Im Schatten der Wälder: Die Bewaffnung der Cherusker
Im dichten Gehölz des Teutoburger Waldes, fernab Roms steinernen Straßen, konnte nach vielen innergermanischen Verhandlungen im Jahre 9 nach Christi Geburt ein Heer aufstellt werden, dessen Sieg das Schicksal Europas mitbestimmen sollte. Unter der Führung des Cheruskerfürsten Arminius, dem einst selbst Teile der römischen Kriegskunst als Führer germanischer Verbände (ductor popularium) gelehrt wurden, fanden nach zähem Ringen einheimische Krieger zueinander und standen bereit, ihre Freiheit mit Stahl und Schild zu verteidigen. Doch wie sah diese Bewaffnung genau aus? Welche Waffen führte ein Krieger der Cherusker in jenen entscheidenden Stunden mit sich, und wie unterschieden sich diese von den glänzenden und erstaunlichen Geräten der römischen Legionen? Der nachstehende Bericht rückt die materielle Kriegskunst jenes germanischen Stammes ins Licht der historischen Erkenntnis, beseelt vom pragmatischen Geist der Quellenlage.
Die Cherusker im Spiegel der Geschichte
Die Cherusker waren ein germanischer Stamm, der in der frühen römischen Kaiserzeit das obere Wesergebiet sowie Teile des heutigen Ostwestfalens und Niedersachsens besiedelte, westlich bis zur Elbe reichend. Ihre Geschichte bleibt bis heute lückenhaft und wird vor allem durch römische Schriftsteller wie Tacitus und Strabon überliefert. Bekannt wurden sie vor allem durch ihre Rolle im Aufstand gegen Rom, angeführt von Arminius: Der Schlacht im Teutoburger Wald (anno 9 n. Chr.) gelang es, drei römische Legionen vernichtend zu schlagen und somit die Ausdehnung des Imperiums östlich des Rheins vorerst zu stoppen.
Nach diesem Höhepunkt zerfielen die Cherusker allmählich, wurden von aufstrebenden Nachbarstämmen wie den Sachsen überlagert und sind spätestens im 2. Jahrhundert n. Chr. als eigenständiger Stamm aus den schriftlichen Quellen verschwunden. Ihre Kultur vermochte sich dennoch als Teil der germanischen Gesamtgesellschaft weiterzutragen.
Quellenlage zur Bewaffnung: Römische Berichte und archäologische Befunde
Die Quellenlage zur Bewaffnung der Cherusker ist durch die fehlende schriftliche Überlieferung ihrer eigenen Kultur beschränkt. Unser Wissen entstammt römischen Geschichtsschreibern (Velleius Paterculus), Feldzeichen, archäologischen Ausgrabungen sowie der materiellen Kultur germanischer Fundstätten zwischen Rhein, Weser und Elbe. Römische Geschichtsberichten, allen voran Tacitus‘ “Annalen”, sowie Fundorte wie Kalkriese und weitere mittel- und norddeutsche Fundstellen liefern indirekte Hinweise auf das Bild einer schlagkräftigen, wenn auch nicht einheitlich ausgerüsteten germanischen Kriegerschaft. Die Darstellungen sind daher stets mit Vorsicht zu genießen, da römische Berichte oft propagandistische Züge tragen und archäologische Funde unterschiedlich interpretiert werden können.
Die Waffenarsenale der Cheruskerkrieger
Das Waffenarsenal der Germanen war von Volk zu Volk, von Stamm zu Stamm unterschiedlich, je nach Einfluss und Möglichkeiten. Die Franken waren anders ausgerüstet als die Sachsen, usw. usf. Man musste sich selbst ausrüsten. Die ärmsten Krieger hatten nur eine Keule und ein Holzschild und versorgten sich dann bei den passenden Gelegenheiten auf dem Schlachtfeld.
Lanzen, Speere, Spieße
Die Cherusker nutzten typischerweise eine Standardausrüstung aus Lanze (Frame, der zeremoniell beim Thing dem nun erwachsenen Knaben überreicht wurde) und Schutzschild sowie einen Schildbuckel aus Eisen oder organischem Material (Leder, gehärtetes Holz). Höhergestellte Krieger konnten zusätzlich ein Schwert oder einen Wurfspeer (Pilum) führen, wobei das kurze römische Kurzschwert, der Gladius, bei den Germanen wie den Cheruskern mit Zugang zu römischen Produkten oder als Beute weit verbreitet war, da sie oft in den Kriegen mit den Römern gegen diese kämpften. Daher nutzen die Cherusker auch römische Waffen im Allgemeinen, wie das erwähnte römische Pilum. Waffenraub, bzw. die Übernahme von Waffen des Feindes ist in der Kriegsgeschichte allgegenwärtig und wird bis heute so gemacht; letztes Beispiel ist Afghanistan. Die Deutschen bedienten sich im letzten Krieg sogar bis zum Generalfeldmarschall fremder Waffen, wenn die eigenen fehlten oder unnütz waren, ich rede von Rommel in Afrika und den deutschen Landsern vor Moskau.
Das zentrale Element der Bewaffnung der Cherusker war der Speer, der nicht nur als Wurfwaffe, sondern auch im Nahkampf verwendet wurde. Als typische germanische Waffe diente der Speer als einfacher, aber wirkungsvoller Kampfgegenstand. Die Länge germanischer Speere variierte, aber typischerweise waren sie zwischen 1,80 und 2,40 Metern lang; speziellere Wurf- und Kampfspieße wie die Framea konnten eine Gesamtlänge von 2 bis 3 Metern erreichen.

Ein besonderes Augenmerk verdient die Framea, ein Kurzspeer oder Stichwaffe germanischer Herkunft, die den Kriegern Ermüdung im Gepränge ersparte und schneller geführt werden konnte. Tacitus erwähnt die Framea als charakteristische Waffe, doch ihre genaue Gestalt bleibt in den Quellen unbestimmt. Der Contus, eine lange Lanze, die auch einhändig oder beidhändig geführt werden konnte, wird ebenfalls als eine mögliche Waffe genannt.
Das Schwert — Sax und Spatha
Die Cherusker verwendeten neben dem Speer den Sax, ein einschneidiges Kurzschwert oder Messer, das zugleich Werk- und Waffe war. Die typischen Sax-Waffen beschränkten sich meist auf die Größe eines breiten Messers, konnten jedoch auch als Umhänge- oder Gürtelwaffen getragen werden. Ihre Klingen waren oft robust und für den Stichtechnikgebrauch ausgerichtet.
Neben dem Sax trat das Spatha, ein längeres, meist zweischneidiges Langschwert, welches durch römische Militärtechnik beeinflusst wurde und sich in der germanischen Kriegskultur zunehmend behauptete. Es war besonders im Kampf auf Distanz und zum Hieb geeignet, sein lange Klingenprofil unterschied sich von den römischen Kurzschwertern (Gladius) und zeigte die Mischung aus eigenen Traditionen und Adaptationen.
Nur höhergestellte Krieger führten ein wertvolleres Schwert. Dabei handelte es sich häufig um das römische Kurzschwert, den Gladius, da 90 % der Schwertklingen in römischen Werkstätten gefertigt wurden. Ferner gab es den Pugio: Ein Dolch, der ebenfalls Teil der Bewaffnung sein konnte. Lanzenspitzen oder andere Waffen waren oft mit Verzierungen wie Fischgrätenmustern oder Messingeinlagen verziert, was auf ihren besonderen Wert und die hohe Stellung des Besitzers hinweist.
Die Germanen gaben ihren Waffen Namen, insbesondere Schwertern, die oft eine hohe symbolische und soziale Bedeutung hatten. Neben individuellen Waffen wurden auch mythische Waffen wie Thors Hammer, Mjölnir, Namen gegeben. Im Nibelungenlied, das ja erst im 13. Jh. n. Ch. aufgeschrieben wurde, haben die Schwerter der wichtigsten Helden Namen, wie Siegfrieds Balmung bzw. Notung, oder Eckesachs und Nagelring, die Schwerter Dietrichs von Bern.
Schilde: Rund und massive Verteidigung
Die Germanen waren berühmt für ihre großen Schildkonstruktionen, die häufig rund waren und aus Holz bestanden, mit einem Eisenboss in der Mitte zum Abprallen von Hieben. Diese Schilde waren oft stark bemalt oder mit Symbolen verziert, wobei sachliche Angaben zur spezifischen Gestaltung der Cherusker-Schilde selten sind. Die Schutzwirkung war enorm und spielte eine wesentliche Rolle in der stämmigen Crux germanischer Kriegskunst.
Rüstung: Kettenhemden und Helme
Zur Rüstung zählen wir vor allem die vereinzelten Funde von Kettenhemden, die als „Ringbrünne“ oder „Ringpanzer“ bekannt waren. Ob und wie weit diese Verbreitung unter den Cheruskern war, bleibt unsicher. Archäologische Abklärungen zeigen, dass nur wenige germanische Krieger über solch Metallrüstung verfügten, da Kettenhemden teuer und aufwändig herzustellen waren. Ein Kettenhemd war oft mehrere hundert Mal so viel wert wie ein Rind, das selbst ein beträchtlicher Vermögenswert war. Es gab Funde, die zeigen, dass sie von der römischen Rüstung „Lorica hamata“ abgeleitet wurden oder diese sogar übernahmen und weiterentwickelten. Kettenhemden konnten sich sicher nur die Reichsten leisten.
Entwicklung: Kettenhemden wurden vermutlich um 500 v. Chr. von den Kelten entwickelt und von den Römern übernommen. Die Germanen übernahmen und adaptierten diese Technologie und entwickelten sie teilweise sogar weiter, wie der Fund des alamannischen Kettenhemds von Gammertingen belegt.

Funde: Ein bemerkenswerter Fund ist die Rekonstruktion eines 1.800 Jahre alten germanischen Kettenhemds aus Vimose. Fakt ist, dass die meisten Krieger sich lediglich mit Leder- oder Filzrüstungen schützten, während nur die wenigsten höheren militärische Führer oder germanische Gefolgsleute unter römischem Einfluss auch Kettenhemden und Helme trugen. Ich nehme an, dass es sich bei Kettenhemden bei den Cheruskern um Beutestücke oder eventuell Handelsobjekte von Römern handelt, aber es gab ganz sicher einige wenige im cheruskischen Heer.
Einige Germanen trugen bei Bedarf Helme. Im Gegensatz zur oftmaligen Darstellung in der Populärkultur (wie den mythologischen Hörnerhelmen) waren ihre tatsächlichen Helme jedoch funktional und variierten je nach Zeit, Region und Status des Trägers. Helme waren ein wichtiger Teil der Schutzausrüstung, aber wahrscheinlich nicht bei jedem cheruskischen Krieger vorhanden. Sie waren eher Statussymbole und teure Ausrüstungsgegenstände, die vor allem von wohlhabenderen oder hochrangigen Kriegern getragen wurden, da jeder Germane für die Beschaffung seiner Waffel selbst verantwortlich war.
Viele Helme, die in germanischen Gebieten gefunden wurden, waren Importe oder Nachbildungen von römischen Helmen. Cherusker dienten in römischen Diensten, wodurch sie Zugang zu römischer Ausrüstung, einschließlich Helmen, hatten, also hatten zumindest die Anführer auch welche auf. Zu den archäologisch belegten Helmformen gehören unter anderem Spangenhelme: Diese Helmform, die sich aus spätrömischen Kammhelmen entwickelte, war im Frühmittelalter (einschließlich der Völkerwanderungszeit) in Skandinavien und auf den Britischen Inseln (angelsächsische Helme) verbreitet.
Kammhelme: In der Bronze- und frühen Eisenzeit gab es in Nordeuropa Darstellungen und Funde von Kammhelmen, die teilweise mit vogelähnlichen (nicht gehörnten) Verzierungen versehen waren.
Materialien: Helme wurden hauptsächlich aus Eisen oder Bronze gefertigt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Helme in der cheruskischen Kriegerkultur durchaus gebräuchlich waren, oft durch Handel oder als Beutestücke erworben und in eigenen Werkstätten nachgebaut wurden.
Zusätzliche Waffen und Ausrüstung
Ferner gehörten kleine Messer, möglicherweise für den täglichen Gebrauch und den letzten Nahkampf, ebenso wie Pfeil und Bogen zur Ausstattung mancher Krieger. Daneben dienten einfache Werkzeuge auch als Waffen in der Hand. Die Bewaffnung war primär praktischen Bedürfnissen unterworfen, weniger einer einheitlichen Militärphilosophie.
Organisation und Kriegsführung der Cherusker
Arminius, ein Sohn eines Cheruskerfürsten, besaß sowohl tiefe Kenntnisse der römischen Kriegsführung als auch Zugang zur römischen Armee. Er nutzte diese Fertigkeiten, um seinen eigenen Stamm und ihn verbündete germanische Gruppen zu koordinieren. Die Krieger der Cherusker kämpften überwiegend in kleineren, beweglichen Verbänden, die den dicht bewaldeten Terrain im Teutoburger Wald durch schnelle, gezielte Hinterhalte ausnutzten.
Die Bewaffnung spiegelte diese Taktik wider: leichtere, handliche Waffen wie Speere und Sax waren im raschen Gehege des Waldes effektiver als schwer gepanzerte Haufenformationen. Die Region und die fehlende Ausrüstung für geschlossene Taktiken der Römer machten die Germanen zu unerwartet erfolgreichen Guerillakriegern.
Besondere Bedeutung der Varusschlacht für die Bewaffnung
Die entscheidende Rolle der Bewaffnung zeigte sich in der verheerenden Niederlage Roms bei der Varusschlacht. Die Cherusker konnten detaillierte Kenntnis der römischen Ausrüstung und Taktik einfließen lassen, wie auch die Vertrautheit ihres Anführers mit römischer Waffenhandhabung. Trotz der vielfach schlechteren materiellen Ausstattung konnten die Cherusker dank ihrer Flexibilität und Kenntnis des Waldgeländes einen schweren Schlag gegen drei Legionen führen.
Die Besonnenheit bei der Wahl ihrer Waffen, sowie die Vielzahl der verwendeten Typen von Speeren, Saxen und Spathen, zeugen von einer Bewaffnung, die hervorragend den kampfmethodischen Anforderungen entsprach. Die Bedeutung der Schild- und Verteidigungswaffen sowie der leichten, aber effektiven Bewaffnung war für geschlossenen römischen Formationen vernichtend.
Schlussbetrachtung: Ein Bild der Bewaffnung zwischen Mythos und Wirklichkeit
Die Cherusker-Fürsten und ihre Krieger hinterlassen mehr Fragen als Antworten bezüglich ihrer genauen Bewaffnung. Die Quellen reichen von römischen Berichten über Schlachtverläufe bis zu archäologischen Funden. Die weitgehende Abwesenheit eigener schriftlicher Quellen und die durchwachsene archäologische Beweislage drängen die Forschung zur vorsichtigen Rekonstruktion.
Dennoch lässt sich festhalten, dass die Bewaffnung der Cherusker eine Mischung deutscher Überlieferung, praktischer Anpassung an das Terrain und römischer Einflüsse war. Speer und Framea, Sax und Spatha, runde Schilde aus Holz und gelegentliche Kettenhemden bilden das Bild einer kriegerischen Gesellschaft mit flexibler Bewaffnung, die es vermochte, das mächtigste Reich seiner Zeit zu bezwingen.
Quellen
- Hermann der Cherusker – GEO
- Römerschlachten gegen Germanen – DER SPIEGEL
- Cherusker – Historia Wiki
- Dem völkischen Bild der Germanen ein Gegenbild setzen – NDR
- Cherusker – Encyclopædia Wiki
- Das Heer des Arminius – Zeughaus Verlag
- Cherusker – Mittelalter Wiki
- Cherusker – Germanologie
