FRAU HOLLE ALS WOLKEN- UND FRAUENMYTHOS – Eine populärkulturelle und mythologische Analyse (nach Mannhardt und Forschungstradition)
Einleitung
Das Märchen Frau Holle der Brüder Grimm zählt zu den bekanntesten Volksmärchen im deutschsprachigen Raum. Auf den ersten Blick ist es eine einfache Erzählung über zwei Mädchen — die fleißige Goldmarie und die faule Pechmarie — deren Verhalten am Ende mit Gold bzw. Pech belohnt bzw. bestraft wird. Doch hinter dieser scheinbar klaren Moral steht eine tief verwurzelte Mythologie, die bis in vorchristliche Zeiten zurückreicht und in der weibliche, naturverbundene Gottheiten und Wetterphänomene zentral sind. Der Volkskundler Wilhelm Mannhardt zählt hier zu den bedeutendsten Pionieren der 19. Jahrhunderts, die versuchten, diese mythologische Schicht zu entschlüsseln.
Mannhardt, ein Exzentriker par excellance, interpretiert Frau Holle nicht nur als Märchenfigur, sondern als archaische Wolkengöttin, in deren Wesen sowohl Wetter- als auch Frauen- und Mutteraspekte verschmolzen sind. Diese Interpretation öffnet ein Fenster in das Denken früherer Kulturen, in denen Natur, Wetter und weibliche Jenseitsfiguren eng miteinander verknüpft waren.
- Frau Holle – mehr als ein Märchen
Die klassische Erzählung von den Gebrüdern Grimm (KHM 24) erzählt von einer Stieftochter, die erst eine Spindel in einen Brunnen fallen lässt und gleich darauf von der bösen Stiefmutter hinterdrein gestossen wird – von dort und in das Reich der geheimnisvollen Frau Holle gelangt. Da dient sie fleißig, wird am Ende mit Gold belohnt und kehrt in die Welt zurück, wo sie als gerechte und wohltätige Kraft wirkt. Die Handlung suggeriert eine grundlegende Moral: Fleiß wird belohnt, Faulheit bestraft. Doch bereits die frühen Volkskundler erkannten, dass hier weitaus mehr verborgen liegt als nur pädagogischer Zeigefinger. Das Goldtor ist die goldenen Sonne, vom Pechtor kommt der „Unrat bösen Hagelwetters.“
Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass Frau Holle nicht allein ein Produkt der Grimmschen Märchensammlung ist, sondern auf älteren Volkserzählungen beruht, in denen sie als Wetter- und Naturwesen auftritt. In alten Überlieferungen ist sie mit dem Winter, dem Schnee und den Witterungskräften verbunden, und in Bauernlegenden heißt es sogar, sie lasse es schneien, wenn sie ihre Betten ausschüttelt – ein Motiv, das sich bis heute in volkstümlichen Redensarten erhalten hat.

- Wilhelm Mannhardt und die Wolkengöttin
Wilhelm Mannhardt (1825–1882) gehört zu den bedeutendsten deutschen Volkskundlern des 19. Jahrhunderts. Er untersuchte Volksglauben, Sagen und Bräuche unter einem historisch-vergleichenden Aspekt, wobei sein besonderes Interesse der frühesten Schicht der Mythologie galt. In seiner Interpretation von Frau Holle sieht er keine bloße Märchenfigur, sondern eine mythische Wolkengöttin, deren Tätigkeiten und Eigenschaften das Wetter und den Jahreslauf personifizieren. Mannhardt identifiziert mehrere Elemente, die diese Deutung stützen:
a) Wetter und Wolken als symbolischer Raum
Mannhardt geht davon aus, dass Frau Holle ursprünglich mit der Wolke und den Wetterphänomenen verknüpft war. Schon die Vorstellung, dass sie durch das Ausschütteln ihrer Betten Schnee hervorbringt, weist auf eine Verbindung zwischen ihrem Handeln und den atmosphärischen Vorgängen hin. Für ihn ist die Wolke der eigentliche „Wohnsitz“ dieser Gottheit: Ein Ort, an dem Regen, Schnee und Wind ihren Ursprung nehmen und von wo aus sie das Wetter regelt.
b) Frau Holle als Herrin des Wetters
Frau Holle kontrolliert in vielen Volkserzählungen das Wetter. Wenn sie in Bewegung gerät, sei es durch das Schütteln von Bettdecken oder durch das Rufen, so erzeugt sie Stürme oder Schneefall. Diese Deutungen lassen sich zurückführen auf vorchristliche Wettergötter, bei denen die weiblichen Aspekte stark hervortreten.
c) Der Berg, der Brunnen, das Wasser
Mannhardt und andere Forscher verweisen darauf, dass Frau Holle in vielen alten Sagen mit Orten wie Bergen, Brunnen und Gewässern verbunden ist – symbolträchtige Orte, die in zahlreichen Mythologien als Übergänge zwischen Welten gelten. Besonders der Brunnen fungiert hier als Schwelle zwischen Alltagswelt und mythologisch-magischem Bereich. Beim Eintritt in diesen Ort beginnt die eigentliche Prüfung der Heldin – ein typisches Motiv in Initiations- und Mythenzyklen.
Bild unten: Mannhardt, Seite 276: „Man hat sie (Frau Holle) im Harz gesehen, wie sie einen goldenen Eimer ohne Boden einen
steilen Berg hinauftrug, aus dem unablässig das Wasser herabströmte, ein altes Bild des Regens, das auch in der griechischen Mythologie im bodenlosen Wasserkruge der Danaiden sich wiederholt.“

- Frauenfiguren im Mythos und Volksglauben
Frau Holle ist nicht die einzige weibliche Sagengestalt, die mit Wetter und Natur verbunden ist. Im gesamten kontinentalgermanischen Raum finden sich ähnliche Figuren: Perchta in Süddeutschland und den Alpen, die Moras in Skandinavien oder die Roggenmuhme in ländlichen Erzählungen. Alle weisen Gemeinsamkeiten auf: Sie treten als weibliche Naturwesen auf, sind häufig mit Fruchtbarkeit, Wetter und Feldfrüchten verknüpft – und oft auch ambivalent in ihrem Wesen.
Während Frau Holle in der Grimmschen Fassung eher wohlwollend wirkt, zeigen andere Überlieferungen Gestalten, die strenger, furchterregender oder zweideutiger erscheinen. Die Roggenmuhme etwa wirkt sowohl fruchtbar als auch gefährlich und wird als riesige Frau mit überdimensionierten Brüsten beschrieben – Ausdruck einer archaischen Vorstellung von Ernährung und Wachstum.
- Symbolik von Frauenfiguren im Märchenkontext
Die Forschung zur Rolle weiblicher Figuren in Märchen geht weit über die reine Märchenerzählung hinaus und untersucht die psychologischen, sozialen und historischen Bedeutungen dieser Gestalten. In Frau Holle zeigt sich ein besonders komplexes Zusammenspiel von weiblicher Autorität, sozialer Funktion und mythischem Ursprung. Die Figuren von Goldmarie und Pechmarie stehen dabei für wertorientierte Archetypen: Tugend gegenüber Untugend, Fleiß gegenüber Faulheit. Zugleich reflektieren sie soziale Erwartungen an Frauen in vormodernen Gesellschaften – eine Moral, die von der dominanten Gesellschaftsschicht vermittelt wurde.
Darüber hinaus ist Frau Holle selbst eine übergeordnete Frauenfigur, die außerhalb dieses dualistischen Gegensatzes steht: Sie ist weder gut noch böse im moralischen Sinne, sondern wirkt als Naturmacht und kosmische Ordnungskraft. In frühen Mythen war sie vermutlich eher eine Art Mutter- oder Erdmuttergöttin, deren Einfluss sich über das Wetter und den Jahreslauf erstreckte.
- Mythische Ursprünge und Bräuche
Forscher sehen in Frau Holle eine Fortsetzung älterer vorchristlicher Gottheiten wie Holda, Hulda, Perchta oder sogar Freya – Namen und Konzepte, die in germanischen Kulturen verbreitet waren. Sie galten als Wetter-, Fruchtbarkeits- und Schicksalsgottheiten, die über Leben und Tod, Ernte und Jahreszeit bestimmten.
Ich zitiere: “ In Oestreich, Baiern, Schwaben, im Elsass und der Schweiz, so wie in einzelnen Gegenden von Thüringen, Franken und Tirol tritt eine andere Göttin auf, welche der Holda wesentlich gleichbedeutend ist, deren Sagen aber eine etwas verschiedene Färbung angenommen haben. Sie heiszt Bertha ahd. Perahta d. h. die glänzende lichte Göttin. Gleich Holda ging ihre Gestalt von der Wolkenfrau aus. Einst glaubte man, sie trage Kuhgestalt. Deshalb erscheint sie in Baiern noch immer in eine Kuhhaut gekleidet. Gleich Holda zieht sie auch an der Spitze des wilden Heeres. Im Waadtland zeigt sie sich zu Weihnacht als Jägerin, einen Zauberstab in der Hand, umgeben von einer Menge von Geistern und Seelen aller Art. In Kärnten soll sie lebende Menschen mit sich in die Luft fort führen und in weite Länder tragen. Erst Morgens bringt sie den
entseelten Leichnam zurück, zwischen dessen Zehen und Fingern
man fremde Blumen rindet, die kein Mensch zu benennen weisz.
Gleich Holda erscheint sie um Weihnachten als eine Frau mit zotti
gen Haren, um die Spinnerinnen zu beaufsichtigen, namentlich am
letzten Tage des Jahres, wo ihr zu Ehren Fische und Klösze ge
gessen werden und alles abgesponnen sein muss.“
Auch Bräuche wie die Rauhnächte — die zwölf Nächte um Weihnachten und Neujahr — waren ursprünglich Zeiten, in denen man den Grenzen zwischen der Welt der Menschen und der Welt der Geister besondere Bedeutung beimaß. In diesen Nächten zog die Wilde Jagd durch den Himmel: eine Schar von Seelen, Geistern und Wetterwesen, angeführt von Gestalten wie Frau Holle oder Perchta.
- Fazit
Die Figur der Frau Holle ist weit mehr als nur ein Märchencharakter. In der kulturhistorischen und mythologischen Perspektive, wie sie insbesondere Wilhelm Mannhardt entfaltet hat, repräsentiert sie:
- eine Wolkengöttin und Wettermacht, deren Handeln natürliche Phänomene wie Schnee und Sturm personifiziert;
- eine archaische Frauen- und Mutterfigur, deren Einfluss über das Alltägliche hinausreicht und die in alten Kulturen mit Fruchtbarkeit, Wetter und Schicksal verknüpft war;
- eine mythische Verbindung zwischen Alltag, Natur und Überwelt, sichtbar in den symbolischen Elementen des Brunnens, des Berges oder des Himmlischen;
- sowie ein Spiegelbild historischer Rollenbilder, die weibliche Qualitäten sozial und moralisch bewertet haben.
So eröffnet die Deutung von Mannhardt und der folkloristischen Forschung einen tiefen Einblick in die Tiefenschichten unserer Kulturgeschichte — und zeigt, wie eng Volksmärchen, Naturvorstellungen und Frauengestalten im kollektiven Gedächtnis verwoben sind.
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I. Primärliteratur (19. Jahrhundert / Grundlagen)
Mannhardt, Wilhelm (1860):
Germanische Mythen. Forschungen.
Berlin: Dümmler.
Mannhardt, Wilhelm (1875–1877):
Wald- und Feldkulte. Zwei Teile.
Berlin: Gebrüder Borntraeger.
Mannhardt, Wilhelm (1858):
Mythologische Forschungen.
Straßburg.
II. Klassische volkskundliche und mythologische Sekundärliteratur
Grimm, Jacob / Grimm, Wilhelm:
Kinder- und Hausmärchen, Nr. 24 „Frau Holle“.
Grimm, Jacob (1835):
Deutsche Mythologie.
Göttingen.
Müller, Wilhelm Heinrich Riehl (1861):
Die Naturgeschichte des deutschen Volkes.
Golther, Wolfgang (1895):
Handbuch der germanischen Mythologie.
III. Moderne Forschung (20.–21. Jahrhundert)
Motz, Lotte (1984):
The Winter Goddess: Perchta and Related Figures.
Folklore 95.
Motz, Lotte (1997):
The Germanic Goddess Holda.
Folklore 108.
Simek, Rudolf (2006):
Lexikon der germanischen Mythologie.
Stuttgart: Kröner.
Eliade, Mircea (1951):
Schamanismus und archaische Ekstasetechnik.
Eliade, Mircea (1957):
Das Heilige und das Profane.
Ginzburg, Carlo (1989):
Hexensabbat.
IV. Frauenfiguren, Märchen, Gender-Perspektiven
Bettelheim, Bruno (1975):
Kinder brauchen Märchen.
Lüthi, Max (1962):
Das europäische Volksmärchen.
Warner, Marina (1994):
From the Beast to the Blonde.
V. Rituale, Bräuche, Rauhnächte, Wilde Jagd
Höfler, Otto (1934):
Kultische Geheimbünde der Germanen.
Schmidt, Leopold (1968):
Percht, Frau Holle und verwandte Gestalten.
VI. Digitale & Open-Access-Ressourcen
BEROṢE – Encyclopédie internationale des histoires de l’anthropologie PHIADRA (Universität Wien)
VII. Zitat
Mannhardt, Wilhelm (1860): Germanische Mythen. Forschungen. Berlin, S. 287 -288