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  • Archäologie und Funde der Friesen

    Archäologie und Funde der Friesen: Fenster in die germanische Vergangenheit

    In den Niederlanden und Deutschland an der Nordseeküste liegt das historische Siedlungsgebiet der Friesen, eines germanischen Volkes mit einer langen und bewegten Geschichte. Tief in den Marschen, auf Warften und in Mooren bergen sich Überreste einer faszinierenden Kultur. Archäologische Ausgrabungen fördern neben jungsteinzeitlichen Werkzeugen und Pflügen auch verborgenes Wissen über die Wirtschaftsweisen, sozialen Strukturen und Handelsbeziehungen dieser Seefahrer zutage. Während die antiken römischen Autoren ihre ersten Berichte lieferten, gewähren uns immer wieder spektakuläre Funde Einblicke in das Leben, die Kämpfe und den Alltag eines Volkes, das sich über die Jahrtausende an das raue Nordseeklima anpasste.

    Die archäologische Spurensuche: Frühzeitliche Funde und zweite Blüte der Friesen

    Die archäologische Forschung ergründet das Leben der Friesen von den frühesten Spuren menschlicher Besiedlung bis ins Mittelalter. Besonders in den Mooren Ostfrieslands, wie im Brockzeteler Moor oder Moor von Georgsfeld, wurden Artefakte aus der Mittelsteinzeit entdeckt. Von Bedeutung sind auch Pflugfunde, etwa der einer der ältesten bekannten Pflüge der Welt aus Georgsfeld, ursprünglich dem 4. Jahrtausend v. Chr. zugeschrieben, heute jedoch in die frühe Bronzezeit (1940–1510 v. Chr.) datiert. Solche Funde zeugen von einer langen agrarischen Tradition in einer Landschaft, die der Mensch mit einem ausgeklügelten Deich- und Bewässerungssystem bewohnte.

    Aus der römischen Kaiserzeit berichten Plinius der Ältere und Tacitus von einem germanischen Stamm namens Frisii, den Vorläufern der späteren Friesen. Tacitus nennt sie in seiner „Germania“ als „Große“ und „Kleinere Friesen“, ansässig entlang des Rheins und in sumpfigen Küstengebieten. Die archäologische Fundlage und zeitgenössische linguistische Befunde lassen jedoch auf eine komplexe Entwicklung schließen: Zwischen den antiken Frisii und den friesischen Gruppen im Mittelalter besteht wahrscheinlich nur eine begrenzte Kontinuität. Um das 5. und 6. Jahrhundert scheint das Siedlungsgebiet weitgehend von anderen germanischen Völkern wie den Angelsachsen neu bevölkert worden zu sein. Eine Kontinuität des Stammesnamens deutet auf eine bewusste Identitätsannahme der späteren Friesen gegenüber dieser historischen Bezeichnung.

    Im frühen Mittelalter, ab dem 7. Jahrhundert, stehen Friesen als ein seefahrendes, freies Volk in den Quellen. Sie errichteten neben Einzelwarften auch große Handelsdörfer (Wik), wie das zentrale Dorestad an der Flussgabelung von Rhein und Lek, das als blühende Handelsstätte Wollmäntel, Salz und Bernstein an Kunden bis ins Binnenland und nach Byzanz lieferte.

    Gesellschaftliche Strukturen und Kultur der Friesen

    Die soziale Ordnung der Friesen unterschied sich deutlich von feudalistischen Verhältnissen, wie sie in vielen Teilen Europas verbreitet waren. Archäologische Befunde, historische Quellen und Traditionsüberlieferungen zeugen von einem stark egalitären Aufbau. So wählten Landesgemeinden ihre Anführer selbst und pflegten autarke Rechtsordnungen, die in der sogenannten „Lex Frisionum“ aus der Zeit Karls des Großen schriftlich fixiert wurden.

    Die Friesische Freiheit, symbolisiert durch den Upstalsboom, eine Steinpyramide aus Findlingen bei Aurich, und die regelmäßigen Versammlungen der Vertreter der sogenannten Sieben Seelande am Feste nach Pfingsten, unterstreichen die kollektive Entscheidungsfindung und die Verteidigung gemeinsamer Rechte gegen äußere Mächte.

    Die Friesen waren bekannt für ihre Unabhängigkeit und ihren Widerstandsgeist, etwa gegen die römische Oberherrschaft oder später fränkische Versuche der Unterwerfung. Ihr Motto „Lieber tot als Sklave“ spiegelt die inneren Werte der Freiheit und Selbstbestimmung wider.

    Architektur und Siedlung

    • Warften und Wurten: Auf höheren Erdhügeln, von Menschenhand aufgebaut, errichteten die Friesen ihre Wohnstätten, um sich gegen Sturmfluten und Überschwemmungen zu schützen. Diese Siedlungsform existiert als steter Beweis menschlicher Anpassung an das Hochwasser der Nordseeküste.
    • Langhäuser: Die Germanen bauten Langhäuser mit sehr ähnlichen Grundrissen über Generationen an denselben Orten. Gleichmäßige Maße und Anordnungen zeigen einen gesellschaftlichen Kodex, der auf Gleichheit und Vermeidung von Überbietung schloss.
    • Handelsniederlassungen: Die Wik genannten Dörfer waren pulsierende Zentren von Handwerkern und Kaufleuten, bezeuge ihre enge Vernetzung mit dem mittelalterlichen Fernhandel.

    Wirtschaft und Handel: Meeresanbindung und Handelsnetzwerke

    Die Küstenlage und die Seefahrtradition ermöglichten den Friesen Handel weit über ihre Küstengebiete hinaus. Von der Fischerei und Salzgewinnung im Wattgebiet bis zum Fertigen und Export von Wollmänteln waren die Friesen in der ganzen Nordseeregion etabliert.

    • Salzgewinnung: Salzhaltiger Torf wurde verbrannt, um so kostbares „friesisches Salz“ zu extrahieren, ein begehrtes Handelsgut von Römerzeit bis ins Mittelalter.
    • Textilien: Die Verarbeitung von Ziegen- und Schafwolle zu Decken, Mänteln und feinen Stoffen fand großen Absatz, sogar bis nach Byzanz und in den arabischen Raum über Mittlerstationen. Fränkische Höfe erhielten regelmäßige Lieferungen.
    • Handelsschiffe: Archäologische Funde wie das Friesenschiff von Roggenstede zeigen flach gebaute, stabile Boote, die dem Trockenfallen bei Flutstand Rechnung trugen. Die späteren hochbordigen Koggen der Hanse gehen auf diese Schiffsbauweise zurück.
    • Handelsnetz: Von der Nordseeküste bis ins Binnenland, nach Dänemark, Schweden und sogar Byzanz handelten die Friesen Waren wie Bernstein, Pelze, Seide, Pfeffer und Gewürze.

    Aufstände und Kriege: Die Friesen zwischen Römern, Franken und Sachsen

    Römische Quellen berichten von Aufständen der Frisii, beispielsweise gegen die Ausbeutung durch den Statthalter Olennius, wie Tacitus erwähnt. Dies verdeutlicht, dass die Friesen früh Widerstandsgeist zeigten. Später kämpften sie gegen die fränkische Expansion unter Karl den Großen, der 785 das friesische Kerngebiet bis zur Weser eroberte. Trotz Unterwerfung blieb die friesische Selbstverwaltung und Freiheit außergewöhnlich stark ausgeprägt. Sie wurden aufgrund dessen erst im 11. Jahrhundert christianisiert.

    Archäologische Analysen von Grabfunden wie in Bad Füssing zeigen gewaltsame Konflikte und Umbrüche in germanischen Regionen der Spätantike. Dort wurden beispielsweise ein offenbar im Kampf getöteter Reiter mit Schwerthieben geborgen, der in eine Zeit des Übergangs zwischen römischer und bajuwarischer Herrschaft datiert. Solche Funde liefern wertvolle Einsichten in die wechselvolle Geschichte germanischer Stämme, auch wenn sie nicht direkt auf die Friesen bezogen werden.

    Funde und Fundorte von Bedeutung für die Friesische Geschichte

    • Warften und Moorfunde – Überreste von Siedlungen, Gräbern und Alltagsgegenständen ermöglichen Einblicke in die Anpassungen an die Umwelt der Nordseeküste.
    • Goldhort von Gessel (Niedersachsen, 2011) – Eine bedeutende Sammlung bronzezeitlicher (14. Jh.v.u.Z) Goldobjekte, die Einblicke in rituelle und soziale Verhältnisse vor Jahrtausenden bietet.
    • Handelsplatz Dorestad (Niederlande) – Einer der wichtigsten friesischen Handelsorte, mit archäologischen Funden aus dem Hochmittelalter, die den Umfang des Fernhandels dokumentieren.
    • Friesenschiff von Roggenstede (Ostfriesland) – Ausgrabung eines flach gebauten Segelbootes für die Nordsee, ursächlich für die spätere Entwicklung der Hansekogge.

    Bild: Goldhort von Gessel

    Herausforderungen der Quellenlage und Deutung des Friesischen Erbes

    Die Quellenlage zur friesischen Geschichte ist teils fragmentarisch: Schriftliche Quellen aus römischer Zeit sind spärlich und meist von außen verfasst. Die Kontinuität zwischen antiken Frisii und den mittelalterlichen Friesen ist nicht unumstritten; archäologische und linguistische Studien legen nahe, dass es eher eine Namensübernahme mit Parteienwechsel gab als eine ethnische Durchgängigkeit. Die größte Zahl der schriftlichen Zeugnisse stammt aus dem Mittelalter, insbesondere durch Franken und Kirchenchronisten, während indigenous friesische Aufzeichnungen nur sehr begrenzt überliefert sind.

    Archäologie, Linguistik und historische Forschung ergänzen sich gegenseitig, erlauben aber nicht immer eindeutige Schlüsse. Die Vielfalt der Funde – von bronzezeitlichen Goldhorten über römische Kampfspuren bis zu mittelalterlichen Handelsplätzen – legt ein komplexes Bild nahe. Dieses zeigt die Friesen als ein anpassungsfähiges, offen vernetztes Volk mit einer eigenständigen Kultur, die durch Umweltbedingungen und wechselnde politische Mächte geprägt wurde.

    Fiktive Geschichte vom Kampf der Friesen gegen den Christen Karl Martell, der die Herrschaft der Franken 734 begründete

    Ich heiße Hajo, Sohn des Wybren, und ich bin ein Friese vom Meer. Wenn ich die Augen schließe, rieche ich noch immer Salz und Tang, höre das Schreien der Möwen über den Prielen und das Knarren der Boote im Wind. So begann mein Leben, lange bevor der Name Karl Martell wie ein Fluch über unsere Marschen kam.

    Wir Friesen waren freie Männer. Das sagten wir zumindest. Frei wie das Wasser, das kommt und geht, frei wie der Wind, der unsere Segel füllt oder zerreißt. Wir lebten vom Handel, vom Fischfang, von dem, was wir dem Meer abtrotzen konnten. Unsere Götter kannten wir beim Namen, und sie kannten uns, glaubten wir. Wodan, Donar, die alten Mächte – sie wohnten im Sturm und im Feuer.

    Als die Franken kamen, kamen sie nicht zuerst mit Schwertern, sondern mit Worten. Mit Priestern, die von einem einzigen Gott sprachen, und mit fränkischen Gesandten, die Tribute forderten. Manche unserer Häuptlinge beugten sich. Andere, wie unser Anführer Poppo, nicht. Ich war jung damals, stark in den Armen, schnell mit dem Sax in der Hand, und ich folgte ihm ohne Zögern.

    Karl Martell war kein König, sagten sie, aber er herrschte wie einer. Ein Hammer, nannten ihn die Franken, und das passte. Wo er zuschlug, blieb nichts heil. Er wollte uns unterwerfen, unsere Küste sichern, unseren Glauben brechen. Für ihn waren wir ein Randvolk, ein Hindernis. Für uns war er der Mann, der uns die Freiheit nehmen wollte.

    Die Schlacht, an die ich mich am deutlichsten erinnere, fand nahe der Boorne statt. Nebel lag über dem Land, feucht und kalt, als hätten die Götter selbst den Atem angehalten. Wir standen knöcheltief im Gras, Schilde an Schild, und warteten. Ich hörte mein eigenes Herz schlagen, lauter als das Klirren der Waffen. Neben mir murmelte jemand ein Gebet zu Donar.

    Dann kamen sie. Die Franken in ihren geordneten Reihen, schwere Schilde, lange Speere. Keine wilden Krieger wie wir, sondern eine Wand aus Eisen und Disziplin. Und hinter ihnen, so schien es mir, der Wille eines einzigen Mannes.

    Als es begann, gab es keinen Raum mehr für Angst. Nur noch Bewegung, Schreie, Blut. Mein Sax traf Fleisch, mein Schild fing einen Hieb ab, der mir sonst den Arm gespalten hätte. Ich sah Männer fallen, Friesen und Franken gleichermaßen. Der Boden wurde glitschig, und der Nebel färbte sich rot.

    Irgendwann brach unsere Linie. Die Franken drängten nach, unerbittlich. Ich sah Poppo, wie er kämpfte, umringt von Feinden, bis er fiel. In diesem Moment wusste ich, dass wir verloren hatten. Nicht nur die Schlacht, sondern etwas Größeres.

    Ich entkam, verletzt, gedemütigt. Viele taten das nicht. Nach dem Sieg kamen die Priester zurück, begleitet von fränkischen Kriegern. Taufen wurden erzwungen, Heiligtümer zerstört. Unsere Götter verschwanden nicht sofort, aber sie wurden leiser. Man erzählte sich, Karl Martell habe gesagt, ein unterworfenes Friesland sei besser als ein verbranntes. Großzügigkeit nannte man das.

    Heute bin ich alt. Meine Hände zittern, wenn ich ein Messer halte, und das Meer klingt anders als früher. Meine Enkel tragen christliche Namen und machen das Kreuzzeichen, bevor sie essen. Manchmal fragen sie mich nach den alten Zeiten, nach den Schlachten, nach Karl Martell. Dann erzähle ich ihnen nicht von Hass, sondern von dem Gefühl, frei zu sein, auch wenn es nur für einen Moment war.

    Karl Martell hat uns besiegt, ja. Aber er hat nicht alles genommen. Solange jemand sich erinnert, solange das Meer unsere Geschichten trägt, leben wir weiter. Ich bin ein Friese. Und das kann mir kein Hammer der Welt nehmen.

    Quellen

    • https://de.wikipedia.org/wiki/Friesen
    • https://www.nordfriiskfutuur.eu/nordfrieslandlexikon/friesen/
    • https://www.wikingar.de/Friesen-Geschichte-Kultur-und-Bedeutung-des-germanischen-Stammes
    • https://www.museum-aurich.de/museum/der-upstalsboom-die-friesische-freiheit.html
    • https://www.sueddeutsche.de/bayern/bad-fuessing-siedlungen-inn-bajuwaren-geschichte-archaeologie-li.3337079
    • https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/graeberfeld-beleuchtet-anfaenge-der-bajuwaren/
    • https://www.thueringer-allgemeine.de/lokales/nordhausen/article410517062/spuren-alter-welten-archaeologen-entdecken-im-kreis-nordhausen-die-geschichte.html
    • https://www.compact-online.de/germanen-die-5-spektakulaersten-funde/
  • Meine Motivation, sich als Deutscher mit germanischer Mythologie und Geschichte zu befassen

    Meine Motivation, sich als Deutscher mit germanischer Mythologie und Geschichte zu befassen

    Es kann viele unterschiedlich positive und rationale Gründe geben, warum sich jemand in Deutschland mit germanischer Mythologie und Geschichte beschäftigt. Hier sind meine – klar voneinander getrennt und ohne ideologische Vereinnahmung:

    1. Kulturelle und historische Bildung

    Wo ich herkomme und soziologisch geprägt wurde, war im Gegensatz zum allgemeinen Vorurteil, was Literatur betrifft, nicht besonders viel verboten- und betreffend germanischer Geschichte übertrieb man es jedenfalls nicht quantitativ im Lehrplan der POS/EOS der DDR – man intensivierte Wissen in dem Bereich auch nicht und es war alles in Allem kein großes Thema. Ich weiss, dass seit Generationen in Deutschland keine Identitätsstiftung über germanische Mythen stattfanden. Meiner Meinung nach hängt das mit der Überhöhung bzw. Instrumentalisierung der germanischen Mythologie als identitätsstiftend innerhalb der deutschen Geschichte von, ich sag mal, 1871 bis 1945, zusammen. Mir fällt der in jeder Beziehung unerträgliche SS-Führer H. Himmler ein, auf dessen Betreiben eine pseudoreligiöse Struktur, durchmischt mit Germanenverehrung und Ahnenkult, entwickelt wurde, oder Rosenbergs Blut- und Bodenideologie.

    Eben darum machte man in der DDR genau das Gegenteil. Man schwieg. Bezeichnenderweise gab es aber doch diesbezüglich geduldete Literatur, geschrieben von einem heute noch sogar in Schweizer Schulen gelesenen durchaus DDR-kritischen Literaten, nämlich den von mir hochverehrten Franz Fühmann, der das Nibelungenlied und andere mythologische Stoffe umdichtete, das heißt von schwer verständlichem Text auf die moderne Sprache des 20. Jahrhunderts brachte. Er ist aber auch fast der Einzige mit Profil, der mir einfällt- Mythologie ja (Christa Wolf: Kassandra), aber deutsche/germanische Mythologie wurde nur selten und meist eher im literarischen Untergrund behandelt. Es war ein Nischendasein — mit sehr limitiertem Publikum und Verbreitung.

    Die germanische Mythologie ist aber ein Teil des europäischen kulturellen Erbes. Sie muss sich überhaupt nicht hinter griechischer und schon gar nicht römischer Mythologie verstecken. Sie zu kennen hilft: Unsere Wurzeln zu verstehen, historische Entwicklungen besser zu verstehen, Literatur, Kunstwerke und Musik einzuordnen, die Herkunft vieler Bräuche oder Namen zu erkennen.

    Viele moderne Geschichten – von Tolkien bis zu heutigen Fantasy-Hollywood-Welten – greifen germanische Motive auf. Da sie trotzdem ein Schattendasein führen, ich behaupte nahezu unbekannt sind, sollen diese Seiten dem ein wenig entgegenwirken. Wenn es mir gelingt, auch nur einen Leser für unsere Mythologie und frühe Geschichte zu interessieren, und ich lege das bewusst zusammen, betrachte ich dieses kleine Projekt als geglückt.

    2. Interesse an Mythologie ganz allgemein

    Mythen aus Griechenland, Rom, Ägypten oder Japan faszinieren viele Menschen – germanische Mythen stehen da nicht ansatzweise zurück. Sie bieten u.a.:

    -archetypische Figuren (Helden, Trickster, Schöpfergestalten), die unterschiedlich charakterisiert werden. Damit meine ich, dass bei denselben Figuren (Hagen, Dietrich, Gunter usw.) in den verschiedenen Sagen mit verschiedenem geografischem Ursprung die inneren Dramaturgien unterschiedlich sind. Das hängt mit der zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlicher Wirkung stattfindender Christianisierung zusammen, auf die ich in anderen Texten eingehen werde.

    Bild unten: Odin mit Speer auf dem achtbeinigen Sleipnir

    • dramatische Erzählungen (Ragnarök, Weltentstehungsmythen)
    • philosophische Motive (Schicksal, Ehre, Opferbereitschaft-auch hier: je nachdem, wo und wann entstanden, spielt entweder der alte germanische Charakter eine Rolle oder der durch christliche Domestizierung verformte). Das Interesse kann rein erzählerisch oder vergleichend sein. Vergleichend: Es ist schon interessant, wie unterschiedlich die gleichen Geschichten aus dem Süden Germaniens im skandinavischen Norden erzählt werden.

    3. Linguistisches Interesse

    Viele germanische Mythen wurden in altisländischen oder altgermanischen Quellen überliefert. Dies kann für Menschen spannend sein, die Sprachen lieben, Etymologien verstehen wollen oder historische Sprachentwicklungen verfolgen. Beispiel: Vier der Sieben Wochentagsnamen im Deutschen und Englischen stammen direkt von denen germanischer Götter.

    4. Interesse an Archäologie und europäischer Frühgeschichte

    Die germanische Geschichte ist wichtig, um die Entwicklung Europas nach der Antike zu verstehen, Migrationen, Handelswege und Alltagskultur zu erforschen und frühe soziale Strukturen und Rechtssysteme kennenzulernen. Das ist ein seriöses wissenschaftliches Feld.

    5. Identitätsbildung im offenen, nicht exklusiven Sinn

    Manche Menschen möchten ihre Wurzeln oder die regionale Vergangenheit besser verstehen, manche mit, manche ohne daraus politische oder ethnische Schlussfolgerungen zu ziehen. Mich hat es immer schon fasziniert, wieso das Nibelungenlied das deutsche Nationalepos-jedenfalls bis vor kurzem-war. Nur weil es von den Nationalsozialisten für ihre Ideologie vereinnahmt wurde, ist es das nicht mehr.

    Das kann bedeuten, die Neugier auf die Geschichte der eigenen Region zu wecken und den Wunsch, kulturelle Entwicklungen zu verstehen. Die eigenen alte Geschichte und seine Legenden können  bei der persönliche Orientierung wegweisend sein.

    6. Kunst, Musik und Kreativität

    Germanische Mythologie inspiriert Metal-, Folk- oder Klassikmusik, Rockbands wie Led Zeppelin, bildende Kunst, Rollenspiele, Filme, Games, Lyrik und Literatur. Die Motive sind ästhetisch stark und vielfältig.

    Bild unten: Im Lied heisst es; ..the hammer of the gods … Valhalla, I am coming…

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    7. Spirituelles oder naturverbundenes Interesse

    Einige Menschen beschäftigen sich aus spirituellem oder naturbezogenem Interesse mit den Mythen. Das muss nicht dogmatisch sein – es kann schlicht bedeuten, sich Inspiration aus alten Naturbildern zu holen, symbolisches Denken zu fördern und ein persönliches Ritualverständnis zu erklären. Kurz gesagt: Die germanische Mythologie und Geschichte zu studieren kann rein kulturell, wissenschaftlich, sprachlich, kreativ oder spirituell motiviert sein – ohne irgendeine politische Absicht. Es ist ein legitimer Bestandteil historischer und kultureller Bildung.

  • Archäologie und Funde der Haruden

    Die Haruden – Ein germanischer Stamm zwischen antiken Schriftquellen und archäologischer Forschung
    1. Einleitung

    Die Geschichte der germanischen Stämme ist bis heute nur fragmentarisch überliefert. Da sie selbst keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, sind Historiker und Archäologen auf die Berichte antiker Autoren sowie auf archäologische Funde angewiesen. Einer dieser nur selten erwähnten Stämme sind die Haruden, auch Haruder genannt. Trotz ihrer spärlichen Nennung in den Quellen lassen sich anhand literarischer Überlieferung und archäologischer Vergleichsfunde Rückschlüsse auf ihre Herkunft, ihre Lebensweise und ihre Einbindung in die germanische Welt ziehen. Ziel dieser Arbeit ist es, den Stamm der Haruden vorzustellen und ihn in den historischen und kulturellen Kontext der germanischen Frühgeschichte einzuordnen.

    2. Die Haruden in den antiken Schriftquellen
    2.1 Erste Erwähnungen bei Caesar

    Die früheste bekannte Erwähnung der Haruden findet sich im Werk „De bello Gallico“ des römischen Feldherrn Gaius Iulius Caesar. Er nennt die Haruden als Teil einer Koalition germanischer Stämme unter der Führung des Suebenkönigs Ariovist.

    Bild: Ariovist, Johann Nepomuk Geiger (1805–1880)

    Diese Stammesgruppe drang im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts v. Chr. in das Gebiet Galliens ein, um dort neues Siedlungsland zu gewinnen. Caesar berichtet, dass diese germanischen Gruppen im Jahr 51 v. Chr. von römischen Truppen besiegt wurden. Genauere Angaben zur ursprünglichen Siedlungsregion der Haruden macht er jedoch nicht, was ihre frühe geografische Einordnung erschwert.

    2.2 Lokalisierung bei Ptolemäus und spätere Nennungen

    Einen wichtigen Hinweis auf die spätere Verortung des Stammes liefert der antike Geograph Claudius Ptolemäus. In seiner „Geographike Hyphegesis“ erwähnt er die sogenannten Charuder im nördlichen Teil Jütlands. Die Namensähnlichkeit lässt darauf schließen, dass es sich um denselben Stamm oder zumindest um eine eng verwandte Gruppe handelt. Die Region Hardsyssel im heutigen Dänemark könnte ihren Namen von diesem Stamm erhalten haben.

    Im 6. Jahrhundert erwähnt der Historiker Jordanes die Arothi, die möglicherweise mit den Haruden in Verbindung stehen. Ob es sich dabei um direkte Nachfahren oder lediglich um eine Namensvariante handelt, ist in der Forschung umstritten. Ebenso wird diskutiert, ob sich der Stammesname in späteren geografischen Bezeichnungen wie dem norwegischen Hordaland erhalten hat.

    3. Archäologische Befunde und ihre Aussagekraft
    3.1 Siedlungswesen und Hausbau

    Da kein eindeutig den Haruden zuzuordnender Fundplatz bekannt ist, erfolgt ihre archäologische Einordnung über Vergleichsfunde aus dem nordgermanischen Raum. Germanische Siedlungen bestanden überwiegend aus langgestreckten Wohnstallhäusern, in denen Menschen und Tiere gemeinsam lebten. Diese Bauform ist vor allem in Jütland gut belegt und weist auf eine agrarisch geprägte Lebensweise hin. Die standardisierten Grundrisse lassen auf feste soziale Strukturen und überlieferte Baukonzepte schließen.

    3.2 Bestattungssitten

    Auch das Bestattungswesen bietet wichtige Einblicke in die Gesellschaftsstruktur der Germanen. Es existierten verschiedene Bestattungsformen, darunter Brand- und Körperbestattungen. Grabbeigaben wie Waffen, Schmuck oder Alltagsgegenstände geben Hinweise auf sozialen Status, Geschlechterrollen und kulturelle Kontakte. Veränderungen in den Bestattungsritualen lassen sich zudem als Ausdruck kulturellen Wandels deuten, insbesondere im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter.

    3.3 Krieg, Schlachtfelder und Mooropfer

    Von besonderer Bedeutung sind archäologische Schlachtfeldfunde, etwa am Harzhorn oder bei Northeim. Dort gefundene Waffen und Ausrüstungsgegenstände erlauben detaillierte Rückschlüsse auf militärische Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen. Ergänzt wird dieses Bild durch Mooropferplätze wie Illerup Ådal in Dänemark, wo große Mengen zerstörter Waffen rituell niedergelegt wurden. Diese Funde zeigen, dass Krieg nicht nur eine politische, sondern auch eine religiöse Dimension besaß.

    4. Gesellschaft, Kultur und Lebensweise

    Die germanischen Stämme waren keine fest organisierten Staaten, sondern lose Verbände mit temporären Anführern. Macht basierte auf persönlichem Ansehen, militärischem Erfolg und der Unterstützung durch Gefolgschaften. Kleidung und Schmuck zeugen von handwerklichem Können und einem ausgeprägten ästhetischen Empfinden. Religiöse Vorstellungen waren vielfältig und schlossen sowohl einheimische Gottheiten als auch Einflüsse aus der römischen Welt ein. Wirtschaftlich dominierten Viehzucht und kleinräumiger Ackerbau, ergänzt durch Jagd und Sammelwirtschaft. Archäologische und genetische Befunde belegen zudem eine hohe Mobilität und Durchmischung der Bevölkerung.

    5. Probleme und Grenzen der Forschung

    Die Erforschung der Haruden ist durch die geringe Quellenlage stark eingeschränkt. Antike Berichte sind oft fragmentarisch und aus römischer Perspektive verfasst, während archäologische Funde nur selten eindeutig einem bestimmten Stamm zugeordnet werden können. Dennoch ermöglicht die Kombination verschiedener Forschungsansätze eine Annäherung an die Lebenswirklichkeit dieser frühen Gemeinschaften.

    6. Fazit

    Die Haruden sind ein Beispiel für die vielen germanischen Stämme, deren Geschichte nur in Umrissen rekonstruierbar ist. Trotz der lückenhaften Überlieferung lassen sich durch die Auswertung antiker Texte und archäologischer Vergleichsfunde grundlegende Aussagen über ihre Herkunft, ihre Lebensweise und ihre Einbindung in die germanische Welt treffen. Die Haruden erscheinen dabei nicht als isolierte Randgruppe, sondern als Teil einer dynamischen, kulturell vielfältigen und mobilen Gesellschaft, die wesentlich zur frühgeschichtlichen Entwicklung Europas beitrug.

    Quellen

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  • Die Skiren – ein fast vergessenes Volk der Völkerwanderungszeit

    Wer waren die Skiren?

    Die Skiren zählen zu den am wenigsten bekannten Gruppen der germanischen Geschichte und stehen exemplarisch für jene Völker, die zwar zeitweise politisch bedeutsam waren, aber keine dauerhafte historische Spur hinterließen. Wie viele andere germanische Gruppen sind sie ausschließlich aus antiken Fremdquellen bekannt, vor allem aus römischen und spätantiken Texten. Eigene schriftliche Zeugnisse der Skiren existieren nicht, was ihre Geschichte fragmentarisch, widersprüchlich und schwer rekonstruierbar macht.

    Bereits ihre ethnische Einordnung ist in der Forschung umstritten. Antike Autoren zählen die Skiren meist zu den Germanen, doch ihre geografische Lage im osteuropäischen Grenzraum führte zu intensiven Kontakten mit sarmatischen, gotischen und später hunnischen Gruppen. Moderne Historiker gehen daher weniger von einer „reinen“ ethnischen Identität aus, sondern von einer politisch und kulturell offenen Gemeinschaft, deren Zusammensetzung sich im Laufe der Zeit veränderte. Der Name „Skiren“ dürfte eher eine politische oder militärische Bezeichnung gewesen sein als ein fest umrissener Volksbegriff.

    Erstmals werden die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. bei Tacitus erwähnt, der sie östlich der Elbe in Nachbarschaft anderer germanischer Stämme verortet. Archäologische Funde lassen vermuten, dass sie früh in überregionale Handels- und Austauschsysteme eingebunden waren. Im Zuge der Völkerwanderung verlagerte sich ihr Siedlungs- und Machtbereich zunehmend in den pannonisch-donauländischen Raum. Diese Region war ein geopolitischer Brennpunkt zwischen dem Römischen Reich, germanischen Föderaten und später dem Hunnenreich.

    Im 4. und 5. Jahrhundert gerieten die Skiren unter die Vorherrschaft der Hunnen. Anders als manche andere unterworfene Gruppen scheinen sie dabei eine gewisse Eigenständigkeit bewahrt zu haben. Skirische Krieger und Adlige traten sowohl in hunnische als auch in römische Dienste, was ihre strategische Bedeutung unterstreicht. Diese Doppelrolle als Verbündete und Söldner machte sie jedoch politisch abhängig und verwundbar.

    Bild: Odoaker, Münze, Ravenna 477

    Die bekannteste Persönlichkeit skirischer Herkunft ist Odoaker, Sohn des skirischen Heerführers Edeko. Odoakers Aufstieg verdeutlicht die sozialen Aufstiegsmöglichkeiten germanischer Eliten innerhalb der spätantiken Militärstrukturen. Als er 476 n. Chr. den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus absetzte, handelte er nicht als Vertreter der Skiren, sondern als Führer eines multiethnischen Heeres. Dennoch zeigt seine Karriere, dass skirische Netzwerke erheblichen Einfluss auf die politischen Umbrüche der Zeit hatten.

    Nach dem Tod Attilas und dem Zerfall des Hunnenreiches versuchten die Skiren, ein eigenes politisches Gebilde im Donauraum zu etablieren. Dieser Versuch scheiterte jedoch rasch. In Konflikten mit den Ostgoten wurden sie militärisch geschlagen, ihr König getötet und ihre politische Struktur zerstört. Anders als bei den Franken oder Langobarden kam es nicht zur Gründung eines dauerhaften Reiches. Die Skiren verschwinden danach als eigenständige Einheit aus den Quellen.

    Religiös folgten die Skiren zunächst heidnischen Traditionen, später übernahmen zumindest Teile von ihnen den arianischen Glauben. Auch dies trug zu ihrer Randstellung bei, da sich im spätantiken Europa zunehmend das katholische Christentum durchsetzte. Ohne feste territoriale Basis, ohne stabile dynastische Führung und ohne religiöse Integration hatten die Skiren kaum Chancen, langfristig als politischer Akteur zu bestehen.

    Bild: Ostgermanische Familie im 5. Jh.

    In der modernen Forschung gelten die Skiren als typisches Beispiel für die Auflösung ethnischer Identitäten in der Spätantike. Ihr Verschwinden bedeutet nicht zwangsläufig einen physischen Untergang, sondern vielmehr die Integration in andere Gruppen und Gesellschaften. Als Außenseiter der germanischen Geschichte machen die Skiren deutlich, dass historische Bedeutung nicht zwangsläufig mit Dauerhaftigkeit verbunden ist und dass viele Völker nur kurzzeitig sichtbar werden, bevor sie im Strom der Geschichte aufgehen.

    Antike Quellenperspektiven: Tacitus, Jordanes und Prokopios

    Unser Wissen über die Skiren beruht fast ausschließlich auf vereinzelten Erwähnungen bei antiken Autoren, deren Perspektiven stark von römischen und spätantiken Deutungsmustern geprägt sind. Bereits Tacitus nennt die Skiren im 1. Jahrhundert n. Chr. in seiner Germania. Dort erscheinen sie im östlichen Vorfeld der römisch bekannten germanischen Welt, gemeinsam mit Stämmen wie den Bastarnen und Peukinen. Tacitus ordnet sie den Germanen zu, betont jedoch ihre Randlage und grenzt sie von den „klassischen“ Germanen West- und Norddeutschlands ab. Schon hier zeigt sich, dass die Skiren aus römischer Sicht eher als Grenz- und Übergangsgruppe wahrgenommen wurden.

    Für die Spätantike ist vor allem Jordanes von Bedeutung, dessen Getica im 6. Jahrhundert entstand. Jordanes erwähnt die Skiren im Zusammenhang mit den Machtverschiebungen nach dem Zerfall des Hunnenreiches. Er schildert sie als eigenständige Gruppe im Donauraum, die zeitweise versuchte, politisch unabhängig zu agieren, dabei jedoch rasch in Konflikt mit den Ostgoten geriet. In Jordanes’ Darstellung werden die Skiren nicht heroisiert, sondern erscheinen als relativ schwacher Akteur zwischen mächtigeren Völkern. Dies unterstreicht ihre Rolle als politischer Außenseiter innerhalb der spätantiken Welt.

    Besonders wertvoll sind die Berichte des byzantinischen Historikers Prokopios, der im 6. Jahrhundert schrieb. Prokopios erwähnt die Skiren vor allem im Kontext der hunnischen und nachhunnischen Machtverhältnisse sowie im Umfeld Odoakers. Seine Schilderungen machen deutlich, dass die Skiren weniger als geschlossenes „Volk“ auftraten, sondern eher als militärische und aristokratische Netzwerke, die sich flexibel in größere Machtstrukturen einfügten. Gleichzeitig betont Prokopios ihre letztliche Bedeutungslosigkeit nach den militärischen Niederlagen gegen die Ostgoten – ein Schweigen, das selbst bereits eine Aussage über ihr Verschwinden aus der politischen Geschichte darstellt.

    Zusammengenommen zeigen Tacitus, Jordanes und Prokopios, wie sich das Bild der Skiren über Jahrhunderte hinweg verändert: von einer Randgruppe am östlichen Horizont der Germania über einen kurzzeitigen Akteur der Völkerwanderungszeit bis hin zu einer beinahe vergessenen Größe der spätantiken Welt. Die Skiren sind damit ein Beispiel dafür, wie sehr historische Wahrnehmung von Perspektive, politischer Relevanz und Überlieferung abhängt.

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    Quellen

  • Alltag der Lugier

    Allgemeines zu den Lugiern

    Die Lugier waren ein germanischer Volksstamm, der in der Antike im Gebiet Mittel- und Osteuropas lebte, im 1. Jh. u.Z. im heute schlesischen Raum. Der antike griechische Geschichtsschreiber und Geograph Strabon bezeichnet die Lugier in seinem Werk „Geographika“ als ein großes Volk, das mehrere Stämme umfasste. Er erwähnt auch, dass wirtschaftlich bedeutend der Bernsteinhandel war, „der auch Begehrlichkeiten weckte.“

    Tacitus nennt in seinem ethnographischen Werk „Germania“ fünf Teilvölker der „Lugischen Gruppe“: Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und die Nahanarvaler, auf deren Gebiet die lugische Kultgemeinschaft einen heiligen Hain unterhielt. Als nördliche Nachbarn erwähnt Tacitus noch die Gotonen. Claudius Ptolemäus nennt in seinen geographischen Anleitungen nur drei Untergruppen der Lugier: die Iomannoi (deutsch: Omanen), die Idounoi und die Bouroi (deutsch Buren). Cassius Dio erwähnt die Lugier nur an einer Stelle.  Seit dem 3. Jahrhundert verschwindet der Begriff aus den antiken Quellen, stattdessen werden bereits früher und etwa am gleichen Ort die vandil(i)i bzw. vandali genannt und das sind tatsächlich die berühmten Vandalen, die gesichert nicht aus Skandinavien, sondern aus der Gegend der Lugier Richtung Spanien und Afrika wanderten. Man weiss bis heute nicht, ob die Lugier zu den Vandalen gehörten oder umgekehrt.

    Konkrete und umfassende Quellen über den Alltag der Lugier sind aufgrund der frühen historischen Periode und der spärlichen schriftlichen Belege begrenzt. Dennoch lassen sich aus archäologischen Funden und Vergleichen mit anderen germanischen Stämmen einige grundlegende Aspekte ihres Alltags rekonstruieren.

    Bild: Gebiet der fünf Lugierstämme vor der Völkerwanderung

    Wohnen und Dorfstruktur

    Die Lugier lebten vermutlich in kleinen Dörfern mit hölzernen Langhäusern, die als Wohn- und Arbeitsstätten dienten. Diese Häuser boten Raum für die gesamte Familie sowie für Haustiere. Die Bauweise war rudimentär, basierend auf lokal verfügbaren Materialien wie Holz und Lehm. Die Dörfer lagen meist in der Nähe von fruchtbarem Ackerland und Wasserquellen.

    Familie und Soziales

    Die Familie bildete die zentrale soziale Einheit. In der Regel lebten Großfamilien zusammen, die gemeinsam arbeiteten und wirtschafteten. Es gab eine hierarchische Struktur innerhalb der Gemeinschaft, wobei Stammesführer oder Älteste über soziale und rechtliche Angelegenheiten entschieden. Es gibt keine genauen Aufzeichnungen über die Rolle der Frau oder der Kinder, doch lässt das allgemeine Wissen über germanische Gesellschaften auf eine starke Einbindung aller Familienmitglieder in den Alltag schließen.

    Ernährung

    Die Ernährung der Lugier basierte auf Ackerbau, Viehzucht und Jagd. Vorherrschende Nahrungspflanzen waren Getreidearten wie Gerste und Roggen, ergänzt durch Gemüse. Fleisch stammte von Rindern, Schweinen und Schafen sowie Wildtieren. Fischfang konnte in Flussnähe ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Die Ernährung war saisonal abhängig und durch die Jahreszeiten bestimmt.

    Kleidung

    Zur Kleidung der Lugier gibt es keine direkten Quellen, jedoch lässt sich ein Bild aus Funden anderer germanischer Stämme gewinnen. Die Bekleidung bestand vermutlich aus Wolle und Leinen, verarbeitet zu einfachen Tuniken, Umhängen und Hosen. Kleidung wurde teilweise handgefertigt und konnte mit einfachen Mustern oder Verzierungen versehen sein. Schuhe und Gürtel gehörten zur üblichen Ausstattung.

    Jahreslauf und Feste

    Der Jahreslauf war stark durch die Landwirtschaft geprägt, wobei Aussaat und Ernte die wichtigsten Zeitspunkte markierten. Es ist anzunehmen, dass die Lugier – wie viele germanische Völker – verschiedene Rituale und Feste abhielten, die mit Naturzyklen und religiösen Vorstellungen verbunden waren. Konkrete Informationen zu Lugier-spezifischen Festen fehlen jedoch in den Quellen.

    Zusammenfassung

    • Die Lugier lebten in einfachen Holzhäusern innerhalb kleinräumiger Dorfstrukturen.
    • Die Familie war die wesentliche soziale Einheit mit wahrscheinlich patriarchalischer Hierarchie.
    • Ernährung beruhte auf Ackerbau, Viehzucht, Jagd und Fischfang, abhängig von der Jahreszeit.
    • Kleidung bestand vorwiegend aus Wolle und Leinen, handgefertigt und funktional.
    • Der Jahreslauf orientierte sich an landwirtschaftlichen Zyklen; über genaue Feste und religiöse Bräuche gibt es wenig gesicherte Informationen.

    Da die Quellenlage zu den Lugiern im Alltag sehr dünn ist, basieren diese Informationen vor allem auf allgemeinen Erkenntnissen zur germanischen Kultur und Archäologie der betreffenden Zeit.

    Quellen