Es kann viele unterschiedlich positive und rationale Gründe geben, warum sich jemand in Deutschland mit germanischer Mythologie und Geschichte beschäftigt. Hier sind meine – klar voneinander getrennt und ohne ideologische Vereinnahmung:

1. Kulturelle und historische Bildung

Wo ich herkomme und soziologisch geprägt wurde, war im Gegensatz zum allgemeinen Vorurteil, was Literatur betrifft, nicht besonders viel verboten- und betreffend germanischer Geschichte übertrieb man es jedenfalls nicht quantitativ im Lehrplan der POS/EOS der DDR – man intensivierte Wissen in dem Bereich auch nicht und es war alles in Allem kein großes Thema. Ich weiss, dass seit Generationen in Deutschland keine Identitätsstiftung über germanische Mythen stattfanden. Meiner Meinung nach hängt das mit der Überhöhung bzw. Instrumentalisierung der germanischen Mythologie als identitätsstiftend innerhalb der deutschen Geschichte von, ich sag mal, 1871 bis 1945, zusammen. Mir fällt der in jeder Beziehung unerträgliche SS-Führer H. Himmler ein, auf dessen Betreiben eine pseudoreligiöse Struktur, durchmischt mit Germanenverehrung und Ahnenkult, entwickelt wurde, oder Rosenbergs Blut- und Bodenideologie.

Eben darum machte man in der DDR genau das Gegenteil. Man schwieg. Bezeichnenderweise gab es aber doch diesbezüglich geduldete Literatur, geschrieben von einem heute noch sogar in Schweizer Schulen gelesenen durchaus DDR-kritischen Literaten, nämlich den von mir hochverehrten Franz Fühmann, der das Nibelungenlied und andere mythologische Stoffe umdichtete, das heißt von schwer verständlichem Text auf die moderne Sprache des 20. Jahrhunderts brachte. Er ist aber auch fast der Einzige mit Profil, der mir einfällt- Mythologie ja (Christa Wolf: Kassandra), aber deutsche/germanische Mythologie wurde nur selten und meist eher im literarischen Untergrund behandelt. Es war ein Nischendasein — mit sehr limitiertem Publikum und Verbreitung.

Die germanische Mythologie ist aber ein Teil des europäischen kulturellen Erbes. Sie muss sich überhaupt nicht hinter griechischer und schon gar nicht römischer Mythologie verstecken. Sie zu kennen hilft: Unsere Wurzeln zu verstehen, historische Entwicklungen besser zu verstehen, Literatur, Kunstwerke und Musik einzuordnen, die Herkunft vieler Bräuche oder Namen zu erkennen.

Viele moderne Geschichten – von Tolkien bis zu heutigen Fantasy-Hollywood-Welten – greifen germanische Motive auf. Da sie trotzdem ein Schattendasein führen, ich behaupte nahezu unbekannt sind, sollen diese Seiten dem ein wenig entgegenwirken. Wenn es mir gelingt, auch nur einen Leser für unsere Mythologie und frühe Geschichte zu interessieren, und ich lege das bewusst zusammen, betrachte ich dieses kleine Projekt als geglückt.

2. Interesse an Mythologie ganz allgemein

Mythen aus Griechenland, Rom, Ägypten oder Japan faszinieren viele Menschen – germanische Mythen stehen da nicht ansatzweise zurück. Sie bieten u.a.:

-archetypische Figuren (Helden, Trickster, Schöpfergestalten), die unterschiedlich charakterisiert werden. Damit meine ich, dass bei denselben Figuren (Hagen, Dietrich, Gunter usw.) in den verschiedenen Sagen mit verschiedenem geografischem Ursprung die inneren Dramaturgien unterschiedlich sind. Das hängt mit der zu unterschiedlichen Zeiten mit unterschiedlicher Wirkung stattfindender Christianisierung zusammen, auf die ich in anderen Texten eingehen werde.

Bild unten: Odin mit Speer auf dem achtbeinigen Sleipnir

  • dramatische Erzählungen (Ragnarök, Weltentstehungsmythen)
  • philosophische Motive (Schicksal, Ehre, Opferbereitschaft-auch hier: je nachdem, wo und wann entstanden, spielt entweder der alte germanische Charakter eine Rolle oder der durch christliche Domestizierung verformte). Das Interesse kann rein erzählerisch oder vergleichend sein. Vergleichend: Es ist schon interessant, wie unterschiedlich die gleichen Geschichten aus dem Süden Germaniens im skandinavischen Norden erzählt werden.

3. Linguistisches Interesse

Viele germanische Mythen wurden in altisländischen oder altgermanischen Quellen überliefert. Dies kann für Menschen spannend sein, die Sprachen lieben, Etymologien verstehen wollen oder historische Sprachentwicklungen verfolgen. Beispiel: Vier der Sieben Wochentagsnamen im Deutschen und Englischen stammen direkt von denen germanischer Götter.

4. Interesse an Archäologie und europäischer Frühgeschichte

Die germanische Geschichte ist wichtig, um die Entwicklung Europas nach der Antike zu verstehen, Migrationen, Handelswege und Alltagskultur zu erforschen und frühe soziale Strukturen und Rechtssysteme kennenzulernen. Das ist ein seriöses wissenschaftliches Feld.

5. Identitätsbildung im offenen, nicht exklusiven Sinn

Manche Menschen möchten ihre Wurzeln oder die regionale Vergangenheit besser verstehen, manche mit, manche ohne daraus politische oder ethnische Schlussfolgerungen zu ziehen. Mich hat es immer schon fasziniert, wieso das Nibelungenlied das deutsche Nationalepos-jedenfalls bis vor kurzem-war. Nur weil es von den Nationalsozialisten für ihre Ideologie vereinnahmt wurde, ist es das nicht mehr.

Das kann bedeuten, die Neugier auf die Geschichte der eigenen Region zu wecken und den Wunsch, kulturelle Entwicklungen zu verstehen. Die eigenen alte Geschichte und seine Legenden können  bei der persönliche Orientierung wegweisend sein.

6. Kunst, Musik und Kreativität

Germanische Mythologie inspiriert Metal-, Folk- oder Klassikmusik, Rockbands wie Led Zeppelin, bildende Kunst, Rollenspiele, Filme, Games, Lyrik und Literatur. Die Motive sind ästhetisch stark und vielfältig.

Bild unten: Im Lied heisst es; ..the hammer of the gods … Valhalla, I am coming…

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7. Spirituelles oder naturverbundenes Interesse

Einige Menschen beschäftigen sich aus spirituellem oder naturbezogenem Interesse mit den Mythen. Das muss nicht dogmatisch sein – es kann schlicht bedeuten, sich Inspiration aus alten Naturbildern zu holen, symbolisches Denken zu fördern und ein persönliches Ritualverständnis zu erklären. Kurz gesagt: Die germanische Mythologie und Geschichte zu studieren kann rein kulturell, wissenschaftlich, sprachlich, kreativ oder spirituell motiviert sein – ohne irgendeine politische Absicht. Es ist ein legitimer Bestandteil historischer und kultureller Bildung.