Germanische Götter und Göttinnen – Eine Charakteristik und im zweiten Teil: Ragnarök und ChristusWie die Germanen mit der Götterdämmerung umgingen

Warum germanische Mythologie so unheroisch menschlich ist

Wer an Götter denkt, denkt oft an Vollkommenheit: An allwissende, allmächtige Wesen, moralische Instanzen über dem Menschen. Die germanische Mythologie jedoch sprengt dieses Bild radikal. Ihre Götter sind fehlbar, widersprüchlich, manchmal feige, oft grausam, gelegentlich lächerlich – und selbst der Grösste am Ende sterblich. Sie lügen, sie betrügen einander, sie machen Fehler mit katastrophalen Folgen, und sie scheitern. Nicht trotz, sondern wegen ihrer Göttlichkeit. Gerade darin liegt ihre Faszination. Die nordisch-germanische Götterwelt ist keine Erzählung vom Sieg des Guten über das Böse, sondern eine tragische Geschichte vom Leben in einer Welt, die unausweichlich dem Untergang entgegengeht. Die Götter wissen das – und handeln trotzdem. Oder vielleicht gerade deshalb.

  1. Keine allmächtigen Götter – sondern begrenzte Mächte

Ein zentraler Unterschied zu monotheistischen Religionen liegt in der Begrenztheit der germanischen Götter. Odin, Thor, Freyja und selbst Loki sind weder allwissend noch allmächtig. Sie sind an Naturgesetze, an das Schicksal und an ihre eigenen Charakterfehler gebunden.

Odin, der oberste Gott, opfert ein Auge für Weisheit – doch selbst danach weiß er nicht alles. Er sucht rastlos nach Wissen, befragt Tote, täuscht Riesen, manipuliert Menschen. Ein allwissender Gott müsste das nicht tun. Odin tut es, weil er es muss.

Diese Begrenztheit macht die Götter nicht schwach, sondern tragisch. Sie kämpfen nicht, um zu gewinnen, sondern um würdig zu scheitern.

  1. Odin – der weise Gott als Lügner und Manipulator

Ein Gott, zwei Namen, Odin im Norden, Wotan im Süden – aber beide Namen bedeuten wütend, erregt, inspiriert – ist kein moralisches Vorbild. Er ist ein Intrigant, ein Täuscher, ein Gott der Masken. In vielen Mythen lügt er, bricht Versprechen oder nutzt Menschen als Schachfiguren.

Er stiftet Kriege, um mehr gefallene Krieger für Valhalla zu sammeln. Er segnet Helden – nur um sie später fallen zu lassen, wenn es seinem größeren Plan dient. Loyalität kennt Odin kaum; Wissen und Macht stehen über allem.

Besonders bezeichnend ist, dass Odin nicht der Gott des Sieges, sondern des Krieges selbst ist. Er liebt den Konflikt, nicht dessen moralische Rechtfertigung. In einer Welt, in der der Untergang feststeht, ist Moral kein absoluter Wert – sondern ein Luxus.

Odin ist weise, aber nicht gut. Und genau das macht ihn glaubwürdig. Er stirbt während der Götterdämmerung, wird vom schrecklichen Fenriswolf getötet, aber vom Sohn gerächt.

Bild unten: Loki trickst den blinden Gott Höd aus, damit er Balder tötet.

  1. Loki – Verräter oder Spiegel der Götter?

Loki gilt oft als der „Bösewicht“ der nordischen Mythologie. Doch diese Einordnung ist zu einfach. Loki lügt, betrügt und verursacht Leid – ja. Aber fast immer geschieht dies im Inneren der göttlichen Gemeinschaft.

Loki ist kein äußerer Feind. Er ist Teil des Systems.

Viele Katastrophen entstehen nicht aus seinem reinen Willen zur Zerstörung, sondern aus einer Mischung aus Kränkung, Ausgrenzung und göttlicher Doppelmoral. Die Götter nutzen Loki, wenn sie ihn brauchen – etwa um Probleme zu lösen, die sie selbst verursacht haben – und verstoßen ihn, sobald er unbequem wird.

Der Tod Balders, der als Wendepunkt hin zu Ragnarök gilt, ist kein Werk eines fremden Dämons. Er ist das Resultat von göttlicher Arroganz, Leichtsinn und Ausgrenzung. Loki zieht den Abzug – aber die Waffe haben die Götter selbst gebaut.

Bild unten: Þór (Thor) auf seinem Wagen, der von den Ziegen Tanngnjóstur und Tanngrisnir gezogen wird, mit dem Hammer Mjölnir in der Hand.

  1. Thor – der starke Gott mit begrenztem Verstand

Thor, der populärste Gott der Moderne, Hollywood sei Dank, ist in den Mythen weit entfernt vom edlen Superhelden. Er ist impulsiv, oft einfältig, leicht zu täuschen. Seine Stärke ist enorm – sein Weitblick begrenzt.

Mehrfach wird Thor von Riesen hereingelegt, verspottet oder bloßgestellt. Er muss sich als Braut verkleiden, verliert seinen Hammer, schlägt um sich, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Thor gewinnt Kämpfe – aber selten Einsicht.

Und dennoch ist Thor zutiefst menschlich. Er ist der Gott, der handelt, während Odin plant. Der Gott, der schützt, ohne alles zu verstehen. In einer unsicheren Welt ist das oft genug.

  1. Götter, die Fehler nicht rückgängig machen können

Ein entscheidendes Merkmal der germanischen Mythologie ist die Irreversibilität von Handlungen. Fehler lassen sich nicht einfach ungeschehen machen. Tote bleiben tot. Wissen hat seinen Preis. Entscheidungen wirken nach.

Der Tod Balders ist endgültig. Trotz göttlicher Macht gelingt es nicht, ihn zurückzuholen. Hel stellt Bedingungen – und ein einziges verweigerndes Wesen reicht aus, um die Rückkehr unmöglich zu machen.

Diese Logik ist brutal realistisch: Nicht alles kann repariert werden. Auch Götter müssen mit den Folgen leben.

  1. Ragnarök – das göttliche Scheitern als Teil der Ordnung

Der größte Skandal aus Sicht klassischer Theologie ist Ragnarök: der Untergang der Götter.

Die Götter wissen davon. Odin weiß, wer ihn töten wird. Thor weiß, dass er den Kampf gegen die Midgardschlange (Bild unten) nicht überleben wird. Und trotzdem kämpfen sie.

Nicht, um den Untergang zu verhindern – sondern um Haltung zu bewahren.

Das ist kein Mythos des Sieges, sondern einer der Würde. Die Götter sind groß, weil sie kämpfen, obwohl sie verlieren. Nicht trotz ihres Wissens, sondern wegen ihm. Das war der Charakter der alten Germanen, hundertfach überliefert. Die Charakter der Götter widerspiegeln die der Glaubenden, das ist bei Griechen und Römern gleich.

Die Germanen wussten das: Wenn der Tod bereits vorherbestimmt ist, muss man ihn nicht zu fürchten, denn er kommt, egal was man tut. Man kann den Tod nicht vermeiden, aber man kann ihm mutig entgegnen.

  1. Eine Mythologie ohne Erlösungsversprechen

Die germanische Mythologie kennt kein universelles Happy End. Es gibt keine endgültige Erlösung, keinen moralischen Endzustand. Selbst nach Ragnarök, dem Untergang aller neun Welten der nordischen Mythologie, bleibt die Welt fragil.

Diese Weltsicht passt zu einer Gesellschaft, die mit Kälte, Hunger, Krieg und Unsicherheit lebte. Hoffnung bestand nicht im Sieg über das Chaos, sondern im standhaften Umgang mit ihm.

Die Götter sind keine moralischen Richter. Sie sind Mitstreiter im selben kosmischen Kampf.

  1. Warum diese Götter uns näher sind als perfekte Götter

Gerade weil sie scheitern, sind die germanischen Götter zutiefst menschlich. Und wie oben erwähnt: Der Volkscharakter, der Charakter der germanischen Stämme, hiessen sie nun Langobarde, Markomanne oder Cherusker, ähnelte sich, ob Wikinger aus dem Norden, Chatte, Vandale, sie kennen Angst, Zorn, Eifersucht, Zweifel. Sie treffen falsche Entscheidungen. Sie zahlen dafür.

In einer modernen Welt, die zunehmend skeptisch gegenüber absoluten Wahrheiten ist, wirkt diese Mythologie überraschend aktuell. Sie verlangt keinen Glauben an Perfektion – sondern an Verantwortung im Angesicht des Unvermeidlichen.

Die germanischen Götter sagen nicht: „Du wirst gerettet.“
Sie sagen: „Handle trotzdem.“

Die Würde des Scheiterns

Die germanische Mythologie ist keine Religion der Hoffnung, sondern der Haltung. Ihre Götter sind groß, nicht weil sie siegen, sondern weil sie nicht fliehen.

Sie lügen. Sie betrügen. Sie scheitern.
Und genau darin liegt ihre Wahrheit.

  1. Ragnarök und Christus – warum der Untergang der Götter den Weg für das Christentum ebnete

Die Christianisierung der germanischen Welt wird häufig als rein politischer oder militärischer Prozess beschrieben: Zwangstaufen, Machtkalkül, Missionierung „von oben“. Doch diese Erklärung greift zu kurz. Sie unterschätzt einen entscheidenden Faktor: Die innere Anschlussfähigkeit des Christentums an das germanische Weltbild – insbesondere an die Vorstellung von Ragnarök.

Denn die germanische Mythologie enthielt bereits etwas, das für viele polytheistische Religionen undenkbar war: Das Ende der eigenen Götter, die Götterdämmerung.

Ragnarök ist kein fremdes Chaos, das die göttliche Ordnung bedroht. Es ist Teil dieser Ordnung. Die Götter selbst wissen, dass sie sterben werden. Ihre Welt ist von Anfang an zeitlich begrenzt. Ewigkeit ist kein göttliches Privileg.

Damit unterscheidet sich die nordische Mythologie fundamental von der griechisch-römischen. Zeus stirbt nicht, ja er „wiederbelebte“ ihm Nahestehende, wie Herakles oder Dionysos, seine Söhne. Jupiter, der römische Zeus, kennt keinen Weltuntergang; das ewige Rom muss leben. Die germanischen Götter hingegen sind sterblich – und genau darin liegt ein theologisches Vakuum.

Bild unten: Drei der gefürchtetsten Monster der Welt, die Schlange Jörmungandr, die Göttin Hel und der große Wolf Fenrir, wurden von Angrboda (links) und Loki, dem Gott der List, gezeugt.
Carl Emil Doepler/Walhall: Die Götterwelt der Germanen von Wilhelm Ranisch

  1. Eine Welt ohne endgültige Hoffnung

Ragnarök bietet keinen endgültigen Trost. Zwar entsteht nach dem Untergang eine neue Welt, doch sie ist still, leer, fragil. Einige Götter kehren zurück, einige Menschen überleben – aber es gibt kein Heilsversprechen, keine Garantie, dass der Zyklus nicht erneut in Zerstörung mündet.

Für eine Gesellschaft, die ohnehin in permanenter Unsicherheit lebte, bedeutete dies: Selbst die Götter können das Ende nicht verhindern.
Selbst göttliche Tapferkeit reicht nicht aus.

Das Christentum bot hier etwas radikal Neues: Einen Gott, der den Untergang nicht nur kennt, sondern überwindet. Nicht durch Kampf, sondern durch Opfer. Nicht durch Würde im Scheitern, sondern durch Sieg über den Tod.

Während Odin stirbt und verschlungen wird, stirbt Christus – und kehrt zurück. Während Ragnarök unausweichlich ist, wird die Apokalypse im Christentum zur Vorstufe einer endgültigen Erlösung.

  1. Vom würdevollen Scheitern zur erlösenden Hoffnung

Für germanische Hörer muss die christliche Botschaft zugleich fremd und vertraut geklungen haben. Fremd, weil Demut und Nächstenliebe dem Ehrenkodex widersprachen. Vertraut, weil Opfer, Tod und Leid zentrale religiöse Kategorien waren.

Doch entscheidend ist: Der christliche Gott scheitert nicht endgültig.

In einer Mythologie, in der selbst Odin verliert, ist ein Gott, der den Tod besiegt, kein logischer Widerspruch – sondern eine Antwort auf eine offene Frage: Was kommt nach dem Scheitern der Götter?

Man könnte daher argumentieren: Ragnarök bereitete geistig den Boden für das Christentum. Nicht, weil die Germanen ihre Götter aufgaben, sondern weil ihre eigene Mythologie bereits anerkannt hatte, dass diese Götter nicht ewig sind.

  1. Christianisierung als theologischer Ersatz, nicht nur als Zwang

Das Christentum ersetzte Ragnarök nicht – es überschrieb es. Die apokalyptische Struktur blieb: Weltuntergang, Gericht, Neuanfang. Doch erstmals war dieser Neuanfang nicht unsicher, sondern garantiert.

Für viele Menschen bedeutete das eine enorme Verschiebung, nämlich vom Heldentum im Angesicht des Untergangs hin zur Hoffnung auf Erlösung jenseits des Untergangs.

Das erklärt, warum sich christliche Motive relativ leicht mit nordischen Bildern vermischen ließen: Christus als siegreicher König, Himmel als Halle, Gott als Herrscher über Leben und Tod.

  1. Fazit: Ragnarök als theologische Sollbruchstelle

Die germanische Mythologie war stark – aber nicht abgeschlossen. Sie enthielt bereits ihre eigene Grenze. Ragnarök war diese Grenze.

Das Christentum trat nicht nur als neue Religion auf, sondern als Antwort auf das Scheitern der alten Götter. Nicht jeder akzeptierte diese Antwort sofort. Aber sie traf auf eine Welt, die wusste, dass selbst Götter sterben können.

Und vielleicht ist das der tiefste Grund für den Erfolg des Christentums im Norden:
Es versprach nicht mehr Mut – sondern mehr Zukunft.

  1. Die Göttinnen zwischen Untergang und Erlösung
    Warum gerade die weiblichen Gottheiten den Übergang zum Christentum vorbereiteten

Wenn Ragnarök als die große Sollbruchstelle der germanischen Mythologie verstanden wird, dann sind es nicht Odin oder Thor, an denen sich diese Bruchlinie am deutlichsten zeigt – sondern die weiblichen Gottheiten. Während die männlichen Götter kämpfen, herrschen oder sterben, verwalten die Göttinnen das, was über den Kampf hinausgeht: Schicksal, Tod, Fruchtbarkeit, Erinnerung und Erneuerung.

Gerade darin liegt ihre besondere Nähe zum christlichen Denken – und zugleich der Grund, warum sie im Zuge der Christianisierung entweder umgedeutet, marginalisiert oder ersetzt wurden.

Bild unten: Die Nornen Urd, Verdandi und Skuld, sie residieren am Fuße des Weltenbaums Yggdrasil, neben dem Brunnen Urdarbrunnr.

J.L. Lund (1777–1867)

  1. Die Nornen – Schicksal über den Göttern

Die vielleicht radikalste Vorstellung der germanischen Mythologie ist nicht Ragnarök selbst, sondern die Existenz der Nornen: Weibliche Schicksalswesen, verwandt mit den römischen Parzen und den griechischen Moiren, die selbst über den Göttern stehen. Urd, Verdandi und Skuld bestimmen das Maß von Zeit, Leben und Tod – auch für Odin.

Damit ist das Schicksal kein männlicher Herrschaftsakt, sondern eine weiblich konnotierte, unausweichliche Ordnung. Die Götter handeln innerhalb dieses Rahmens, können ihn aber nicht aufheben. Selbst Odins Opfer und List dienen letztlich nur dem Versuch, das Unvermeidliche zu verzögern.

Für das Christentum war diese Vorstellung problematisch. Ein allmächtiger Gott kann kein übergeordnetes Schicksal akzeptieren. Die Nornen verschwinden deshalb nahezu vollständig aus der christlichen Deutung – ersetzt durch göttliche Vorsehung. Doch funktional erfüllen sie eine ähnliche Rolle: Zeit, Ordnung und Endgericht.

Bild unten: Die Göttin Hel, die oft als halb lebendig, halb tot dargestellt wird, mit einer schönen, normalen Gesichtshälfte und einer blauschwarzen, verrotteten. Hel ist eine ambivalente Figur – mal freundlich, mal unerbittlich, kommt mir irgendwie bekannt vor… .

  1. Hel – Herrin des Todes ohne Erlösung

Hel ist keine Dämonin, sondern eine Verwalterin. Sie richtet nicht, sie quält nicht – sie bewahrt. Die Toten, die zu ihr kommen, sind nicht moralisch verurteilt, sondern schlicht gestorben.

Doch genau hier liegt das Problem: In Hels Reich gibt es keine Hoffnung auf Rückkehr. Der Tod Balders zeigt das brutal deutlich. Hel ist verhandlungsbereit, aber unerbittlich. Ein einziger Akt der Verweigerung genügt, um die Auferstehung zu verhindern.

Im Vergleich dazu erscheint der christliche Tod revolutionär: Der Tod ist nicht mehr Endstation, sondern Durchgang. Hel als neutrale Todesgöttin wird damit theologisch obsolet – ersetzt durch Himmel, Hölle und Auferstehung.

Nicht zufällig wird Hel in späteren christlichen Texten dämonisiert. Ihre ursprüngliche Rolle ist zu mächtig, zu ruhig, zu endgültig.

Bild unten: Freyja mit Miezekätzchen

  1. Freyja – Leid, Liebe und Verlust

Freyja ist keine Kriegergöttin im klassischen Sinne, obwohl sie Gefallene empfängt. Sie ist eine Göttin der Ambivalenz: Liebe, Sexualität, Magie, Tod, Verlust. Sie weint um ihren verschwundenen Gatten – nicht als Schwäche, sondern als Ausdruck kosmischer Trauer.

In Freyja ist Leid nicht zu überwinden, sondern zu durchleben. Sie verkörpert eine Welt, in der Schmerz Teil der Ordnung ist, nicht ihr moralisches Versagen.

Diese Vorstellung steht dem Christentum näher, als man zunächst denkt. Die trauernde Maria unter dem Kreuz übernimmt eine ähnliche Funktion: weibliches Leid als spirituelle Tiefe, nicht als Defizit.

Doch während Freyjas Leid keinen Ausweg bietet, führt Marias Leid zur Erlösung.

Bild unten: Frigg und Odin

  1. Frigg – Wissen ohne Macht

Frigg weiß um den Tod ihres Sohnes Balders – oder ahnt ihn zumindest – und kann ihn dennoch nicht verhindern. Ihre Ohnmacht ist keine individuelle Tragödie, sondern ein theologisches Statement: Wissen bedeutet nicht Kontrolle.

Frigg ist Mutter, Seherin, Königin – und dennoch dem Schicksal unterworfen. Ihre Rolle macht deutlich, dass selbst weibliche Weisheit und Fürsorge keine Garantie gegen Verlust sind.

Das Christentum verschiebt diese Dynamik. Die Mutter Gottes weiß ebenfalls um das Leid ihres Sohnes – doch dieses Leid erhält einen Sinn. Friggs Wissen bleibt tragisch. Marias Wissen wird heilsgeschichtlich.

  1. Die weibliche Dimension nach Ragnarök

Nach Ragnarök sind es nicht die großen männlichen Götter, die dominieren. Die Welt wird still, erneuert, fruchtbar. Überleben nicht die Krieger, sondern die Strukturen des Lebens: Erde, Zeit, Erinnerung.

Hier zeigt sich eine weibliche Logik des Neubeginns, die jedoch keine Erlösung garantiert. Die Welt beginnt neu – aber ohne Versprechen.

Das Christentum übernimmt genau diesen Punkt – und radikalisiert ihn: Der Neubeginn wird endgültig, die Wiederkehr des Chaos ausgeschlossen.

  1. Fazit: Die verdrängten Göttinnen

Die Christianisierung des germanischen Raums war nicht nur der Sieg eines Gottes über viele – sondern die Verdrängung weiblicher kosmischer Prinzipien. Schicksal wird zu Vorsehung. Tod wird Durchgang. Leid wird sinnvoll.

Die Göttinnen waren zu ehrlich. Sie boten keine Erlösung, sondern Wahrheit.

Vielleicht akzeptierten viele Menschen das Christentum nicht trotz dieser Göttinnen – sondern weil deren Weltbild bereits gezeigt hatte, dass selbst göttliche Weiblichkeit nicht retten kann.

Und vielleicht liegt darin der eigentliche Bruch:
Nicht zwischen Odin und Christus,
sondern zwischen Hel und der Auferstehung,
zwischen den Nornen und der göttlichen Gnade.