Ausgrabung im Schatten der Zeit: Ein Blick auf die archäologischen Spuren der Goten
Das prächtige Mausoleum des Theoderich des Großen in Ravenna und in Spanien die Schatzfunde von Guarrazar sind eindrückliche Zeugnisse gotischer Kultur.

Bild oben: Grabmal des Theoderich (freie Lizenz)
Bild unten: Krone von Rekkeswinth, König der Westgoten. Er regierte vom 20. Januar 649 (als Mitregent seines Vaters) bzw. 30. September 653 (als Alleinherrscher) bis zu seinem Tod.

Die Goten: Von der sagenhaften Herkunft bis zur archäologischen Spur
Mythos und Realität der Herkunft
Die Herkunft der Goten ist Thema jahrhundertelanger Forschung und Diskussion. Antike Quellen wie Tacitus und Strabon erwähnen im Raum der Weichselmündung ein Volk namens Gotonen oder Gutonen, das als Vorläufer der späteren Goten gelten kann. Der spätantike Historiker Jordanes berichtet in seiner „Getica“ von einer Herkunft der Goten aus Skandinavien, insbesondere von der Insel Scandza (heutiges Südskandinavien), nicht zwingend Gotland, und erzählt die Wanderung unter König Berig mit drei Schiffen an die Ostseeküste. Diese Vorstellung ist jedoch als Herkunftsmythos anzusehen, dem nur bedingt archäologische Befunde entsprechen.
Ausführliche archäologische Untersuchungen haben in den letzten Jahrzehnten verstärkt die Wielbark-Kultur an der südlichen Ostseeküste und im Gebiet zwischen Elbe und Weichsel mit den frühen Gotengruppen in Verbindung gebracht. Es wird heute als wahrscheinlich erachtet, dass die Goten ihre Identität über Jahrhunderte durch Zusammenfügungen verschiedener Gruppen an der Grenze zum Römischen Reich im Donauraum ausbildeten, womit sich die Ethnogenese der Goten im 3. Jahrhundert vollzog. Die Existenz signifikanter Bevölkerungsbewegungen aus Skandinavien ist archäologisch nicht eindeutig belegbar, wenngleich die genetischen Untersuchungen auf eine Vermischung nordeuropäischer Einwanderer mit lokalen Gruppen schließen lassen.
Archäologische Fundstätten und Materialkultur
Die archäologischen Zeugnisse der Goten führen von den Wielbark-Fundstätten im heutigen Polen über die Chernyachov-Kultur (auch Sântana de Mureș-Cernjachov-Kultur) in der heutigen Ukraine und Moldau bis in südliche Gegenden Europas. Typische Fundobjekte wie Fibeln – insbesondere jene mit Adlerkopf- oder Bernsteinverzierung – zeigen eine Kontinuität und breiten Einfluss gotischer Materialkultur, die sich im Laufe der Völkerwanderungszeit von den Ostseeregionen bis nach Italien, Spanien und Südfrankreich erstreckte.

Bild: Scandza, Skandinavien um 550 n. Chr. nach Jordanes, einem wenig zuverlässigen römisch-gotischen Gelehrten und Geschichtsschreiber des 6. Jahrhunderts
In Italien zeugen Bauten wie das Mausoleum des Theoderich von einer Verschmelzung germanischer und römischer Bautraditionen. Das Königreich der Ostgoten, errichtet unter Theoderich dem Großen im 5. Jahrhundert, zeigte eine kunstvolle Weiterentwicklung der spätantiken Architektur und Verwaltung, während in Spanien unter den Westgoten zahlreiche Reichtümer wie der Schatz von Guarrazar sowie Kirchenbauten aus dem 6. und 7. Jahrhundert erhalten sind.
Die Spaltung der Goten und ihre politischen Reiche
Westgoten und Ostgoten: Gruppenbildung und politische Entwicklung
Um das 3. Jahrhundert kam es zur rätselhaften Spaltung der Goten in zwei Hauptgruppen: die Westgoten (Terwingen, Visigothi) und die Ostgoten (Greutungen, Ostrogothi). Nach Jordanes habe sich die Spaltung des Volkes in West- und Ostgoten sich ereignet, als während der Überquerung eines großen Flusses die Brücke eingestürzt sei. Die Westgoten siedelten sich vorwiegend nördlich der Donau und später im Römischen Reich an, gründeten ein Reich in Gallien und später eines auf der Iberischen Halbinsel, das bis zur maurischen Eroberung 711 Bestand hatte. Die Ostgoten hingegen dominierten zunächst das Gebiet um das Schwarze Meer und die heutige Ukraine, wurden aber im 4. Jahrhundert von den Hunnen unterworfen.

Bild: Wanderung der Goten und Vandalen
Nach dem Niedergang des Hunnenreiches konnte Theoderich der Große im Laufe des 5. Jahrhunderts ein mächtiges Ostgotenreich errichten, das sich vor allem in Italien etablierte. Seine Herrschaft war von dem Bemühen gekennzeichnet, römische und gotische Traditionen miteinander zu verbinden und eine stabile Ordnung in einem von der Spätantike geprägten Europa anzustreben. Der Untergang des Ostgotenreiches erfolgte 552 unter dem Druck des oströmischen Kaisers Justinian I., nach langwierigen Kriegen und Schlachten.
Römische Quellen und kriegerische Auseinandersetzungen
In römischen Quellen sind die Goten mehrfach als Kriegergesellschaft in Erscheinung getreten. Die Schlacht von Adrianopel 378, in der die Westgoten einen verheerenden Sieg gegen Kaiser Valens’ Truppen errangen, gilt als Wendepunkt in der spätantiken Geschichte. Ebenso berichtete Tacitus in der Germania über ihre Siedlungsweise, Lebensweise und Religion. Neben kriegerischen Aktionen arbeiteten viele Goten zeitweise als Föderaten, also römische Verbündete, und wurden in diese zurückgedrängten Gebiete integriert.
Kulturelle Aspekte und Alltag der Goten
Lebensweise und soziale Ordnung
Die Goten teilten viele Merkmale mit anderen germanischen Stämmen wie den Franken, Sachsen und Vandalen. Sie lebten ländlich, betrieben Ackerbau und Viehzucht, wobei der Ackerbau oft nicht auf maximale Überschüsse ausgerichtet war, sondern sich durch Nachhaltigkeit und gemischte Ernährung auszeichnete. In archäologischen Untersuchungen dienten die bei Siedlungen und Bestattungen gefundenen Langhäuser als Beleg einer familiär und sozial organisierten Struktur.
Ihre Gesellschaft war hierarchisch organisiert, mit einem Königtum, das sich – insbesondere bei den Ostgoten – stärker ausgeprägt zeigte. Im Unterschied zu manch anderem germanischem Volk legten die Goten oftmals keine Waffen in die Gräber, was auf Besonderheiten ihrer Begräbnispraktiken und zu einer eigenen kulturellen Transformation und zu Christianisierung und Romanisierung hinweist.
Religion und Schriftlichkeit
Besonderes Gewicht kommt der Christianisierung der Goten zu, die durch den Bischof Wulfila im 4. Jahrhundert vorangetrieben wurde.

Bild: Wulfila erklärt Goten das Evangelium
Wulfila schuf das gotische Alphabet und übersetzte die Bibel ins Gotische – ein wichtiges Zeugnis der gotischen, der ältesten germanischen Sprache, und Kultur, von dem der Codex Argenteus das bedeutendste erhaltene Manuskript ist. Die Goten gehörten überwiegend der arianischen Glaubensrichtung an, was im frühen Mittelalter zu einer eigenständigen religiösen Prägung führte.

Bild: Blatt aus der Wulfilabibel
Schriftliche Zeugnisse in gotischer Sprache sind rar, doch neben biblischen Texten gibt es auch andere Fragmente und sogar Graffiti, etwa von der Krim, die auf eine bis ins 9. bis 10. Jahrhundert währende Verwendung der Sprache hindeuten. Die Schriftlichkeit der Germanen wird heute als weiter verbreitet angesehen, als einst gedacht, jedoch sind die meisten erhaltenen Texte über schriftliches Kulturgut hinaus von anderen Quellen abhängig, da Holztafeln und andere Materialien kaum konserviert wurden.

Bild: Gotische Alphabet
Kulturelle Zeugnisse und Einfluss
Die gotische Kultur hinterließ bedeutende Kulturelemente in Europa. Die gotische Kunst repräsentiert eine Mischung germanischer und romanischer Einflüsse, sichtbar in Schmuckstücken, Fibeln und Baukunst. Besonders prächtig sind die Funde aus dem Schatz von Pietroasa und Guarrazar.
Die Sprache der Goten beeinflusste vielerlei europäische Sprachen – Lehnwörter, Toponyme und Hydronyme finden sich in verschiedenen Regionen. Gotische Einflüsse auf Dialekte und Bezeichnungen, wie etwa in bairischen Mundarten, illustrieren den langen kulturellen Nachhall.
Kulturelle Kontinuitäten und späte Nachwirkungen
Obgleich die politischen Reiche der Goten im 6. bis 8. Jahrhundert untergingen, blieb ihr Erbe in Legenden, Namensgebungen und kirchlichen Traditionen lange sichtbar. In Spanien gilt das westgotische Königreich als Vorläufer des modernen Staates, während in Schweden und anderen Ländern weiter eine „gotische Spur“ kulturell präsent blieb. Sogar Karnevalstraditionen im Rheinland knüpfen in Teilen symbolisch an gotische Rituale an, bei denen man mit Masken böse Geister vertreiben will.
Das gotische Erbe ist somit nicht nur archäologisch und sprachgeschichtlich greifbar, sondern reicht in das immaterielle kulturelle Gedächtnis Europas hinein und verdeutlicht die Rolle der Goten als Vermittler zwischen Antike und Mittelalter.
Fazit
Die Goten sind als ostgermanisches Volk ein Schlüsselvolk der Spätantike, sowohl in der politischen Umgestaltung Europas als auch in der kulturellen Vermittlung zwischen germanischer und römischer Welt. Archäologische Funde aus Skandinavien, Mittel- und Osteuropa bis hin zur Iberischen Halbinsel, schriftliche Zeugnisse der gotischen Sprache und bedeutende Bauwerke wie das Mausoleum Theoderichs belegen ihre vielseitige Präsenz. Dabei stellt die Forschung weiterhin die genaue Herkunft und Ethnogenese der Goten vor Herausforderungen, da Mythen und archäologische Befunde sich nicht immer decken. Auch die späte Nutzung gotischer Sprache und die kulturellen Überreste bleiben Gegenstand lebhafter wissenschaftlicher Debatten.
Quellen
- https://www.thueringer-allgemeine.de/lokales/nordhausen/article410517062/spuren-alter-welten-archaeologen-entdecken-im-kreis-nordhausen-die-geschichte.html
- https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/die-germanen–wie-unsere-vorfahren-wirklich-lebten-36047010.html
- https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/graeberfeld-beleuchtet-anfaenge-der-bajuwaren/
- https://de.wikipedia.org/wiki/Goten
- https://www.wikingar.de/Die-Goten-Ihre-Geschichte-Kultur-und-ihr-Einfluss-auf-Europa
- https://abzv.de/wissen-ideen/geschichte/die-goten-germanischer-stamm-oder-eigenstaendige-kultur/
- https://germanologie.wikioasis.org/wiki/Goten
- https://jecken-goten.de/geschichte-der-goten/
- https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/9783110242263.51/html?lang=de
- https://kath-akademie-bayern.de/mediathek-eintrag/die-goten-paten-europas-archaeologische-sprachliche-und-kulturelle-spuren-der-goten/