Kategorie: Aussenseiter der germanischen Geschichte

  • Archäologie und Funde der Heruler, Außenseiter und Rätsel der germanischen Geschichte

    Archäologie und Funde der Heruler

    Das leise Rauschen vereinzelter Wälder und die Stille feuchter Moorlandschaften verbergen tief unter ihrem Torf wertvolle Spuren vergessener Zeiten. Archäologen, mit Spaten und Pinzette ausgerüstet, haben sich über Jahrzehnte hinweg bemüht, aus diesem verborgenen Erdreich Zeugnisse des germanischen Stammes der Heruler zu bergen. Besonders im Grenzgebiet zwischen Donau und Marchland, zwischen Nordostösterreich und dem südlichen Slowakien zeichnen sich anhand archäologischer und schriftlicher Überreste die bewegte Geschichte dieses Stammes ab, der entscheidend zur Gestaltung der mitteleuropäischen Frühgeschichte beitrug.

    Die Heruler und ihre archäologische Spur

    Die Heruler gehören zu den rätselhaftesten und zugleich randständigsten Gruppen der germanischen Geschichte. Im Gegensatz zu bekannteren Völkern wie den Goten, Franken oder Langobarden hinterließen sie keine eigenen schriftlichen Zeugnisse und erscheinen ausschließlich in den Berichten fremder Autoren, vor allem römischer und byzantinischer Historiker. Dadurch bleibt ihr Bild fragmentarisch, widersprüchlich und von außen geprägt. Die Heruler erscheinen in den Quellen erstmals im 3. Jahrhundert nach Christi Geburt. Erstmals treten die Heruler im 3. Jahrhundert n. Chr. in den Quellen auf. Sie werden als kriegerisches Volk beschrieben, das gemeinsam mit Goten und anderen Gruppen Raubzüge über das Schwarze Meer bis nach Griechenland unternahm. Besonders auffällig ist ihre extreme Mobilität: Die Heruler scheinen kein dauerhaftes, stabiles Siedlungsgebiet besessen zu haben, sondern bewegten sich über große Teile Europas hinweg. Diese Rastlosigkeit unterscheidet sie von vielen anderen germanischen Stämmen und macht ihre historische Einordnung schwierig.

    Insbesondere die Entdeckungen von Mooropfern, Schlachtfeld-Waffen und Wohnstätten geben Einblicke in die Organisation und das Alltagsleben germanischer Stämme im Übergangszeitraum von der Spätantike zum frühen Mittelalter. Das bedeutendste Beispiel, nicht nur für die Heruler, sondern auch für andere germanische Gruppen wie die Sachsen oder Langobarden, bilden die archäologischen Fundstellen an der Donau und in den angrenzenden Regionen.

    Bild:Angriffe der Goten und Heruler im Schwarzen Meer und der Ägäis im 3. Jahrhundert

    Herkunft und Siedlungsraum

    Die Herkunft der Heruler ist in der Forschung mit Vorbehalt zu betrachten. Frühere Theorien gingen von einem skandinavischen Urheimatgebiet aus, beruhend auf einer Lesart des gotischen Geschichtsschreibers Jordanes, der im 6. Jahrhundert eine Vertreibung der Heruler durch Dänen aus skandinavischen Stammsitzen erzählt. Diese Erzählung gilt heute als wenig glaubhaft oder literarischer Topos. Wahrscheinlicher ist, dass die Ethnogenese der Heruler auf dem Kontinent, an der Nordküste des Schwarzen Meeres, stattfand, wo die Römer sie erstmals wahrnahmen.

    Im Städte- und Landschaftsbild Prähistorie bis Frühmittelalter hinterließen sie, anders als etwa die Langobarden, weniger Spuren einer breiten Wohnbevölkerung, sondern mehr solche einer politisch-militärischen Oberschicht. Im 5. Jahrhundert errichteten die Heruler kurzzeitig ein eigenes Reich im Donauraum, das jedoch bald von den Langobarden zerstört wurde. Ein Teil des Volkes ging in anderen Gruppen auf, während ein anderer – so berichtet der byzantinische Historiker Prokopios – angeblich in den hohen Norden zurückwanderte, möglicherweise nach Skandinavien. Diese Erzählung ist einzigartig in der germanischen Geschichte und wird in der Forschung kontrovers diskutiert, da archäologische Belege fehlen oder schwer eindeutig zuzuordnen sind.

    Archäologische Quellen und Funde

    • Gräber und Bestattungen: In Leopoldau wurden Gräber mit Schwertern donauländischer Prägung und Tonwaren mit skandinavischen Eigenschaften entdeckt, was auf enge Verbindungen oder Migrationen der Heruler schließen lässt. Grabfunde zeigen eine Vielfalt an Bestattungsarten, von Urnen bis zu Sargbestattungen, wobei die Zahl der Grabbeigaben variiert. Dies verdeutlicht die heterogene soziale Struktur des Stammes.
    • Opferplätze und Moorfunde: In Nordeuropa sind Opferplätze wie das Illerup Ådal nahe Århus in Dänemark bekannt, wo nachgewiesen ist, dass ganze Heere ihr Kriegsgerät in tiefen Mooren versenkten, hierzu zählen auch zerhackte Waffen und persönliche Gegenstände. Zwar handelt es sich hier nicht explizit um Heruler-Fundorte, doch die vergleichbare archäologische Praxis unter germanischen Stämmen gibt Aufschluss über rituelle Handlungen im kriegerischen Kontext, die auch den Herulern ähnlich gewesen sein dürften.
    • Schlachtfelder und Waffenfunde: Archäologische Grabungen nahe Harzhorn (Thüringen) zeugen von erbitterten Kämpfen zwischen Germanen und Römern im 3. Jahrhundert, welche Rückschlüsse auf die militärische Organisation der germanischen Stämme erlauben. Funde wie die von Illerup Ådal weisen eine straffe Truppenorganisation auf, die in Teilen römischen Mustern ähnelte, mit Kommandostufen sichtbar an der Qualität und Ausstattung der Waffen und Schilde.
    • Siedlungsarchitektur: Die Germanen, zu denen die Heruler zu rechnen sind, lebten in ausgeprägten Einzelhöfen oder in kleinen Weilern, ohne städtische Zentren. Die Wohnstallhäuser – dreischiffige Langhäuser aus Holz mit eingegliedertem Stall – waren weit verbreitet und über mehrere Generationen nach festen Mustern gebaut. Diese Gebäude boten Wohnraum für Mensch und Tier unter einem Dach, wobei die Stalllänge Indikator für den sozialen Status war.

    Historische Quellen und ihre Bedeutung

    Die schriftlichen Zeugnisse über die Heruler stammen vor allem von römischen und spätantiken Autoren wie Jordanes, Prokop, Dexippos und Tacitus. Dexippos erwähnt die Heruler im Kontext von Raubzügen um 267/68 in Griechenland, wobei sie strategisch wichtige Orte wie den Thermopylen-Pass angriffen und sogar Athen bedrohten. Deren Niederlage durch Kaiser Gallienus wurde als Wendepunkt festgehalten.

    Prokop berichtet im 6. Jahrhundert von der Spaltung der Heruler nach deren Übertritt in oströmische Dienste und einer angeblichen Rückkehr einiger Gruppen nach „Thule“, dem sagenumwobenen Rand der Welt. Diese Angaben sind heutzutage schwer zu verifizieren und gelten als literarische Konstrukte oder Hinweise auf mündliche Überlieferungen, die mit historischer Realität nur bedingt zu vereinbaren sind.

    Die Heruler spielten auch eine Rolle in der politischen Umbruchszeit zwischen West- und Oströmischem Reich. Um 476 unterstützen sie Odoaker bei dessen Thronbesteigung in Italien. Ihre Herrschaft an der unteren Donau wurde durch die Langobarden, die auch die Gepiden vernichtend schlugen, um 508 endgültig zerschlagen. Die Überlebenden zerstreuten sich in verschiedene Gefolgschaften, einige schlossen sich weiter den Langobarden an, andere fanden Zuflucht bei den Gepiden und Ostgoten oder im oströmischen Reich, wo sie als Föderatenstaat geduldet wurden.

    Bild: Odoaker,Anführer der Heruler und Minister von Attila (435-493), Zeichnung aus „I misteri del vaticano“ von Franco Mistrali

    Einordnung der Heruler in die frühmittelalterliche Germanenwelt

    Archäologisch und historisch zeigen die Heruler ein Bild germanischer Mobilität und Anpassungsfähigkeit. Sie waren Seefahrer und Landstreiter, die sich mehrfach verlagerten und neue Lebensräume erschlossen. Im Gegensatz zu verbreiteten Klischees über „wilde Barbaren“ belegen Funde einen differenzierten Umgang mit Krieg, Handel und Herrschaft. Die Heruler organisierten Kampfgruppen in einer Struktur, die auch römische Einflüsse widerspiegelt, was für römisch-germanische Interaktionen spricht.

    Ihre soziale Struktur erscheint hierarchisch und dennoch beweglich. Der archäologische Befund von Gräbern, Siedlungen und Waffen verweist auf eine politisch-militärische Elite, die im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter um die Herrschaft in Donauraum und Vorland kämpfte und mit anderen germanischen Völkern, wie den Langobarden, vernetzt war. Besonders auffällig sind die Berichte über die sozialen und kulturellen Praktiken der Heruler. Prokopios beschreibt sie als kriegerisch, aber auch als ungewöhnlich radikal in ihren Sitten. Erwähnt werden etwa rituelle Selbsttötung alter oder kranker Menschen sowie eine starke Betonung von Kriegerethos und Ehre. Ob diese Darstellungen tatsächliche Praktiken widerspiegeln oder das Ergebnis kultureller Verzerrung sind, ist unklar. Wahrscheinlich verstärkten römisch-byzantinische Autoren bewusst das Bild des „barbarischen Außenseiters“, um die eigene kulturelle Überlegenheit zu betonen.

    Bedeutung der Heruler für die regionale Geschichte

    Neuere Forschungen, etwa im Gebiet Nordostösterreich sowie dem Marchgebiet und der angrenzenden Slowakei, unterstreichen die Rolle der Heruler als prägender germanischer Faktor in Mitteleuropa. Sie nahmen nicht nur am Völkerwanderungsprozess teil, sondern errichteten auch politische Gefüge, die einige Jahrzehnte überdauerten.

    Neben dinglichen Hinterlassenschaften dürften geographische Bezeichnungen wie die „Herilungoburg“ an der Erlaf und Ortsnamen mit der Silbe „Ros“ im Oberösterreichischen und Niederösterreichischen Mühlviertel Erinnerungen an die Heruler bewahrt haben. Die Ähnlichkeit der Namensgebung der Rus, der frühen normannischen Herrscher im heutigen Russland, legt nahe, dass sich der ethnische Begriff in Variationen weit über das ursprüngliche Siedlungsgebiet hinaus verbreitete.

    Religiös blieben die Heruler lange heidnisch, bevor Teile von ihnen zum Arianismus übertraten. Auch dadurch standen sie im spätantiken Europa am Rand der Mehrheitsgesellschaft, die zunehmend katholisch geprägt war. Politisch gelang es ihnen nie, eine dauerhafte Machtbasis aufzubauen, was ihren schnellen Niedergang begünstigte.

    In der modernen Forschung gelten die Heruler als Beispiel dafür, wie bruchstückhaft unser Wissen über viele germanische Gruppen ist. Sie stehen stellvertretend für Völker, die nicht in die großen Erzählungen von Reichsgründung, Christianisierung und kultureller Kontinuität passen. Gerade deshalb sind sie ein wichtiger Gegenstand historischer Forschung: Als Außenseiter machen die Heruler sichtbar, dass die germanische Geschichte kein geschlossener, einheitlicher Prozess war, sondern von Vielfalt, Bewegung und Vergänglichkeit geprägt wurde.

    Fazit und Ausblick

    Die Quellenlage zu den Herulern ist trotz reicher Funde fragmentarisch und in einigen Aspekten widersprüchlich. Während antike Berichte häufig mythologisch gefärbt sind, liefern archäologische Befunde zunehmend fundierte Einblicke in die Lebensweise, Kriegsführung und Migration germanischer Stämme. Der Beitrag der Heruler zur Geschichte des Frühmittelalters und der europäischen Völkerwanderungszeit kann heute als bedeutend eingeschätzt werden. Noch immer sind viele Fragen offen, etwa bezüglich ihrer genauen ethnischen Herkunft, ihrer kulturellen Eigenheiten oder der Integration in spätrömische Strukturen. Die gegenwärtige Forschung profitiert von interdisziplinären Zugängen, die Archäologie, Anthropologie und historische Quellenanalyse verbinden, um ein immer schärferes Bild dieser bewegten und einflussreichen Volksgruppe zu zeichnen.

    Bild: Europa, 5.Jh.u.Z. Heruler sind dort im östl. Ostdeutschland verortet

    Quellen

  • Archäologie und Funde der Haruden

    Die Haruden – Ein germanischer Stamm zwischen antiken Schriftquellen und archäologischer Forschung
    1. Einleitung

    Die Geschichte der germanischen Stämme ist bis heute nur fragmentarisch überliefert. Da sie selbst keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, sind Historiker und Archäologen auf die Berichte antiker Autoren sowie auf archäologische Funde angewiesen. Einer dieser nur selten erwähnten Stämme sind die Haruden, auch Haruder genannt. Trotz ihrer spärlichen Nennung in den Quellen lassen sich anhand literarischer Überlieferung und archäologischer Vergleichsfunde Rückschlüsse auf ihre Herkunft, ihre Lebensweise und ihre Einbindung in die germanische Welt ziehen. Ziel dieser Arbeit ist es, den Stamm der Haruden vorzustellen und ihn in den historischen und kulturellen Kontext der germanischen Frühgeschichte einzuordnen.

    2. Die Haruden in den antiken Schriftquellen
    2.1 Erste Erwähnungen bei Caesar

    Die früheste bekannte Erwähnung der Haruden findet sich im Werk „De bello Gallico“ des römischen Feldherrn Gaius Iulius Caesar. Er nennt die Haruden als Teil einer Koalition germanischer Stämme unter der Führung des Suebenkönigs Ariovist.

    Bild: Ariovist, Johann Nepomuk Geiger (1805–1880)

    Diese Stammesgruppe drang im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts v. Chr. in das Gebiet Galliens ein, um dort neues Siedlungsland zu gewinnen. Caesar berichtet, dass diese germanischen Gruppen im Jahr 51 v. Chr. von römischen Truppen besiegt wurden. Genauere Angaben zur ursprünglichen Siedlungsregion der Haruden macht er jedoch nicht, was ihre frühe geografische Einordnung erschwert.

    2.2 Lokalisierung bei Ptolemäus und spätere Nennungen

    Einen wichtigen Hinweis auf die spätere Verortung des Stammes liefert der antike Geograph Claudius Ptolemäus. In seiner „Geographike Hyphegesis“ erwähnt er die sogenannten Charuder im nördlichen Teil Jütlands. Die Namensähnlichkeit lässt darauf schließen, dass es sich um denselben Stamm oder zumindest um eine eng verwandte Gruppe handelt. Die Region Hardsyssel im heutigen Dänemark könnte ihren Namen von diesem Stamm erhalten haben.

    Im 6. Jahrhundert erwähnt der Historiker Jordanes die Arothi, die möglicherweise mit den Haruden in Verbindung stehen. Ob es sich dabei um direkte Nachfahren oder lediglich um eine Namensvariante handelt, ist in der Forschung umstritten. Ebenso wird diskutiert, ob sich der Stammesname in späteren geografischen Bezeichnungen wie dem norwegischen Hordaland erhalten hat.

    3. Archäologische Befunde und ihre Aussagekraft
    3.1 Siedlungswesen und Hausbau

    Da kein eindeutig den Haruden zuzuordnender Fundplatz bekannt ist, erfolgt ihre archäologische Einordnung über Vergleichsfunde aus dem nordgermanischen Raum. Germanische Siedlungen bestanden überwiegend aus langgestreckten Wohnstallhäusern, in denen Menschen und Tiere gemeinsam lebten. Diese Bauform ist vor allem in Jütland gut belegt und weist auf eine agrarisch geprägte Lebensweise hin. Die standardisierten Grundrisse lassen auf feste soziale Strukturen und überlieferte Baukonzepte schließen.

    3.2 Bestattungssitten

    Auch das Bestattungswesen bietet wichtige Einblicke in die Gesellschaftsstruktur der Germanen. Es existierten verschiedene Bestattungsformen, darunter Brand- und Körperbestattungen. Grabbeigaben wie Waffen, Schmuck oder Alltagsgegenstände geben Hinweise auf sozialen Status, Geschlechterrollen und kulturelle Kontakte. Veränderungen in den Bestattungsritualen lassen sich zudem als Ausdruck kulturellen Wandels deuten, insbesondere im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter.

    3.3 Krieg, Schlachtfelder und Mooropfer

    Von besonderer Bedeutung sind archäologische Schlachtfeldfunde, etwa am Harzhorn oder bei Northeim. Dort gefundene Waffen und Ausrüstungsgegenstände erlauben detaillierte Rückschlüsse auf militärische Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen. Ergänzt wird dieses Bild durch Mooropferplätze wie Illerup Ådal in Dänemark, wo große Mengen zerstörter Waffen rituell niedergelegt wurden. Diese Funde zeigen, dass Krieg nicht nur eine politische, sondern auch eine religiöse Dimension besaß.

    4. Gesellschaft, Kultur und Lebensweise

    Die germanischen Stämme waren keine fest organisierten Staaten, sondern lose Verbände mit temporären Anführern. Macht basierte auf persönlichem Ansehen, militärischem Erfolg und der Unterstützung durch Gefolgschaften. Kleidung und Schmuck zeugen von handwerklichem Können und einem ausgeprägten ästhetischen Empfinden. Religiöse Vorstellungen waren vielfältig und schlossen sowohl einheimische Gottheiten als auch Einflüsse aus der römischen Welt ein. Wirtschaftlich dominierten Viehzucht und kleinräumiger Ackerbau, ergänzt durch Jagd und Sammelwirtschaft. Archäologische und genetische Befunde belegen zudem eine hohe Mobilität und Durchmischung der Bevölkerung.

    5. Probleme und Grenzen der Forschung

    Die Erforschung der Haruden ist durch die geringe Quellenlage stark eingeschränkt. Antike Berichte sind oft fragmentarisch und aus römischer Perspektive verfasst, während archäologische Funde nur selten eindeutig einem bestimmten Stamm zugeordnet werden können. Dennoch ermöglicht die Kombination verschiedener Forschungsansätze eine Annäherung an die Lebenswirklichkeit dieser frühen Gemeinschaften.

    6. Fazit

    Die Haruden sind ein Beispiel für die vielen germanischen Stämme, deren Geschichte nur in Umrissen rekonstruierbar ist. Trotz der lückenhaften Überlieferung lassen sich durch die Auswertung antiker Texte und archäologischer Vergleichsfunde grundlegende Aussagen über ihre Herkunft, ihre Lebensweise und ihre Einbindung in die germanische Welt treffen. Die Haruden erscheinen dabei nicht als isolierte Randgruppe, sondern als Teil einer dynamischen, kulturell vielfältigen und mobilen Gesellschaft, die wesentlich zur frühgeschichtlichen Entwicklung Europas beitrug.

    Quellen

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  • Die Skiren – ein fast vergessenes Volk der Völkerwanderungszeit

    Wer waren die Skiren?

    Die Skiren zählen zu den am wenigsten bekannten Gruppen der germanischen Geschichte und stehen exemplarisch für jene Völker, die zwar zeitweise politisch bedeutsam waren, aber keine dauerhafte historische Spur hinterließen. Wie viele andere germanische Gruppen sind sie ausschließlich aus antiken Fremdquellen bekannt, vor allem aus römischen und spätantiken Texten. Eigene schriftliche Zeugnisse der Skiren existieren nicht, was ihre Geschichte fragmentarisch, widersprüchlich und schwer rekonstruierbar macht.

    Bereits ihre ethnische Einordnung ist in der Forschung umstritten. Antike Autoren zählen die Skiren meist zu den Germanen, doch ihre geografische Lage im osteuropäischen Grenzraum führte zu intensiven Kontakten mit sarmatischen, gotischen und später hunnischen Gruppen. Moderne Historiker gehen daher weniger von einer „reinen“ ethnischen Identität aus, sondern von einer politisch und kulturell offenen Gemeinschaft, deren Zusammensetzung sich im Laufe der Zeit veränderte. Der Name „Skiren“ dürfte eher eine politische oder militärische Bezeichnung gewesen sein als ein fest umrissener Volksbegriff.

    Erstmals werden die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. bei Tacitus erwähnt, der sie östlich der Elbe in Nachbarschaft anderer germanischer Stämme verortet. Archäologische Funde lassen vermuten, dass sie früh in überregionale Handels- und Austauschsysteme eingebunden waren. Im Zuge der Völkerwanderung verlagerte sich ihr Siedlungs- und Machtbereich zunehmend in den pannonisch-donauländischen Raum. Diese Region war ein geopolitischer Brennpunkt zwischen dem Römischen Reich, germanischen Föderaten und später dem Hunnenreich.

    Im 4. und 5. Jahrhundert gerieten die Skiren unter die Vorherrschaft der Hunnen. Anders als manche andere unterworfene Gruppen scheinen sie dabei eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt zu haben. Skirische Krieger und Adlige traten sowohl in hunnische als auch in römische Dienste, was ihre strategische Bedeutung unterstreicht. Diese Doppelrolle als Verbündete und Söldner machte sie jedoch politisch abhängig und verwundbar.

    Bild: Odoaker, Münze, Ravenna 477

    Die bekannteste Persönlichkeit skirischer Herkunft ist Odoaker, Sohn des skirischen Heerführers Edeko. Odoakers Aufstieg verdeutlicht die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten germanischer Eliten innerhalb der spätantiken Militärstrukturen. Als er 476 n. Chr. den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus absetzte, handelte er nicht als Vertreter der Skiren, sondern als Führer eines multiethnischen Heeres. Dennoch zeigt seine Karriere, dass skirische Netzwerke erheblichen Einfluss auf die politischen Umbrüche der Zeit hatten.

    Nach dem Tod Attilas und dem Zerfall des Hunnenreiches versuchten die Skiren, ein eigenes politisches Gebilde im Donauraum zu etablieren. Dieser Versuch scheiterte jedoch rasch. In Konflikten mit den Ostgoten wurden sie militärisch geschlagen, ihr König getötet und ihre politische Struktur zerstört. Anders als bei den Franken oder Langobarden kam es nicht zur Gründung eines dauerhaften Reiches. Die Skiren verschwinden danach als eigenständige Einheit aus den Quellen.

    Religiös folgten die Skiren zunächst heidnischen Traditionen, später übernahmen zumindest Teile von ihnen den arianischen Glauben. Auch dies trug zu ihrer Randstellung bei, da sich im spätantiken Europa zunehmend das katholische Christentum durchsetzte. Ohne feste territoriale Basis, ohne stabile dynastische Führung und ohne religiöse Integration hatten die Skiren kaum Chancen, langfristig als politischer Akteur zu bestehen.

    Bild: Ostgermanische Familie im 5. Jh.

    In der modernen Forschung gelten die Skiren als typisches Beispiel für die Auflösung ethnischer Identitäten in der Spätantike. Ihr Verschwinden bedeutet nicht zwangsläufig einen physischen Untergang, sondern vielmehr die Integration in andere Gruppen und Gesellschaften. Als Außenseiter der germanischen Geschichte machen die Skiren deutlich, dass historische Bedeutung nicht zwangsläufig mit Dauerhaftigkeit verbunden ist und dass viele Völker nur kurzzeitig sichtbar werden, bevor sie im Strom der Geschichte aufgehen.

    Antike Quellenperspektiven: Tacitus, Jordanes und Prokopios

    Unser Wissen über die Skiren beruht fast ausschließlich auf vereinzelten Erwähnungen bei antiken Autoren, deren Perspektiven stark von römischen und spätantiken Deutungsmustern geprägt sind. Bereits Tacitus nennt die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner Germania. Dort erscheinen sie im östlichen Vorfeld der römisch bekannten germanischen Welt, gemeinsam mit Stämmen wie den Bastarnen und Peukinen. Tacitus ordnet sie den Germanen zu, betont jedoch ihre Randlage und grenzt sie von den „klassischen“ Germanen West- und Norddeutschlands ab. Schon hier zeigt sich, dass die Skiren aus römischer Sicht eher als Grenz- und Übergangsgruppe wahrgenommen wurden.

    Für die Spätantike ist vor allem Jordanes von Bedeutung, dessen Getica im 6. Jahrhundert entstand. Jordanes erwähnt die Skiren im Zusammenhang mit den Machtverschiebungen nach dem Zerfall des Hunnenreiches. Er schildert sie als eigenständige Gruppe im Donauraum, die zeitweise versuchte, politisch unabhängig zu agieren, dabei jedoch rasch in Konflikt mit den Ostgoten geriet. In Jordanes’ Darstellung werden die Skiren nicht heroisiert, sondern erscheinen als relativ schwacher Akteur zwischen mächtigeren Völkern. Dies unterstreicht ihre Rolle als politischer Außenseiter innerhalb der spätantiken Welt.

    Besonders wertvoll sind die Berichte des byzantinischen Historikers Prokopios, der im 6. Jahrhundert schrieb. Prokopios erwähnt die Skiren vor allem im Kontext der hunnischen und nachhunnischen Machtverhältnisse sowie im Umfeld Odoakers. Seine Schilderungen machen deutlich, dass die Skiren weniger als geschlossenes „Volk“ auftraten, sondern eher als militärische und aristokratische Netzwerke, die sich flexibel in größere Machtstrukturen einfügten. Gleichzeitig betont Prokopios ihre letztliche Bedeutungslosigkeit nach den militärischen Niederlagen gegen die Ostgoten – ein Schweigen, das selbst bereits eine Aussage über ihr Verschwinden aus der politischen Geschichte darstellt.

    Zusammengenommen zeigen Tacitus, Jordanes und Prokopios, wie sich das Bild der Skiren über Jahrhunderte hinweg verändert: von einer Randgruppe am östlichen Horizont der Germania über einen kurzzeitigen Akteur der Völkerwanderungszeit bis hin zu einer beinahe vergessenen Größe der spätantiken Welt. Die Skiren sind damit ein Beispiel dafür, wie sehr historische Wahrnehmung von Perspektive, politischer Relevanz und Überlieferung abhängt.

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    Quellen