Sie ist eine der faszinierendsten Frauenfiguren der germanischen Geschichte, weil sie zeigt, dass religiöse Autorität im 1. Jahrhundert n. Chr. auch politische Macht verleihen konnte. Es gab diese weiblichen Autoritäten schon lange vor der indogermanischen Zeit – ich rede von neolithischen Bauern, alteuropäischen Kulturen (6500–3500 v. Chr.) und resiliente Randgruppen, die sich lange hielten, wie die rätselhaften Basken, die die einzige heute noch lebende präindoeuropäische Sprachgruppe Europas sind.

Es waren in vorgermanischer Zeit hochentwickelte, friedliche, matrifokale oder egalitäre Kulturen (laut Marija Gimbutas, der berühmten Anthropologin) wie die Vinča-Kultur, Lengyel-Kultur, oder Cucuteni–Trypillia-Kultur. Matrifokal waren Familien- oder Gesellschaftsstrukturen, bei der die Mutter im Mittelpunkt steht – der Haushalt und die soziale Organisation drehen sich um sie. Es gibt kaum Zeugnisse aus dieser Zeit. Die germanische Seherin, die ich hier behandle, hinterliess jedenfalls eine Menge Spuren.

Es folgt eine ausführliche, faktenbasierte Darstellung ihrer Person, ergänzt durch historische Einordnung und kulturellen Kontext, abgerundet mit einer fiktiven Erzählung, eingeteilt in kurze Sequenzen:

Frauen in germanischen Sagen spielen vordergründig oft die erste Geige, treten in der Handlung jedoch oft nur kurz auf. Nehmen wir nur Brünhilde; ob als Walküre im Original oder als Königin im Nibelungenlied ist sie anfangs schicksalsbestimmend, sobald verheiratet bzw. entjungfert nie wirklich Handlungsträger bis auf die absolut relevanten Streitszenen mit Kriemhild. Von Frauenfiguren in der germanisch-nordischen Sagenwelt, die vordergründig auftreten, aber erzählerisch oft als Symbolfiguren, Auslöser oder Projektionsflächen dienen, ähnlich wie Brünhilde, gibt es in der germanischen Sagenwelt viele Beispiele, wie eben die Walküren, die Botschafterinnen sind oder die Besten der in der Schlacht Gefallenen aussuchen, dienen letztlich als Schicksalsinstrumente, ohne individuelle Tiefe zu bekommen.

Es gab in der tatsächlichen Geschichte, wie auch in Liedern, Legenden und Sagen, gleichwohl schon immer schicksalsbestimmende Frauen in der Männerwelt, speziell im vorchristlichen Germanien, als sie sich noch nicht auf die Völkerwanderung begaben, also kurz vor 400 n.Ch., und eine Dame dieses Kreises lebte und handelte nachweislich um 69-70 n.Ch., und zwar eine Seherin, die massiv in die Stammespolitik eingriff, namens Veleda. Veleda ist eine der faszinierendsten Frauenfiguren der frühen germanischen Geschichte, weil sie beweist, dass religiöse Autorität im 1. Jahrhundert n. Chr. auch politische Macht hergeben konnte.

Veleda war eine germanische Seherin (prophetissa) aus dem Stamm der Brukterer, die im Gebiet des heutigen Westfalens (zwischen Lippe und Ruhr) lebten. Sie lebte zur Zeit des Bataveraufstands gegen Rom (um 69–70 n. Chr.) – also etwa 300 Jahre vor der klassischen Völkerwanderungszeit, allein ihre Rolle als spirituelle Führungsfigur ist ein früher Hinweis auf religiös-politische Macht in germanischen Gesellschaften. Sie sah laut römischen Quellen, wie alle Germaninnen für Römer, blendend aus, und keine schwarzgelockte südländische Schönheit konnte ihr das Wasser reichen. Unsere wichtigste Quelle ist der römische Historiker Tacitus, besonders in: Historiae (Buch IV, Kapitel 61 und 65; Buch V, Kapitel 22–25) und Germania (Kapitel 8).

Tacitus beschreibt Veleda als eine Jungfrau, auch das im antiken Rom ab Alter 12 Jahre sicher schwer zu finden, aus dem Stamm der Brukterer, die von den übrigen Germanen als «göttlich» verehrt wurde. Er sagt, dass man sie nicht direkt ansprach, sondern «dass Boten durch einen Mittelsmann mit ihr kommunizierten» – das unterstreicht ihre sakrale Distanz und Autorität. Veleda war nicht bloß eine Priesterin, sondern eine Schlüsselfigur im Widerstand gegen Rom:

  • Während des Bataveraufstands (geführt von Iulius Civilis, wie Hermann der Etrusker, Führer einer röm. Hilfstruppe über 500-1000 Männer) galt Veleda als Prophetin des Sieges.
  • Sie soll den Untergang der römischen Besatzungstruppen vorhergesagt haben.
  • Römische Quellen berichten, dass sie nach dem Sieg der Bataver Gesandte empfing und sogar politische Entscheidungen beeinflusste – also de facto Macht ausübte.
  • Eine den Römern abgenommene, eroberte Stadt (Colonia Ulpia Traiana, bei Xanten) wurde ihr als Geschenk übergeben – ein Symbol für ihre politische Bedeutung.

Veleda verkörpert die Verbindung von Religion, Politik und Geschlecht in frühgermanischer Kultur:

  • Sie war unverheiratet und keusch, was ihr eine sakrale Sonderstellung gab (ähnlich römischen Vestalinnen).
  • Ihre Prophetien gaben Orientierung in einer Zeit des Aufruhrs.
  • Sie war eine Völva-ähnliche Figur – also eine Frau, die durch göttliche Eingebung sprach und damit auch kollektive Entscheidungen beeinflusste. (Eine Völva war eine Seherin, Wahrsagerin oder Zauberin in der nordischen Mythologie und germanischen Kultur, die durch Rituale wie Seidr-Magie und die Weissagung in die Zukunft blicken konnte. Sie wurde oft als „Stabträgerin“ bezeichnet, da sie einen Stab als wichtiges Attribut trug, und genoss in der Wikingergesellschaft hohen Respekt, selbst der Göttervater Odin suchte ihren Rat.)

Für mich hat sie viele Gemeinsamkeiten mit den Seherinnen des Orakels von Delphi, das 391 n.Ch. vom römischen Kaiser Theodosius I geschlossen wurde, das sehr wahrscheinlich im Germanien des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung den betreffenden Leuten bekannt war, denn gereist wurde auch damals schon – vor allem von Söldnern, und die erzählten auch damals gerne viel, wenn der Abend lang ist.

Kurz und bündig: Veleda und die Frauen (die Pythia) vom Orakel von Delphi sind beide weibliche religiöse Autoritäten — Seherinnen/ Prophetinnen — und erfüllen in ihren indogermanischen Kulturen sehr ähnliche Rollen. Hier die wichtigsten Gemeinsamkeiten:

  • Prophetinnen / Seherinnen — Beide galten als Vermittlerinnen zwischen Menschen und dem Göttlichen und sprachen Weissagungen aus.
  • Religiöse/rituelle Funktion — Sie operierten in einem religiösen Rahmen: Rituale, Opfergaben und kultische Regeln umgaben ihre Tätigkeit.
  • Soziale und politische Einflussnahme — Ihre Aussagen konnten Entscheidungen beeinflussen (z. B. in Krieg, Politik oder bei wichtigen Gemeindenfragen). Veleda wurde von germanischen Gruppen hochgeachtet; die Pythia gab Staats- und Privatpersonen Rat aus ganz Griechenland.
  • Autoritätsstatus durch Geschlecht — Beide verkörpern in ihren Kulturen eine Form weiblicher religiöser Macht — oft mit Sonderstellung und besonderer Achtung.
  • Trance/ekstatische Zustände (oder veränderte Bewusstseinszustände) — Bei der Pythia ist in historischer Forschung von Trance, Ritualen und möglichen Inhalationen (Dämpfe) die Rede; bei germanischen Seherinnen wird ebenfalls über ekstatische Techniken berichtet — beides steht im Zusammenhang mit dem „Empfangen“ göttlicher Botschaften. (Nicht zu verwechseln mit Schamanismus. Die bedeutendste Schamanin im germanischen Raum: Die ›Schamanin‹ von Bad Dürrenberg, die nachweislich vor 9000 Jahren lebte. Die Germanen kamen indessen erst ca. 3500 Jahre später, so dass sie keine Indogermanin sein kann. Es gibt die These, da Schamanismus weltweit mit ähnlichen Praktiken verbreitet war/ist, dass dieser sich mit der Out-of-Africa-Wanderung des modernen Menschen entlang der Küsten des Indischen Ozeans und früh auch nach Eurasien und Nordamerika verbreitet habe.)
  • Symbolische Funktion — Sie waren auch kulturelle Symbole: Veleda als National-/Stammesikone im Konflikt mit Rom, die Pythia als religiöse Institution, die pan-griechische Identität mitprägte.

Kurz zu den Unterschieden: Die Pythia war eine lang etablierte, institutionalisierte Priesterin im Heiligtum des Apollo (Delphi) mit formalisierter Zeremonie und hohem überregionalen Renommee; Veleda war eine germanische Seherin, deren Autorität stärker mit einem konkreten Stammeskontext und zeitgeschichtlichen Ereignissen (z. B. dem Bataveraufstand um 69–70 n. Chr.) verbunden war.

Nach dem Scheitern des Bataveraufstands (70 n. Chr.) wurde Veleda von den Römern gefangen genommen. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts Sicheres bekannt. Einige Quellen deuten an, dass sie nach Rom gebracht wurde-bekannt war sie dort ganz sicher: Im Jahr 1926 wurde nämlich ein Epigramm gefunden, das Veleda verspottete. Es ist in Form eines Orakels abgefasst. Der Fundort Ardea liegt in der Nähe Roms. Wegen des Epigramms glaubte man, das Städtchen sei zeitweise Aufenthaltsort der Veleda gewesen. Andere Quellen sagen, dass sie in ihrer Heimat unter Hausarrest stand oder später frei blieb.


Auch heute ist sie durchaus präsent: In dem von August von Kotzebue verfassten romantischen Zauberspiel in fünf Akten Die kluge Frau im Walde, oder Der stumme Ritter (1801) kommt „Welleda“ die Titelrolle zu. Im Jahr 1818 veröffentlichte Friedrich de la Motte Fouqué den Roman Welleda und Ganna. In der DDR erschien in den 1960er Jahren das bekannte Kinderbuch «Die Wächter der Veleda» von Rolf Kahl, in dem die Seherin Veleda die Nachbarstämme aufruft, einig wie zu Armins Zeiten, gegen die Römer zu kämpfen, die mit Gewalt und List, mit Hilfe von Verrätern und Spionen, versuchen, alle Germanen zu unterjochen. Veleda wurde in späteren Jahrhunderten zu einer Symbolfigur: Im Mittelalter und besonders in der Romantik galt sie als Bild der „weisen Frau des Nordens“. In der Feminismus- und Geschichtsforschung des 20./21. Jahrhunderts wird sie oft als Beispiel dafür gesehen, dass Frauen im vorchristlichen Europa spirituelle und soziale Machtpositionen innehatten, die später vom patriarchalen System verdrängt wurden. Nach der germanischen Seherin Veleda ist das anthroposophische Pharmaunternehmen Weleda benannt. In der Walhalla bei Regensburg erinnert als eine der wenigen Frauen dort (Nummer drei!) eine Gedenktafel an sie. Der Asteroid (126) Velleda wurde nach ihr benannt. Die niederländische Metalband „Heidevolk“ widmete ihr auf dem 2012 erschienenen Album „Batavi“ das Instrumentalstück „Veleda“.

Veleda spricht – ein historisch inspirierter Monolog, Szene I

Ich sitze über dem Fluss, in meinem hölzernen Turm. Unten fließt die Lippe, grau und schwer vom Regen. Männer kommen mit ihren Pferden, erschöpft von Krieg und Verrat. Sie sprechen nicht zu mir. Sie sprechen zu dem Mädchen, das meine Worte trägt. So ist es richtig: Zwischen mir und ihnen liegt der Wille der Götter. Ich sehe das Feuer über den römischen Lagern. Ich sehe den Adler stürzen. Civilis glaubt, er kämpft für Freiheit — aber es ist Wodan, der ihn führt, und ich bin nur sein Mund. Ich bin keine Königin, und doch beugen sie das Knie. Ich trage keine Krone, doch mein Wort bewegt Heere. Die Römer nennen mich Prophetin. Sie verstehen nicht: Ich sehe keine Zukunft, ich höre nur das, was schon webt in den Fäden der Nornen. Wenn sie sagen, dass ich Macht habe, dann lachen die Götter. Ich habe nur Ohren, und manchmal fürchte ich, sie hören zu viel. Man sagt, sie werden mich holen, mich nach Süden bringen. Aber auch das ist in den Fäden. Kein Mensch entgeht dem Gewebe. Auch kein Kaiser.

(Stilistisch angelehnt an Tacitus’ Berichte und an altnordische Vorstellungen vom Schicksal.)

Veleda spricht das göttliche Urteil– Szene II

Wieder der Turm aus Holz, an den Ufern der Lippe, im Land der Brukterer. Spätherbst des Jahres 70 n. Chr. Ein grauer Morgen. Nebel zieht vom Fluss herauf. Die Männer steigen langsam den Hang hinauf. Der Boden ist feucht, das Laub knirscht unter den Sandalen der römischen Soldaten. Einer von ihnen trägt ein Banner, der andere eine kleine Truhe – ein Geschenk, vielleicht ein Bestechungsversuch. Vor ihnen schreitet Claudius Herennianus, Gesandter des Legaten von Vetera. Er ist jung, ehrgeizig, nervös.

Oben ragt der Turm der Veleda. Kein Rauch, kein Geräusch. Nur ein schmaler Spalt, ein Schatten hinter einem Holzfenster.

Ein Mädchen tritt ihnen entgegen – nicht Veleda selbst, sondern ihre Mittlerin, in grauen Gewändern, mit einem Zeichen aus Runen auf der Stirn. „Ihr dürft nicht sprechen“, sagt sie auf holprigem Latein. „Nur hören.“ Herennianus verneigt sich. „Ich bringe Grüße des römischen Kommandanten. Und den Wunsch nach Frieden.“ Die Frau nickt, verschwindet durch eine schwere Tür. Man hört leises Murmeln, dann Stille. Minuten vergehen. Der Wind raschelt im Schilf. Dann öffnet sich ein hölzernes Fenster im oberen Stockwerk. Ein weißes Tuch bewegt sich – und eine Stimme, klar und ruhig, hallt über den Hof.

„Der Adler fällt nicht, wenn er fliegt“, sagt die Stimme. „Aber wenn er zu lange im Blut badet, wird er blind.“ Herennianus blickt auf. „Heißt das…?“ Er verstummt, wagt es nicht, den Satz zu beenden. „Ihr Römer seid gekommen, um das Land zu beherrschen“, fährt die Stimme fort. „Doch dieses Land gehört dem Nebel, dem Wald, dem Wasser. Ihr habt geglaubt, ihr könntet es zählen, vermessen, kaufen. Ihr habt die Geister übersehen.“ Herennianus schaut ratlos auf das Geschenk in der Truhe. Gold, Münzen, fein gearbeitet. „Wir bringen Gaben, ehrwürdige Frau. Zeichen des Respekts.“ Ein kurzes Schweigen. Dann das letzte Wort von oben: „Die Götter nehmen keine Gaben aus Angst. Nur aus Ehrfurcht.“

Der Wind schlägt das Fenster zu. Der Nebel steigt. Und der römische Gesandte begreift, dass er keine Verhandlung geführt hat, sondern einem Urteil beigewohnt hat.

Diese Szene lehnt sich an Tacitus’ Schilderung an, dass Veleda sich nicht direkt zeigte, sondern durch Mittelsleute sprach, und dass römische Gesandte tatsächlich zu ihr gesandt wurden. Sie wird hier als Symbol weiblicher und spiritueller Autorität dargestellt – unnahbar, doch mit politischer Wirkung.

Szene III: Veleda in der Gefangenschaft

Ort: Ein römisches Lager, irgendwo an der Rheinlinie. Nacht. Draußen das gleichmäßige Klirren von Rüstungen, das Knacken der Wachtfeuer. Drinnen, in einem schmalen Raum aus Stein, sitzt Veleda auf einer Bank. Ihre Hände sind nicht gefesselt.

Ich höre sie reden, wenn sie glauben, ich schlafe. „Das ist sie“, sagen sie. „Die Priesterin der Brukterer. Die, die Civilis den Mut gab.“

Sie sprechen meinen Namen, als wäre er ein Zauberspruch, den man flüstern muss, damit er keine Macht entfaltet. Ich lache leise. Sie verstehen nicht: Ich war nie die Quelle. Ich war nur das Echo. Der Fluss, der einst unter meinem Turm floss, redete lauter als ich. Er erzählte mir, was kommen würde — erst in Strömungen, dann in Stimmen. Ich wiederholte nur, was das Wasser wusste. Jetzt bin ich weit fort von ihm, und das Schweigen hier ist anders. Es ist trocken, leer, wie Staub. Kein Fluss trägt meine Gedanken mehr. Heute kam ein Centurio, jung, höflich. Er fragte, ob ich bereue. Ich fragte zurück: „Was?“ Er schwieg. Vielleicht wusste er es selbst nicht. Wenn sie wüssten, dass die Römer nicht gesiegt haben, nur weil sie mich gefangen hielten. Der Sieg war schon entschieden, bevor der erste Speer flog. Ich sah den Untergang beider — Römer wie Brukterer. Denn wenn ein Volk den Himmel verliert, der es trägt, ist es gleich tot, ob es Ketten trägt oder Kronen.

In der Nacht träume ich manchmal von den alten Hügeln. Ich sehe die Frauen, die noch Kinder waren, als ich ging. Vielleicht singen sie jetzt für andere. Vielleicht haben sie vergessen, dass man einst in den Wind sprach, um Antwort zu finden. Wenn der Morgen kommt, werde ich schweigen. Denn die Götter reden nicht in den Sprachen der Sieger. Sie reden im Wind. Und der Wind gehört niemandem.

Historischer Nachklang

Tacitus erwähnt, dass Veleda nach der Niederschlagung des Bataveraufstands von den Römern gefangen genommen wurde, doch ihr weiteres Schicksal bleibt unbekannt.

Diese Szene nimmt an, dass sie überlebt, aber als Symbol der verlorenen Freiheit der germanischen Stämme im römischen Machtbereich endet – körperlich besiegt, aber geistig ungebrochen.

Veledas letzte Tage

Szene IV – Die Stimme im Turm

Bevor die Römer kamen, war der Wind mein Bote. Ich sprach, und die Männer hörten nicht mich, sondern das, was durch mich sprach. Man sagt, ich hätte Macht gehabt. Aber Macht ist nur die Form des Glaubens, den andere in dich legen. Als sie die Adler kommen sahen, baten sie um Worte. Ich gab ihnen Worte – nicht, um sie zu retten, sondern damit sie wüssten, dass sie Teil eines größeren Liedes waren.

Jetzt, da die Fackeln verlöschen und das Land still geworden ist, weiß ich: Das Lied war nicht meines. Ich war nur die Stimme im Turm. Die Götter haben viele Münder. Ich war einer davon.

Szene V – Der Marsch

Die Römer führten sie über den Rhein, durch Dörfer, die brannten, und über Brücken, die rochen nach Eisen und Rauch. Veleda ging barfuß, weil sie den Boden spüren wollte, den sie verließ.

Ein Legionär fragte, ob sie die Zukunft kenne. „Ich kenne nur das Gewebe“, sagte sie. „Und was ist darin für mich?“ fragte er.
„Nur das, was du hineinschneidest.“

Er verstand nicht. Niemand verstand. Aber in der Nacht, als der Marsch weiterging, fiel ein Stern, und der Soldat erinnerte sich an ihre Worte — und spürte plötzlich, dass Schicksal nicht fern ist, sondern hinter der eigenen Hand lauert.

Szene VI – Das Haus aus Stein

Rom. Oder vielleicht Trier. Die Orte der Sieger klingen gleich. Veleda wurde in ein Haus gebracht, das kühl war und nach Öl und Wein roch. Sie saß dort, sah durch Gitter aus Bronze den Himmel, der nicht der ihre war.

Man ließ Gelehrte kommen, die sie befragen sollten. Einer von ihnen, ein alter Mann mit einer Rolle aus Pergament, fragte: „Wenn du die Zukunft sahst, warum hast du den Untergang deiner eigenen Leute nicht verhindert?“ Veleda antwortete: „Wer das Weben sieht, darf die Fäden nicht lösen. Sonst zerreißt das Ganze.“ Der Alte schrieb es auf. Später strich er es wieder durch.

Zwischenruf – Mythische Nachwirkung

Nach ihrem Tod – oder ihrem Verschwinden – blieb Veleda im Gedächtnis des Nordens.
Im Mittelalter erzählte man sich, sie sei eine Priesterin gewesen, die ins Wasser stieg und nie zurückkehrte, und dass ihr Geist fortan in den Nebeln über dem Rhein wohne.
Manche meinten, man könne sie in stürmischen Nächten noch singen hören, wenn der Wind aus Westen kommt.
Später nannte man solche Frauen „Hexen“ oder „Weise Weiber“ – und verbrannte sie für dieselbe Gabe, die man einst „heilig“ nannte, und das letzte Mal ist auch noch nicht lange her..

Szene VII – Der Kaiser

Ort: Rom, oder der Traum davon. Die Halle ist groß, weiß, aus Marmor und Staub. Überall Augen aus Bronze – Adler, Götter, Menschen, die vergessen haben, dass sie Staub sind.

Der Kaiser tritt ein, in Gold und Purpur. Man hat Veleda hergebracht, um sie zu zeigen – als Trophäe oder als Kuriosität. Sie trägt einfache Kleidung, das Haar geflochten, die Stirn ruhig.

Er sagt: „Man nennt dich Seherin. Sie sagten, du hättest Aufstände geweissagt, Heere bewegt, Könige beraten. Sag mir, Frau des Nordens: Siehst du nun das Ende Roms?“ Veleda blickt auf. In ihrem Blick ist keine Furcht, kein Trotz. Nur Gewissheit. „Euer Ende? Nein. Ich sehe nur, dass ihr glaubt, es könne keines geben.“ Ein Flüstern geht durch die Halle. Der Kaiser lächelt dünn. „Dann bist du also blind.“ Veleda neigt den Kopf. „Blind ist, wer glaubt, dass Stein ewig ist und Flüsse schweigen.“

Sie wird abgeführt. Aber der Kaiser sieht ihr nach, und zum ersten Mal spürt er, wie kurz ein Menschenreich ist gegen das Atmen der Erde.

Szene VIII– Die Rückkehr in den Nebel

Später. Niemand weiß, wann. Manche sagen, sie sei auf einem Schiff den Rhein hinaufgebracht worden. Andere, sie habe sich selbst in den Fluss gestürzt. Wieder andere, sie sei einfach verschwunden, als hätte der Wind sie geholt.

Die Wahrheit ist stiller: Ein Morgen im Norden, graues Licht über Wasser und Schilf. Ein einzelnes Boot gleitet lautlos über den Fluss. Darin eine Frau in weißem Mantel. Sie berührt das Wasser mit der Hand, murmelt leise etwas in der alten Sprache, die niemand mehr spricht. „Alles fließt zurück. Auch Worte.“ Dann steht Nebel auf. Der Fluss verschluckt Boot und Frau zugleich. Nur ein Vogel ruft, weit oben. Dann Stille.

Als die Sonne aufgeht, glänzt das Wasser glatt wie Metall. Und wer am Ufer steht, schwört, er habe dort etwas gehört – nicht mit den Ohren, sondern mit dem Herzen: das Echo einer Stimme, die noch immer webt zwischen Erde und Himmel.

Nachwort – Die Wiederkehr der Stimme

Veleda starb – oder ging – als Mensch. Doch ihr Bild überdauerte: als die „Weise Frau im Nebel“, als Archetyp der Frau, die zwischen den Welten wandelt. Die Römer nannten sie Prophetin, die Christen später Hexe, die Dichter eine Muse des alten Nordens.
Aber in Wahrheit war sie nur eines: Die Erinnerung daran, dass Macht ohne Weisheit leer ist – und dass selbst die Sieger eines Tages dem Wind zuhören müssen.