Die Haruden – Ein germanischer Stamm zwischen antiken Schriftquellen und archäologischer Forschung
1. Einleitung
Die Geschichte der germanischen Stämme ist bis heute nur fragmentarisch überliefert. Da sie selbst keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, sind Historiker und Archäologen auf die Berichte antiker Autoren sowie auf archäologische Funde angewiesen. Einer dieser nur selten erwähnten Stämme sind die Haruden, auch Haruder genannt. Trotz ihrer spärlichen Nennung in den Quellen lassen sich anhand literarischer Überlieferung und archäologischer Vergleichsfunde Rückschlüsse auf ihre Herkunft, ihre Lebensweise und ihre Einbindung in die germanische Welt ziehen. Ziel dieser Arbeit ist es, den Stamm der Haruden vorzustellen und ihn in den historischen und kulturellen Kontext der germanischen Frühgeschichte einzuordnen.
2. Die Haruden in den antiken Schriftquellen
2.1 Erste Erwähnungen bei Caesar
Die früheste bekannte Erwähnung der Haruden findet sich im Werk „De bello Gallico“ des römischen Feldherrn Gaius Iulius Caesar. Er nennt die Haruden als Teil einer Koalition germanischer Stämme unter der Führung des Suebenkönigs Ariovist.

Bild: Ariovist, Johann Nepomuk Geiger (1805–1880)
Diese Stammesgruppe drang im letzten Drittel des 1. Jahrhunderts v. Chr. in das Gebiet Galliens ein, um dort neues Siedlungsland zu gewinnen. Caesar berichtet, dass diese germanischen Gruppen im Jahr 51 v. Chr. von römischen Truppen besiegt wurden. Genauere Angaben zur ursprünglichen Siedlungsregion der Haruden macht er jedoch nicht, was ihre frühe geografische Einordnung erschwert.
2.2 Lokalisierung bei Ptolemäus und spätere Nennungen
Einen wichtigen Hinweis auf die spätere Verortung des Stammes liefert der antike Geograph Claudius Ptolemäus. In seiner „Geographike Hyphegesis“ erwähnt er die sogenannten Charuder im nördlichen Teil Jütlands. Die Namensähnlichkeit lässt darauf schließen, dass es sich um denselben Stamm oder zumindest um eine eng verwandte Gruppe handelt. Die Region Hardsyssel im heutigen Dänemark könnte ihren Namen von diesem Stamm erhalten haben.
Im 6. Jahrhundert erwähnt der Historiker Jordanes die Arothi, die möglicherweise mit den Haruden in Verbindung stehen. Ob es sich dabei um direkte Nachfahren oder lediglich um eine Namensvariante handelt, ist in der Forschung umstritten. Ebenso wird diskutiert, ob sich der Stammesname in späteren geografischen Bezeichnungen wie dem norwegischen Hordaland erhalten hat.
3. Archäologische Befunde und ihre Aussagekraft
3.1 Siedlungswesen und Hausbau
Da kein eindeutig den Haruden zuzuordnender Fundplatz bekannt ist, erfolgt ihre archäologische Einordnung über Vergleichsfunde aus dem nordgermanischen Raum. Germanische Siedlungen bestanden überwiegend aus langgestreckten Wohnstallhäusern, in denen Menschen und Tiere gemeinsam lebten. Diese Bauform ist vor allem in Jütland gut belegt und weist auf eine agrarisch geprägte Lebensweise hin. Die standardisierten Grundrisse lassen auf feste soziale Strukturen und überlieferte Baukonzepte schließen.

3.2 Bestattungssitten
Auch das Bestattungswesen bietet wichtige Einblicke in die Gesellschaftsstruktur der Germanen. Es existierten verschiedene Bestattungsformen, darunter Brand- und Körperbestattungen. Grabbeigaben wie Waffen, Schmuck oder Alltagsgegenstände geben Hinweise auf sozialen Status, Geschlechterrollen und kulturelle Kontakte. Veränderungen in den Bestattungsritualen lassen sich zudem als Ausdruck kulturellen Wandels deuten, insbesondere im Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter.
3.3 Krieg, Schlachtfelder und Mooropfer
Von besonderer Bedeutung sind archäologische Schlachtfeldfunde, etwa am Harzhorn oder bei Northeim. Dort gefundene Waffen und Ausrüstungsgegenstände erlauben detaillierte Rückschlüsse auf militärische Auseinandersetzungen zwischen Römern und Germanen. Ergänzt wird dieses Bild durch Mooropferplätze wie Illerup Ådal in Dänemark, wo große Mengen zerstörter Waffen rituell niedergelegt wurden. Diese Funde zeigen, dass Krieg nicht nur eine politische, sondern auch eine religiöse Dimension besaß.
4. Gesellschaft, Kultur und Lebensweise
Die germanischen Stämme waren keine fest organisierten Staaten, sondern lose Verbände mit temporären Anführern. Macht basierte auf persönlichem Ansehen, militärischem Erfolg und der Unterstützung durch Gefolgschaften. Kleidung und Schmuck zeugen von handwerklichem Können und einem ausgeprägten ästhetischen Empfinden. Religiöse Vorstellungen waren vielfältig und schlossen sowohl einheimische Gottheiten als auch Einflüsse aus der römischen Welt ein. Wirtschaftlich dominierten Viehzucht und kleinräumiger Ackerbau, ergänzt durch Jagd und Sammelwirtschaft. Archäologische und genetische Befunde belegen zudem eine hohe Mobilität und Durchmischung der Bevölkerung.
5. Probleme und Grenzen der Forschung
Die Erforschung der Haruden ist durch die geringe Quellenlage stark eingeschränkt. Antike Berichte sind oft fragmentarisch und aus römischer Perspektive verfasst, während archäologische Funde nur selten eindeutig einem bestimmten Stamm zugeordnet werden können. Dennoch ermöglicht die Kombination verschiedener Forschungsansätze eine Annäherung an die Lebenswirklichkeit dieser frühen Gemeinschaften.
6. Fazit
Die Haruden sind ein Beispiel für die vielen germanischen Stämme, deren Geschichte nur in Umrissen rekonstruierbar ist. Trotz der lückenhaften Überlieferung lassen sich durch die Auswertung antiker Texte und archäologischer Vergleichsfunde grundlegende Aussagen über ihre Herkunft, ihre Lebensweise und ihre Einbindung in die germanische Welt treffen. Die Haruden erscheinen dabei nicht als isolierte Randgruppe, sondern als Teil einer dynamischen, kulturell vielfältigen und mobilen Gesellschaft, die wesentlich zur frühgeschichtlichen Entwicklung Europas beitrug.
Quellen
- Haruder – Wikipedia
- Spuren alter Welten: Archäologen entdecken im Kreis Nordhausen Geschichte
- Die Germanen: Wie unsere Vorfahren wirklich lebten – GEO
- Gräberfeld beleuchtet Anfänge der Bajuwaren – wissenschaft.de
- Funde, Fakten, Mythen – Römerschlacht am Harzhorn
- Archäologen-Funde zeigen Leben, Sterben und Kriege der Germanen – DER SPIEGEL
- Spektakuläre Fundstellen: Eine archäologische Zeitreise durch Deutschland – National Geographic
- Liste von archäologischen Funden (Deutschland) – Sucherwiki
Automatisch verlängert, da die Quellenlage begrenzt ist.