Archäologie und Funde der Istævonen

Im schattigen Tal des Illerup Ådals, unweit der heutigen Stadt Århus in Dänemark, liegt ein scheinbar friedlicher Moorboden. Sanfte Wasserflächen spiegeln den Himmel wider, und das Gras wächst üppig zwischen den sumpfigen Flächen. Doch tief unter der Torfschicht ruhen Zeugnisse von Gewalt, Macht und Kulten vor mehr als 1500 Jahren. Hier fanden Archäologen eines der bedeutendsten Zeugnisse germanischer Geschichte: Mehrere Schlachtorte, deren Fundstücke Auskunft über das Leben, den Krieg und die Rituale der Germanen geben. Unter diesen Kriegern wird vermutet, dass die Istævonen, ein großer germanischer Stamm westlich der Elbe, eine wichtige Rolle spielten. Der folgende Bericht fasst Erkenntnisse aus archäologischen Grabungen und historischen Studien zusammen und ordnet sie in den Kontext der Geschichte und Kultur der Istævonen ein.

Sprache, Ethnizität und Identität der Istævonen

Der Begriff „Istævonen“ ist eine Fremdzuschreibung der römischen Geschichtsschreiber, wie auch die Bezeichnung „Germanen“. Schriftliche Quellen aus germanischer Hand fehlen weitestgehend; Runenschriften sind fragmentarisch und häufig nur kurz. Dies erschwert genaue Aussagen zur ethnischen Selbstdefinition und politischen Organisation der Istævonen. Istävonen ist die Bezeichnung für einen der drei Hauptstämme der frühen Germanen, die laut dem römischen Geschichtsschreiber Tacitus im Gebiet des heutigen nordwestlichen Deutschlands und am Rhein lebten. Sie werden nach dem mythischen Stammvater Mannus und seinem Sohn Istävo benannt. Zu den Istävonen gehörten später die Völker, die sich zum Bund der Franken vereinigten. 

Die moderne Forschung erkennt, dass das Bild der Istævonen (wie auch der Germanen allgemein) weniger eine starre ethnische Einheit sein dürfte, sondern vielmehr eine dynamische Kulturzone mit wirtschaftlichen, sozialen und militärischen Gemeinsamkeiten. Der Austausch, Handel und kulturelle Transfer mit benachbarten Gruppen, auch den Römern und Kelten, waren ausgeprägt. Lage, Bauweise der Häuser, Grabrituale und Kleidungsstile zeugen von einem weitgespannten Netz kultureller Einflüsse.

Die Istævonen und ihr Siedlungsraum

 Archäologische Funde der Region zwischen Norddeutschland und Dänemark geben Indizien für ihre Lebenskultur, doch die Quellenlage bleibt fragmentarisch und lässt vielfältige Interpretationen zu.

So fanden sich im Gebiet des heutigen Kreises Nordhausen Hinweise auf germanische Siedlungsspuren, die zum Teil bis in die frühe Eisenzeit zurückreichen. Ebenfalls aus dem nördlichen Raum, etwa in Schleswig-Holstein bei Heide, stammt ein archäologischer Komplex mit Siedlungs- und Kulturschichten von der Steinzeit bis in die römische Kaiserzeit (bis ca. 4. Jahrhundert n. Chr.). Diese Funde illustrieren die Kontinuität und Komplexität menschlicher Besiedlung der norddeutschen Tiefebene, welche sicher auch den Istævonen als kultureller Raum diente. 

 Fundkomplexe der Istævonen: Siedlungen, Waffen und Opferplätze

Die Ikone für die Archäologie der Germanen – und damit indirekt auch der Istævonen – sind die Funde aus solchen Moorgebieten wie dem Illerup Ådal. Hier hat man etwa 15.000 Waffenfragmente sowie persönliche Gegenstände geborgen, die auf mehrere Schlachtgeschehen zwischen den Jahren 200 bis 500 n. Chr. hinweisen. Die analysierten Artefakte zeigen eine außerordentliche Vielfalt und Deutungstiefe:

  • Waffen und Kriegerorganisationsstruktur: Die Funde umfassen Speere, Lanzen, Schilde und Schwerter, die teilweise aus römischer Produktion stammen, aber auch lokales Handwerk widerspiegeln. Eine erkennbare Rangordnung innerhalb der Krieger zeigt sich u. a. an der Verteilung von Schildbuckeln aus Gold, Silber, Bronze und Eisen. Die Spitzenriege hatte prunkvolle Schilde aus Gold- und Silberbändern, darunter auch sechs dieser kostbaren Exemplare.
  • Herkunftshinweise: Kämme aus Elch- und Rentiergeweih sowie Feuersteine aus Quarzit belegen den nordskandinavischen Ursprung der Angreifer. Ohne schriftliche Überlieferung ergibt sich damit aus den Funden ein Bild von mobilisierten Heeren, die sich aus weit verstreuten Regionen zusammensetzten, jedoch organisiert und diszipliniert agierten.
  • Kultischer Kontext der Waffenopfer: Die Praxis, Waffen nach Schlachten zeremoniell zu zerstören und als „Opfer“ in Moorseen zu versenken, fand auch bei den Istævonen statt. Die Beschädigung der Waffen durch Zerhacken sollte verhindern, dass sie weiterverwendet werden konnten – eine symbolische Handlung mit religiösem Hintergrund, möglicherweise zur Reintegration besiegter Feinde ins göttliche Reich oder zur Verhinderung künftiger Gewalt durch diese Waffen.

Mehrere Speerspitzen aus Illerup Ådal

Zusätzlich lassen zahlreiche Wohnstallhäuser und Siedlungsspuren in der Region auf den festen, organisierten Lebensraum schließen, aus dem diese Krieger stammten. Beispielhaft wird das Gut der Feddersen Wierde hervorgehoben, wo sich eine germanische Siedlung mit einer bis ins 5. Jahrhundert währenden Nutzung rekonstruieren lässt. Dort zeigen sich wandelnde Hausgrößen, Siedlungsdichte und soziale Schichtung: Hausabschnitte für Menschen und Vieh, Wohnbereiche mit kunstvoller Feuerstelle und Vorratslager zeugen von einer organisierten, landwirtschaftlich geprägten Gemeinschaft, die sich im Laufe der Zeit zunehmend hierarchisierte.

Leben und Gesellschaft: Archäologische Befunde zu Istævonen-Alltag

Innerhalb der Archäologie der germanischen Stämme sind Siedlungsstrukturen und Funde materieller Kultur zentrale Quellen für das Verständnis des Alltagslebens:

  • Wohnstallhäuser als Lebenszentrum: Die Wohnstallhäuser weisen durchgängig einen Bauplan mit Mittel- und Seitenschiffen auf, in welchem der vordere Teil als Wohn- und Lebensraum diente, der hintere als Stall. Die Häuser waren oft in West-Ost-Richtung ausgerichtet, um Wind abzuhalten und Innenräume zu wärmen.
  • Landwirtschaft und Ernährung: Getreide wie Gerste bildete die wirtschaftliche Grundlage, ergänzt durch das Sammeln und Verzehren von Wildpflanzen wie geschälten und gerösteten Eicheln. Nutztiere umfassten Ziegen, Schafe und Rinder, wobei letztere wegen Milchproduktion und Größe besonders geschätzt wurden. Die Landwirtschaft war auf Nachhaltigkeit ausgelegt, mit wechselnder Flächenbewirtschaftung.
  • Handwerk und Kunstfertigkeit: Neben der Metallverarbeitung existierten Stätten der Textilherstellung (Gruppen von Webgewichten belegen das), ebenso Verzierungen und Kleidung, die keineswegs schlicht waren. Germanische Frauen trugen oft fein bearbeitete, bunte Wollkleider und kunstvolle Frisuren, was etwa Ausgrabungen im dänischen Jütland bestätigen.

Die archäologischen Befunde zeigen, dass die Istævonen einem weitgespannten kulturellen Netzwerk entstammten, das regen Austausch mit römischen und keltischen Nachbarn pflegte. Römische Waren fanden ihren Weg in die Siedlungen – etwa Silbergefäße oder Töpferwaren wie Terra Sigillata. Ebenso legte der Kontakt mit dem Reich der Sassaniden in Persien Zeugnisse von Mobilität und Handel nahe, wie Funde sassanidischer Reliefkunst aus den späten Kaiserzeiten illustrieren, wenn auch diese Funde außerhalb des stereotypen Germanenbildes liegen.

Schlachten, Kriege und die soziale Organisation bei den Istævonen

Die Kriegerkultur der Istævonen stellte eine Facette ihrer komplexen Gesellschaft dar. Archäologische Befunde deuten darauf hin, dass Germanenheere, so auch bei den Istævonen, teilweise römisch inspiriert organisiert waren. Die stratifikatorische Verteilung der Waffen und Ausrüstungsgegenstände spricht für eine klare Hierarchie mit Heerführern, Offizieren und Fußsoldaten. Dabei war die Gesellschaft insgesamt jedoch keineswegs streng monarchisch: Historiker weisen auf eine flexible soziale Struktur hin, in der hierarchische Führungen auch wieder aufgehoben werden konnten, je nach politischer Lage.

Die berühmten Opferplätze wie Illerup Ådal erlauben Einblicke in kriegerische Ereignisse, die nicht in schriftlichen Quellen überliefert sind. Die gewaltvollen Auseinandersetzungen zwischen Germanen, aber auch zwischen Germanen und Römern, sind mit Funden von verletzten Skeletten und Kampfspuren auf modernen Ausgrabungen am Harzhorn (Thüringen) belegt. Dort wurde ein großes Gefecht zwischen Römern und Germanen aus der Mitte des 3. Jahrhunderts nach Christus nachgewiesen. Ebenso ermöglichen Grabfunde, so etwa aus dem Gebiet des heutigen Bad Füssing bei Passau, Einblicke in kriegerische Konflikte kurz vor dem Ende der römischen Herrschaft in Mitteleuropa.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel aus der Grabung in Bad Füssing ist der Fund des Reiters mit schweren Kopfwunden und weiteren Verletzungen, die auf einen gewaltsamen Tod hindeuten. Solche Funde bieten ein greifbares Bild vom leidvollen Alltag und den Umbrüchen der Zeit unmittelbar vor und in der Völkerwanderungszeit.

Bestattungssitten und Kultpraktiken

Die germanische Bestattungstradition ist – entgegen antiker Vorurteile – vielfältig. Archäologische Befunde zeigen sowohl Brand- als auch Körperbestattungen mit eine Fülle an Grabbeigaben, die sozial differenziert sind. Einige Gräber, wie etwa das so genannte Fürstengrab von Gommern, sind mit international bedeutenden Funden ausgestattet, welche Kontakte und Handelsbeziehungen bis in das Römische Reich belegen.

Rituale, bei denen Waffen und persönliche Gegenstände über Flüsse, Seen oder in Mooren versenkt wurden, hatten einen hohen symbolischen Stellenwert. Die Zerlegung und Zerstörung der Waffen vor der Opferung erscheint als Teil eines Kultaktes, der sowohl den Dank an die Götter als auch die Verhinderung von Unheil durch diese Waffen bezweckte. Die Funde von Illerup Ådal und ähnlichen Fundstellen stellen die eindrucksvollsten Zeugen dieser kulturellen Praxis dar.

Schlusswort: Wissenschaftliche Herausforderungen und Ausblick

Die Archäologie der Istævonen bietet faszinierende Einblicke in das Leben einer bedeutenden Gruppe germanischer Stämme, die über Jahrhunderte im heutigen Nord- und Mitteleuropa maßgeblich das kulturelle und politische Geschehen mitprägten. Die Vielzahl und Vielfalt der Funde aus Siedlungen, Schlachtfeldern und Opferstätten zeigen, dass es sich um eine komplexe, sozial differenzierte und vernetzte Gesellschaft handelte.

Dennoch bleiben Lücken in der Quellenlage bestehen: Schriftliche Überlieferung durch die Istævonen selbst gibt es nicht, und auch die römischen und späteren mittelalterlichen Berichte sind oft von politischen oder kulturellen Vorurteilen geprägt. Die archäologischen Stätten werden zudem aufgrund moderner Bautätigkeiten häufig nur in Teilen ausgegraben, bevor sie unwiederbringlich verschwinden. So etwa bei Siedlungsplätzen in Schleswig-Holstein, wo Neubaugebiete einer vollständigen Erforschung entgegenstehen.

Die Aufgabe künftiger Forschung wird es sein, mithilfe interdisziplinärer Ansätze – Archäologie, Anthropologie, Genetik, Sprachwissenschaft – ein noch umfassenderes Bild dieser germanischen Welt zu zeichnen und dabei auch die Vielgestaltigkeit der Gruppen und deren Kultur sichtbar zu machen. Nur so kann das über Jahrhunderte tradiert klischeehafte Bild der „Barbaren“ überwunden und durch eine komplexe Sachlichkeit ersetzt werden, die den Istævonen als historischen Akteuren gerecht wird.

Quellen