren/
    • https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen/bautzen/goerlitz-weisswasser-zittau/bronze-zeit-schatz-klein-neundorf-100.html

    Automatisch verlängert, da die Quellenlage begrenzt ist.

  • Die Skiren – ein fast vergessenes Volk der Völkerwanderungszeit

    Wer waren die Skiren?

    Die Skiren zählen zu den am wenigsten bekannten Gruppen der germanischen Geschichte und stehen exemplarisch für jene Völker, die zwar zeitweise politisch bedeutsam waren, aber keine dauerhafte historische Spur hinterließen. Wie viele andere germanische Gruppen sind sie ausschließlich aus antiken Fremdquellen bekannt, vor allem aus römischen und spätantiken Texten. Eigene schriftliche Zeugnisse der Skiren existieren nicht, was ihre Geschichte fragmentarisch, widersprüchlich und schwer rekonstruierbar macht.

    Bereits ihre ethnische Einordnung ist in der Forschung umstritten. Antike Autoren zählen die Skiren meist zu den Germanen, doch ihre geografische Lage im osteuropäischen Grenzraum führte zu intensiven Kontakten mit sarmatischen, gotischen und später hunnischen Gruppen. Moderne Historiker gehen daher weniger von einer „reinen“ ethnischen Identität aus, sondern von einer politisch und kulturell offenen Gemeinschaft, deren Zusammensetzung sich im Laufe der Zeit veränderte. Der Name „Skiren“ dürfte eher eine politische oder militärische Bezeichnung gewesen sein als ein fest umrissener Volksbegriff.

    Erstmals werden die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. bei Tacitus erwähnt, der sie östlich der Elbe in Nachbarschaft anderer germanischer Stämme verortet. Archäologische Funde lassen vermuten, dass sie früh in überregionale Handels- und Austauschsysteme eingebunden waren. Im Zuge der Völkerwanderung verlagerte sich ihr Siedlungs- und Machtbereich zunehmend in den pannonisch-donauländischen Raum. Diese Region war ein geopolitischer Brennpunkt zwischen dem Römischen Reich, germanischen Föderaten und später dem Hunnenreich.

    Im 4. und 5. Jahrhundert gerieten die Skiren unter die Vorherrschaft der Hunnen. Anders als manche andere unterworfene Gruppen scheinen sie dabei eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt zu haben. Skirische Krieger und Adlige traten sowohl in hunnische als auch in römische Dienste, was ihre strategische Bedeutung unterstreicht. Diese Doppelrolle als Verbündete und Söldner machte sie jedoch politisch abhängig und verwundbar.

    Bild: Odoaker, Münze, Ravenna 477

    Die bekannteste Persönlichkeit skirischer Herkunft ist Odoaker, Sohn des skirischen Heerführers Edeko. Odoakers Aufstieg verdeutlicht die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten germanischer Eliten innerhalb der spätantiken Militärstrukturen. Als er 476 n. Chr. den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus absetzte, handelte er nicht als Vertreter der Skiren, sondern als Führer eines multiethnischen Heeres. Dennoch zeigt seine Karriere, dass skirische Netzwerke erheblichen Einfluss auf die politischen Umbrüche der Zeit hatten.

    Nach dem Tod Attilas und dem Zerfall des Hunnenreiches versuchten die Skiren, ein eigenes politisches Gebilde im Donauraum zu etablieren. Dieser Versuch scheiterte jedoch rasch. In Konflikten mit den Ostgoten wurden sie militärisch geschlagen, ihr König getötet und ihre politische Struktur zerstört. Anders als bei den Franken oder Langobarden kam es nicht zur Gründung eines dauerhaften Reiches. Die Skiren verschwinden danach als eigenständige Einheit aus den Quellen.

    Religiös folgten die Skiren zunächst heidnischen Traditionen, später übernahmen zumindest Teile von ihnen den arianischen Glauben. Auch dies trug zu ihrer Randstellung bei, da sich im spätantiken Europa zunehmend das katholische Christentum durchsetzte. Ohne feste territoriale Basis, ohne stabile dynastische Führung und ohne religiöse Integration hatten die Skiren kaum Chancen, langfristig als politischer Akteur zu bestehen.

    Bild: Ostgermanische Familie im 5. Jh.

    In der modernen Forschung gelten die Skiren als typisches Beispiel für die Auflösung ethnischer Identitäten in der Spätantike. Ihr Verschwinden bedeutet nicht zwangsläufig einen physischen Untergang, sondern vielmehr die Integration in andere Gruppen und Gesellschaften. Als Außenseiter der germanischen Geschichte machen die Skiren deutlich, dass historische Bedeutung nicht zwangsläufig mit Dauerhaftigkeit verbunden ist und dass viele Völker nur kurzzeitig sichtbar werden, bevor sie im Strom der Geschichte aufgehen.

    Antike Quellenperspektiven: Tacitus, Jordanes und Prokopios

    Unser Wissen über die Skiren beruht fast ausschließlich auf vereinzelten Erwähnungen bei antiken Autoren, deren Perspektiven stark von römischen und spätantiken Deutungsmustern geprägt sind. Bereits Tacitus nennt die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner Germania. Dort erscheinen sie im östlichen Vorfeld der römisch bekannten germanischen Welt, gemeinsam mit Stämmen wie den Bastarnen und Peukinen. Tacitus ordnet sie den Germanen zu, betont jedoch ihre Randlage und grenzt sie von den „klassischen“ Germanen West- und Norddeutschlands ab. Schon hier zeigt sich, dass die Skiren aus römischer Sicht eher als Grenz- und Übergangsgruppe wahrgenommen wurden.

    Für die Spätantike ist vor allem Jordanes von Bedeutung, dessen Getica im 6. Jahrhundert entstand. Jordanes erwähnt die Skiren im Zusammenhang mit den Machtverschiebungen nach dem Zerfall des Hunnenreiches. Er schildert sie als eigenständige Gruppe im Donauraum, die zeitweise versuchte, politisch unabhängig zu agieren, dabei jedoch rasch in Konflikt mit den Ostgoten geriet. In Jordanes’ Darstellung werden die Skiren nicht heroisiert, sondern erscheinen als relativ schwacher Akteur zwischen mächtigeren Völkern. Dies unterstreicht ihre Rolle als politischer Außenseiter innerhalb der spätantiken Welt.

    Besonders wertvoll sind die Berichte des byzantinischen Historikers Prokopios, der im 6. Jahrhundert schrieb. Prokopios erwähnt die Skiren vor allem im Kontext der hunnischen und nachhunnischen Machtverhältnisse sowie im Umfeld Odoakers. Seine Schilderungen machen deutlich, dass die Skiren weniger als geschlossenes „Volk“ auftraten, sondern eher als militärische und aristokratische Netzwerke, die sich flexibel in größere Machtstrukturen einfügten. Gleichzeitig betont Prokopios ihre letztliche Bedeutungslosigkeit nach den militärischen Niederlagen gegen die Ostgoten – ein Schweigen, das selbst bereits eine Aussage über ihr Verschwinden aus der politischen Geschichte darstellt.

    Zusammengenommen zeigen Tacitus, Jordanes und Prokopios, wie sich das Bild der Skiren über Jahrhunderte hinweg verändert: von einer Randgruppe am östlichen Horizont der Germania über einen kurzzeitigen Akteur der Völkerwanderungszeit bis hin zu einer beinahe vergessenen Größe der spätantiken Welt. Die Skiren sind damit ein Beispiel dafür, wie sehr historische Wahrnehmung von Perspektive, politischer Relevanz und Überlieferung abhängt.

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    Quellen