Archäologie und Funde der Juthungen
Im Frühling des Jahres 2025, als Archäologen in einem entlegenen Moorgebiet nahe der oberen Donau begannen, die Fundamente eines frühgeschichtlichen Lagers freizulegen, bot sich ein faszinierender Blick auf die Spuren eines germanischen Stammes, der unter dem Namen Juthungen in den antiken Quellen erwähnt wird. Zwischen den Überresten von zerhackten Waffen und verstreuten, in Stoffbündel gewickelten Kriegsausrüstungen, die einst in einem Moor versenkt wurden, zeichnete sich langsam das Bild einer bewegten Epoche ab, in der die Juthungen als Teil der alemannischen Völkerwelt eine Rolle spielten.
Die Juthungen – Ein germanischer Stamm im Schatten der Alemannen
Die Juthungen, gelegentlich auch Iuthungen genannt, waren ein germanischer Volksstamm der Spätantike, der nördlich von Donau und Altmühl siedelte. Ihre Entstehung und Herkunft sind nur bruchstückhaft überliefert, doch bieten insbesondere archäologische Inschriften und römische Historiker wertvolle Hinweise. So vermerkt der Augsburger Siegesaltar aus dem Jahr 260 eine Inschrift, die von den „barbaros gentis Semnonum sive Iouthungorum“ spricht – also von Barbaren aus dem Stamm der Semnonen oder den Juthungen.[9] Dies lässt vermuten, dass die Juthungen aus der suebischen Teilgruppe der Semnonen hervorgegangen sind. Sie werden von historischen Quellen sowohl als selbstständige Gruppe als auch als Teil der Alemannen bezeichnet.[1][9]
Der Name „Juthungen“ selbst erscheint sprachlich als Erweiterung des germanischen Wortes für „Abkömmlinge“ oder „Nachkommen“. Verschiedene germanistische Untersuchungen führen ihn auf altisländische, gotische und althochdeutsche Formen zurück, wobei nicht vollständig geklärt ist, ob sich der Name von einer Personenbezeichnung oder einem Kollektiv ableitet.[1]
Historisch werden die Juthungen erstmals um das Jahr 230 nach Christus in der Nähe der Quaden an der Donau erwähnt – also östlich des Gebiets, das man heute als Mitteleuropa betrachtet.[1] Sie beteiligten während der römischen Reichskrise des 3. Jahrhunderts an Einfällen in das Römische Reich, mussten aber Rückschläge hinnehmen, etwa durch den römischen Kaiser Aurelian, der sie aus den Gebieten am Alpenrand zurücktrieb.[1][9]
Archäologische Befunde – Von Waffenopfern bis zu Siedlungsstrukturen
Die archäologische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten bedeutende Funde im Kontext germanischer Stämme hervorgebracht, die auch das Bild der Juthungen zu beleuchten vermögen. Obwohl es bislang keine explizit als „juthungisch“ ausgewiesenen Fundstellen gibt, so sind doch die Lebensumstände und kriegerischen Auseinandersetzungen jener Zeit durch Funde anderer alemannischer Stämme sowie germanischer Gruppen gut erforscht und erlauben Rückschlüsse auch auf die Juthungen.
Ein Beispiel hierfür ist das Moorgebiet Illerup Ådal in Dänemark, wo eine Art archaischer Heeresfriedhof entdeckt wurde. Zahlreiche Waffen, Rüstungsteile und persönliche Gegenstände, die rituell zerhackt und versenkt wurden, legen Zeugnis davon ab, wie kriegerische Auseinandersetzungen und damit verbundene religiöse Handlungen im 3. bis 5. Jahrhundert abgehalten wurden.[5] So wurden nach Grabungen hier über 15.000 zerstörte Waffenfragmente geborgen, die durch ihren Fundort und ihre Beschaffenheit wichtige Erkenntnisse über die Mobilität und Organisationsstruktur germanischer Heere liefern. Die straffe Gliederung der Truppe, vom einfachen Fußvolk bis zu Offizieren, die an den Materialien der Schilde erkennbar wird, zeugt von einer militärischen Organisation, die sich engen Kontakten zur römischen Kriegskultur verdankt.[5]
Auch in anderen Bereichen der Forschung zeichnen sich klare Merkmale germanischer Gesellschaften ab: Archäologische Befunde wie etwa die Wohnstallhäuser von Feddersen Wierde geben Einblick in Siedlungsstrukturen,[5] deren Bauweise sich von Skandinavien bis ins Mittelgebirge Mitteleuropas erstreckte und den Lebensalltag mehrerer Generationen prägte. Die Häuser waren in der Regel langgestreckt mit drei Einheiten: Wohnraum, Arbeitsbereich und Stall. Die Bewohner lebten eng zusammen mit ihren Tieren, was auch archäologische Funde von Stallflächen und Hausgrundrissen nachweisen.[5]
Zusätzlich zeigen Funde auf germanischen Friedhöfen, dass die Bestattungstraditionen vielgestaltiger waren, als sie antike Autoren glauben machten. Verbrannt wurde teilweise, aber es fand sich ebenso die Beisetzung in Särgen oder Urnen sowie mit und ohne Beigaben. Wichtige Personen erhielten manchmal aufwendig verzierte Gräber wie das des sogenannten Fürsten von Gommern mit römischem Silber und weiteren Kostbarkeiten – was Einblicke in soziale Hierarchien und Austauschbeziehungen zwischen Germanen und Römern liefert.[5]
Die Juthungen im Kontext der Spätantike – Krieg und Wandel an der Donau
Die Geschichte der Juthungen in den schriftlichen Quellen ist eingebettet in jene Phase, in der Rom seine nordöstlichen Grenzen zu verteidigen suchte. Erste Erwähnungen finden sich 259/260 n.Chr. in Zusammenhang mit einem Einfall in das Römische Reich, der bis in das Gebiet des heutigen Italiens reichte und vom Römischen Statthalter Marcus Simplicinius Genialis niedergeschlagen wurde.[9]
In den folgenden Jahrzehnten treten die Juthungen häufig zusammen mit den Alemannen auf, etwa bei Einfällen in die Provinz Raetia zwischen 356 und 358 oder im Jahr 383, als eine Allianz aus Alanen und Hunnen die Juthungen zurückdrängte.[9] Im frühen 5. Jahrhundert kämpfte der Feldherr Flavius Aëtius gegen sie, wobei die Juthungen zuletzt aus den Quellen verschwinden und möglicherweise mit anderen alemannischen Gruppen verschmolzen oder in die Sueben integriert wurden.[1][9]
Ein eindrucksvolles Zeugnis für diese Zugehörigkeit der Juthungen zu den Sueben ist ein Altar, der den Streitkräften der „(mat)ribus Suebis Euthungabus“ geweiht wurde – eine Inschrift, die als ein wichtiges Dokument für die frühere Namensform und die Stammeszugehörigkeit dient.[1]
Umbruch und Migration – Die Bajuwaren als Nachfolger im Süden
Spätestens im 5. und 6. Jahrhundert nach Christi Geburt vollzog sich im südlichen Alemanni- und Donaugebiet ein tiefgreifender Wandel. Archäologische Funde aus dem Bayerischen Bad Füssing legen dar, wie neue Gruppen, aus denen später die Bajuwaren hervorgingen, die Region südlich der Donau prägten.[6][7]
Das dort entdeckte Gräberfeld enthält nicht nur Bestattungen der sogenannten „bajuwarischen Prinzessin“ aus dem 6. bis 7. Jahrhundert mit prächtigen Grabbeigaben, sondern auch deutlich ältere Grabstätten, die sich auf die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts datieren lassen.[6] Diese zeigen, dass die Umbruchszeit vom Ende der römischen Dominanz bis zum Frühmittelalter von Wanderungsbewegungen und Vermischungen romanisierter Kelten mit hereingewanderten Alamannen und Langobarden geprägt war.[6][7]
Besonders eindrucksvoll ist der Fund eines Mannes, der vermutlich im Kampf gestorben ist. Die Verletzungen am Körper lassen auf einen gewaltsamen Tod schließen, wobei ein Reitersporn auf seine Zugehörigkeit zu einer reiterlich mobilen Kriegerelite hinweist.[6] Solche Funde demonstrieren den rauen und bewegten Charakter der Zeit, die von Konflikten, Migrationen und gesellschaftlichen Umstrukturierungen gekennzeichnet war.[6]
Zwischen Römern und Germanen – Austausch, Konflikt und Verflechtung
Die jahrhundertelange Nachbarschaft zwischen Römern und Germanen, wozu auch die Juthungen gehörten, war von wechselvollem Verlauf. Mal waren beide Seiten Handelspartner und Verbündete, dann wieder standen sie im Krieg.[8] Archäologische Forschungsarbeiten belegen, dass die Kulturen sich trotz klarer Unterschiede gegenseitig beeinflussten.
Funde aus römischen Kastellen mit lateinischer Inschrift und weltlichen Dokumenten von germanischen Soldaten etwa zeigen, dass die kulturelle und militärische Vernetzung deutlich größer war, als es reine historisch-literarische Quellen vermuten lassen.[4][8] So sind römische Götterstatuen wie Merkur oder Mars auch in germanischen Siedlungen belegt. Zudem lassen sich in germanischer Kleidung, Haartracht und Hausbau Einflüsse aus römischer und keltischer Kultur nachweisen.[4]
Die römischen Quellen – etwa Tacitus, Ammianus Marcellinus oder Sidonius Apollinaris – schildern die Germanen oft auf pauschalisierende und stereotypische Weise, die jedoch nicht dem heutigen archäologischen und wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechen. Vielmehr zeichnet sich eine Gesellschaft ab, die mobil, dynamisch und sozial differenziert war, mit ausgeprägter Flexibilität in Herrschafts- und Kriegshandhabung.[3][4][5]
Schlussbetrachtung – Die Juthungen als Teil eines vielgestaltigen germanischen Gefüges
Die Juthungen sind als germanischer Stamm der Spätantike ein Beispiel für die komplexen und oft schwer fassbaren ethnischen Gruppierungen jener Zeit. Als Teil der Alemannen standen sie in einem engen Verhältnis zu benachbarten Völkern, insbesondere den Sueben.
Während schriftliche Quellen einige Eckdaten nennen, bleibt Vieles im Dunkeln. Archäologische Forschungen ermöglichen jedoch ein lebendigeres Bild ihrer Lebenswelt: die sozialen Strukturen, die kriegerischen Auseinandersetzungen und die Kulturkontakte mit dem Römischen Reich. Die Funde aus Wehrhöfen, Siedlungen, Mooren und Gräbern zeigen eine Gesellschaft, die weit entfernt ist von veralteten Vorstellungen von primitiven „Barbaren“. Vielmehr offenbaren sie eine bewegliche, vernetzte Volksgruppe, die mit anderen Kulturen auf vielfältige Weise in Beziehung stand.
Die Juthungen verschwinden im Verlauf des 5. Jahrhunderts als eigenständiges Volk aus den Quellen, doch ihr Erbe setzt sich in den nachfolgenden germanischen Stämmen und Kulturen fort, die den Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter mitgestalteten.
Quellen
- https://mittelalter.fandom.com/de/wiki/Juthungen
- https://www.thueringer-allgemeine.de/lokales/nordhausen/article410517062/spuren-alter-welten-archaeologen-entdecken-im-kreis-nordhausen-die-geschichte.html
- https://welt.de/regionales/nrw/article256189652/Germanen-Wie-die-Archaeologie-das-Bild-unserer-Vorfahren-von-alten-Nazi-Klischees-befreit.html
- https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/die-germanen–wie-unsere-vorfahren-wirklich-lebten-36047010.html
- https://www.spiegel.de/spiegelgeschichte/archaeologen-funde-zeigen-leben-sterben-und-kriege-der-germanen-a-890965.html
- https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/graeberfeld-beleuchtet-anfaenge-der-bajuwaren/
- https://www.sueddeutsche.de/bayern/bad-fuessing-siedlungen-inn-bajuwaren-geschichte-archaeologie-li.3337079
- https://www.wissenschaft.de/ausstellungen/rom-und-die-germanenkeine-gute-nachbarschaft/
- https://de.wikipedia.org/wiki/Juthungen
- https://www.archaeologie-online.de/aktuell/
