Im Sog der Geschichte: Archäologische Entdeckungen zu den Hermunduren

Stell man sich vor, eine Gruppe von Archäologen durchwühlt sorgfältig einen Boden im Thüringer Becken, nahe dem Ufer der Elbe. Zwischen Urnen, Fibeln und eisernen Waffen tauchen sie ein in das Leben eines germanischen Stammes, der einst dort lebte: den Hermunduren. Diese Funde öffnen ein Fenster zu einem Volk, das im Schatten der großen Germanenstämme stand, doch dessen Spuren sich als bedeutsam erweisen. Der Blick richtet sich auf ein Volk, das zwischen Mythos und Geschichte wandelte, dessen tatsächliche Wege und Herkunft jedoch nur schrittweise durch das Lösen archäologischer Puzzle erforscht werden können.

Die Hermunduren im Spiegel antiker Quellen und archäologischer Befunde

Die Hermunduren oder Ermunduren gehören zusammen mit Sweben und Semnonen zum elbgermanischen Stämmebund der Erminonen. Der Name ihres mythischen Ahnherrn Ermin oder Irmin bedeutet „der Gewaltige“. So heißen die Ermunduren übersetzt „die gewaltigen Duren“ oder „Groß-Duren“. Tacitus und andere römische Autoren rechnen sie den Sueben zu. Tacitus selbst verzeichnet sie neben nahen Nachbarn wie den Markomannen, Quaden und Naristern als „treu ergebene Freunde der Römer“, eine bemerkenswerte Äusserung angesichts des oft verfeindeten Verhältnisses zwischen Germanen und Imperium.

Die antiken Nachrichten skizzieren einige Ereignisse, die die Hermunduren bewegten: Vermutlich um 3 v. Chr. wurden Gruppen von ihnen durch den römischen Legaten Lucius Domitius Ahenobarbus in das vom Markomannenkrieg verlassene Gebiet am Main umgesiedelt. Im Jahr 5 n. Chr. standen Hermunduren im Rahmen des sogenannten immensum bellum einer römischen Armee unter Tiberius an der oberen Elbe gegenüber, doch es kam nicht zu Kämpfen. Gewaltiger waren die Konflikte um 51 n. Chr., als der hermundurische Fürst Vibilius zusammen mit seinen Verbündeten den Usurpator Katualda an der Donau stürzte.

In der legendären Salzschlacht von 58 n. Chr., vermutlich um die Salzquellen bei Werra oder Saale, man weiss es nicht genau, gelang laut Tacitus den Hermunduren ein entscheidender Sieg über die Chatten.

Ich zitiere aus seinem Geschichtswerk Annales im 57. Kapitel seines dreizehnten Buches:

„In demselben Sommer ward zwischen den Hermunduren und den Chatten eine große Schlacht geschlagen, da beide Völker einen Fluss, der einträglich war, indem er Salz erzeugte, und an der gemeinsamen Grenze belegen, mit Gewalt an sich zu bringen suchten.

Mehr noch als ihre Sucht, alles mit den Waffen zu entscheiden, wirkte der angestammte Glaube: jene Stätte sei dem Himmel vorzüglich nahe, und das Gebet der Sterblichen werde von den Göttern nirgends so aus der Nähe vernommen.

Deshalb lasse die Huld der Gottheiten in jenem Flusse, in jenen Wäldern das Salz entstehen: nicht bilde es sich wie bei andern Stämmen, indem ausgetretenes Meerwasser verdunste, sondern, da das Wasser über einen Haufen brennender Baumstämme gegossen werde, erwachte es aus den entgegengesetzten Elementen, Feuer und Wasser.

Doch der Krieg von den Hermunduren mit Glück geführt, ward der Chatten Verderben, weil sie im Falle des Sieges die feindliche Schlachtreihe dem Mars und Mercurius geweiht hatten: ein Gelübde, nach welchem man Rosse, Männer, alles was bei den Besiegten sich findet, der Vernichtung anheimgeht. Nun wandte ihr feindseliges Drohen sich gegen sie selbst.

Doch die uns verbündete Gemeinde der Vidonen ward von einem nicht geahnten Unglücke schwer betroffen. Denn Flammen, die aus der Erde hervorbrachen, ergriffen hier und da Landhäuser, Äcker, Dörfer, und drangen selbst in die Mauern der neu gegründeten Colonie.

Auch gelöscht werden konnten sie nicht, mochten Regengüsse herabstürzen, mochte man Flusswasser oder sonst eine Flüssigkeit anwenden; bis in Ermangelung eines Mittels und aus Erbitterung über das Unheil einige Landleute aus der Ferne Steine drauf schleuderten, dann, wenn das Feuer sank, näher sich heranwagten, mit Knitteln und sonst auf alle Weise auf die Flammen einhieben, und sie wie wilde Thiere fortscheuchten.

Zuletzt warfen sie Kleidungsstücke, die sie sich vom Leibe rissen, darauf: je gemeiner, je mehr sie durch den Gebrauch befleckt waren, desto besser sollten sie das Feuer ersticken.“

– Tacitus, Annales 13,57

Bis zum 2. Jahrhundert n. Chr. sind sie weiter in den Wirren der Markomannenkriege verstrickt, wo sie auf Seiten der aufständischen Markomannen und Quaden gegen den römischen Kaiser Marcus Aurelius kämpften.

Bild: Kampf der Hermunduren und Katten um die Salzquellen bei Kissingen 58 nach Christo (Detail), gemalt von Georg Hiltensperger jun., 19. Jhd., Staatliches Museum für Völkerkunde München

Archäologische Zeugnisse aus dem Thüringer Raum

Die Archäologie stützt die schriftlichen Zeugnisse und fügt dem Bild neue Dimensionen hinzu. Im Raum Thüringen, der das Herzland der Hermunduren sein könnte, wurden zahlreiche Funde elbgermanischer Provenienz zutage gefördert: Fibeln, eiserne Waffen, Terrinen, Schalenurnen und Keramik mit charakteristischen Rädchenverzierungen. Diese Artefakte wurden zumeist als Zeugnisse der hermundurischen Kultur interpretiert.

Besonders beachtenswert ist das Brandgräberfeld bei Großromstedt, das in den frühen 1900er Jahren ausgegraben wurde. Es datiert in die späte vorrömische Eisenzeit und frühe römische Kaiserzeit (2. Hälfte 1. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jahrhundert n. Chr.) und ist namensgebend für die sogenannte Großromstedter Kultur, lange mit den Hermunduren in Zusammenhang gebracht.

Bedeutsam bleibt indes, dass ab ungefähr dem 4. Jahrhundert n. Chr. für rund 300 Jahre keine zuverlässigen Nachrichten zum Siedlungsgebiet der Hermunduren überliefert sind. Es wird angenommen, dass sie abwanderten oder verdrängt wurden: Um diese Zeit wanderten andere Stämme wie die Angeln und Warnen von Norden her in das Gebiet ein, was schließlich zur Herausbildung des Stammesverbandes der Thüringer führte.

Neuere Forschungen relativieren jedoch die traditionelle Vorstellung, dass die Hermunduren direkt als Vorfahren der Thüringer gelten könnten. Die Quellenlage und archäologische Zeugnisse lassen vermuten, dass die Hermunduren eher am östlichen, rechten Elbufer sowie im Donauraum beheimatet waren, während das spätere Thüringer Kerngebiet links der Elbe lag. Somit kann für Teile Mitteldeutschlands keine gesicherte Kontinuität zwischen Hermunduren und Thüringern belegt werden.

Hermunduren und ihr Kontext im germanischen Kulturraum

Die Hermunduren waren Teil einer vielfältigen und dynamischen Welt germanischer Stämme, die entlang von Flüssen wie Elbe und Donau siedelten. Sie gehörten zur größeren Stammesgruppe der Sueben, wie der römische Historiker Tacitus sie aufführt. Sekundärquellen und archäologische Funde geben Einblick in ein Leben, das nicht allein von Kriegen geprägt war, sondern auch vom Anliegen, in der römischen Welt Fuß zu fassen.

So ist es beispielhaft, dass sich Gruppen der Hermunduren teilweise in das Machtgefüge des römischen Imperiums integrierten, wie sich aus ihren militärischen Allianzen und Kämpfen für Rom sowie späteren Bündnissen zeigt. Die hermundurischen Führer wie Vibilius nahmen Einfluss auf regionale Machtverhältnisse und waren Teil von politischen Prozessen, die weit über ihre Stammesgrenzen hinausreichten.

Siedlungen, Funde und Fortleben germanischer Identität

Im Verlauf der römischen Kaiserzeit etwa ab dem 1. Jahrhundert nach Christus nehmen archäologische Zeugnisse zu, welche die Kulturlandschaft der Hermunduren mit Elementen wie besiedelten Grundstücken, Brandgräbern und besonderen Keramikstilen prägen. Die Funde stützen die Annahme einer schrittweisen Ausdehnung und Vermischung mit anderen Gruppen, darunter auch keltischen Siedlern, vor allem in Regionen südwestlich ihrer ursprünglichen Siedlungsgebiete.

Allerdings bleibt der archäologische Nachweis für den Raum des heutigen Thüringen selbst zurückhaltend. Während Fundstücke elbgermanischer Provenienz häufig hermundurisch gedeutet wurden, ist eine direkte Zuordnung schwierig. Im Gegensatz zu solchen Spuren westlich und südlich der Elbe fehlen für manche Gebiete klare Befunde, die eine hermundurische Präsenz bestätigen würden.

Diese Unklarheiten sind Teil des größeren Problems, germanische Stammesnamen und -zugehörigkeiten präzise archäologisch zu fassen. Die antiken Autoren liefern zwar Namen und Berichte, oft aber sind diese ungenau, bruchstückhaft oder stilisiert. Dies gilt für die Hermunduren ebenso wie für andere Stämme.

Archäologische Kontextualisierung im Vergleich und Ausblick

Die Hermunduren sind nur ein Glied in der Kette germanischer Kulturgruppen. Vergleicht man ihre archäologischen Hinterlassenschaften mit anderen Gruppen wie den Sueben, Alamannen oder Markomannen, erkennt man eine gemeinsame Dynamik: Integration in das römische Reich, Wanderschaft, Kriege, und schließlich die Verschmelzung mit späteren Stammesbildungen.

Funde aus dem Kreis Nordhausen in Thüringen bezeugen germanische Siedlungsspuren, deren stilistische und materielle Merkmale elbgermanisch interpretiert werden. Jedoch ist für viele dieser frühgeschichtlichen Stätten die Benennung eines konkreten Stammes problematisch. Die archäologische Schicht der Hermunduren überlagert sich hier mit anderer germanischer oder keltischer Präsenz.

Die Geschichte der Hermunduren mündet somit in der schwierigen Epoche der Völkerwanderung, als germanische Stämme in ständiger Bewegung waren und neue Stammesbildungen entstanden. Die Thüringer, die später jene Regionen besiedelten, nahmen womöglich nur teilweise Abstammung oder Kulturtraditionen der Hermunduren auf. Damit bleibt das Verhältnis dieser beiden Völkergruppen archäologisch und historisch umstritten.

Symbolik und Kultur: Der Alltag der Germanen jenseits der Hermunduren

Auch wenn die direkte Zuordnung mancher archäologischer Fundstellen zu den Hermunduren nur mit Vorbehalt geschieht, bieten neuere Forschungen einen weiteren Blick in die Kultur germanischer Stämme. Die Germanen lebten keineswegs in primitiven Verhältnissen: Ihre Häuser waren in charakteristischer Weise gebaut, beispielsweise als Wohnstallhäuser mit klar definierten Wohn-, Wirtschafts- und Stallteilen. Farbenfrohe Trachten und aufwendige Frisuren waren nicht untypisch, und Totenrituale wie die Brandbestattung wurden mit großer Sorgfalt vollzogen.

Das soziale Gefüge war flexibel, oftmals durch kleine Herrschaften geleitet, die in der Lage waren, größere Gefolgschaften zu mobilisieren, wie etwa die etwa 1000 Krieger, die im frühen 3. Jahrhundert eine Kriegsfahrt nach Jütland unternahmen. Trotz martialischer Erscheinung waren die Germanen auch Handelspartner des römischen Imperiums und übernahmen römische kulturelle Elemente, etwa in Kleidung, Grabmalkultur und Militärorganisation.

Fazit: Die Hermunduren zwischen Archäologie und Geschichte

Die Hermunduren sind für den heutigen Betrachter eine historische Herausforderung: Zwar erwähnen römische Quellen sie mehrfach im Zusammenhang mit politischen und kriegerischen Ereignissen, doch ihre materielle Kultur und ihr genaues Siedlungsgebiet bleiben zum Teil im Nebel der Zeit verborgen. Archäologische Funde wie jene bei Großromstedt dokumentieren eine eigene Kultur und Lebensweise, gleichwohl lässt sich der Stammesname nur bedingt auf konkrete Fundstellen anwenden.

Die Forschung arbeitet kontrovers und schafft es Schritt für Schritt, die hermundurische Geschichte in den größeren Kontext der elbgermanischen Stammeswelt und der römischen Kaiserzeit einzubetten. Die lückenhafte Quellenlage erfordert Fingerspitzengefühl; die Hermunduren stellen ein wichtiges, jedoch nichtexklusives Bindeglied zwischen frühgermanischer Stammesorganisation und den entstehenden Völkerformationen der Spätantike dar.

Quellen

Automatisch verlängert, da die Quellenlage begrenzt ist.